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  "Für mich gab es kein anderes Thema"
Ein Gespräch mit Wim Wenders über "Land of Plenty", Amerika und eine verpasste politische Chance


Rudolf Worschech

Nach drei Musikdokumentationen über den Buena Vista Social Club, BAP und den Blues läuft am 7.10. Wim Wenders‘ erster Spielfilm seit The Million Dollar Hotel an: Land of Plenty, ein intimes Drama über den Stand der Dinge in den USA (Kritik S. 30). Die Geschichte der christlich erzogenen Lana, die ihren Onkel, einen traumatisierten Vietnamveteranen, sucht und findet, wird bei Wenders zu einer Studie über Verunsicherung, Paranoia und Armut. Rudolf Worschech sprach mit dem 1945 in Düsseldorf geborenen Regisseur, der zu den beständigsten seiner Generation gehört, während der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig, wo Land of Plenty im Wettbewerb lief.

Land of Plenty ist ein sehr politischer, aktueller Film geworden, dessen erste Einstellungen schon die Schattenseiten von Los Angeles zeigen und der die Paranoia der Amerikaner verhandelt. Wie sind Sie darauf gekommen? 
Ich hatte plötzlich sehr viel Zeit. Der Film, den wir voriges Jahr machen wollten, Don’t Come Knocking mit Sam Shepard, musste plötzlich verschoben werden, weil ein Teil der Finanzierung aus Frankreich weggefallen war; wir waren damals wirklich kurz vor dem Drehen. In Montana fängt der Winter Ende September an – deshalb mussten wir die Produktion um ein ganzes Jahr verschieben, und ich hatte plötzlich den ganzen Sommer vor mir. Nach der anfänglichen Enttäuschung kam dann die rettende Idee, die Zeit, die ich plötzlich hatte, anders zu verwenden. Für etwas, das mir wirklich existenziell wichtig war, aus dem Bauch heraus kam und eine andere Notwendigkeit hätte.

Als jemand, der gerade wieder monatelang in Deutschland gelebt hatte und zurück nach Amerika gekommen war, hatte ich, so kam es mir vor, einen ganz anderen Blick auf Amerika. Es war ein fassungsloses Konstatieren dieser amerikanischen Hilflosigkeit und des Gefangenseins in dieser Paranoia. Dieser Blick, dachte ich, müsste auch eine Form finden. Wenn ich etwas Dringendes zu erzählen hatte, dann war es das Gefühl von Paranoia, das ich in Los Angeles erlebt hatte. Und die Konfrontation mit der Armut, die es in diesem Land gibt, physische Armut sowohl wie kulturelle und politische, der Mangel an Diskussion und Austausch. Jede Kritik damals war ja sofort antiamerikanisch, und jede Kritik ist sofort so umgedeutet worden, dass man dem System schaden wolle oder den Terroristen zuarbeite. Es hat niemand mehr den Mund aufgemacht. Inzwischen hat sich das geändert, auch durch den Film von Michael Moore, aber im Sommer 2003 gab es noch dieses McCarthy-Klima, in dem niemand etwas sagen wollte, aber alle wussten, es wird eine große Lüge nach der anderen aufgefahren. Da dachte ich: Es gibt jetzt für mich kein anderes Thema.

Wir haben das dann auch sehr schnell hingekriegt, vier Wochen später haben wir schon gedreht. Das Drehbuch wurde in Rekordzeit geschrieben. Einen solchen Film aus dem Bauch heraus kann man nur machen, wenn man ihn entsprechend spontan umsetzt. Das geht natürlich nicht mit einem Multi-Millionen-Dollar-Projekt.

Man hat den Eindruck, dass Land of Plenty überhaupt eine Abkehr von Ihrem mythischen Amerika-Bild bedeutet.
Sicher. Es war mir daran gelegen, diese andere Wirklichkeit zu zeigen, mit der man konfrontiert ist, wenn man durch das Land reist, wenn man Hollywood oder Beverly Hills verlässt und in die Vorstädte von Los Angeles kommt: Dann ist man schon in einem Ghetto; es ist nicht ganz ungefährlich, je nachdem, wo man sich befindet. Oder man ist in Downtown, wo Armeen von Obdachlosen in den Straßen liegen. Das bisschen Hilfe, das es im Land gibt, vor allem von kirchlicher Seite, aber auch von privaten Organisationen, wird nach Los Angeles geschickt, weil die Leute dort nicht erfrieren.

