Tagebuch
Keillors letzte Show. Lichter aus in Lake Wobegon
Washington (epd). Geliebt, gelegentlich als kitschig belächelt, doch ein Vorzeigebeispiel des erzählenden Hörfunks: Für Millionen Radiohörer in den USA geht dieser Tage, wie man so sagt, ein Ära zu Ende. Das Dörfchen Lake Wobegon in Minnesota verschwindet vom Erdboden. Die beiden Kirchen, eine lutherisch, die andere katholisch, schließen die Türen. Das Chatterbox Café, wo Wirtin Dorothy Filterkaffee ausschenkt und Rhabarberkuchen serviert, und die Bar Sidetrack Tap, wo die alten Männer die Zeit totschlagen, wird es nicht mehr geben. Die Zeitung "Herald Star" und ihr Redakteur Harold Star schalten die Druckmaschinen ab.

Lake Wobegon gab es freilich nur in der Fantasie von Schriftsteller und Radiomoderator Garrison Keillor, der in seiner zweistündigen Varieté-Hörfunkshow "A Prairie Home Companion" jeden Samstagabend zwischen Jazz, Country, Gospel und Folk etwa 15 Minuten lang in einem Monolog von den jüngsten Ereignissen in dem fiktiven Dorf erzählt. "Prairie Home Companion" wird im öffentlichen Rundfunk verbreitet, von rund 700 Sendern an rund dreieinhalb Millionen Zuhörer eher gehobenen Durchschnittsalters. Der 73-jährige Keillor macht nach 42 Jahren "Prairie Home Companion" Schluss; seine letzte Sendung läuft am 2. Juli.

Keillor und sein Ensemble traten live vor Hunderten Zuschauern auf. Sie kreierten nicht nur Lake Wobegon. Im Minihörspiel "Life of the Cowboys" ritten die Cowboys Dusty und Lefty durch den staubigen Westen; sie kamen nicht zurecht mit modernem Leben. Der abgehalfterte Privatdetektiv Guy Noir wartet noch immer auf einen großen Fall. Und der junge Schriftsteller Duane, der das elterliche Nest verließ, ringt mit Texten und Schuldgefühlen, die seine Mutter telefonisch verstärkt.

Die Welt in Lake Wobegon war nicht heil, doch überschaubar. Keillor, der selber auf dem Land in Minnesota aufgewachsen ist, erzählte mit Liebe und Ironie vom Alltag der kleinen Leute. Gelegentlich kriselt es in der Ehe von Irene und Clint Bunsen, Pastorin Liz zweifelt am Glauben, und ein Missionar vom "Fargo Bibel Institute" (FBI) macht unangemeldet Hausbesuche. Nostalgie wurde manchmal dick aufgetragen, große gesellschaftliche Konflikte fanden nicht statt, abgesehen von Keillors gelegentlichen Ausflügen in die politische Satire. Die Show hatte einen progressiven Dreh. Letzter Beweis dafür, dass Immigranten keine Arbeitsplätze wegnehmen, sondern Jobs machen, die Amerikaner nicht wollen, sei die Tatsache, dass zwei von Donald Trumps Frauen aus dem Ausland kommen, sagte ein Kunde vor dem Haareschneiden bei Lake Wobegans Friseur.

"Prairie Home Companion" wird weiter geführt. Aber wohl ganz anders. Moderator wird Mandolinenspieler Chris Thile, seit Jahren Musiker bei der Sendung. Das neue Format ist noch nicht bekannt, doch Lake Wobegon fällt definitiv weg, und einen Guy Noir, der von Keillor gesprochen wurde, kann man sich nicht vorstellen ohne dessen Bariton. Liebhaber der Sendung müssen nun alte Lake-Wobegon-Geschichten nachlesen in Keillors Bestsellern, oder im Internet alte Folgen anhören. Ein kleines Trostpflaster für Keillor-Fans: Jeden Morgen unter der Woche spricht Keillor im öffentlichen Rundfunk "The Writer's Almanac", bei dem er ein Gedicht vorträgt und etwas über den Autor erzählt. Diese unaufdringlichen fünf Minuten sind weit weg von der Hektik der Staumeldungen und künstlicher Fröhlichkeit.

Erzählte Geschichten haben beträchtlichen Zulauf im öffentlichen Hörfunk. Millionen US-Amerikaner schalten ein bei Sendungen, in denen vom Leben "normaler" Menschen erzählt wird - "Snap Judgement", "The Moth", "Radio Diaries" und "This American Life" sind nur einige Beispiele. "Prairie Home Companion" wurde übrigens schon einmal betrauert: 2006 im gleichnamigen Film des Regisseurs Robert Altman über die letzte Aufführung einer seit vielen Jahren laufenden Radioshow.
Aus epd medien Nr. 26 vom 24. Juni 2016
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Konrad Ege