Tagebuch
Spannend aber unübersichtlich. Die neue Punktevergabe beim ESC
Frankfurt a.M. (epd). Meine Güte war das spannend: Als die letzten Punkte beim 61. Eurovision Song Contest (ESC) verlesen wurden, bebte das Pressezentrum in Stockholm. Die ausgestoßenen Laute der versammelten Presse glichen denen in einer Geisterbahn. Schreie, Raunen, erschrockenes Einatmen, alles war dabei. "Das ist ja spannender als jeder Hollywoodfilm", rief ein schwedischer Journalist. Damit hatte die European Broadcasting Union (EBU), die den ESC veranstaltet, erreicht, was sie wollte: Ein neues Punktevergabesystem sollte den ESC bis zum Schluss spannend machen. Das ist definitiv gelungen.

Nachdem die Zuschauer abgestimmt hatten, wurden zunächst die Ergebnisse der 43 Länderjurys bekanntgegeben. Danach sah es so aus, als ob Australien den Wettbewerb gewinnen würde. Dann gaben die Moderatoren in Stockholm die Summe der Televoting-Ergebnisse bekannt, beginnend mit dem Land, das von den Zuschauern die wenigsten Punkte bekommen hatte. Die Australierin Sami Im gewann beim Juryvoting, Russland holte die meisten Punkte bei der Publikumswertung, aber am Ende lag die Ukraine mit 534 Punkten vor Australien mit 511 Punkten. Russland belegte mit 491 Punkten den dritten Platz.

Das mit der Spannung hat der ESC also wirklich gut hinbekommen, aber dafür hat die Transparenz gelitten. War es früher schon fast Kult, die einzelnen Liveschaltungen zu verfolgen, welches Land wie viel Punkte an wen gab, wird jetzt nur noch verlesen, an welches Land zwölf Punkte durch die Jury vergeben werden. Aber ist das wirklich das, was die Zuschauer interessiert?

Nur fragt man sich, warum den Jurywertungen mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als den Publikumswertungen? Ist es wichtiger, wie die Sängerinnen Namika, Sarah Conner, Anna Loos sowie die Herren von Boss Hoss - aus diesen Prominenten besteht die deutsche Jury - die Musik fanden als die versammelte Nation? Könnte man nicht die Punkte der Jury am Ende addieren? Es wäre doch viel spannender zu sehen, ob wir von Österreich wieder null Punkte bekommen haben oder ob die Skandinavier wirklich immer ihre Nachbarn mit Punkten beschenken.

Noch unübersichtlicher wurde es dann bei den Publikumswertungen, wenn nur noch die Gesamtpunktzahl vorgelesen wird. Das sorgt zwar, wie gesagt, für Spannung am Ende, aber nicht unbedingt für Übersichtlichkeit. So haben die Zuschauer wahrscheinlich gar nicht mitbekommen, dass die wenigen Punkte für Deutschland ausgerechnet aus Österreich und der Schweiz kamen. Den Zuschauern, nicht der Jury haben wir die Punkte zu verdanken. Ein weiterer Punkt kam von den Experten aus Georgien.

Wie ernst viele Menschen den ESC nehmen, kann man an einer Petition erkennen, die die EBU auffordert, den Sieger des Musikwettbewerbs zu ändern und statt die Ukraine Russland zum Sieger zu erklären. Immerhin hatten die meisten Zuschauer für Russland gestimmt. Die meisten Jurypunkte erzielte Australien, aber addiert bekam die Ukraine die meisten Punkte.

Da muss man schon gut aufpassen, um das noch zu verstehen, jedenfalls dann, wenn man nicht zu den Hardcore-Fans gehört, die schon Wochen zuvor Rechenszenerien entwarfen. Wer einfach nur einen entspannten Samstagabend bei mittelmäßiger Musik verbringen wollte, dem wurde regeltechnisch viel zugemutet.

Vielleicht sollte der ESC doch die Spannung wieder etwas zurückschrauben und stattdessen auf die schöne Tradition des Punktevorlesens mehr Wert legen. Das macht zwar das Prozedere etwas langsamer, aber nachvollziehbarer. Und über die Abschaffung der Jurys könnte man auch mal nachdenken.
Aus epd medien Nr.21 vom 20. Mai 2015
> zum Archiv von epd medien (Gastzugang)

Christiane Link