Tagebuch
Verlässlicher Hort. Der Kinderkanal wird 20 Jahre alt
Frankfurt a.M. (epd). Als der Kinderkanal vor 20 Jahren startete, ließen Werbeslogans wie "Gewaltfrei. Werbefrei. Frei ab drei" oder "Wenn. Dann. Den" keinen Zweifel daran, an wen sich die PR-Kampagne richtete: nicht etwa an die Zielgruppe, sondern an fernsehkritische Eltern. Nicht minder raffiniert war die Idee, vor allem die Mütter zu treuen Verbündeten zu machen: Wer selbst schon mit "Wickie", "Heidi", "Biene Maja", der "Sendung mit der Maus" oder "Löwenzahn" aufgewachsen war, leistete seinen Kindern begeistert Gesellschaft. Natürlich war die Programmierung der Klassiker auch der Tatsache geschuldet, dass der Kika, wie der Sender bald bei allen (und ab 2000 auch offiziell) hieß, anfangs noch keine eigenen Produktionen hatte. Das Image der "Resterampe" legte sich aber bald.

Ein anderer Kritikpunkt hat nach wie vor Gültigkeit: Ehemalige Kinderfernsehgrößen wie die ZDF-Legende Josef Göhlen bemängeln, dass das Kinderprogramm durch die Auslagerung in den Kika nicht nur weitgehend aus den öffentlich-rechtlichen Vollprogrammen, sondern auch aus der Öffentlichkeit verschwunden sei. Zum letzten Mal Schlagzeilen hat das Kinderfernsehen bei der Kika-Ausstrahlung der "Teletubbies" gemacht - das war 1999. In den Redaktionen hält man das jedoch für ein Thema von gestern, das angesichts der Fragmentierung des Medienmarktes ohnehin obsolet sei. Zu dem Hinweis, auch in der Medienberichterstattung werde das Kinderfernsehen kaum noch wahrgenommen, heißt es lapidar: "Das war doch schon immer so."

Abgesehen davon konnten ARD und ZDF damals gar nicht anders, denn knapp zwei Jahre zuvor hatten RTL und Disney die gemeinsame Tochter Super RTL lanciert. Das Risiko, die Zielgruppe ans Privatfernsehen zu verlieren, wäre viel zu groß gewesen. Aus Eltern- und Kindersicht wog freilich ein anderes Argument viel schwerer: Bis zum Kika-Start hatte das Kinderprogramm immer wieder dran glauben müssen, wenn irgendwelche Sportübertragungen anstanden oder der Papst nach Deutschland kam. Ab 1997 hatte das Kinderfernsehen seinen verlässlichen Hort.

Dank der ausgewogenen Mischung aus Unterhaltung und Information, Trick- und Realserien, Klassikern und neuen Produktionen erarbeitete sich der Sender weitere Sympathien. Die Maxime, nicht Markt-, sondern Qualitätsmarktführer sein zu wollen, zahlte sich auch in Form einer Vielzahl von Preisen aus. Gerade im Informationsbereich ist der Kika nicht zu schlagen. Bei Wissensformaten wie "Checker Tobi" (BR), "Wissen macht Ah!" (WDR) oder "pur+" (ZDF) können auch Eltern noch eine Menge lernen; die Kindernachrichten "logo!" (ZDF) sind ein Alleinstellungsmerkmal weit über Deutschland hinaus. Konkurrenzlos ist auch das Vorschulprogramm mit Magazinen wie "Die Sendung mit dem Elefanten" (WDR), "Kikaninchen" oder "Ene Mene Bu" (beide Kika).

Der Ruf des Kinderkanals war und ist derart gut, dass selbst die 2010 bekannt gewordene Betrugsaffäre - ein Herstellungsleiter hatte mit Hilfe fingierter Rechnungen über Jahre hinweg mehr als acht Millionen Euro unterschlagen - daran nichts ändern konnte. Intern ist die Sache seit Mai 2015 offiziell abgeschlossen, extern sorgte sie nur innerhalb der Medienbranche für Aufregung. Der interessierten Öffentlichkeit genügte das Signal: "Kommt nicht wieder vor."

Auch sonst gibt es Kritik allenfalls in Form zarter Hinweise: Die Zahl der Realserien habe gegenüber früher abgenommen (was man beim Kika anders sieht), und es wäre schön, wenn der Sender den Kurzfilm stärker berücksichtigen könnte. Eltern beschweren sich mitunter, dass Sendungen allzu rasch aus der Mediathek verschwinden. Man findet sie dann zwar noch illegal eingestellt auf YouTube, aber dort womöglich durch Werbung unterbrochen; das ist wahrlich nicht Sinn der Sache. Ansonsten aber: Friede, Freude, Eierkuchen. Na dann: Glückwunsch.
Aus epd medien Nr. 11 vom 17. März 2017

Tilmann Gangloff