Kritik
Zurück in die Siebziger
VOR-SICHT: "Für dich dreh ich die Zeit zurück", Fernsehfilm, Regie: Nils Willbrandt, Buch: Uli Brée, Klaus Pieber, Kamera: Peter Nix, Produktion: Mona Film (ARD Degeto/ORF, 26.5.15, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Je älter Schauspieler werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen das Angebot gemacht wird, die Rolle eines an Demenz oder Alzheimer Erkrankten zu übernehmen. Wenn die Erinnerung nicht trügt, hat es 2002 mit Götz George ("Mein Vater") angefangen. Ihm folgten unter anderem Peter Simonischek ("Mit einem Schlag", 2008), Klaus Maria Brandauer ("Die Auslöschung", 2013), Christiane Hörbiger ("Stiller Abschied", 2013), Hannelore Hoger ("Nichts für Feiglinge", 2014), Robert Atzorn ("Mein vergessenes Leben", 2015).

Einige dieser Filme waren als Drama, andere als Tragikomödie angelegt. Die österreichisch-deutsche Koproduktion "Für dich dreh ich die Zeit zurück" versucht, das Drama mit Elementen der Tragikomödie zu verbinden. Und jetzt hat es Gisela Schneeberger getroffen, die Rolle einer an Alzheimer Erkrankten zu übernehmen, nachdem sie an der Seite von Peter Simonischek ("Mit einem Schlag") noch die Ehefrau eines Mannes spielte, der infolge eines Schlaganfalls sein Gedächtnis verloren hat. Hier ist sie also Erika, seit 40 Jahren verheiratet mit Hartmut (Erwin Steinhauer).

Während sich aber in den bisherigen Filmen der Verlust der Erinnerung erst nach und nach, an scheinbar harmlosen "Vergesslichkeiten", als beginnende Demenz erwiesen hat, ist Erika bereits - wie Hartmut von der Ärztin erfährt - "am Beginn der Stufe 3. Da ist nichts zu machen, Sie müssen sich der Realität stellen. Die Frau, die Sie kannten, existiert nicht mehr." Dann fügt sie noch den Satz hinzu: "Alzheimer-Patienten versuchen, alte Konflikte zu lösen, die sie belasten, um ihren inneren Frieden zu finden." Hartmut entgegnet: "Nach 40 Jahren Ehe gibt’s keine ungelösten Probleme." Das wird sich als Trugschluss erweisen, und leider auch als dramaturgisch wenig überzeugend eingefädelt, vor allem unnötig zugespitzt auf eine Lebenslüge, von der nur schwer zu glauben ist, dass sie 40 Jahre lang bei keinem der vier Betroffenen, die sogar als Nachbarn nebeneinander wohnen, Misstrauen erregt hat.

Zu Beginn lernt man Erika und Hartmut im Auto kennen: Er sitzt am Steuer, sie redet wirr, kritisiert seine Fahrweise und siezt ihn, weil sie ihn für den Taxifahrer hält. Die beiden sind auf dem Weg zu einer Disco, die ihre Enkelin Helena (Ella Rumpf) gemeinsam mit ihrer lesbischen Freundin Daniela (Miriam Fussenegger) betreibt. Es ist Tag, die Disco ist noch geschlossen, aber aus den Lautsprechern ertönt der Song von Boney M: "Daddy Cool" (passenderweise mit der bekannten Zeile: "She’s crazy like a fool"). "Komm, Harti!", ruft Erika, "unser Lied!" Und beide tanzen.

Es ist eine rührend komische Szene, in der das wiederauflebt, was zur Prämisse des Films werden soll: Die Rückkehr in die Zeit der glücklichen 70er Jahre, die sich nicht nur auf der Tonspur zurückmelden mit Hits aus jener Zeit, sondern auch visuell mit gelegentlichen Rückblenden in das unbeschwerte Herumtollen von vier Jugendlichen an einem Lagerfeuer am See. Hartmut will nun für sein "Schatzl" die Zeit zurückdrehen, nachdem er in einem Buch über Alzheimer gelesen hat, die Kranken lebten in einer eigenen Welt, man müsse "die Erinnerungen erlebbar machen", dann kehre "ein Stück Heimat" zurück. Und es gelingt ihm schließlich auch, mit Hilfe der Enkelin Helena, das Haus in eine wahre Hölle der 70er Jahre zu verwandeln.

