Tagebuch
Großes Theater. Wie Staatspräsident Macron medial regiert
Frankfurt a.M. (epd). Modernisierung Frankreichs? Dann erst mal ausziehen aus dem Elysée-Palast, so der Rat des "Spiegel" nach dem Wahlsieg Emmanuel Macrons. Doch der setzte gleich zum Auftakt auf die große Geste: einsames Schreiten über einen weiten Platz des alten Königspalastes Louvre, dazu Beethoven, eine Bühne vor der berühmten Glaspyramide (Rück- und Vorschau auf Ägyptens Herrscher?), ringsum europäische Sterne auf blauem Grund: großes Theater, in der Tat.

Seither hat es der junge Präsident nicht an Schaustellungen fehlen lassen. Jüngst mit einer blau, weiß, rot grundierten Trauerfeier für einen ermordeten Polizisten, im letzten Jahr mit der Europabeschwörung in der Sorbonne: inszeniert als Verkündigung, der Redner in perfekter Links-Rechts-Symmetrie eingerahmt von jungen Menschen. Seht her: Das ist eure Zukunft. Die Rhetorik perfekt in Stil, Tempo und Rhythmus. In Frankfurt schlug Macron in derselben Manier das Buchmessen-Publikum in Bann. Französische Gäste atmeten vernehmbar auf: Endlich können wir wieder stolz sein.

Und jetzt, ein Jahr nach seiner Wahl, in einer Phase der Konfrontation? Streiks bei der Eisenbahn und bei Air France, wütende Bauern, belagerte Universitäten, heftige Schlachten mit Öko-Militanten um eine mittlerweile gestoppte Flughafenerweiterung, empörte Rentner wegen zusätzlicher Lasten. Wie und wo auftreten, um öffentlich zu wirken und zu überzeugen, wo doch lange die Devise war, die Medien kurz zu halten?

Die Strategie in der letzten Woche: ein Doppelschlag. Erst ein einstündiges Interview zur Mittagszeit beim großen Privatsender TF1, dann ein Mega-Interview mit zwei Journalisten vom privaten Nachrichtensender BMFTV und dem superkritischen Netzportal Mediapart. Kein Heimspiel beim staatlichen Medienkonglomerat France Télévisions? So, wie es hier Angela Merkel hält, wenn sie bei Anne Will ihre Flüchtlingspolitik propagiert oder beim ZDF unterm "Was nun, ...?"-Logo ihre Regierungs-Wiedergeburt feiert?

Bei TF1 musste auch Macron nichts Schlimmes befürchten, außer, nicht schwer zu erahnen, Hohn und Spott. Denn tatsächlich hatte ihn "Mittagsjournal"-Chef Jean-Pierre Pernaut in eine Grundschule in einem 1000-Seelen-Dorf in der Normandie gelockt, bitte schön, Bildung als Grundlage von allem, kleine Stühle, Kaffeebecher und bunte Kinderbilder als Ambiente.

Danach, unvermeidlich, unerbittlich, die Häme nicht nur der Opposition: eine Märchenstunde vor mehr als sechs Millionen Zuschauern, der Präsident als Lehrer, der den Franzosen seine Weltordnung erklärt. Mit Grundzügen, die inzwischen viele als autokratisch empfinden, als moderne Wiedergeburt napoleonisch inspirierter Herrscherattitüde. Auch im Interview erklang immer wieder die unentwegte Unbeugsamkeitsformel "Moi, je...", sinngemäß: Ich, der ich... - das Ego als Willens- und Gesetzgeber.

Allerdings, Chapeau, dem setzten im zweiten Interview die Journalisten Jean-Jacques Bourdin und Edwy Plenel eine harte Staatsanwaltsattitüde entgegen, im offenen Hemd, ohne "Monsieur le Président"-Etikette. Der Rahmen allerdings war schon wortwörtlich großes Theater: das Théatre National de Chaillot, Neoklassizismus mit Jugendstil- und Wagner-Anklängen, mystisches Helldunkel im Riesenfoyer, der Eiffelturm als Bühnen-Hintergrund - während früher immer der Elysée-Palast für die Medienaudienz diente. Ob trotz oder wegen der Theater-Einbettung: Emmanuel Macron behielt, der attackierenden Journalisten-Härte zum Trotz, die Fassung. Vielleicht hatte er vor allem eines im Kopf: Hier war vor 70 Jahren die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verkündet worden. Alles bestens also für einen Präsidenten, der visionär sein will und den entsprechenden Blick beherrscht. Total.
Aus epd medien Nr. 16 vom 20. April 2018

Uwe Kammann