Tagebuch
Von Lügen und Desinformation. Das LPR-Forum Medienzukunft
Frankfurt a.M. (epd). "Verschwörungstheorien und Verdächtigungen haben Konjunktur", sagte kürzlich der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte der "Zeit". In den Sozialen Medien verbreiten sich Meinungen und sogenannte alternative Fakten ungefiltert, und nicht selten werden diese "Fakten" von Leuten in die Welt gesetzt, die anderen die Verbreitung von Fake News vorwerfen oder die über die "Lügenpresse" schimpfen. Und warum reden wir eigentlich von "Fake News", wenn wir eigentlich Propaganda oder Lüge meinen? Darüber diskutierten der Spindoktor Kajo Wasserhövel, der Werbepsychologe Joost van Treeck und der Politikwissenschaftler Eike-Christian Hornig am 30. März beim LPR-Forum Medienzukunft in Frankfurt am Main, das in diesem Jahr ein ganz weites Themenfeld aufspannte: "Im Universum der Fiktion - Über maschinengenerierte Information und atomisierte Öffentlichkeit."

Der Politikwissenschaftler Philip N. Howard, Forschungsdirektor des Oxford Internet Instituts, problematisierte in seinem einführenden Beitrag den schwer zu definierenden Begriff der Fake News: "Vieles, was wir Fake News nennen, ist eher als Nachricht getarnte Propaganda oder als Kommentar zu bezeichnen", sagte er. Häufig sei es schwierig, eine Nachricht definitiv als falsch auszumachen.

Doch Howard hatte auch gute Nachrichten für seine deutschen Zuhörer: Während in den USA vor der Wahl den über Twitter verbreiteten professionell erstellten Nachrichten ebenso viele "Junk News" gegenüberstanden, sei vor der Bundespräsidentenwahl in Deutschland das Verhältnis mit 4:1 deutlich günstiger gewesen. Auch der Einfluss sogenannter Social Bots, also automatisierter Accounts, die eine menschliche Präsenz im Web vortäuschen und bestimmte Inhalte massenhaft weiterverbreiten, sei in Deutschland noch relativ gering.

Dennoch forderten Wasserhövel und Joost van Treeck, dass die Parteien vor dem Wahlkampf über die Ethik in Wahlkampagnen diskutieren müssten - und dass auch darüber gesprochen werden müsse, welche Funktion Wahlkämpfe haben. Diese seien "Dienstleistung an der Demokratie", sagte Wasserhövel.

Der Werbetexter Fritz Iversen berichtete vom zivilgesellschaftlichen Projekt "Schmalbart", das sich gegen rechtspopulistische Meinungsseiten im Internet richtet und Aufklärung und Information gegen Vorurteile und fremdenfeindliche Narrative setzen will. Es gehe darum, "die Durchsetzungskraft von Unsachlichkeit, Dauerpolemik und Vorurteilen zu schwächen", erläuterte er. Im Bayerischen Rundfunk sind Journalisten und Programmierer derzeit mit dem Aufbau einer Datenbank beschäftigt: Der "Factfox" versammelt ebenfalls Informationen, mit denen Social-Media-Redakteure in Online-Diskussionen mit Nutzern schnell im Netz kursierende Lügengeschichten und Desinformationen widerlegen können.

Die Lage sei zwar ernst, aber nicht hoffnungslos, sagte die politische Korrespondentin der "tageszeitung", Bettina Gaus. Sie beobachte derzeit mit Interesse, wie in den USA das System der demokratischen Kontrolle funktioniere: Donald Trump beschimpfe "Medien, die ihn kritisieren", die Kolleginnen und Kollegen "zucken mit den Schultern und veröffentlichen weiterhin, was sie für richtig halten". Auch der Politikwissenschaftler Hornig plädierte angesichts des Erstarkens populistischer Kräfte dafür, nicht hysterisch zu werden, sondern das Thema ernst zu nehmen und dagegenzuhalten.

Das LPR-Forum Medienzukunft (http://u.epd.de/sqz), das von der Hessischen Landesanstalt für Privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) veranstaltet wird, fand in diesem Jahr bereits zum achten Mal statt. Wir dokumentieren die Veranstaltung mit freundlicher Genehmigung der LPR und der Referenten.
Aus epd medien Nr. 21 vom 26. Mai 2017

Diemut Roether