Aber so einfach ist das zunächst nicht: Sohn Thomas (Simon Schwarz) liegt seinem - sichtlich überforderten - Vater in den Ohren, die Mutter müsse ins Pflegeheim. Und die hinreißende Gisela Schneeberger stattet Erika mit allen Nuancen aus, die den Umgang mit einem unberechenbaren Alzheimer-Patienten so schwierig machen: eben noch anschmiegsam und hilflos, im nächsten Augenblick schon aggressiv und fordernd, dann wieder überraschend klar im Kopf, wie in jener Szene in der Buchhandlung, in der sie jahrzehntelang gearbeitet hat: Während sich Hartmut mit ihrer früheren Kollegin unterhält, geht Erika auf einen Kunden zu, fragt ihn nach seinem Wunsch, holt mit schlafwandlerischer Sicherheit das Buch, das er kaufen will, aus dem Regal - und läuft in der nächsten Szene schon wieder, achtlos wie ein Kind, im brausenden Autoverkehr über die Straße.

Auch Erwin Steinhauer spielt großartig: die Tragik, die darin liegt, einen geliebten Menschen, trotz dessen körperlicher Anwesenheit, Tag für Tag weiter zu verlieren, der Unberechenbarkeit nicht gewachsen zu sein, und trotzdem die Hoffnung auf klare Momente des Wiedererkennens nicht aufzugeben. Wunderbar auch die Szene, in der Hartmut nach Hause kommt und die Küche blitzblank aufgeräumt vorfindet. Ungläubige Freude über Erikas anscheinend plötzlich wieder erwachte Ordnungsliebe zeigt sich auf seinem Gesicht. Erika strahlt und zitiert triumphierend einen Werbespot aus den 70ern: "Nicht nur sauber, sondern rein!" Dann öffnet er den Kühlschrank - und ein Wust an Küchengeräten purzelt ihm entgegen.

"Oma retten mit ein paar alten Möbeln ist der absolute Vollscheiß, du hast doch bloß Angst, allein zu sein", knallt ihm seine Enkelin an den Kopf - ehe sie dann doch mit einem Möbelwagen voll passender Lampen, Tapeten, Stühle und Schallplatten vor dem Haus steht. Auch da lässt Steinhauer mit seinem diskreten Spiel im Vagen, ob er Helena insgeheim recht gibt, vielleicht selbst daran zweifelt, ob er seine unheilbar kranke Frau auch deshalb nicht an "professionelle" Hilfe im Pflegeheim ausliefern, sondern zu Hause "retten" will, damit sein eigenes Leben noch einen Sinn hat. Immerhin hat er ja nun gut zu tun mit der Umgestaltung des Hauses und dem gemeinsamen Tanzen nach alten Disco-Hits.

Und der umwerfende Höhepunkt des Films - Hartmuts Traum kurz vor dem Ende, in dem er mit sämtlichen Nachbarn auf der Straße eine "Dschinghis Khan"-Nummer aufführt -, demonstriert ja auch, in welchem Ausmaß ihn selbst das Projekt "Für dich dreh ich die Zeit zurück" wiederbelebt. Gäbe es nicht die Lebenslüge, dieses nachlässig konstruierte "ungelöste Problem" mit den Nachbarn Angie und Jonas (Andrea Eckert und Nikolai Klinkosch), das der Geschichte als Sex-Relikt aus den 70ern aufgepfropft worden ist - gäbe es das nicht, wäre dieser fantasievolle Alzheimer-Film mit seinen fabelhaften Hauptdarstellern eine in jeder Hinsicht herausragende Tragikomödie geworden.

Aus epd-medien Nr. 20 vom 19. Mai 2017

Sybille Simon-Zülch