Tagebuch
Fakten und Fiktionen. Geschichte in Film und Fernsehen
Frankfurt a.M. (epd). Schüsse hallen durch den Raum, das Poltern von Soldatenstiefeln ist zu hören: Über eine Leinwand flackern Ausschnitte aus dem US-Mehrteiler "Holocaust". 1979 lief er im westdeutschen Fernsehen, als einer der ersten Filme zum Thema überhaupt in Nachkriegsdeutschland. In der ersten Woche nach der Ausstrahlung bekam der Sender 20.000 Zuschauerzuschriften, protokolliert auf gelben und grünen Karteikarten. "Unser Junge hat sehr geweint. Seine Frage: Warum hat keiner etwas getan?", ist dort zu lesen, oder: "Wir haben nicht gewußt, was damals passiert ist."

Karteikarten und Filmausschnitt sind Teil der in dieser Woche eröffneten Ausstellung "Inszeniert. Deutsche Geschichte in Spielfilmen". In sieben Themenräumen hangelt sich die Schau dabei durch die jüngere deutsche Geschichte und ihre Aufarbeitung im Film. Der Stoff reicht vom Nationalsozialismus über Flucht und Vertreibung und das Wirtschaftswunder der 50er Jahre bis hin zu DDR-Zeit und RAF-Terrorismus.

In jedem der Räume flimmert dazu ein Film über eine Leinwand, der den öffentlichen Diskurs nach Meinung der Ausstellungsmacher besonders beeinflusst hat. Dazu zählen sie neben "Holocaust" unter anderem das Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" (2006), Bernd Eichingers "Baader Meinhof Komplex" (2008) zur RAF oder den ARD-Zweiteiler "Die Flucht" mit Maria Furtwängler von 2007. Diesem kann eine enorme öffentliche Resonanz sicher nicht abgesprochen werden, traute er sich doch, durch den Komplex "Vertreibung" die Opferrolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu thematisieren.

Flankiert werden die Filmsequenzen in der Ausstellung durch Originalrequisiten, Zuschauer- und Kritikerreaktionen und Zeitdokumente. So prangt im "Wirtschaftswunder"-Raum ein Original-Wahlplakat der CDU mit der schlichten Botschaft "Keine Experimente". Im Themenraum zu Flucht und Vertreibung findet sich eine Einladung zum "Deutschland-Treffen der Schlesier" von 1959. Im RAF-Raum gibt es die Originalausstattung einer Zelle der JVA Stuttgart-Stammheim zu bestaunen, wie sie in den 1970er Jahren die Terroristin Gudrun Ensslin bewohnte.

Das sind nette Beigaben. Inwieweit sie aber, wie von den Machern intendiert, dazu taugen, das Spannungsfeld zwischen historischen Fakten und filmisch notwendiger Inszenierung und Fiktion "auszuloten", bleibt fraglich. Welchen Beitrag soll etwa eine im Themenraum "Widerstand" ausgestellte Uniform leisten, die Tom Cruise als Graf von Stauffenberg im Film "Operation Walküre" (2008) über das misslungene Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 trug?

Die Macher sind sich der Gratwanderung zwischen Fakten und Fiktion durchaus bewusst. So weist Jürgen Reiche, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, das die Ausstellung zeigt, unter anderem auf die Kritik an dem im DDR-Raum thematisierten Film "Das Leben der Anderen" hin. Tenor damals: Der von Ulrich Mühe verkörperte Stasi-Mann sei doch allzu menschlich dargestellt worden. Beim "Baader-Meinhof-Komplex" monierte die Kritik, die Perspektive der Opfer komme zu kurz. Der Ausstellungsbesucher aber erfährt davon nichts.

Erhellender sind da schon die Kritiker-Kommentare, die sich in einigen Themenräumen finden. Oder ein provokanter Zeitungsausriss, der am Eingang zur Ausstellung über einen Bildschirm flackert: "Publikumswirksame Geschichtsklitterung" steht da geschrieben. Das bleiben jedoch Randaspekte, dominiert wird die Schau von den Filmausschnitten.

Die Ausstellung will viel, schon allein durch die Abhandlung von rund einem halben Dutzend historischer Epochen. Dazu soll auch noch Medienkompetenz vermittelt werden. Nicht unwahrscheinlich also, dass Besucher vor allem wegen der berühmten Filmtitel in die Ausstellung gehen - und sonst nicht viel hängenbleibt.
Aus epd medien Nr. 14 vom 7. April 2017

Johannes Süßmann