Tagebuch
Wo der Iconic Turn begann. Wissenswertes aus Solnhofen
Frankfurt a.M. (epd). Die Frage des Iconic Turn ist unter den grundsätzlichen Diskussionen, die im Themenfeld Medien geführt werden, eine der grundsätzlichsten. Geht die Gutenberg-Ära der geschriebenen Texte ihrem Ende entgegen, weil Menschen "sich Fotos lieber anschauen als Text", wie es Instagram-Gründer Kevin Systrom formulierte? Ganz so wird es in absehbarer Zeit nicht kommen, würden wir im so gut wie gar nicht illustrierten Text-Medium epd medien natürlich antworten. Aber die Entwicklung läuft. Dass sämtliche Nachrichtenportale im Internet neben Texten immer mehr Videos anbieten, ist nur ein Aspekt.

Und die Vermehrung der bewegten wie nicht bewegten Bilder hat eine lange Vorgeschichte. Dazu gehören, um aus der "Einführung in die Geschichte der Medien" von Albert Kümmel und anderen zu zitieren, eine "unvorstellbare Modewelle" im Paris der 1820er und die "Bilderflut" in den 1830er Jahren, für die etwa Honoré Daumier steht. Beide haben wiederum doppelt bayerische Wurzeln: Alois Senefelder erfand die Lithographie, die auf dem Prinzip der Abstoßung von Fett basiert, in München, und das dafür ideale Gestein stammte aus dem Altmühltal. "Die Erfindung der Lithographie steht auf einer Stufe mit der Erfindung Gutenbergs", postuliert das paläontologische Bürgermeister-Müller-Museum im mittelfränkischen Solnhofen.

Das Haus mit dem leicht irreführenden Namen widmet sich der Lithographie dennoch nur am Rande. Mit Recht. Der Boom des besonderen Gesteins hat dem Ort noch größere Sensationen beschert. Im Kalkgestein wimmelt es von Fossilien, und 1861 wurde eine Dinosaurier-Feder entdeckt. Diese erste Spur des nicht ganz 150 Millionen Jahre alten Archaeopteryx-Flugsauriers verbreitete sich, so schnell es im 19. Jahrhundert möglich war, um die Welt. Just zu dieser Zeit wurden Charles Darwins Thesen diskutiert, und für die das damalige Weltbild revolutionierende Abstammungslehre war der missing link zwischen längst ausgestorbenen Dinos und zeitgenössischen Vögeln der schlagende Beweis. Dank Lithographie konnte die Abbildung beweiskräftig verbreitet werden.

Insofern bildet Solnhofen ein perfektes Beispiel dafür, wie fast alles mit fast allem zusammenhängt. Das erste vollständig gefundene Archaeopteryx-Fossil befindet sich seit den 1860er Jahren in London. Später entdeckte Fundstücke sind die Hauptattraktionen des Solnhofener Museums.

Im Vergleich zu ihnen verblasst die Lithographie-Abteilung. "Solnhofen ermöglicht die Welt in Farbe", steht dort zwar auf einem Textschild über die Chromolithographie, an der Senefelder ebenfalls schon arbeitete. Doch die Vitrine mit bunten Schokoladen- und Zigarrenverpackungen und Porzellan wirkt eher unspektakulär. Der Schub, den die Innovation Farbe dem Iconic Turn gegeben hat, ließe sich kraftvoller darstellen - was kein Vorwurf ans Solnhofer Museum sein soll, das das Beste aus seinen Mitteln macht - und übrigens zu den Opfern des neuen Kulturgutschutzgesetzes zählt.

Überhaupt sind Erinnerungen an Senefelder in der deutschen Museen-Landschaft zwar breit gestreut, doch alles andere als durchschlagend. In Deutschen Museum München befindet sich seine Stangenpresse. In Offenbach erinnert das Haus der Stadtgeschichte an den frühen Druck von Musiknoten, mit dem der Tausendsassa, der zunächst Bühnenstücke schrieb und über den Wunsch, sie gedruckt zu sehen, zum Drucken kam, seine ersten erfolgreichen Geschäfte machte.

Die Bedeutung des 1834 gestorbenen Erfinders für die nun an ihren Höhepunkt gelangende Entwicklung namens Iconic Turn zu spiegeln, wäre jedenfalls eine lohnende Herausforderung für Was-mit-Medien-Museen. Dafür muss man nicht abwarten, bis die Entwicklung abgeschlossen und geklärt ist, ob der "Turn" Texte tatsächlich verdrängen wird oder nur von Menschen, die das Lesen nicht mögen, überschätzt wird.
Aus epd medien Nr. 5 vom 3. Februar 2017

Christian Bartels