Mike Leigh gehört neben Ken Loach und Stephen Frears zu den bedeutendsten Vertretern des New British Cinema. Nach einem ersten Kinoerfolg mit Bleak Moments (1971) musste Leigh bis zu seinem Comeback Ende der Achtziger mit High Hopes wieder zum Theater zurück, wo er seine Arbeit mit den Schauspielern weiter entwickeln konnte – die Basis für seine aufwühlenden Menschenbilder.
Seiner alten Devise, „außergewöhnliche Filme über das gewöhnliche Leben“ zu machen, ist Mike Leigh bis heute treu geblieben. Seine Unterschichtshelden kennt er von Kindesbeinen an; diese tief verwurzelte emotionale Erfahrung hat seinen sicheren Instinkt für die überschießenden Gefühle geprägt, mit denen uns nun von der ersten Filmminute an seine Vera Drake in Bann schlägt.
Treppauf treppab verfolgt er seine Protagonistin mit dem schwarzen Kapotthut, dem dunkelgrünen Wollmantel und den beiden Taschen unterm Arm, der braunledernen Hand- und der geblümten Strohtasche. Wie sie zuerst beim Nachbarn, dann bei ihrer Mutter hereinschaut, ein Kissen zurechtrückt, eine Tasse Tee aufbrüht, dann bei den besseren Leuten putzen geht, ganz zuletzt nach Hause kommt, wo sie auch noch das Abendessen für Mann und Kinder auf den Tisch stellt. Der Tagesablauf einer Hausfrau, mehr nicht. Doch die Zeit auf der Leinwand fliegt nur so dahin. So viel innere Spannung trägt die banale Handlung, so viel Energie, so viel ansteckend gute Laune verströmt diese geschäftige kleine Frau, dass sie damit auch das triste, aber stimmige Interieur überlistet – gedeckte Grün- und Brauntöne, monochrome Herbst- und Winterfarben.
Veras Alltagstrott ist schon vertraut, als die unscheinbare Frau zum ersten Mal in eine fremde Tür hineinschlüpft, sie etwas schneller als gewohnt zuzieht, einen noch zuversichtlicheren Tonfall als sonst auflegt und mit ihrer geschäftigen Umsichtigkeit beschwichtigend auf eine verzweifelte junge Frau einwirkt. Erst dann zeigt die Großaufnahme – schon jetzt wie zur Beweisaufnahme – warum Vera Drake hierher gekommen ist und dass sich in ihrer Strohtasche das einfache Handwerkszeug einer „Engelmacherin“ verbirgt.
Vera Drake ist eine Heldin der Arbeiterklasse, eine warmherzige und beherzte Frau mit dunklen freundlichen Augen, so wie man es vom Sittenchronisten Mike Leigh erwartet, der sich ein weiteres Mal in die Tradition eines Charles Dickens stellt. Behutsamer könnte man diese Frauenfigur nicht einführen, diskreter könnte man nicht den Hergang einer Abtreibung zeigen. Dabei tritt zur Angst der jungen Frau die Begütigung der Helferin, die eigentlich wie eine Mutter auftritt – so genau hat sich die Regie auf das Gefühlsleben ihrer Heldin eingestellt. Deshalb scheint es, als werde plötzlich ein eng gestricktes funktionierendes soziales Netz oder auch das kleine Glück zum Absturz frei gegeben, als eine der Frauen nach dem Eingriff beinahe stirbt.
