Tagebuch
Radio im Hinterland. Ein Stück Mediengeschichte aus der Provinz
Frankfurt a.M. (epd). "Die Lokalzeitung war fast 'ne Bibel", lautet einer der ersten Sätze in der Radio-Collage "Radio in Wittgenstein und im Hinterland". Wer sich für Medien interessiert, den zieht der Satz trotz des sperrigen Titels in das knapp einstündige Feature des Hamburger Medienwissenschaftlers Hans-Jürgen Krug hinein. Eine der Überraschungen dieses Stücks, das kürzlich beim Lokalsender Radio Siegen gesendet wurde, besteht darin, dass es keineswegs die jüngeren Mediengattungen Fernsehen oder Internet waren, die am Nimbus der Lokalzeitung kratzten, sondern eben das Radio.

Wie dieses Medium sowohl in den nach 1945 neu geschaffenen Bundesländern als auch in den durch Gemeindereformen der 1970er Jahre größer gewordenen Landkreisen wie etwa Siegen-Wittgenstein zur Identitätsbildung beitrug, macht das Hörstück schön deutlich: Peter Frankenfeld oder Heinz Schenk tourten mit der Morgen-Livesendung "Frankfurter Wecker" (HR) durch die Provinz, später kam der WDR mit "Hallo Ü-Wagen" bis ins Wittgensteiner Land. In dieser peripheren Region Nordrhein-Westfalens und im benachbarten Hinterland (das historisch wirklich so heißt) rund ums hessische Biedenkopf bekamen Lokalzeitungen dadurch journalistische Konkurrenz, dass sich die Radiostudios regionalisierten. Später kamen auch noch private Lokalradios mit Bürgerfunk-Anteilen wie Radio Siegen dazu.

Das Feature würdigt sowohl die häufig vernachlässigte Bedeutung von Medien in der sogenannten Provinz als auch die Bedeutung des Radios, das heute gern als "Nebenbeimedium" abqualifiziert wird. Amüsant ist wiederum das Kuriosum, dass in der Frühzeit des Radios "Verspannungen durch das Hören mit Kopfhörern" ähnlich leidenschaftlich diskutiert wurden wie heutzutage Haltungsschäden durch die pausenlose Nutzung sogenannter Smartphones.

Auch wer die Zeit, in der Radios noch Möbelstücke waren, nicht miterlebt hat, kann sich an Zeitzeugen-Erinnerungen erfreuen, die davon sprechen, dass in der frühen Nachkriegszeit stets der Vater "die Hand auf dem Gerät" und somit An- und Ausschalten sowie Senderwechsel unter Kontrolle hatte, während später das Transistorradio die elterliche Autorität untergrub, weil es unter der Bettdecke und anderswo mobil gehört werden konnte.

Entstanden ist die Collage in Zusammenarbeit mit der Servicestelle Bürgerfunk Siegen-Wittgenstein und der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien mitten im Wittgensteiner Land: in Bad Laasphe, wo ein Internationales Radiomuseum Hunderte alter Geräte eindrucksvoll ausstellt. Unter anderem sind es Besucher des Museums, die von ihren Erinnerungen berichten. Wie gut sie noch Marke und Gerätetyp ihrer alten Radios kennen, den Loewe Opta oder ein Stassfurt-Gerät - aus dem heutigen Sachsen-Anhalt, dem letzten Standort einer deutschen Radio-Industrie - ist auch bemerkenswert. Wer wüsste in der Gegenwart noch die Hersteller der Geräte zu nennen, mit denen er Radio hört? Außer natürlich, es handelt sich um ein Design-Radio oder das Smartphone.

Bad Laasphe und dem Radiomuseum geht es allerdings nicht gut. Dass das Hinterland vom Anschluss "an die große Welt", den unter anderem das Radio einst bedeutete, uneingeschränkt profitiert habe, lässt sich bekanntlich nicht behaupten. Wer Gelegenheit hat, das Internationale Radiomuseum zu besuchen oder Krugs Feature zu hören, sollte es tun. Unter http://hansjuergenkrug.blogspot.de gibt es Informationen zu dem Projekt, das Feature selbst wurde am 30. November um 20 Uhr beim Hambuger Community-Sender Tide gesendet und steht dort noch bis zum 6. Dezember online (http://u.epd.de/otj).
Aus epd medien Nr. 49 vom 2. Dezember 2016
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Christian Bartels