Tagebuch
Mut zum Unfertigen. Zum Abschied von "Zimmer frei"
Frankfurt a.M. (epd). Wer jetzt ruft, man müsste diese Sendung erfinden, wenn es sie nicht schon gäbe, hat nichts verstanden. Der Gründungsmythos von "Zimmer frei - Prominente suchen ein Zuhause" mag geschönt sein: Wie gerne berichtet wird, war die Sendung eigentlich als Lückenfüller im Sommerloch gedacht und dann zu gut, um wieder zu verschwinden - aber diese Redakteursschnurre bestärkt die Volksweisheit, dass es weit besser ist, als Bettvorleger zu starten und als Tiger zu landen als umgekehrt.

Hätten alle Beteiligten gleich zu Anfang gewusst, dass diese Talkspielshow 20 Jahre überdauern würde, hätte man sie dann mit dem unspontansten aller möglichen Fernsehgrößen, Karl Moik begonnen? Oder die emotionale Gastgeberverantwortung in die Hand der eher stocksteif moderierenden Christine Westermann gegeben? Hätte man Götz Alsmann erlaubt, so zu sein wie er nun mal ist: Laut, schlagfertig, selbstverliebt und auf den ersten Blick ein Kollegenschwein? Wäre nicht schon 1996 die Frage aufgekommen, ob eine Frau von "fast 50" auf lange Sicht noch bildschirmtauglich sein würde? Ob man eigentlich im Fernsehen falsch singen oder vor laufender Kamera mit Essen schmeißen darf?

"Zimmer frei" ist die professionellste Antwort auf all diese Redakteursfragen: Ja, man musste die beiden einfach mal ein paar Sendungen zusammen machen lassen. Vor laufender Kamera und ohne die Erwartung, dieses Format werde einen bis zur Rente begleiten. Andererseits: Einen Unterhaltungserfolg wie diesen über zwei Jahrzehnte hinweg zu erhalten, fordert von allen weit mehr als nur den berühmten Mut zur Lücke: Ausdauer, Reformbereitschaft, Unterhaltungskompetenz und die Demut, den Erfolg nicht dazu zu missbrauchen, keine Experimente mehr zu wagen.

Wer erinnert sich heute noch daran, dass das Essen erst später in die Show kam? Dass die Prominenten einst einen Praxistest absolvieren und ein Gespräch mit der Nachbarin (erst gespielt von Gerburg Jahnke, dann von Cordula Stratmann) überstehen mussten? Wenig ist in der letzten Sendung von "Zimmer frei" so wie am Anfang. Fast nichts, außer dem Unterhaltungskern: Zwei neugierige Menschen treffen auf einen dritten, der bereit ist, diese Neugier vor laufender Kamera pro forma zu befriedigen.

Campino, der Frontsänger der Toten Hosen, hatte sich lange geweigert, in die Sendung zu kommen, weil ihm "das alles" zu privat vorkam. Dann aber kam er doch und forderte ein offenes Gespräch, in dem sich die Gesprächspartner auch zuhören. Die Sendung gehörte am Ende nicht zu den besten, wohl aber zu den weinseligsten. Vielleicht weil Campino sich bis zum Schluss unnahbar gab. Christine Westermann siezte den Mann, der sich wie ein Bonbon nennt, dafür bis zum Schluss. Auch eine Art, das letzte Wort zu behalten.

Andere WG-Bewerber von "Zimmer frei" wurden überhaupt erst für den Zuschauer interessant, weil sie sich dem Spieltrieb des einen und dem Fragehunger der anderen mit einer Hingabe öffneten, als sei dies keine Unterhaltungsshow im Dritten, sondern das Casting für eine Rolle bei Tarantino. Mit Ehrlichkeit oder gar Authentizität hat diese Hingabe übrigens gar nichts zu tun, sondern vielmehr mit einer sehr amerikanischen Vorstellung von Entertainment. Wer früher Johnny Carson oder David Letterman sah oder heute Jimmy Fallon oder Ellen DeGeneres, weiß: Deren Show wird nur gut, wenn Gast und Host gemeinsam eine daraus machen!

Dazu sind alle Mittel erlaubt: Gagschreiber, Spiele, Gesangseinlagen oder eben Gäste, die beim Essen reden müssen, weil während des Interviews ein echtes Lieblingsgericht auf dem Tisch kommt und es total unhöflich wäre, den Teller unangerührt zu lassen. Gute Unterhaltung entsteht in diesem Zwischenraum zwischen ganz präzisen Überlegungen und ganz großem Mut zum Unfertigen. Das muss niemand mehr erfinden. Aber können muss man es eben schon.
Aus epd medien Nr. 39 vom 23. September 2016
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Klaudia Wick