Auf Facebook herrscht, und das wird als Argument zunehmend wichtiger werden, sichtlich mehr Betrieb als auf Google. Der eine Grund dafür: Facebooks Konzept besteht gerade nicht darin, die Menschen gleich wieder wegzuschicken. Sondern darin, alle möglichen Inhalte und Funktionsweisen des Webs auf der eigenen Domain zu integrieren. Fotos, Videos, Audios, Games, Mails - es gibt fast nichts Digitales mehr, das sich nicht auf www.facebook.com erledigen ließe.
Der andere Grund: Den Surfern geht es offenbar nicht mehr so sehr ums Suchen, sondern vor allem ums Finden oder besser: ums Entdecken. Das Web wird größer mit jedem Tag, und dagegen können auch die intelligentesten Algorithmen nichts ausrichten, solange sie von Semantik keinen Begriff haben. Oft genug nervt die Google-Suche, weil man nach drei, vier Ergebnisseiten noch immer nicht am Ziel angelangt ist. Auf Facebook dagegen muss man gar nicht erst suchen, da die Mitglieder des Netzwerks die Informationen kuratieren.
Diesen Trend scheint auch das ZDF bemerkt zu haben, jedenfalls hat der Sender gerade seine Homepage neu gestaltet. Das Ergebnis des Relaunchs ist allerdings eine Enttäuschung, weil das intuitive, zum Stöbern einladende Moment, das offensichtlich in den Vordergrund gerückt werden sollte, bloß als ästhetisches Phänomen zitiert wird. Als Reize fungieren wenige, vergleichsweise großformatige Fotos, und die verbliebenen Buchstaben werden genauso verschämt hinter viel zu vielen Klicks versteckt wie die Orte für Nutzerbeteiligung und andere Web-2.0-Elemente. Ganz oben steht stattdessen der Hinweis auf die neueste Telenovela - was einer Werbung deutlich ähnlicher sieht als einem redaktionellen Inhalt.
Auch das große Talent des Netzes für horizontal organisierte, thematisch übergreifende Komplexe bleibt auf der Startseite weitgehend ungenutzt, die Ordnung orientiert sich allererst am Programm. Der Einspruch gegen die Vertikale erfolgt nur optisch: Statt in die Länge geht die Seite nun eben in die Breite; eine im Kreis laufende, quasi endlose Banderole aus Filmbildern stellt die jeweilige Rubrik vor. Beinahe jede Aktion mit der Maus - nicht nur Klicken, sondern auch bloßes Bewegen - führt dazu, dass irgendwelche Leisten hinein- und wieder herausfahren, dass sich hier oder dort ein Fenster aufklappt und andere Menüs überdeckt.
Was auf den ersten Blick schön leicht und hübsch lebendig aussieht, ist um einiges unübersichtlicher und schwieriger zu handhaben als eine Benutzeroberfläche von Apple, die wohl - auch auf iGeräten scrollt man ja gerne horizontal - ein Vorbild darstellt. Nur wem es gelingt, sich trotz aller Hindernisse einige Stufen tiefer hinein zu klicken, der kommt in den Genuss der durchweg intelligent aufbereiteten Zusatzinformationen.

"Alles so schön bewegt hier!" kann ohnehin nur derjenige ausrufen, der sich selbst nicht vom Fleck rührt. So luftig und vital die Inhalte wirken, so mangelhaft sind deren mobile Qualitäten. Auf dem iPhone etwa ist zdf.de schlichtweg nicht zu gebrauchen. Womöglich soll so die Notwendigkeit der eigenen App unterstrichen und deren Nutzerzahl erhöht werden. Wer sich per Handy beim ZDF informieren will, dem bleibt in Zukunft tatsächlich nichts anderes, als die App herunterzuladen. Wenigstens das scheint das ZDF also von Facebook gelernt zu haben: dass man seine Nutzer schon mal verärgern darf, sofern es den eigenen Interessen dient.
Aus epd medien Nr. 19 vom 11. Mai 2012 > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)
