Klaus ist Diplom-Theologe und hat sich erst vor knapp einem Jahr als Quereinsteiger für den Erzieherberuf entschieden. Seitdem arbeitet er in der "Kita Sophien" in Trägerschaft des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte. Der 39-Jährige ist ein Exot: Rund 98 Prozent aller Fachkräfte im Kitabereich sind weiblich.
Dabei zeigen Umfragen: Eltern wünschen sich, dass Erzieherinnen und Erzieher ihre Kinder betreuen. "Mehr Männer in Kitas" heißt ein bundesweites Programm, das die Situation ändern soll. Im Rahmen von 16 Modellprojekten mit 1.300 Kitas in 13 Bundesländern will man bis Ende 2013 die Weichen dafür stellen, mehr Erzieher für Kitas zu gewinnen. Der Europäische Sozialfonds (ESF) und das Bundesfamilienministerium fördern die Initiative, und die Koordinationsstelle "Männer in Kitas" mit Sitz in Berlin arbeitet seit Anfang 2010 mit verschiedenen Partnern daran, Männern die Türen der Kitas zu öffnen.
"Wenn männliche Vorbilder fehlen, ist das für Jungen und Mädchen gleichermaßen eine Benachteiligung", findet Dieter Loppnow, der schon seit 1989 als Erzieher arbeitet. Es sei viel besser, wenn Kinder sich männlichen und weiblichen Bezugspersonen zuwenden könnten und das Zusammenleben der Geschlechter selbstverständlich im Kitaalltag wäre: "Dass fast nur Frauen in Kitas arbeiten, ist eine Verzerrung der gesellschaftlichen Realität." Loppnow begrüßt es, dass sein Träger an der Initiative "Mehr Männer in Kitas" teilnimmt und die Bedeutung von männlichen Fachkräften im Leitbild verankern will. "Damit geht einher, dass alle 25 Kitas des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte stärker auf eine geschlechtergerechte Erziehung hinarbeiten."
"Seit 200 Jahren ist die Betreuung von Kindern ein klassischer Frauenberuf, bei dem davon ausgegangen wird, dass Frauen von Geburt an die Kompetenz für die Kinderbetreuung haben", erklärt Jens Krabel, fachlicher Leiter in der Koordinationsstelle. Viele Männer würden immer noch denken, dass der Erzieherberuf nicht mehr zu bieten habe als basteln und spielen: "Aber die Anforderungen an Fachkräfte in Kitas sind seit Jahren gestiegen. Sie sind Ansprechpartner für Eltern, sie beobachten und dokumentieren die individuelle Entwicklung der Kinder und fördern deren frühkindlichen Bildungsverlauf."
Das veraltete Berufsbild ist heute noch eine zentrale Hürde für junge Männer, sich in diesem Arbeitsfeld zu engagieren. Andere Gründe, die für junge Männer eine Berufswahlbarriere darstellen, sind laut der Studie "Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten" der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin die schlechte Entlohnung, wenig soziale Anerkennung und geringe Aufstiegschancen. Krabel bedauert das, denn die Untersuchung zeigte auch, "dass die wenigen Männer in Kitas die pädagogische Arbeit bereichern und es möglich machen, traditionelle Rollenvorstellungen zu erweitern. Denn Fürsorglichkeit gehöre zum Mann-Sein dazu".
"Ich hatte schon immer einen guten Zugang zu Kindern, den musste ich mir nicht erst aneignen", meint auch Daniel Klaus. Er denkt nicht, dass seine Kollegin, die mit ihm eng zusammenarbeitet, fürsorglicher sei als er. Für ihn steht fest, dass der Erzieherberuf die richtige Wahl ist: "Ich kann hier in Teilzeit flexibel arbeiten und habe noch Zeit für andere Dinge, die mich interessieren. Die Arbeit mit den Kindern erfüllt mich." Lediglich die geringe Entlohnung sei ein Manko. "Dafür habe ich aber einen sicheren Arbeitsplatz."
www.invest-in-future.de; www.koordination-maennerinkitas.de
(aus epd sozial Nr. 44 vom 4. November 2011) > zum Archiv von epd sozial (Gastzugang)

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