Sie werden immer mehr. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass Väter zunehmend ihren Job unterbrechen und Elterngeld beziehen. Die sogenannten neuen Väter haben sich abseits öffentlicher Emanzipationsschlachten auf den Weg gemacht und hinterfragen dabei auch gleich ihre Männerrolle, wie der dänische Familientherapeut Jesper Juul beobachtet hat. In seinem neuen Buch "Mann und Vater sein" lässt er eine Reihe dieser Väter zu Wort kommen, die wie der 28-jährige Holger schlicht fragen: "Wieso sollen nur Mütter das Babyglück genießen?"
Ja, wieso eigentlich?!, bekräftigt Bestseller-Autor Juul und erteilt dem "Mutterchauvinismus" eine Absage. Mütter sind nicht die besseren Eltern, sie sind nur anders, behauptet der 63-jährige Familienexperte und beruft sich auf mehr als 30 Jahre Berufserfahrung und die Forschungsergebnisse der Bindungsforschung. Danach zieht ein Kind die Mutter dem Vater nicht vor, wenn beide gleichermaßen präsent sind. Vielmehr profitieren Kinder von den Unterschieden zwischen Mann und Frau, von deren Wahrnehmung der Welt und Strategien zur Bewältigung des Alltags.
Dass "Männer in Bewegung" sind, hatte bereits vor zwei Jahren eine gleichnamige empirische Studie der evangelischen und katholischen Männerarbeit herausgefiltert: Der traditionelle Mann befindet sich auf dem Rückzug, starre Rollen bröckeln, immer mehr Männer streben eine partnerschaftliche Verteilung zwischen Familie und Beruf an.
Beobachtungen, die Jürgen Haas von der evangelischen Männerarbeit in Westfalen nahezu jeden Tag macht. "Als wir vor 15 Jahren unsere ersten Vater- Kind-Wochenenden anboten, mussten wir noch massiv dafür werben", erinnert sich der Praktiker. Frauen schubsten ihre Männer in die Kurse, in öffentlichen Kampagnen wurde eifrig der moralische Zeigefinger geschwungen: Ihr müsst Väter sein!
Mittlerweile ist der Wandel da, nicht bei allen Männern, aber deutlich spürbar. Immerhin finden nach einer aktuellen Umfrage der Zeitschrift "Eltern" zwei Drittel der befragten Männer, dass ihr Leben durch die Geburt ihres Kindes "glücklicher und erfüllter" geworden ist. Die Männer sind offener geworden, sie wollen sich engagieren und nicht nur einen Gaststatus in ihrer Familie einnehmen, sagt Haas. An die 100 Vater-Kind- Seminare bietet die westfälische Männerarbeit pro Jahr an. Gemeinsam mit der rheinischen Männerarbeit hat sie kürzlich eine Vater-Kind-Agentur gegründet, die die Angebote zusammenfügen soll.
Doch mit der Ausmusterung des alles bestimmenden Familienpatriarchen ist eine neue Unsicherheit in die Familien gekommen: Wie sieht die richtige Erziehung für mein Kind aus? Jesper Juuls Antwortet lautet: Beziehung. Er setzt nicht auf Regeln, singt nicht das "Lob der Disziplin" und wettert auch nicht gegen Tyrannenkinder. Er plädiert für eine lebendige Beziehung zwischen Eltern und Kindern, geprägt von Respekt, gegenseiger Anerkennung und präsenten Vorbildern, eben auch männlichen Vorbildern.
Doch das Familienengagement vieler Väter trifft auf eine Arbeitswelt, die Offenheit und zeitliche Flexibilität fordert. Die Männer empfinden die fehlende Zeit mit ihrem Kind als Verlust, sagt Haas: "Das ist das große Leiden der Väter heute." Holger sieht seit der Geburt seiner Kinder die Welt mit anderen Augen, wie er sagt. Der Welt kann das nur guttun.
www.maennerarbeit.ekvw.net
Buchhinweis: Jesper Juul, Mann und Vater sein, Kreuz Verlag Stuttgart, 2011, 200 S., 14,95 Euro
aus epd sozial Nr. 37 vom 16. September 2011
> zum Archiv von epd sozial (Gastzugang)

Bilder zum Thema finden Sie bei epd-Bild
