Tagebuch
Meteoriteneinschlag. Dominik Graf rehabilitiert das "Kommerzielle"
Frankfurt a.M. (epd). Warum eigentlich hat das Adjektiv "kommerziell", bezogen auf den Spielfilm, in Deutschland immer einen negativen Beiklang? Um diese Frage kreist ein zweiteiliges dokumentarisches Essay von Dominik Graf und Johannes F. Sievert, dessen Ausstrahlung jetzt das WDR Fernsehen bereichert: "Verfluchte Liebe deutscher Film" (19. Februar) und "Offene Wunde deutscher Film" (5. März) feierten 2016 und 2017 auf der Berlinale Premiere. Worum geht es?

Als Reaktion auf "Opas Kino" forderten die Unterzeichner des Oberhausener Manifests 1962 eine politisch-ästhetische Revolution. Daraufhin wurde die Filmförderung ins Leben gerufen, mit deren Geld kaum ein Jahrzehnt später der Neue Deutsche Film entstand. Doch der sei, argumentieren Graf und Sievert, eine Kopfgeburt. Verdrängt wurde die Körperlichkeit, verstanden als physisches Kino, das unter die Haut geht, witzig, spannend und anarchisch ist. So etwas fand man nur noch in Nischenfilmen wie May Spils' "Zur Sache Schätzchen" oder Roland Klicks düsterem Deutsch-Western "Deadlock", die weniger Berührungsängste mit "kommerziellen" Formen hatten.

Doch es geht in diesem bemerkenswerten Essay, der wie ein Meteor in die Filmgeschichtsschreibung einschlägt, nicht allein um die Ehrenrettung schmutziger Filme, die zwischen den 60er und 80er Jahren in Deutschland entstanden. Als kreativem Grenzgänger zwischen Kino und Fernsehen geht es Dominik Graf vor allem um den Ort, von dem aus dieser Einspruch gegen die jüngere deutsche Filmgeschichte überhaupt möglich ist. Dieser Ort ist das Fernsehen.

"Verfluchte Liebe deutscher Film" ist nämlich kein Kino-Dokumentarfilm. Er zielt nicht mit "großen", leinwandfüllenden Bildern auf Faszination und Überwältigung ab. Stattdessen setzen Graf und sein Koautor mit einer faszinierenden Fülle entlegener Filmausschnitte sowie Experten-, Regisseur- und Schauspielerinterviews auf einen kleinteiligen, fein ziselierten Diskurs. Das ist ein fernsehspezifisches Format.

Als Kronzeuge kommt nicht zufällig ein Filmschaffender zu Wort, dem das Fernsehen viel verdankt: Wolfgang Petersen hat nicht nur einen legendären "Tatort" mit Nastassja Kinski inszeniert. Sondern auch einen Film wie "Das Boot", den man "amphibisch" nennt, weil er ein kommerzieller Kino-Welterfolg wurde, aber auch im Fernsehen als mehrteiliges Event funktionierte. Strategisches Zentrum des gesamten Essays ist Grafs beiläufige Frage an Petersen, warum er sich seinerzeit nicht ästhetisch und ideologisch am Neuen Deutschen Film orientiert habe. Petersen: "Ich wollte richtige Filme machen."

Während Petersen solche Projekte in Hollywood realisierte, entstanden und entstehen in Deutschland andere Filme. Beseelt vom Leitgedanken der "Kulturindustrie"-These der Frankfurter Schule, gemäß der Kulturgüter durch den Kommerz zu Waren ohne künstlerischen Anspruch verkommen, entstanden ab Ende der 60er Jahre vermehrt "künstlerisch wertvolle" Autorenfilme - die allerdings weitgehend am Publikum vorbei inszeniert wurden.

Mit Beispielen wie Tom Toelles "Das Millionenspiel" (1970) und Petersens "Smog" (1973) erinnern Graf und Sievert daran, dass das Fernsehen damals weniger Berührungsängste mit publikumsaffinen Formen hatte. Im Kino jedoch bekam der Neue Deutsche Film die Oberhand, und zahlreiche Schauspieler, darunter Mario Adorf und Klaus Kinski, wurden beschäftigungslos. Deutsche Darsteller mussten nach Italien ausweichen, wo Filme entstanden, die hierzulande als "neofaschistisch" galten - vom Publikum aber geliebt wurden. Graf und Sievert gelingt eine ebenso komplexe wie provozierende, aber durchaus einleuchtende Revision der Geschichte des deutschen Nachkriegskinos. Selbst wenn nicht jeder Argumentationsschritt überzeugt: Am Ende klingt ein Reizwort wie "kommerziell" gar nicht mehr so schlimm.
Aus epd medien Nr. 7 vom 16. Februar 2018

Manfred Riepe