Paul, eine der beiden Hauptfiguren, ist ein Vietnamveteran, dessen Kriegstrauma nach den Anschlägen des 11. September wieder aktiviert wird: Er versucht, einem neuen Anschlag auf Amerika zuvorzukommen. Warum ausgerechnet der Vietnam-Krieg? 
Der Golf-Krieg liegt noch nicht weit genug zurück und ist von den Amerikanern selbst nicht verarbeitet. Natürlich gibt es auch da Opfer und Menschen, die ähnlich geschädigt sind. Aber beim Vietnam-Krieg gibt es inzwischen, 30 Jahre später, ein ziemlich genaues öffentliches Gefühl von der Unrechtmäßigkeit dieses Krieges. Das ist bis ins amerikanische Unterbewusstsein durchgedrungen. Ich glaube, den 11. September hat kaum eine andere Gruppe so schmerzvoll erlebt wie die Kriegsveteranen, weil bei vielen die Traumata noch einmal aufgebrochen sind. Mir schien, dass keine andere Figur so archetypisch patriotisch und vaterlandsverteidigend sein könnte wie ein eigentlich doppelt missbrauchter Vietnam-Soldat.

Land of Plenty ist nicht nur der politischste Film, den Sie gemacht haben, sondern auch der erste, in dem praktizierte Religion, sowohl der Glauben, als auch das soziale Engagement, eine große Rolle spielen. 
Ich fand, dass man das Christentum dem Fundamentalismus der Ära Bush nicht wortlos überlassen dürfte. Und ich glaube, dass man diesen Politikern, die sich so christlich gebärden, das Feld nicht räumen dürfte. Als Christ habe ich keine andere Möglichkeit als gegen den Krieg zu sein, als Christ habe ich auch keine andere Möglichkeit, als mich mit Armen zu solidarisieren. Eine Politik, die nur mehr Arme geschaffen und von den Armen genommen hat, um es den Reichen rüberzuschieben, kann nicht christlich sein. Ich fand es deshalb ganz, ganz wichtig, dass in diesem Film Christsein anders definiert wird als fundamentalistisch.

Im Grunde ist Amerika das Zentrum dieser Religion, die da propagiert wird: Eigentlich ist es eine selbst gemachte Religion, in der die Hoheit Amerikas immer mit gedacht wird. Dieses „God Bless America“ ist sozusagen der Kreis, in dem sich alles schließt. Wenn es etwas Fundamentalistisches gibt, dann ist es die Gleichsetzung von Politik mit Religion. Traurig finde ich, dass man sich von den islamischen Fundamentalisten dazu hat zwingen lassen. Dass da Gleiches dermaßen mit Gleichem bekämpft wird, ist eine Perversion unserer eigenen Werte. Dass da die Demokratie verteidigt wird, indem man sie beschränkt, dass Freiheit verteidigt wird, indem man sie einschränkt. Das Gegenteil hätte man machen müssen, man hätte Demokratie noch mehr wagen müssen, sie noch radikaler durchsetzen. Eigentlich sind alle Werte, für die Amerika steht, pervertiert worden in den letzten drei Jahren.

In der sehr schönen Schluss-Sequenz Ihres Films lassen Sie Ihre beiden Figuren durch Amerika fahren, und man sieht die Landschaften, während die Fahne auf dem Autodach immer mehr kaputt geht. Zersetzt sich der American Dream? 
Den gab es sowieso schon nicht mehr. Der American Dream ist ja, mehr als alles andere, ein Kunstprodukt des amerikanischen Kinos geworden, und er ist durch den 11. September noch einmal nicht nur in Frage gestellt worden, sondern in die Brüche gegangen. Auch für die Amerikaner selbst. Der Traum von Sicherheit, Zufriedenheit und Geborgenheit war plötzlich dahin. Denn die Amerikaner sind noch nie in ihrem eigenen Land in Frage gestellt worden. Das war eine äußerst reale Gefahr, die da aufgetaucht ist. Nur, man hätte ihr anders begegnen sollen und müssen – wie jetzt viele wissen. Wenn man sich im Nachhinein überlegt, welche Solidarität den Amerikanern in den Wochen nach dem 11. September entgegengeschlagen ist und welche Chanche es danach für eine andere Weltpolitik gegeben hat, dann kann man nur verzweifeln. Welch ungeheuerliche Chance da vergeben wurde, die Weichen für das 21. Jahrhundert anders zu stellen. Die Möglichkeit war da, und sie ist in aller Radikalität versäbelt worden.

Land of Plenty ist auch Ihr erster Spielfilm, nach drei Dokumentarfilmen, der komplett digital aufgenommen wurde. Sie haben sich immer euphorisch über die digitale Zukunft des Kinos geäußert.
Glauben Sie noch daran?
  Ich glaube, ich habe die Euphorie mit dem Film abgeklopft und nachgeprüft. Land of Plenty hätte vor vier oder fünf Jahren nicht entstehen können, mit solchen finanziellen, aber auch handwerklichen Mitteln. Wir haben den Film ja in 16 Tagen gedreht, völlig undenkbar sonst, wir haben im Schnitt am Tag über 50 Einstellungen gedreht. Im Zeitalter des Zelluloid-Films, selbst bei 16 mm und handgedreht, wäre das unmöglich gewesen. Der Film hat so viel gekostet wie ein halber Drehtag eines normalen Hollywood-Films. Ein Vormittag jedes durchschnittlichen Hollywood-Films kostet mehr als der ganze Land of Plenty. 500.000 Dollar. Das geht ja manchmal an Special Effects an einem Tag durch. Die unser Film nicht hat, weil er von den beiden Hauptfiguren aus gedacht ist.

