Kritik
Zu gut gemeint
VOR-SICHT: "Toter Winkel", Fernsehfilm, Regie: Stephan Lacant, Buch: Benjamin Zakrisson Braeunlich, Kamera: Michael Kotschi, Produktion: Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion (ARD/WDR, 3.5.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Mitten in der Nacht klingelt es bei Familie Krasniqi. Uniformierte halten dem schlaftrunkenen Vater ein amtlich aussehendes Dokument vor das Gesicht. Ihr Auftreten ist rüde. Das Bleiberecht sei widerrufen, die 17 Jahre lang Geduldeten seien "vollziehbar ausreisepflichtig", jetzt gehe es sofort im Sammeltransport nach Pristina. Aufstehen, zusammenpacken, nur 20 Kilo, aber zackig. Die Mutter trennt hastig Erinnerungsfotos aus den Alben. Der Vater (Kasem Hoxha) beteuert, nie einen Abschiebebescheid erhalten zu haben und will reden. Teenagertochter Anya (Emma Drogunova) sammelt verwirrt die Spielzeuge der kleinen Geschwister ein. Vor dem Haus wird dem Vater beim Versuch, einen Anwalt zu benachrichtigen, das Telefon aus der Hand gerungen. Im Gemenge flieht Anya, wird verfolgt und durch Hinterhöfe gejagt, schafft es schließlich über die Autobahn zum Mittelstreifen. Einer der Verfolger hat weniger Glück. Ihn erwischt frontal ein Lastwagen.

Was ist das, was in den ersten fünf hochdramatischen Minuten des Spielfilms "Toter Winkel" zu sehen ist? Die Abschiebeaktion eines "Zuführkommandos" wie in der minutiös beobachtenden Reportage "45 Minuten - Protokoll einer Abschiebung"? Wohl nicht. Spätestens, wenn der Familienvater zu telefonieren versucht, wenn der behördlich angeordnete Vorgang in eine gewaltsame Deportation kippt, ahnt der Zuschauer, dass hier etwas faul ist. Erst einmal bleibt ein fulminantes Unsicherheitsgefühl. Deutschland, ein Rechtsstaat? Und was sagt es über uns Zuschauer aus, dass wir die Szenenfolge bis zum Handgemenge für eine bürokratisch veranlasste polizeiliche Aktion halten?

Schnitt. Karl Holzer (Herbert Knaup) sitzt am Bett seiner Enkelin Nora (Eve Marie Gleißner). Er singt ein Schlaflied, um die Zeit zu überbrücken, bis sein Sohn Thomas (Hanno Koffler) von der Nachtschicht kommt. Elsa Holzer (Johanna Gastdorf) schaut, wie der Sohn das schläfrige Kind behutsam in Empfang nimmt. Großmütterlicher Stolz und Fürsorge lassen sie als gänzlich unaufgeregte Person erscheinen. Auch hier nur ein Moment der Irritation, nicht beim Zuschauer diesmal, sondern bei der Figur Karl. Seltsam heller Schmutz ist an Thomas' Auto zu sehen. Man könnte fragen, woher er kommt. Karl fragt nicht. Man vertraut sich in dieser Familie.

"Toter Winkel" hat zwei scheinbar verschiedene Erzählstränge, die konsequent, Ereignis für Ereignis und Enthüllung um Enthüllung, 60 Minuten lang aufeinander zugeführt werden, bis sie in einem Akt außerordentlich menschenverachtender Gewalt zu einem einzigen Netz aus rechtsterroristischen Untergrundverbrechen werden.

Das Buch von Benjamin Zakrisson Braeunlich benutzt dabei mehr als einmal auch dramaturgische Trickserei, so am Anfang, als er die Abschiebeaktion langsam ins Brutale kippen lässt, um den Zuschauer gezielt drauf kommen zu lassen. Regisseur Stephan Lacant und Kameramann Michael Kotschi spielen ebenfalls mit szenischen und bildlichen Scheinverharmlosungen, um die Maske der NS-Täter möglichst lange möglichst undurchdringlich zu machen, um sie dann plötzlich herunterzureißen. Gelegentlich geht das auf Kosten der hier und da überdeutlich herausgestellten Aufklärungsabsicht.

