Tagebuch
Schattenboxen. Trumps "Krieg gegen die Medien"
Frankfurt/M. (epd). Der alte Martin Luther und Kollegen haben eine Passage aus dem biblischen Buch der Sprüche wie folgt übersetzt: "Antworte dem Narren nicht nach seiner Narrheit, daß du ihm nicht auch gleich werdest." In diesem Sinne: Könnten "die Medien" bitte aufhören, ständig über Tweets von Donald Trump zu berichten? Und im Ton der Empörung vor Trumps "Krieg gegen die Medien" zu warnen?

All diese Berichte bringen wenig, außer vielleicht Einsichten in die Gemütslagen des Präsidenten. Beachtung gibt dem Twitterer viel zu viel Einfluss auf die Nachrichtenlandschaft. Trump twittert selten fundiert Neues zu tagespolitischen Themen. Dass er kritische TV-Berichte nicht mag und Kabelnachrichten aufmerksam verfolgt, vor allem die am Vormittag, ist inzwischen hinreichend bekannt. "Krieg" gegen Medien ist aber etwas anderes, das kann man derzeit in der Türkei verfolgen.

"Demokratie stirbt in der Dunkelheit" ("Democracy Dies in Darkness") steht auf der Webseite der "Washington Post". Der Journalismus sieht sich als Verfechter der Wahrheit - und als potenzielles Opfer dieses Präsidenten. Bekanntermaßen hat Trump ein Video getwittert, auf dem er einschlägt auf einen Mann mit dem Logo des Nachrichtensenders CNN auf dem Kopf. Bei der "Kriegsdebatte" darf auch der Hinweis nicht fehlen, ein republikanischer Politiker in Montana habe einen Reporter des "Guardian" tatsächlich zu Boden geschlagen. Doch größtenteils ist der "Krieg" ein Schattenboxen, von dem beide Seiten etwas haben. Trump mobilisiert die Basis gegen die Fake-News-Medienelite. Diese wiederum fühlt sich bestätigt und im Recht und berichtet ausführlich über sich selber. Einschaltquoten sind gut. "Die Medien" in den USA sind Wirtschaftsunternehmen, die Gewinne einfahren müssen.

Falls die Medien der Meinung sein sollten, sie könnten die Berichterstattung über die Twitterei nicht lassen, immerhin geht es um Verlautbarungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika: Berichten könnte man mit der Zurückhaltung, die angebracht ist, wenn eine Celebrity nach Beachtung hungert. Seit zwei Jahren dominiert die Figur Donald Trump "die Medien", erst als Kandidat, und seit fast einem halben Jahr als Präsident.

Kyle Pope schrieb kürzlich im Journalismusmagazin "Columbia Journalism Review", der Krieg gegen die Medien sei "eines der wenigen Projekte", die aus Trumps Sicht funktionieren. Die Abschaffung von Obamacare stockt, die Grenzmauer gibt es nur auf dem Reißbrett, der Freihandelsvertrag Nafta besteht noch immer, das Einreiseverbot für Muslime wurde juristisch geschwächt, von großen Jobs schaffenden Infrastrukturvorhaben ist nichts zu sehen. "Nähme man den Krieg gegen die Medien weg, wird das Band zwischen Trump und seinen Anhängern schnell dünn", schrieb Kyle Pope.

Die Tweets und die Tiraden gegen die verlogenen Medien lenken ab. Umweltvorschriften werden geschwächt, Sozialprogrammen drohen einschneidende Kürzungen. Die republikanische Gesundheitsreform, wie auch immer sie am Ende aussieht, ist existenzbedrohend für Millionen US-Amerikaner. Die angestrebte Steuerreform ist ein radikales Geschenk an die Superreichen, einschließlich der Familie Trump. Einige dieser Themen sind trocken und definitiv kompliziert. Die Tweets haben mehr Unterhaltungswert.

Es ist schwierig, über die USA im Zeitalter von Donald Trump zu berichten. Schein und Wahrheit zu trennen, das Wichtige vom Unwichtigen. Und die Sache mit der "Elite" und den Medien ist komplex: Die "New York Times" bietet derzeit für 135.000 Dollar pro Person luxuriöse Weltreisen an in einer kundenangepassten Boeing 757, die "ultimative" Reise, in Begleitung von "vier preisgekrönten ,New York Times' Journalisten". Die Explosionen vom Krieg gegen die Medien wird man dort nicht hören.
Aus epd medien Nr. 28 vom 14. Juli 2017

Konrad Ege