Sozial-Politik
Bezahlbar wohnen in Wien: Häuser im Stadtteil Aspern.
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Sozialer Wohnungsbau: Von Wien lernen
Steigende Mieten, beengte Wohnungen, verdrängte Bewohner: In vielen deutschen Städten fehlt seit Jahren günstiger Wohnraum. Nun soll der soziale Wohnungsbau wieder aufleben - und viele schauen in die Hauptstadt der Sozialbauten: nach Wien.
Wien (epd). Der Dreijährige wirft Steine in den See, in dem sich das Logo der Wiener U-Bahn spiegelt. Romina Speyer plant derweil für den eigenen Garten. Gemüse will sie ziehen. Spielplatz und Wiese gibt es hier in Wien-Aspern, wo auf einem alten Flugfeld 20.000 Wohnungen gebaut werden. "In 20 Minuten mitten in Wien oder Bratislava", wirbt die Stadt für das Viertel, in dem für die stark wachsende Bevölkerung Wohnraum entsteht - staatlich geförderter Wohnraum.

Teure Miete kann sich Romina Speyer nicht leisten: Sie studiert noch, ihr Mann zieht ein Start-up-Unternehmen auf. In Berlin oder München wäre da Neubau mit Garten ein unerfüllbarer Wunschtraum. Hier nicht: Wie 60 Prozent der 1,74 Millionen Wiener mietet die vierköpfige Familie eine geförderte Wohnung, in ihrem Fall die einer Genossenschaft: Für 100 Quadratmeter plus 80 Quadratmeter Garten zahlt sie 740 Euro warm - Gemeinschaftsräume inklusive. Die 15.000 Euro Genossenschaftsanteil hat die Oma geliehen, "der perfekte Ort für Familien", sagt sie.

Wiens Baupolitik gilt weltweit als Vorbild

Von Wiens sozialem Wohnungsbau schwärmen Stadtplaner weltweit. "Wir halten bislang Miet-Heuschrecken fern", sagt Kurt Puchinger vom Bau-Magistrat, der das Wiener Modell gerade in Vancouver vorgestellt hat. Davor waren Berliner Politiker da - die Wohnungsnot der deutschen Hauptstadt war zentrales Thema der Landtagswahl im vergangenen September.

Österreichs Hauptstadt hingegen besitzt 220.000 Gemeindewohnungen und verwaltet mehr als 200.000 weitere, deren Bau sie gefördert hat. Jedes Jahr kommen 9.000 hinzu, viele davon mit preisgekrönter Architektur - Fahrradstadt, Dachgärten, an Single-Haushalte angepasste Zuschnitte. Gebaut wird vor allem mit gemeinnützigen Trägern. Vorteil: Um ihren - steuerlich vergünstigten - Status zu halten, beachten sie soziale Ziele, müssen Gewinne rückinvestieren, transparent sein.

Fördergeld nur bei niedrigen Baukosten

"Das hält die Mieten langfristig unten", sagt der Stadtplaner. Um Fördergeld zu erhalten, müssen die Baukosten niedrig sein: Kleine Mieten sollen sie tragen können. Ergebnis: Gemeindewohnungen ab 3,70 Euro pro Quadratmeter, Neubau für durchschnittlich 7,50 Euro. Bewerben kann sich, wer zwei Jahre in Wien wohnt und unter einer Einkommensgrenze liegt: 83.610 Euro netto im Jahr für vier Personen zum Beispiel.

Wer später mehr verdient, darf bleiben. Dass das relativ hoch ist, gehört zum Modell: "Wir wollen gemischte Mieter." Dafür gibt Wien auch rund 600 Millionen Euro pro Jahr aus, 420 Millionen davon kommen vom Bund - ohne Diskussion: Ein Prozent der österreichischen Lohnsteuer fließt in den Wohnungsbau. "Damit kann man dauerhaft arbeiten", sagt Puchinger.

Seit den 1920ern baut die Stadt Sozialwohnungen - "ein Riesenvorteil Wiens", sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund. In Deutschland fallen dagegen pro Jahr rund 80.000 der in den 1990er Jahren geförderten Sozialwohnungen aus der Bindung, dürfen also teurer vermietet werden. Etwa 1,6 Millionen Sozialwohnungen gibt es noch, Bedarf gäbe es für 5,6 Millionen, zeigen Studien des Eduard-Pestel-Instituts in Hannover.

Bund nimmt mehr Geld in die Hand

Darauf reagiert nun die Bundesregierung. 1,5 Milliarden Euro gibt der Bund den Ländern für den sozialen Wohnungsbau im kommenden Jahr: Das ist dreimal mehr als vor zwei Jahren. Allerdings ist das Fördergeld nicht zweckgebunden: Nicht alle bauen damit neue Wohnungen, ein Teil fließt zum Beispiel in die Sanierung bereits bestehender Gebäude. "Es reicht auch höchstens, um den Schwund zu bremsen", kritisiert Ropertz.

Von Wien abschauen sollte sich Deutschland die Gemeinnützigkeit bei Wohnbaufirmen, findet Ropertz. "Es war ein Fehler, sie in Deutschland abzuschaffen." Mit einem Gemeinnützigkeitsstatus erlangen die Unternehmen laut Ropertz einen steuerlichen Vorteil, wenn sie Wohnungen auch für Menschen mit niedrigem Einkommen anbieten - "und zwar dauerhaft". Ein freier Mietmarkt sei eben "sozial blind", vergebe Wohnungen nicht nach Bedarf, sondern nach Nachfrage – und die sei in Städten wie Beispiel München, Hamburg oder Berlin riesig. In einer Mangelsituation hätten es dann Menschen mit niedrigem Einkommen, aber auch Familien mit Kindern schwer, Wohnraum zu finden, den sie sich leisten können.

Es fehlten in Deutschland zwischen 800.000 und eine Million Mietwohnungen – "überwiegend im unteren und mittleren Preissegment". Mit Folgen: "Junge Menschen bleiben länger bei ihren Eltern wohnen, als sie das eigentlich wollen." "Wenn man eine durchmischte Stadt will, muss man den Wohnungsmarkt steuern", sagt Ropertz. "Oder man ist irgendwann in einer Situation wie in London, wo sich Normalverdiener schon lange kein Wohnen in der Innenstadt mehr leisten können." Dann doch lieber Wien als Vorbild?

 

 

Aus epd sozial Nr.3 vom 20.1.2017

Miriam Bunjes

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