Sozial-Branche
Stress am Arbeitsplatz: Ein Problem, dass Hunderttausende betrifft.
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Mit innerer Stärke gegen den Stress in der Arbeitswelt
Dauernd erreichbar, befristete Verträge, Angst vor Burn-out: Seelische Widerstandskraft hilft in der Arbeitswelt. Wer das Heft in der Hand behält und sich nicht nur getrieben fühlt, hat es leichter. Aber auch die Betriebe tragen Verantwortung.
Frankfurt a.M. (epd). In der Arbeitswelt verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit. Per E-Mail und Handy sind Arbeitnehmer rund um die Uhr erreichbar. Viele Berufsanfänger bekommen nur noch befristete Verträge. Und der Nine-to-five-Job wird immer mehr zur Ausnahme. Resilienzforscher fragen danach, wie Arbeitnehmer unter diesen Bedingungen gesund bleiben können.

Resilienz ist zu einem Modewort geworden. "Resilienz ist eine Art psychische Widerstandskraft", erklärt Roman Soucek vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. "Diese Widerstandskraft zeichnet sich dadurch aus, dass sich Menschen schnell von Rückschlägen, Krisen und Problemen erholen." Ursprünglich kommt der Begriff aus der Trauma-Forschung. Demgegenüber ist die Auseinandersetzung mit der Resilienz in der Arbeitswelt noch relativ jung.

Forschungsprojekt zur Stressbewältigung im Job

Soucek arbeitet in dem Projekt "Resilire" mit, das Resilienz in der Arbeitswelt erforscht, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Dem aktuellen Gesundheitsreport der DAK zufolge waren psychische Erkrankungen mit 16,2 Prozent der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen.

Bei der Frage, wie man mit dem Stress in der Arbeitswelt fertig wird, spielen Persönlichkeitsstrukturen eine wichtige Rolle. Die Leiterin des "Center for Leadership and People Management" an der Ludwig-Maximilian-Universität München, Silke Weisweiler, unterscheidet zwischen optimistischeren und pessimistischeren Menschen. "Personen, die optimistisch und positiv durchs Leben gehen, sind resilienter in schwierigen Situationen", sagt sie. Aber jeder Mensch reagiere in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich auf Belastungen: "Die Resilienz am Arbeitsplatz gibt es nicht."

"Zur Resilienz", sagt Roman Soucek, "gehören individuelle Ressourcen wie Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit und Optimismus." Menschen etwa, die auf ihr Können vertrauten, seien psychisch widerstandsfähiger als andere. Experten versuchen, in Resilienz-Trainings die seelische Widerstandsfähigkeit zu stärken: "Wie kann ich diesem Stress mit Ruhe begegnen, auch einmal 'Nein' sagen", erklärt die Münchner Sozialpädagogin Maria Moll.

Und doch sind diese persönlichen, individuellen Ressourcen nur die eine Seite, wenn es um psychische Gesundheit geht. Denn für das Wohlbefinden am Arbeitsplatz spielten die Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle, betont Soucek. Wichtig sei etwa, dass die Mitarbeiter genügend Handlungsspielraum hätten. Es kommt also darauf an, dass der Arbeitgeber für gute Bedingungen sorgt.

Arbeitsplatzstrukturen und Klima sind sehr wichtig

Arbeitsplatzstrukturen seien wichtig, sagt auch Silke Weisweiler. Lärm und Umwelteinflüsse können Einfluss auf das psychische Wohlbefinden der Arbeitnehmer haben. Ebenso wichtig seien aber auch sogenannte weiche Faktoren. Die Psychologin verweist etwa auf das kollegiale Klima, die Zusammenarbeit im Team aber auch den Führungsstil in einem Unternehmen. Auch der regelmäßige Austausch sei wichtig: "Der Arbeitgeber kann Strukturen schaffen, so dass regelmäßig Meetings stattfinden und dass es Wissensplattformen gibt."

Damit Arbeitnehmer in den Unternehmen auf Dauer gesund bleiben, muss einiges geschehen. Davon ist der katholische Sozialethiker Markus Vogt überzeugt. Der Münchner Theologe kritisiert etwa die ständige Erreichbarkeit vieler Arbeitnehmer auch nach Dienstschluss. "Es gibt Firmen, die heute schon automatisiert haben, dass ihre Mitarbeiter am Wochenende nicht erreichbar sind."

Aber auch Stress, wie er etwa durch Kurzzeitverträge entstehe, müsse reduziert werden. Er sieht die Verantwortung nicht nur beim Einzelnen, der durch Resilienztrainings fit für schwierige Arbeitsbedingungen gemacht wird. Es geht vielmehr auch darum, die Arbeitsbedingungen in einem Betrieb anders zu gestalten. Resilienzschutz müsse auch bedeuten, "die Strukturen zu verändern, so dass extremer Stress und extreme Belastungen reduziert werden", sagt er.

Aus epd-sozial 47/16 vom 25. November 2016

Barbara Schneider

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