Tagebuch
"Vois" ist Geschichte. Über Medienvielfalt in der Provinz
Frankfurt a.M. (epd). Im Oberzentrum Münster mit seinen gut 300.000 Einwohnern gibt es mindestens sechs oder sieben lokale Blogs, die um die Gunst der Online-Leserschaft buhlen. Sie arbeiten, soweit bekannt, alle weitgehend ehrenamtlich, ihre Informationen gibt es kostenlos - ohne Paywall, ohne Werbung. Untereinander konkurrieren sie allenfalls publizistisch und in der Reichweite, um Abonnenten oder Anzeigenkunden findet kein Wettbewerb statt.

Im Jahr 2009 sollte ausgerechnet im etwa 35 Kilometer von Münster entfernten Steinfurt eines, so der eigene Anspruch, "innovativsten Medienprojekte Deutschlands" entstehen: das Online-Portal "Vois". Mit einem starken Akzent auf Bewegtbildern, mit der technischen Möglichkeit, aus einem eigenen Studio etwas wie lokales TV zu produzieren; inhaltlich aber dann doch nicht so weit entfernt von dem, was etablierte Tageszeitungen Tag für Tag betreiben. Mit einer Handvoll fest angestellter Mitarbeiter, mit eigenem Firmenwagen. So ein bisschen großes Kino halt.

Es gab viele Überlegungen, wie man an Erlöse kommen könnte, Werbevideos und Anzeigen, Familienanzeigen auch. Grundlage des Geschäftsmodells waren die verkauften Abos. Am Ende kostete der Zugang für ein Premium-Abo von "Vois" fast 20 Euro, den Wochenpass gab es für 8,99 Euro. Das war offensichtlich vielen Steinfurtern zu teuer. Denn kürzlich musste sich die junge, teilweise aus Münster kommende Crew mit einer Nachricht in eigener Sache im Internet melden: "Vois, das Anfang 2009 vom Verlag Winter gegründete Online-Format, das Steinfurt, Horstmar und Leer eine weitere publizistische Stimme geben sollte, hat seinen Betrieb Ende Januar dieses Jahres eingestellt."

Mit dem Ende von "Vois" muss der Steinfurter Verlegersohn Stefan Brües zumindest vorübergehend seine ambitionierten Pläne beerdigen. Brües, im Hauptberuf Professor für Medientechnik an der Universität Wuppertal, hatte sich vorgenommen, das alte Printprodukt "Steinfurter Kreisblatt" seiner Eltern mit "Vois" in die digitale Welt zu überführen. Nun ist das "Lokalmedium der nächsten Generation" (Brües) nach acht Jahren schon Geschichte. Genauso wie die Vorträge von Brües auf Bloggerkonferenzen über das nahende Ende der gedruckten Zeitung. Dieser Abgesang kam vielleicht doch ein wenig zu früh, wie Brües inzwischen selbst sagt. Der Markt im beschaulichen Steinfurt mit seinen 35.000 Einwohnern sei vielleicht doch ein relativ kleiner gewesen, sagt er im Gespräch mit dem epd. Deshalb sei es nicht gelungen, ein solides, nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln.

Wie viel ihn das zukunftsweisende publizistische Abenteuer gekostet hat, ist genauso wenig bekannt wie die Anzahl der zahlenden Abonnenten, die "Vois" zuletzt noch hatte. Spekuliert wird, dass sie möglicherweise nur in einem zweistelligen Bereich lag. Wie den zahlreichen Einträgen auf der Facebook-Seite zu entnehmen ist, bleibt eine große Schar von "Vois"-Fans enttäuscht zurück, die insbesondere die lokale Sportberichterstattung vermissen.

Überlebt hat das zu den "Westfälischen Nachrichten" (Medienhaus Aschendorff) gehörende "Steinfurter Kreisblatt". Es ist inzwischen die einzige Tageszeitung am Ort, nachdem 2014 die "Münstersche Zeitung" (MZ) ihre Redaktion dort eingestellt hat. Die MZ ist in der Zeitungsgruppe Münster des Aschendorff-Konzerns aufgegangen. Das Lokalradio Radio RST berichtet gelegentlich aus Steinfurt - und an dessen Betriebsgesellschaft und Vermarktungsgesellschaft ist beteiligt: das Medienhaus Aschendorff. Die Provinz braucht noch viele innovative Medienunternehmer wie Stefan Brües, wenn die publizistische Vielfalt nicht nur ein Privileg der großen Metropolen sein soll. Auch wenn das Risiko des Scheiterns groß ist.
Aus epd medien Nr. 8 vom 24. Februar 2017

Frank Biermann