Landesdienst
Das Wort zu Weihnachten

Von Susanne Breit-Keßler

"Fürchtet euch nicht!", sagt der Engel in der Heiligen Nacht. Das setzt voraus, dass manches zum Fürchten ist. Viele Menschen machen sich große Sorgen. Wie sicher sind wir? Was steht uns noch bevor? Da macht schon ein neues Zivilschutzgesetz nervös, mit dem einem empfohlen wird, eine gut bestückte Hausapotheke einzurichten, für den Notfall literweise Getränke vorzuhalten und so viele Lebensmittel einzulagern, wie man bislang noch nie zu Hause hatte. Wir haben die mühsam errungene Leichtigkeit des Seins verloren. Eine, die andere Menschen in anderen Ländern schon lange nicht mehr oder noch nie gehabt haben. 

Manches ist zum Fürchten. Der Kelch geht nicht immer vorüber. Wir sind manchmal verzagt. Und dann? Wir brauchen eine neue Kultur des Erzählens. Wir sollten uns anvertrauen, was uns angst und bange macht. Was uns hoffen lässt. Uns erzählen, was hilft in der Not, in Schwierigkeiten, was bisher geholfen hat in unserem Leben: Menschen anrufen, sie zu sich holen. Ein paar Zeilen schreiben. Hände halten. Sich anlehnen. Miteinander weinen. Musik hören, in der Bibel lesen. Die Weihnachtsgeschichte hören. Fürchtet euch nicht. Das gelingt nicht immer so, wie wir es wollen und hoffen. Aber der Engel begründet seinen Zuspruch:  "Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr." Nicht fürchten, sondern sich freuen, weil ein Gott geboren wird,  der ein menschliches Gesicht trägt. Ja, wir wissen, dass Angst Menschen umtreibt und sie dadurch gefährdet sind, sich selbst zu verlieren, sich religiösen und politischen Rattenfängern auszuliefern, die sie ausnutzen.

Aber der christliche Glaube ist einer, der Menschen frei macht, ihnen hilft, ihren Verstand zu gebrauchen, ihr Herz in die Hand zu nehmen, um tapfer ihr Leben zu gestalten. Fürchtet euch nicht.  Das Kind in der Krippe ist die personifizierte göttliche Liebe. Der erwachsene Jesus kümmert sich um Kranke, widmet sich Ausgestoßenen und pfeift auf Vorurteile. Er lässt sich auf Debatten ein und gibt dem Flehen um Hilfe nach. Er bleibt bei seiner Botschaft von einem Gott, der das Leben und die Liebe will, aber gewiss nicht Hass und Tod. Er lässt sich nicht vom eigenen Kurs abbringen. Niemals. Das bekommen wir nicht hin, alles zu ertragen, zu glauben, zu hoffen und zu dulden. Aber wir können immerhin probieren, die Richtung zu halten: mit Blick auf das göttliche Kind in der Krippe, das zum gekreuzigten Christus wird.  Personifizierte Liebe riskiert und erfährt, was sie immer wieder erfahren muss - Verwundung und Leiden. Gott ist Liebe, Liebe ist göttlich. Gott wird gemartert, Liebe bekommt Fußtritte. Die Liebe stirbt, Gott mit ihr. Umzubringen ist er nicht.

Die Auferstehung des wahren Menschen und wahren Gottes ist ein Fanal für die Dauer der Liebe. Gottes Liebe, die in einem Kind beginnt, ist unendlich. Wir können niemals wirklich verloren gehen. Fürchtet euch nicht. Mascha Kalenko schreibt: "Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond". Sie hat das zarte  Kind, mit dem die Hoffnung neu beginnt.

Oberkirchenrätin Susanne Breit-Keßler ist Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern und Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs. (00/4113/21.12.2016)