Manche Gemälde bewahren ihre Geheimnisse besonders beharrlich: Wer ist die Dargestellte? Unter welchen Umständen wurde sie gemalt? Welche Gefühle und Leidenschaften waren die Geburtshelfer? Diese Lücken nutzte Tracy Chevalier, als sie einen Roman um die Entstehungsgeschichte von Vermeers Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ verfasste. In der Verfilmung durch Peter Webber sind Colin Firth und Scarlett Johansson als Maler und Modell zu sehen.
Die Geschichte entzündet sich am Blick dieses jungen Mädchens, der zwischen ernsthafter Konzentration und fragiler Unschuld oszilliert, im Spannungsfeld zwischen nach außen gerichtetem Schauen und in sich versunkenem Fühlen. Und Blicke sind nun auch die treibende Kraft im Film Das Mädchen mit dem Perlenohrring des Engländers Peter Webber, der in ähnlicher Weise wie das Buch eine Verführung zum Sehen ist.
Als Tochter eines erblindeten Kachelbrenners hat Griet gelernt, die Dinge sorgfältig an ihrem Ort zu belassen, um ihm die Orientierung nicht zu nehmen. Nun soll sie im Atelier des Malers dafür sorgen, dass die für ein Gemälde ausgelegten Gegenstände entstaubt werden, ohne dabei die penible Ordnung der Dinge zu stören. Mit der ruhigen Intensität ihres Interesses und ihrer besonderen Sensibilität für Farben und Formen zieht Griet bald Vermeers Aufmerksamkeit auf sich und bringt damit das Beziehungsgefüge zwischen Ehefrau, Kindern, Großmutter und den anderen Hausangestellten, die eifersüchtig über ihren berühmten Hausherrn wachen, aus dem Gleichgewicht. Ganz langsam entsteht dabei ein kleiner Krimi von Liebe und Kunst, in dem die kleinsten Momente größte Bedeutung entwickeln.
Die größte Hürde für die Verfilmung dürfte die Besetzung gewesen sein, da einer sehr jungen Schauspielerin zugemutet wird, sehr komplexe Gefühle zu entfalten, ohne dafür viele Worte zur Verfügung haben. Auf zauberhafte Weise gelingt es Scarlett Johansson, die Balance zwischen Unschuld und Wissen, zwischen Scheu und Selbstbewusstsein zu halten und mit ausgesprochen verhaltenen Bewegungen und Blicken das Brodeln der Gefühle unter der Fassade des Gehorsams zu offenbaren, in einer Mischung aus unnahbarer Stärke und Schutzlosigkeit.
Wie der Maler destilliert auch der Filmregisseur seine Geschichte aus dem Spiel von Licht und Schatten in Räumen und auf Gesichtern, und aus langsamen geschmeidigen Bewegungen der Kamera, die den Strichen des Pinsels auf der Leinwand gleichen. Das Licht in den Bildern der alten Meister scheint dabei auf die ganze Welt abzufärben, fast so, als seien diese Stimmungen nicht vom Maler erschaffen, sondern ein Allgemeingut dieser Zeit, als hätte das dunstig weiche Licht Vermeers damals ganz natürlich alle Räume durchflutet, und als hinge Rembrandts Chiaroscuro ganz selbstverständlich über allen Interieurs. Der ganze Film wird auf diese Weise zu einem lebenden Bild, in dem durch die Genauigkeit und Konzentration des Schauens das Tempo der modernen Zeit ganz natürlich auf die Verhältnisse von damals gedrosselt wird.
Der Alltag ist durchdrungen von einer Liebe zu den einfachen Verrichtungen, dem Schneiden von Gemüse, dem Waschen und Aufhängen der Wäsche, dem Zubereiten der Speisen, aber auch dem Zerreiben des Pigments und dem Anmischen der Farben. Auch wenn hier und da die Ereignisse im Vergleich zur Buchvorlage für Kinobedürfnisse dramatisch zugespitzt wurden, bleibt die stille Konzentration und Ruhe in der Atmosphäre erhalten, in der sich ganz langsam und knisternd die unterdrückten Gefühle materialisieren, die wachsende Begeisterung für die Kunst ebenso wie die Liebe. Dabei ist die Kunst zugleich Motor und Vorwand einer Liaison, die vordergründig platonisch bleibt: Mit wachsendem Interesse beobachtet Vermeer, den Colin Firth mit schweigsam herber Autorität verkörpert, das Mädchen, das seiner Arbeit mit so viel mehr Verständnis und Neugier begegnet als alle anderen Frauen des Haushalts.
Behutsam beginnt der Maler die erhöhte Wahrnehmung des Mädchens zu lenken, was den Film auch für den Zuschauer zu einer Schule des Sehens macht. Wenn er sie dann sogar seine Farben anmischen lässt, ist das ein Vertrauensbeweis, der dem Ehebruch gleichkommt. Ein zudringlicher Mäzen, mit maliziöser Jovialität von Tom Wilkinson gespielt, liefert Vermeer dann den Vorwand, die Muse auch noch zum Modell zu machen: In der Intimität der Sitzungen werden die Funken eines erotischen Feuers entfacht, mit dem ein weiteres Mal bewiesen ist, dass das Begehren der Blicke allemal erregender sein kann als der Vollzug des Liebesaktes auf der Leinwand. Und wenn der Maler seiner Muse ein Ohrloch sticht, um mit einer kleinen Perle ein Glanzlicht setzen zu können, dann wird das zu einer vieldeutig aufgeladenen Metapher. Das ausgelassen verspielte Geplänkel mit dem Metzgerjungen (Gillian Murphy) draußen in den Straßen von Delft und in der freien Natur wirkt im Kontrast zu der Intimität in den Innenräumen geradezu harmlos.
Anke Sterneborg
In der Geschichte um die Entstehung von Vermeers berühmtem Bild gehen historische Wahrheit und literarische Fiktion fließend ineinander über. In den stimmungstrunkenen Bildern seines Spielfilmdebüts nähert sich der englische Regisseur Webber auf magisch berückende Weise der Arbeitsweise des Malers an.
Start: 23.9. (D), 24.9. (A), 14.10. (CH)
Girl With a Pearl Earring
GB / Lux 2003. R: Peter Webber. B: Olivia Hetreed (nach dem Roman von Tracy Chevalier) P: Andy Paterson, Anand Tucker. K: Olof Johnson. Sch: Kate Evans M: Alexandre Desplat. T: Julian Slater, Nigel Heath A: Ben Van Os. Ko: Dien Van Straalen. Pg: Archer Street/Delux Films/Feature House Films/ The Film Council/Ingenious Media/Inside Track/ Pathe V: Concorde L: 99 Min. FBW: besonders wertvoll. Da: Scarlett Johansson (Griet), Colin Firth (Johannes Vermeer), Cillian Murphy (Pieter), Tom Wilkinson (Van Ruijven), Essie Davies (Catharina Vermeer), Judy Parfitt (Maria Thins), Joanna Scanlan (Magd Tanneke).
epd Film 10/2004