Erst als die Welt der Vera Drake zusammenbricht, verweilt die Kamera zum ersten Mal eindringlich lange auf dem Gesicht der einfachen Frau, überlässt es dem Schockerlebnis und der verständnislosen Erkenntnis einer Wohltäterin, die, wie sie es selbst formuliert, immer nur Frauen aushelfen wollte. Der schnörkellose Titel stellt Vera Drake zwar in die Tradition der „women’s films“ der vierziger Jahre, gibt aber auch den namenlosen Helferinnen einen Namen, die nur als Dunkelziffern in einer Zeit vorkommen, als der Schwangerschaftsabbruch – in Großbritannien bis 1967 – eine Straftat war. Mike Leigh schlägt sich mit diesem um 1950 angesiedelten Film erneut auf die Seite der großen realistischen Filmerzähler, deshalb kann er sich, um der guten Sache willen, auch eine Portion soziale Schwarzweiß-Malerei leisten, ohne ins weinerliche Melodram abzugleiten. Seine Hauptdarstellein, die in England von Bühne und TV sehr bekannte Imelda Staunton, ist nicht umsonst mit Preisen überhäuft worden. In jeder noch so kleinen Handbewegung, im aufrechten Blick, im Alltagsglück wie im späteren Schweigen, das Verstummen und Erstarren vereint – mit einm überreichen gestischen Verhaltens-Mikrokosmos erregt diese Darstellerin auch deshalb so viel Aufsehen, weil echter Schmerz und Verletzung auf der Leinwand so rar geworden sind, dass man sie heute nur noch in der Filmgeschichte, in Dreyers Jeanne d’Arc oder seiner Gertrud, sucht.
Leigh hat mit Vera Drake nicht nur ein großes Frauenporträt geschaffen, sondern führt auch noch das Handwerk des Filmemachens mit der Präzision eines Meisters vor. Wie er zuerst den Blick auf seine Heldin beschränkt, danach in anschaulichen Vignetten ihr näheres Umfeld erkundet, die Arbeitsplätze von Mann und Kindern, Autowerkstatt, Glühbirnenfabrik und Schneiderei, dann die Familie des Schwagers einbezieht, dessen kleinbürgerliche Frau sich für den proletarischen Makel schämt – das ist klassische, hohe Erzählkunst. Auch wie er mit der knappen Parallelmontage zur Middle Class und zur höheren Tochter – die ihre Abtreibung gefahrlos, aber einsam, in der Privatklinik hinter sich bringt – wie nebenbei das Bild der ungebrochenen englischen Klassengesellschaft der Nachkriegszeit entwirft, entspringt einem tief verankerten Engagement, das sehr genau zwischen Menschenwürde und Klassenarroganz zu unterscheiden versteht. Die Verhöre und der Richterspruch, der zur Abschreckung die Höchststrafe verhängt, enthüllen zuletzt eine tief verankerte Klassenjustiz, für die Vergebung ein Fremdwort ist. Mike Leigh hatte mit diesem nur auf den ersten Blick etwas altmodischen Film nichts anderes im Sinn, als seinem lebenslangen Forschungsprojekt „Familie“ eine weitere Facette hinzuzufügen. Aus Vera Drake ist ein demütiges Dokument über die condition humaine, eine universelle Metapher und eine kleine Offenbarung geworden. Das ist mehr als genug.
Marli Feldvoß
Das einfühlende Porträt einer Frau, die unversehens aus einem erfüllten Leben zur Straftäterin wird, ist ein Meilenstein in der realistischen Erzählkunst, ein Sonderling auf dem derzeitigen Filmmarkt. Schon jetzt ein Kandidat für die Filmgeschichte.
Start: 3.2. (D), 13.1. (CH)
Vera Drake
GB/Frankreich 2003. R und B: Mike Leigh. P: Simon Channing Williams, Alain Sarde. K: Dick Pope. Sch: Jim Clark. M: Andrew Dickson. T: Tim Fraser. A: Eve Stewart, Ed Walsh. Ko: Jacqueline Durran. Pg: Film Council/Momentum/Thin Man Films/Inside Track. V: Concorde. L: 125 Min. Da: Imelda Staunton (Vera Drake), Phil Davis (Sam), Daniel Mays (Sid), Alex Kelly (Ethel), Peter Wright (Inspektor Webster), Adrian Scarborough (Frank), Heather Craney (Joyce), Sally Hawkins (Susan).
epd Film 2/2005