Sozial-Branche
Pflegedokumentation: Gutes Hilfsmittel oder notwendiges Übel?
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Kein sinnloses Abhaken mehr
Pflegekräfte sind erleichtert darüber, dass sie in Zukunft nicht mehr so zeitaufwendig dokumentieren müssen. Das Kernproblem der Branche, nämlich die Personalnot, werde damit aber nicht gelöst, sagen ihre Interessenvertreter.
Frankfurt a.M. (epd). Für die Dokumentation ihrer Arbeit verwenden Pflegekräfte viele Stunden. Zeit, die für die eigentliche Arbeit, also für die Pflege der Menschen, fehlt. Mit dem deutschlandweiten Projekt "Ein-STEP" will der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), die Pflegedokumentation vereinfachen. Das wird von Pflegediensten und Heimen begrüßt. Die Personalnot als Kernproblem der Pflege wird damit jedoch nicht behoben.

Großes Interesse bei Einrichtungen

Nach Angaben des Pflegebeauftragten beteiligten sich bis heute 4.700 ambulante Pflegedienste und 5.400 stationäre Einrichtungen am Projekt "Ein-STEP" (Einführung des Strukturmodells zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation). Die Teilnahmequote beträgt damit 41 Prozent. Das Projekt startete Anfang 2015 und wird bis Ende Oktober 2017 fortgeführt. Dabei werden Pflegeeinrichtungen bei der Umsetzung der neuen Pflegedokumentation unterstützt. Alle Prüfinstanzen, also der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK), der Prüfdienst der Privaten Krankenversicherung sowie die Heimaufsichten, tragen das Projekt mit.

Die vereinfachte Dokumentation beansprucht vor allem deswegen weniger Zeit, weil nur noch Abweichungen von der geplanten pflegerischen Tätigkeit dokumentiert werden müssen, wie Stefan Conrads, Pflegesachverständiger und Leiter eines privaten Pflegedienstes im nordrhein-westfälischen Bornheim, erläutert. Bei einem Pflegebedürftigen, der Sondenkost erhält, musste bisher zum Beispiel jede einzelne Gabe dokumentiert werden. "Jetzt erfolgt nur noch ein Eintrag, wenn von der Maßnahmenplanung abgewichen wird", erläutert Conrads. Auch müssten regelmäßig wiederkehrende Verrichtungen wie etwa die Unterstützung bei der Körperpflege nicht mehr täglich abgezeichnet werden.

Schummelei bei Dokumentationen

Dieses "Abhaken" gilt ohnehin als äußerst fragwürdig. Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek äußerte wiederholt den Verdacht, dass auch das mit einem Häkchen versehen wird, was gar nicht geleistet wurde. Fussek selbst erlebte dies nach eigenen Angaben bei seiner an Alzheimer erkrankten Tante: "Einmal war ich um 13 Uhr bei ihr im Krankenhaus und sah, dass in ihrer Dokumentation stand, was sie bis 18 Uhr abends getrunken hat." Zwei Fachkräfte auf einer Pflegestation könnten unmöglich 30 Menschen pflegen und dabei auch noch dokumentieren, veranschaulicht der Experte: "Es muss also vor- und nachdokumentiert werden."

Niemand versuche, Pflegekräfte an dieser Art von "Urkundenfälschung" zu hindern: "Weder Politik noch Kostenträger wollen an das Thema ran." Auch der MDK, kritisiert Fussek, prüfe die vorgelegten Dokumentationen nicht auf Plausibilität: "Dabei müsste man einfach nur mal schauen, wie viele Pflegerinnen und Pfleger laut Dienstplan da waren und ob die überhaupt hätten leisten können, was sie dokumentiert haben."

Nur leichte Entspannung

Er begrüße zwar grundsätzlich weniger Bürokratie, aber das eigentliche Problem sei ein anderes, sagt Fussek: "Wir haben einen gigantischen Personalmangel." Johanna Knüppel vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe sieht das ähnlich. Auch mit einer vereinfachten Pflegedokumentation bleibe das Fachkräftepersonal in der Pflege viel zu knapp bemessen. Allenfalls entspanne sich das Arbeitstempo, möglicherweise könnten Überstunden abgebaut werden.

"Pflegerinnen sind mit ihrem Berufsalltag unzufrieden, weil sie unter starkem Zeitdruck arbeiten müssen und weil ihre Arbeit ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen kann", sagt Manfred Carrier vom Bundesverband der evangelischen Diakonie. Die Arbeitsbelastung werde oft noch dadurch verschärft, dass Fachkraftstellen über lange Zeiträume nicht besetzt werden können. Besonders gestresst seien Pflegekräfte mit Familie. "Dienstpläne sind oft Absichtserklärungen und werden kurzfristig bei Personalausfällen verändert."

 Aus epd-sozial 43/2016 vom 28. Oktober 2016

Pat Christ

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