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Werbung für Kinderpatenschaften in „Marienhof“
Klaus Seitz
„World Vision kümmert sich phantastisch um die Kinder!“, schwärmte „Inge Busch“, eine Figur der ARD-Familienserie „Marienhof“. Eine rührselige Geschichte über eine von „World Vision“ vermittelte Kinderpatenschaft war zwischen August 2003 und März 2004 in „Marienhof“ gelaufen. Laut epd-medien hat „World Vision“ für diese Themenplatzierung bezahlt, was sie zu unerlaubter Schleichwerbung macht. Das Hilfswerk weist diesen Vorwurf zurück.
Einen Skandal um Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hatte ein Report des Fachdienstes epd-medien Anfang Juni 2005 ans Licht gebracht. Nach langjährigen Recherchen konnte epd-Journalist Volker Lilienthal nachweisen, dass in verschiedenen Produktionen der Bavaria Film mehrfach getarnte Werbung platziert worden war. Schleichwerbung ist laut Rundfunkstaatsvertrag verboten. Eine Münchner Placement-Agentur hatte fast zwei Jahre lang versucht, die Publikation der Rechercheergebnisse zu verhindern.
In der Serie „Marienhof“ war allein zwischen Januar 2002 und Mai 2005 117 Mal verbotene Schleichwerbung zu sehen, wie die Münchener Produktionsfirma Bavaria nach einer eigens angesetzten Sonderprüfung einräumte. „Marienhof“ lockt werktäglich rund 2,8 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Auch in der Ärzteserie „In aller Freundschaft“, produziert von einer Bavaria-Tochter, wurde Schleichwerbung platziert. Damit wurden insgesamt illegale Einnahmen in Höhe von 1,47 Millionen Euro erzielt. Eingefädelt wurden diese rechtswidrigen Produkt- und Themenplacments in erster Linie durch die Unternehmen H+S sowie „Kultur und Werbung“ (K+W) von Andreas Schnoor.
World Vision habe sich neben dem Reiseveranstalter L’tur, dem „Deutschen Tanzlehrerverband“, Vodafone u.a. an diesen Praktiken beteiligt, berichtete epd-medien Anfang Juni. World Vision Deutschland bestritt daraufhin mehrfach, Zahlungen geleistet zu haben. Pressesprecher Kurt Bangert erklärte Ende August in Erwiderung auf einen Beitrag in der Zeitschrift Entwicklungspolitik (16/17/2005, S. 54), „dass von den Programmverantwortlichen zu keinem Zeitpunkt Geld gefordert oder an diese gezahlt worden ist“. Als wesentliches Indiz für das Vorliegen von Schleichwerbung gilt die Honorierung der Produktplatzierung.
World Vision auf ARD-Kundenliste
Der Bericht der ARD-Clearingstelle zum Schleichwerbungsskandal, den die ARD-Intendanten am 13. September in Stuttgart vorgelegt haben, belastet allerdings erneut das im hessischen Friedrichsdorf ansässige Hilfswerk. Aus der von der ARD veröffentlichten Kundenliste (www.ard.de) geht hervor, dass in den Jahren 2003 und 2004 Zahlungen von jeweils 15.300 Euro an die Bavaria Film geflossen sind. Dafür übernahm die Marienhof-Figur Friedrich Dettmar eine Patenschaft „unter Verwendung des Begriffs World Vision“.
World Vision Deutschland weist in einer Pressemitteilung vom 14. September den Prüfbericht der ARD als „nicht nachvollziehbar“ zurück. World Vision habe niemals in Kontakt zu der im Bericht genannten Firma „K+W“ gestanden und auch zu keiner Zeit Zahlungen an diese Unternehmung oder an Produktionsverantwortliche geleistet. Eingeräumt wird von World Vision freilich, dass das Hilfswerk einen – namentlich nicht benannten – externen Mediendienstleister beauftragt und honoriert habe. Ob es sich dabei um eine mit Andreas Schnoor verbundene Agentur handelt, war bisher nicht zu erfahren.
EZ-Werbung in seichten Serien
Die Zusammenarbeit mit „Marienhof“ hätte ausdrücklich auf unentgeltlicher Basis erfolgen sollen, erklärte Pressesprecher Bangert gegenüber „Zeitschrift Entwicklungspolitik“. Die Macher von Marienhof hätten World Vision von sich aus angesprochen. World Vision habe sich gerne in die Serie inhaltlich eingebracht, schließlich gehe es „allen Hilfswerken auch darum, für unterrepräsentierte Themen Medienöffentlichkeit zu schaffen“. „Wir haben uns von der ARD bestätigen lassen, dass die der ARD vorliegenden Unterlagen eine Auftraggebung zur Schleichwerbung durch World Vision nicht belegen“, betonte Kurt Bangert.
Der Vorsitzende der ARD-Clearingstelle, SWR-Justitiar Hermann Eicher, bestätigte indes (Pressemitteilung des SWR vom 19. September), dass ihm ein Vertrag zwischen der Bavaria Sonor und Schnoors Agentur K+W über die „aktive Integration“ von World Vision in die Marienhof-Serie vorliege. Die Agentur K+W habe sich in diesem Vertrag ausdrücklich als „bevollmächtigter Stellvertreter“ von World Vision bezeichnet. Den Verantwortlichen von World Vision sei der Vertrag zur weiteren Aufklärung des Sachverhaltes zugeleitet worden.
Andreas Schnoor, ehemaliger Schauspieler, hatte in der Vergangenheit schon einmal erfolgreich entwicklungspolitische Themen platziert. Vor zehn Jahren war es ihm gelungen, vom BMZ 276.000 DM für den Auftritt eines deutschen Entwicklungshelfers in der ARD-Serie „Klinik unter Palmen“ einzuwerben. Die üppige Förderung von BMZ-Propaganda in einer seichten Serie aus dem Entwicklungsetat hatte dem amtierenden Minister Carl-Dieter Spranger seinerzeit heftige Kritik eingetragen.
Zeitschrift Entwicklungspolitik 19/2005
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