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  Kermani: Einwanderung verläuft "bemerkenswert entspannt"

Offenbach (epd). Der "Kampf der Kulturen" findet nach Ansicht des Kölner Schriftstellers und Islamwissenschaftlers Navid Kermani in Deutschland vor allem in den Feuilletons und in Talkrunden statt. Die Diskussion darüber werde zumeist von Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern ohne Kenntnis der multikulturellen gesellschaftlichen Wirklichkeit geführt, sagte Kermani am 23. September in Offenbach. Es handele sich um eine bürgerliche Debatte, Islamwissenschaftler mit Migrationshintergrund würden dazu kaum eingeladen.

Für den aus dem Iran stammenden Muslim und Träger des diesjährigen Hessischen Kulturpreises sind dies jedoch "Rückzugsgefechte". Fakt sei, dass die Einwanderung in Deutschland trotz einer bis Mitte der neunziger Jahren fehlenden Integrationspolitik "bemerkenswert entspannt" vonstatten gegangen sei. Konflikte wie der um den Bau der Kölner Großmoschee förderten das Zusammenleben eher als das "Unter-den-Teppich-Kehren" von Problemen, wie es früher üblich gewesen sei.

Der habilitierte Orientalist rief die Angehörigen religiöser Minderheiten auf, ihre Rechte in Deutschland wahrzunehmen und "Arzt, Jurist und Journalist" zu werden. Dies verändere automatisch das gesellschaftliche Klima. Als größtes Integrationshindernis für Einwanderer identifizierte Kermani das deutsche Bildungssystem. Es sortiere die Kinder bereits im Alter von neun oder zehn Jahren aus und überlasse den Eltern "so dramatisch wie in keinem anderen Land" den Schulerfolg ihrer Sprösslinge. "Was ist aber, wenn die Eltern aus Anatolien stammen, keine Bücher besitzen und kein Deutsch sprechen können?", fragte der Autor.

Kermani hob die Fortschritte der deutschen Integrationspolitik der vergangenen fünf Jahre hervor, insbesondere die Einrichtung der Islamkonferenz, in der er Mitglied ist. Die Aussage von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der Islam sei ein fester Bestandteil Deutschlands, sei ein "Meilenstein" gewesen. Als positives Zeichen wertete er auch den derzeit laufenden Bundestagswahlkampf, in dem keine der demokratischen Parteien mit ausländerfeindlichen Parolen arbeite.

Kermani äußerte sich nicht zur Debatte um die Verleihung des Hessischen Kulturpreises. Dieser war ihm in diesem Frühjahr zunächst aberkannt worden, weil die beiden Mitpreisträger, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann und der frühere hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker, wegen eines Zeitungsartikels Kermanis eine gemeinsame Verleihung abgelehnt hatten. Darin hatte der Autor das christliche Kreuz als Gotteslästerung beschrieben, sich zugleich aber von der Betrachtung eines Kreuzigungsgemäldes tief berührt gezeigt.

Nach einem Gespräch, an dem Ende August alle vier Preisträger, auch Salomon Korn vom Zentralrat der Juden, teilnahmen, wurde entschieden, dass die mit 45.000 Euro dotierte Auszeichnung noch in diesem Jahr an alle vier Persönlichkeiten verliehen werden soll. Veranstalter des Abends mit Navid Kermani waren die Evangelische Erwachsenenbildung in Stadt und Kreis Offenbach, das Pfarramt für Friedensarbeit der hessen-nassauischen Kirche, der Integrationsbeauftragte der Stadt Offenbach und die Heinrich-Böll-Stiftung.

epd leh ds





 
 

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