Tagebuch
Der Welterklärer. Die Karten des Jean-Christophe Victor
Frankfurt a.M. (epd). "Hic sunt leones." - "Hier sind Löwen", mit diesen Worten kennzeichneten Kartographen im späten Mittelalter und in der Renaissance unerforschte Gebiete. Um ihre Aussage zu illustrieren, zeichneten sie dort Drachen und Seeungeheuer ein. Heute, im Zeitalter von Satelliten, Global Positioning Systems und Google Maps, gibt es keine unerforschten Gebiete mehr - sollte man meinen. Doch Karten als Abbildungen der Welt üben auf viele nach wie vor eine große Faszination aus. Dieser Faszination erlag der französische Journalist und Ethnologe Jean-Christophe Victor schon als kleiner Junge. In der Sendung "Mit offenen Karten" beim deutsch-französischen Sender Arte gab er die Begeisterung für diese Weltmodelle weiter und wurde für viele französische Schüler und Studenten zum beliebtesten Erdkundelehrer.

Vor allem junge Leute hätten Victor geliebt, sagte die französische Journalistin Emilie Aubry in einer Sendung, die Arte dem Ende Dezember im Alter von 69 Jahren plötzlich verstorbenen Journalisten am 7. Januar widmete. 1990 hatte er die Sendung "Mit offenen Karten" ("Le dessous des cartes") aus der Taufe gehoben, die bei Arte und dem französischen Sender La Sept gezeigt wurde. Jeden Samstag erklärte er in zehn bis zwölf Minuten die Weltpolitik anhand von Landkarten.

Dabei konzentrierte er sich nicht nur auf einzelne Länder wie den Iran oder Finnland, sondern er suchte nach Ursachen für Konflikte. Er sprach über Fluchtursachen, etwa in Eritrea, und erklärte anhand der Karten, wie sich die Fluchtrouten änderten und warum die Eritreer auf einmal nicht mehr über die Sinai-Halbinsel den Weg in die Freiheit suchten, sondern über das Mittelmeer nach Italien kamen.

Als der designierte US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf ankündigte, er werde eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten, nahm Victor dies zum Anlass, in seiner Sendung den Blick auf die Mauern und Grenzzäune in der Welt zu richten. Weltweit gebe es derzeit 70 solcher Zäune zwischen unterschiedlichen Ländern, sagte er, fast fünf Mal so viele wie zum Ende des Kalten Kriegs. In der Regel würden diese Mauern gebaut, um unerwünschte Einwanderung aus anderen Ländern zu verhindern und um Länder mit unterschiedlichen Lebensstandards voneinander abzugrenzen. Wie jede seiner Sendungen beendete Victor auch diese mit einem kurzen einordnenden Kommentar: "Mauern sind nutzlos und teuer. Die Migrationskrise lässt sich nicht mit dem Errichten von Grenzzäunen lösen."

Lange bevor Erklärvideos auf Youtube populär wurden, hat Victor ein Format geschaffen, das Politik anhand von Grafiken und Piktogrammen anschaulich macht. 1992 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Virginie Raisson das "Labor für angewandte Geopolitik und Zukunftsforschung" (Lépac), das nicht nur "Mit offenen Karten" produzierte, sondern auch zahlreiche Bücher und Atlanten zum Thema veröffentlichte. Ihr Mann habe stets versucht, Geografie in Einklang zu bringen mit den Menschen, sagt Virginie Raisson. Um die Welt besser zu verstehen, sei er viel gereist. Andersartigkeit habe er stets als Bereicherung wahrgenommen. Seine erste Frage bei der Annäherung an ein neues Land sei gewesen: "Was essen die dort?"

Auch mit Google Maps befasste sich Victor in einer Sendung, als er festgestellt hatte, dass der Internetkonzern in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Versionen von Karten anbietet. So wird ein zwischen China und Indien umstrittenes Gebiet chinesischen Google-Nutzern als zu China gehörend angezeigt, während es in Indien dem indischen Staatsgebiet zugeschlagen wird. Auf internationalen Karten wird diese Region als umstritten gekennzeichnet. Der Internetkonzern will es sich weder mit den chinesischen noch mit den indischen Machthabern verscherzen. Eindrücklicher lässt sich die Bedeutung von Geopolitik kaum illustrieren.
Aus epd medien Nr. 2 vom 13. Januar 2017

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Diemut Roether