Bewährtes beibehalten – Neues ausprobieren, so könnte man die elfte Ausgabe des Filmfests Oldenburg beschreiben, das diesmal am Samstag Abend sogar zu Gast im Staatstheater war, wo Tim Blake Nelsons Film "The Grey Zone" (Foto) seine deutsche Premiere erlebte. Keine leichte Kost, denn im Mittelpunkt des Films stehen Mitglieder des Sonderkommandos Nr. 12 im Konzentrationslager von Auschwitz: Juden, die daran beteiligt waren, bei der Vernichtung ihrer Glaubensbrüder mit zu wirken (und dafür das Privileg genossen, etwas länger leben dürfen). Drei Monate bevor das Lager schließlich von den Alliierten befreit wurde, unternahmen Mitglieder des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944 einen Aufstand, der zwar scheiterte, aber dennoch in der Geschichte des Holocaust eine bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung markiert.
Tim Blake Nelson, der den Stoff nach seinem eigenen Bühnenstück inszeniert hat, bewahrt Distanz zum aufwühlenden Geschehen, das er mit dokumentarischer Nüchternheit und in ausgebleichten Farben kammerspielartig in Szene setzt. Als der Film in Oldenburg lief, war der Kassenerfolg von "Der Untergang" noch nicht abzusehen, vielleicht verstärkt er das Interesse für diesen Film, wenn er Ende Januar, zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Alliierten, in die deutschen Kinos kommt, vielleicht hat er auch die genau gegenteilige Wirkung – was nicht zu hoffen ist.
Regisseur Tim Blake Nelson war in Oldenburg auch als Mitglied der internationalen Jury tätig, die – unter dem Vorsitz des Schauspielers Seymour Cassel - die nominierten deutschen Filme im Wettbewerb um den "German Independence Award - Bester deutscher Film" zu bewerten hatte. Gleichzeitig benutzte das Festival die Aufführung von "The Grey Zone" für einen kleinen Tribute an Tim Blake Nelson, der hierzulande vor allem bekannt ist durch seine Rolle als dritter Mann des Verlierer-Trios (neben George Clooney und John Turturro), das im Mittelpunkt von "O Brother, Where Art Thou?" der Coen Brothers steht. Dieser Film kam ebenso zur Aufführung wie seine vorangegangenen Regiearbeiten "Eye of God" und "O".
Bewährtes beibehalten, das heißt in Oldenburg etwa die Möglichkeit zur zwanglosen Begegnung mit den anwesenden Gästen . Zu denen gehörte in diesem Jahr etwa die "Scream Queen" Debbie Rochon, die es in 24 Jahren auf ungefähr 100 Filmauftritte gebracht hat, in Filmen mit so schönen Titeln wie "Screech of the Decapitated" und "Dr. Horror’s Erotic House of Idiots" . Sie erwies sich als kluge Gesprächspartnerin, die es einem auch nicht übel nahm, wenn man zugeben musste, keinen einzigen ihrer Filme zu kennen. Weitere angenehme Gesprächspartner waren die Indie-Ikone Seymour Cassel, der - bei 130 Filmen in 45 Jahren – jede Menge Geschichten erzählen konnte, und Andrzej Zulawski, dem die diesjährige Retrospektive gewidmet war. Schade, angesichts der anhaltenden Wucht von Filmen wie "Nachtblende" oder "Possession", dass er das Filmemachen mittlerweile zugunsten des Schreibens aufgegeben hat.
Nicht wenige der Regisseure, gerade aus dem Bereich der US-Independents, sind mittlerweile Stammgäste in Oldenburg, so John Gallagher. Der setzte bei "Cupidity", einem New Yorker Reigen aus Begegnungen zwischen einem Mann auf der Suche nach einer Traumfrau und vielen Albtramfrauen, auf die Spielfreude der Darsteller (die fast vollständig angereist waren) und auf die Möglichkeiten der digitalen Kamera. Ähnliches galt auch für "Open House" von Dan Mirvish, einem weiteren Oldenburg-Wegbegleiter. Sein Film über die Begegnungen zwischen verschiedenen Personen im Rahmen eines "Open House"-Sonntags (bei dem Hausbesitzer ihre Anwesen Kaufinteressenten im Rahmen eines zwanglosen Beisammenseins präsentieren) erwies sich als hinreißendes Musical – und Mirvish drehte während des Festivals gleich Aufnahmen zu einem weiteren Musical, denn, wie er erzählte, gibt es da eine ‚Oscar’-Kategorie für bestes Originalmusical, die man vielleicht für die nächste Verleihung wieder beleben könne: drei andere Produktionen würden neben "Open House" schon existieren, nun wollte er den benötigten fünften Film liefern ...