Anders als beispielsweise im Film über die NSU-Täter von Christian Schwochow geht es in "Toter Winkel" nicht um Differenzierungen und Details, sondern um eine klare Botschaft: Seht ihr, so macht sich der rechte Terrorismus mitten unter uns breit. Es sind Kinder der bürgerlichen Mittelschicht mit perfekter Gesinnungstarnung, nach außen liebevolle Ehemänner, Väter und Söhne, die ihr Doppelleben nur führen können, weil wir nichts ahnen und nichts wissen wollen.

Um nicht missverstanden zu werden: Diese Botschaft ist wichtig und richtig. Nicht nur aus filmästhetischer Sicht aber hat "Toter Winkel" auch Schwächen. Vor allem der Fokus auf die Vater-Sohn-Beziehung von Karl und Thomas in den letzten 30 Minuten und Karls Handlungen zum Ende hin sind im Einzelnen nicht besonders plausibel. Da ist vieles zu gut gemeint.

Um seine Botschaft deutlich zu machen, zeichnet das Buch vor allem Karl und seine Frau Elsa nicht nur als gutbürgerliche Mittelstandsleute, es zeichnet Karl auch als naiv. Die Beziehung zu Thomas ist so eng, wird behauptet, da soll es nie aufgefallen sein, dass Enkelin und Kindergartenkind Nora so gern die "Wacht am Rhein" schmettert und Wort für Wort auswendig kann? Dass der Sohn bei der seit Jahr und Tag gemeinsam betriebenen Kaninchenzucht expressis verbis Parallelen der Notwendigkeit der Rassereinhaltung zwischen Tieren und Nationen zieht und der Rammler mit der falschfarbenen Blume umgehend im Schmortopf landet? Dass Thomas mit 16 eine "braune Phase" hatte und mit Freunden den Hitlergruß in die Kamera reckte?

"Toter Winkel" erhält seine Dynamik davon, dass der Zuschauer immer ein paar mehr Zusammenhänge sieht als Karl, der seinem Sohn gleichwohl zu misstrauen beginnt. Unvermittelt zeigt der Film nach genau einer Stunde, was mit Familie Krasniqi geschehen ist. Und wieder wirkt das Buch, bei aller Drastik und dargestellten moralischen Grenzüberschreitung, fast reißbrettartig konstruierend. Subtilere Motivation der Figuren ist seine Sache insgesamt nicht.

Thomas ist ein Spießer, aufgewachsen in einem Herrenfriseurhaushalt und unter Ladenbesitzersöhnen, der gute Ruf nach außen war immer wichtig. Aber wie er zum skrupellosen Schlächter auch kleiner Kinder wurde, soll sich der Zuschauer entsprechend ausdenken. Die Figur, von Hanno Koffler folgerichtig eher undeutlich dargestellt, bleibt diffus; ihre Aktionen und Sprüche müssen die Grundidee des Films durchdeklinieren, so wirkt es.

Auch Herbert Knaup ist, je länger der Film dauert, zunehmend thesenillustrierender Akteur. Dass dieser mitfühlende Mensch die geflohene Anya seinem Sohn trotz liberaler Überzeugungen selbst auf die Schlachtbank liefert, weil Familie über alles geht, oder weil er irgendwie an das trotz böser Taten Grundgute in Thomas glaubt, ist schwer vorstellbar, selbst wenn man es sieht.

Das Geschehen um die Flucht und das Abtauchen von Anya, die in Deutschland geboren wurde und noch nie im Kosovo war, ist demgegenüber wesentlich gelungener entworfen und inszeniert, somit viel stärker in der Wirkung. Sie taucht in der Nacht bei einem Klassenkameraden auf, der sie zunächst auf dem Dachboden versteckt und schließlich mit seiner Mutter beim Amt vorstellig wird. Emma Drogunova spielt das Mädchen in panischer Sorge um die Familie mit der großen Überzeugungskraft, die man den anderen Hauptfiguren wünschen würde. Insgesamt scheitert "Toter Winkel" an der filmischen Gestaltung des Themas Rechtsterrorismus in der Familie.

Aus epd medien Nr. 17 vom 28. April 2017

Heike Hupertz