Sozial-Branche
Verkauftes Heim von "Pflegen und Wohnen" in Hamburg
© epd-bild/Stephan Wallocha
Ausländisches Kapital für Pflegeheime in Deutschland
Finanzinvestoren interessieren sich zunehmend für den deutschen Pflegemarkt, kaufen und verkaufen Pflegebetriebe und Gebäude. Sie versprechen sich hohe Renditen, Gewerkschaften machen sich Sorgen um die Arbeitsplätze.
Frankfurt a.M. (epd). Wie viel der Finanzinvestor Oaktree für die Vitanas Holding und Pflege- und Wohnen Hamburg auf den Tisch legte, darüber haben die Beteiligten Stillschweigen vereinbart: Es sollen 500 Millionen Euro gewesen sein. Dafür besitzt Oaktree jetzt mit zusammen 8.300 Pflegeplätzen den bundesweit sechstgrößten Pflegebetrieb.

Ängste in der Belegschaft

"Aus dem Vorgang wurde ein Riesengeheimnis gemacht", sagt der Vitanas-Gesamtbetriebsrat Harald Hahne. Das und die Angst davor, im August einer Heuschrecke in die Hände gefallen zu sein und schnell neu verkauft zu werden, "hat in der Belegschaft große Ängste ausgelöst".

Mittlerweile hatte der Betriebsrat aber Kontakt zum neuen Besitzer: Es soll keine Veränderungen an den Arbeitsverträgen geben, weniger Leiharbeit - und keinen schnellen Verkauf. "Wir werden sie an ihren Taten messen", betont Hahne.

Über ihre Strategie habe die neue Führung offen gesprochen: "Sie wollen wachsen, modernisieren und nach sieben bis zehn Jahren gewinnbringend verkaufen." Für Betriebsrat Hahne "hört sich das jetzt erst mal nach einer Chance für bessere Bedingungen an".

Investitionsmittel aus dem Ausland

Ungewöhnlich ist dieses Geschäftsmodell und das Interesse internationaler Investoren am deutschen Pflegemarkt nicht mehr: Marktführer ist mit insgesamt rund 25.000 Pflegeplätzen die französische Korian-Gruppe. Drei Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr in Pflegeimmobilien investiert, wie eine Analyse der Frankfurter Immobilienberatung CBRE zeigt - 60 Prozent der Investitionsmittel kamen von ausländischen Anlegern.

Der deutsche Markt zieht sie an, sagt auch Hermann Josef Thiel, Geschäftsführer des Kölner Beratungsunternehmens Terranus, das Betreiber und Anleger von Sozialimmobilien berät. Vor allem durch die demografische Entwicklung: 2,9 Millionen Pflegebedürftige gibt es derzeit, bis 2030 sollen es eine Million mehr sein. "Dass Deutschland wirtschaftlich stabil ist und es eine Pflegeversicherung gibt, sichert zudem die Refinanzierung ab." 28 Milliarden Euro gaben die Pflegeversicherungen allein im Jahr 2015 für Leistungen aus. Tendenz: steigend.

Betreiber können mit fünf bis acht Prozent Rendite rechnen, sagt Branchenexperte Thiel. "Die findet man in Niedrigzinszeiten sonst nicht." Laut Thiel lassen sich hohe Renditen nicht durch Dumpinglöhne erzielen: "Bei dem Fachkräftemangel müssen gute Bedingungen geboten werden, sonst verliert man sein Personal."

Branche unter Druck

Die aufgekauften Betriebe würden "professioneller organisiert". Auch würden weitere kleinere Betreiber gekauft und zusammengelegt. Danach werde das Objekt zu einem höheren Preis an einen anderen Investor verkauft. "Zuvor hat man aber Geld in die Immobilie gesteckt und sie verbessert." Ein "ungewöhnliches Risiko" für Mitarbeiter und Pflegebedürftige sieht Thiel in diesem Modell daher nicht.

Das sieht die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, in der viele Pflegekräfte organisiert sind, anders. Die höhere Renditeerwartung am Finanzmarkt setze die ganze Branche unter Druck. Auch drehten private Betreiber noch stärker an der Personalschraube als die freigemeinnützigen, sagt Matthias Gruß vom ver.di-Fachbereich Gesundheit und Soziale Dienste.

Die Folgen seien hohe Arbeitsbelastung, Krankheit, sinkende Pflegequalität. "In den großen privaten Ketten gibt es auch kaum Tarifverträge." Es gebe zwar Investoren mit langfristigeren Gewinnstrategien, andere verkauften aber auch sehr schnell wieder. "Die Verantwortung für die Versorgung mit einer ausreichenden Pflegeinfrastruktur darf nicht den Finanzmarktinteressen unterworfen werden", sagt Gruß.

Nach Ansicht der Gesundheitsökonomin Dörte Heger vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI in Essen ist "ohne privates Kapital der künftige Bedarf an Pflege in Deutschland nicht zu bewältigen". Tatsächlich rechnen Forscher aufgrund der Bevölkerungsentwicklung bis 2030 mit einem Investitionsbedarf von bis zu 80 Milliarden Euro in der Pflege.

Aus epd-sozial Nr. 40 vom 6. Oktober 2017

Miriam Bunjes

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