Bei den Dokumentarfilmen unter den Indies waren es zwei Werke, die im Gedächtnis blieben. Beide beleuchteten eindringlich die Obsessionen ihrer Protagonisten, deren früher Ruhm ihnen zu Kopf steigt und die schließlich an Hollywood, aber auch an sich selbst scheitern. In OVERNIGHT ist es ein als Drehbuchautor erfolgreicher junger Mann, der schließlich seinen eigenen Film realisieren kann, dem aber kurz vor dessen Fertigstellung das Geld ausgeht und der nicht bereit ist, auf andere zu hören oder irgendwelche Kompromisse zu machen, während der Protagonist des zweiten Films, Troy Duffy, ein ehemaliger Barkeeper, der mit seinem Drehbuch "The Boondock Saints" zum ‚flavor of the month’ wurde und sogar selber die Regie übernehmen und den Soundtrack komponieren und mit seiner Band einspielen durfte, dabei immer größenwahnsinniger wurde, all seine ehemaligen Freunde feuerte und glaubte, Miramax-Boss Harvey Weinstein würde ihm nach dem Leben trachten.
Dass Filmobsessionen aber nicht unbedingt in den Wahn führen müssen, bewiesen am Sonntag Nachmittag vor einem ausverkauften Haus vor allem jüngerer Zuschauer drei junge Männer aus Amerika: Eric Zala, Chris Strompolos und Jayson Lamb waren Schulfreunde, als sie sich 1981 so sehr für "Jäger des verlorenen Schatzes" begeisterten, dass sie den wahnwitzigen Plan fassten, ihn Szene für Szene, Einstellung für Einstellung auf Video nachzudrehen. Das fertige Werk, "Raiders of the Lost Ark: The Adaption", das in Oldenburg seine internationale Premiere feierte, besticht durch seinen naiven Charme und durch die liebevolle Bastelei, die in jedem Moment sichtbar ist. Für die insgesamt siebenjährige Arbeit wurden die Drei in Oldenburg jedenfalls mit enthusiastischem Beifall bedacht. Direkt im Filmgeschäft ist übrigens keiner von ihnen gelandet, eher in der Computerbranche. Mal schauen, was wird, wenn Hollywood aus dieser Geschichte einen Film macht - Produzent Scott Rudin hat jedenfalls die Rechte an ihrer Geschichte erworben., nachdem Steven Spielberg sich bei den Dreien für die Ehrung bedankte.
Höchst gelungen war auch der diesjährige Festivaltrailer: RP Kahl (auch er mittlerweile eine feste Größe beim Festival) inszenierte ihn als Reminiszenz an Claude Lelouchs "C'etait un rendezvous", für den der französische Starregisseur sich 1976 ans Steuer eines Ferrari setzte und in neun Minuten durch die Morgendämmerung in Paris raste, die Kamera auf der Motorhaube montiert. Kahls zweieinhalbminütige Fahrt durch Oldenburg war jedenfalls aufregender und kurzweiliger als der diesjährige Abschlussfilm, der von Luc Besson produzierte Rennfahrerfilm "Michel Vaillant" – so ziemlich das Gegenteil des reduzierten und verstörenden "Spider" von David Cronenberg, mit dem im vergangenen Jahr das Festival zu Ende gegangen war.
Mit dem "German Independence Award - Bester deutscher Film" (dotiert mit € 5000) wurde bei der Abschlussveranstaltung "Sugar Orange" von Andreas Struck ausgezeichnet. Darüber hinaus sprach die Jury "Hab mich lieb" von Sylke Enders eine besondere Erwähnung für das außergewöhnliche Darsteller-Ensemble aus. Der Publikumspreis "German Independence Award" ging an den griechischen Debütfilm "Hardcore", der im Athener Rotlicht-Milieu angesiedelt ist (und seine dokumentarische Nüchternheit im Verlauf der Geschichte leider zugunsten spektakulär-spekulativer Szenen aufgibt). Regisseur Dennis Iliadis erhielt dafür 2.000 Euro, sowie das DV-Schnittsystem ‚Avid Express 4.0’.
epd Film 11/2004