Eine Konstellation, die ein bisschen an Ihren Film Alice in den Städten aus den siebziger Jahren erinnert. War das bewusst? 
I
ch glaube, bewusst habe ich diesen Film für seine Aussage gemacht, wie ich noch nie einen gemacht habe. Dass es, wie immer, Ähnlichkeiten und Vorläufer gibt, steht auf einem anderen Blatt. Ich habe noch nie so radikal einen Film auf Figuren bezogen und noch nie einen Film mit so viel Wut im Bauch und so spontan in so kurzer Zeit durchgezogen wie Land of Plenty. Und diese Möglichkeiten sind für mich ein Beweis, dass das digitale Zeitalter das Vokabular und die Möglichkeiten des Filmemachers unglaublich bereichert hat.

Musik spielt in allen Ihren Filmen eine große Rolle, vor allem die Verbindung von Schauplätzen und Musik. Wie kam der Score zustande? 
Musik ist auch in Land of Plenty ganz wichtig. Erst beim Drehen ist mir die Idee gekommen, dass der Song von Leonard Cohen das richtige Titelstück für den Film ist. Dieser Song definiert die ganzen Themen des Films, er handelt ja von geistiger Armut und fehlgeleitetem Patriotismus. Insofern war es eine schöne Zusammenarbeit mit Leonard Cohen, dass er mir den Titel und das Stück dann überlassen hat. Der weitere Score stammt von Thom aus München, auch ein begnadeter Musiker, der auf ähnlich spontane und schnelle Art einen Soundtrack zusammengebaut hat wie der ganze Film entstanden ist. Ich habe gar nicht erwartet, dass ich das in Deutschland finden würde. Ich habe beim Schneiden des Films zufällig seine erste Platte, „Gods and Monsters“, gehört und habe gedacht, der kann ja wirklich was und vielleicht wäre er der Richtige. Ich gebe gerne zu, dass ich ursprünglich Radiohead im Kopf gehabt hatte, aber die konnten zeitlich nicht. Und als ich mich dann mit der Idee im Kopf und dem Gefühl der Musik und den Harmonien umgeschaut habe, tauchte Thom auf und übertraf meine kühnsten Träume.

Sie kommen direkt von den Dreharbeiten zu Ihrem neuesten Film Don’t Come Knocking nach Venedig. Sam Shepard spielt einen alternden Cowboystar, der eines Tages vom Filmset abhaut. 
An Don’t Come Knocking habe ich bis vor vier Tagen in den USA noch gearbeitet. Der Film ist jetzt abgedreht, und wir fangen an zu schneiden in Berlin. Er ist sicherlich dadurch, dass ich Land of Plenty dazwischen gemacht habe, noch einmal anders geworden. Sam Shepard hat dieses Mal die Hauptrolle selbst gespielt. Bei Paris, Texas, zu dem er auch das Drehbuch geschrieben hat, habe ich ihn ja bekniet, den Travis zu spielen, aber er hat sich strikt geweigert und gesagt, ich bin dem zu nahe, ich kann das nicht. Aber diesmal war es umgekehrt, er hat mir nach den ersten Seiten schon gesagt, wenn er jemals etwas spielen wollte, dann diese Rolle. Jessica Lange, Tim Roth, Sarah Polley und Eva-Marie Saint haben mitgespielt – eine wunderbare Besetzung. Ich träume noch von dem Film. Wenn ich einen Film abgedreht habe, gibt es immer noch so 14 Tage, in denen ich jede Nacht weiterdrehe. Im Moment arbeite ich also noch daran.

Filmographie (Auswahl)

2004  Land of Plenty
2003  The Soul of A Man
2002   Viel passiert - Der BAP-Film
2000   The Million Dollar Hotel
1999   Buena Vista Social Club
1997   The End of Violence
1993   In weiter Ferne, so nah!
1991   Bis ans Ende der Welt
1987   Der Himmel über Berlin
1985   Tokyo-Ga
1984   Paris Texas
1982   Der Stand der Dinge
1980   Nick’s Film - Lightning Over Water
1977   Der amerikanische Freund
1976   Im Lauf der Zeit
1974   Alice in den Städten
1972   Die Angst des Tormanns beim Elfmeter
1970   Summer in the City

epd Film 10/2004





 
 

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