Tagebuch
Wo bin ich und wenn ja, warum? Der Hype um 360-Grad-Videos
Frankfurt a.M. (epd). Virtual-Reality- und 360-Grad-Journalismus will die Branche revolutionieren. "VR-Journalismus kann sprichwörtlich den Zuschauer in die Szene versetzen - das, was großer Journalismus immer schon angestrebt hat: Du bist hier!", sagte mir die US-Journalistin Nonny de la Peña, die "Godmother of Virtual Reality". Das war im April 2016. Tolles Vorhaben, denke ich, deshalb schaue ich mir an, welche Produktionen deutsche Medienunternehmen zwischenzeitlich auf die Beine gestellt haben.

"Flucht in 360 Grad - auf den Spuren der DDR", verspricht eine Doku des "Zeit"-Onlineportals "ze.tt". Zu Beginn sehe ich - ein Museum? Ein Denkmal? Die Info fehlt. Dazu die Stimme von DDR-Zeitzeugin Renate Werwigk-Schneider: "So eingeengt konnte man sich nicht vorstellen, sein Leben zu beenden." Wie, warum "beenden" - geht es nicht um eine Flucht? Von dem Titel erwarte ich mir mindestens verwackelte Bilder, gefilmt in einem Tunnel nicht viel breiter als ein Umzugskarton. Stattdessen: Stand-still-Bilder von der Mauergedenkstätte in Berlin (jetzt gibt es auch ein Info darüber, was ich sehe!) und leicht bekleideten Touristengruppen vor dem Brandenburger Tor. Zwar berichtet Werwigk-Schneider Ungeheuerliches, aber die Doku ist dann doch eher eine Audio-Slide-Show. "Überschriften sind die Push-up-BHs im Journalismus" lese ich auf "welt.de". Ich verstehe.

Auf seinem Blog "Universal Code" titelt der Online-Journalist Christian Jakubetz prophetisch: "Was uns in einer 360-Grad-Welt erwartet" - und beantwortete diesen Cliffhanger mit keiner Silbe im darauffolgenden Text. Ich bekomme den Eindruck, dass das Spiel mit 360 Grad Selbstzweck für übereifrige Kollegen ist. Hauptsache "innovativ". Der Gegenstand? Egal. "Wir zeigen dir in unserer 360-Grad-Video-Serie, wie schön Europa ist", titelt "ze.tt". Ist das eigentlich noch Journalismus oder schon PR?

Auch bei "bild.de" will man ganz nah ran. Paul Ronzheimer ist "an der gefährlichsten Front der Welt". Im Kampf gegen den IS nimmt er uns mit nach Sindschar zu den irakischen Streitkräften - "so als stünden Sie direkt an der Seite der Reporter". Toll, denke ich, Kriegsluft schnuppern! Die Bilder sind verwackelt, im Hintergrund höre ich Granaten. Der Reporter fährt stundenlang durch Trümmer und spricht mit Soldaten - hätte es das in 360 Grad gebraucht? Ja, wenn ich das Bedürfnis gelangweilter Wohlstandsjunkies nach ein bisschen Aufregung vor dem Handy befriedigen will.

"Die Monstrosität von Auschwitz spürbar machen" - der WDR setzt mit seiner "Virtual Documentary" über das deutsche Vernichtungslager in Polen noch eins drauf. Um etwas über Auschwitz zu lernen, muss man es also erspüren. Aha. "Inside Auschwitz" zeigt Aufnahmen vom Gelände, Baracken, Gaskammern - da bleibt einem ja die Luft weg. Die Doku zeige "mit neuartigen Luftaufnahmen die gewaltigen Dimensionen der Vernichtungsmaschinerie". Allerdings verstehe ich die Schoah nicht besser, weil ich Zahlen oder Fakten kenne. Die Beschreibungen der Überlebenden könnten etwas in mir auslösen, doch so wirken sie nur mehr als bloßes Beiwerk selbstverliebter Technikspielerei.

Einer letzten Reportage gebe ich die Chance, mich zu überzeugen: Die Live-360-Grad-Aufnahme vom Kölner Rosenmontagszug vom WDR. Eine halbe Stunde auf Sendung, und es passiert: nichts. Ich bewege die Maus, sehe den Kameramann an der Stange schrauben, alle paar Minuten schreit die Moderatorin Marita Köllner in die Stille: "Schöne Zuch wünsche mer' Euch!" Der Stream reißt mehrmals ab. Als sich der Wagen endlich in Bewegung setzt, ist das Bild so klein und die Menschenmenge, die den Umzug säumt, so weit weg, dass ich entnervt aufgebe und mich plötzlich eine bleierne Müdigkeit überfällt. Ich muss an Nonny und ihre Vision denken: "Wir erzählen aktuelle Ereignisse nach und provozieren dadurch bei den Zuschauern eine intensive emotionale Reaktion."
Aus epd medien Nr. 9 vom 3. März 2017

Elisa Makowski