Herzlichen Glückwunsch zum Sonderpreis des Robert Geisendörfer Preises. Was verbinden Sie mit dem Namen Robert Geisendörfer?
Joachim Kosack: Als Kind habe ich den "Weg" ausgetragen, ein evangelisches Wochenblatt, und ich kann mich daran erinnern, dass in meinem Elternhaus der Name Robert Geisendörfer fiel und auch darüber diskutiert wurde, ob die evangelische Kirche Presse machen muss. Als Produzent war das für mich immer "der kleine Grimme-Preis". Wenn man sieht, in welche Reihe von Preisträgern man da gestellt wird, ist es ein sehr besonderer Preis, der mit einem besonderen Blick auf spezielles Medienschaffen einhergeht.
Robert Geisendörfer hat ja für die evangelische Publizistik das Motto ausgegeben, sie solle eine Stimme sein für die Schwachen. Das führt mich zu der neuen Erfolgsserie von Sat.1, "Danni Lowinski". Die Heldin dieser Serie ist eine Anwältin, die für die kleinen Leute, die Schwachen, kämpft. Sie setzt sich ein für Mütter, die keinen Unterhalt kriegen, für Menschen, die kein Geld haben, die sich eigentlich keinen Anwalt leisten können. War dieser soziale Aspekt für Sie wichtig bei der Serie?
Kosack: Der war wichtig. Aber es ist ja nicht so, dass man sich mit dem Produzenten und dem Autor hinsetzt und sagt: Ich möchte gern eine Serie machen, die etwas Neutestamentarisches hat - damit würde man alle irritieren. Aber in der Entwicklung von Programm bringt natürlich jeder seine Biografie mit. In diesem Fall war für uns der Begriff des gesunden Menschenverstands sehr wichtig. Bei allen Regeln, nach denen etwa ein Rechtssystem funktioniert, wollten wir den eigenen Blick auf die Welt und auf die Zeit, in der wir leben, nicht vergessen. Wir wollten radikal sein, wir wollten radikal mit diesem eigenen Blick und der eigenen Wertevorstellung umgehen. Die Diskussionen mit dem Autor über Lösungen von bestimmten Danni-Fällen sind durchaus auch davon geprägt, wie man groß geworden ist und welche Meinung man selbst dazu hat. Wir hatten einen Fall mit einem Vater, dem die Kinder weggenommen wurden. Der ging zu Danni und sagte, ich bin doch ein guter Vater, ich will die Kinder wiederhaben. Sie hilft ihm, die Kinder zurückzubekommen, und stellt dann aber fest, dass er einfach nicht fähig ist, sich um seine Kinder zu kümmern. Sie merkt, dass sie einen Fehler gemacht hat, und setzt sich vor den Richter und sagt, ich will, dass man ihm die Kinder wieder wegnimmt. Und der Richter sagt, sie sind doch die Anwältin, sie können doch nicht gegen ihren eigenen Mandanten plädieren. Da sagt sie, doch, ich weiß, dass es falsch ist, die älteste Schwester soll es bitte machen. Und die älteste Schwester sagt, für mich ist das auch eine Riesenaufgabe, und Danni sagt, ja, es ist nicht alles leicht im Leben, aber es ist im Moment die beste Lösung. Das ist eine Haltung, zu der sie steht und die in meinem Leben auch eine wichtige Rolle spielt. Diese Haltung, eigenverantwortlich durch das Leben und durch die Welt zu gehen, ist schwer preußisch-protestantisch geprägt, und das spielt dann schon eine Rolle in solchen Diskussionen.
Das Thema, das Sie eben skizziert haben, wäre ja normalerweise eher ein Thema für einen Problemfilm am Mittwoch in der ARD. In "Danni Lowinski" haben Sie einen sehr beherzten, auch humorvollen Zugriff auf solche schwierigen Themen gewählt. Ist die Serie eine Chance, solche Themen überhaupt wieder einmal bei Sat.1 unterzubringen?
Kosack: Jein. In der Serie "Edel und Starck" wurden auch schon vor Jahren bei Sat.1 schwere moralische Fragen behandelt. Ich glaube, wir sind eher alle geprägt von den amerikanischen Serien, von der angelsächsischen Unterhaltungskultur, die sich bis heute auf Shakespeare beruft und sagt: Du kannst vor allem im Heiteren das Tragische erzählen, es gibt die Trauer nicht ohne die Freude, es gibt das Gute nicht ohne das Böse. Das alles wird miteinander verwoben. Serien wie "Ally McBeal" von David E. Kelley haben uns vor zwölf Jahren alle sehr geprägt. Man kann in der breiten Unterhaltungsindustrie, mit der man die Masse bedienen will, sehr wohl sehr schwierige, harte und politisch relevante Geschichten erzählen. Das ist kein Widerspruch. Und es ist wichtig, gut und relevant zu unterhalten. Wenn ich für viele Menschen Geschichten erzähle, kann und muss ich auch politisch relevante Geschichten erzählen können. Ich kam ja vom politischen Kabarett und vom Theater zum Fernsehen und landete bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", was damals 1996 in der Branche noch als "Schmuddelfernsehen" galt. Wir waren sieben oder acht Leute, Juristen, Dramaturgen, einer war sogar Opernregisseur, und wenn wir unten aus dem Haus gingen, standen da jeden Tag ein paar pubertierende Mädchen mit Autogrammkarten, und wir haben uns gefragt: "Was wollen wir den Mädchen da unten erzählen?" Wie erzählen wir denen zum Beispiel eine Deflorationsgeschichte? Selbst bei einer Serie wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" haben wir uns gefragt, welche Werte wir da vermitteln. Ich habe das nie als einen Widerspruch empfunden. Im Gegenteil: Man kann auch für fünf Millionen Menschen Programm mit einer gesellschaftspolitischen Haltung, einer christlichen Haltung machen.
"Man kann auch für fünf Millionen Menschen Programm mit einer christlichen Haltung machen."
Sie haben Ally McBeal erwähnt. Der Unterschied zwischen "Danni Lowinski" und "Ally McBeal" oder anderen Anwaltsserien ist ja, dass "Danni" in einem sehr einfachen Milieu spielt. Sie hat keine schicke Anwaltskanzlei, lebt mit ihrem Vater zusammen in einer Sozialwohnung. Da haben Sie einiges gewagt, weil Sie mit einer Konvention gebrochen haben, die sich im deutschen Fernsehfilm und in der Serie sehr breitgemacht hat: In der Regel leben die Protagonisten in schicken Wohnungen, die Filme spielen im Architekten-, Akademiker-, Designermilieu. "Danni Lowinski" spielt eher im wirklichen Leben. Hat das das Publikum goutiert?
Kosack: Bestimmt. Die Marktforschung oder die Zuschauerreaktionen zeigen, dass die Serie erst mal als lustig angenommen wird. Das ist eigentlich erstaunlich, denn es wird zwar gelacht, aber es passieren in dieser Serie eben auch unglaublich traurige Dinge. Das war uns wichtig, wir wollen etwas Ernstes erzählen, wir wollen etwas über dieses Land erzählen. Der Autor, Marc Terjung, der ja schon "Edel & Starck" geschrieben hatte, fragte sich, wie kann ich überhaupt noch eine neue Geschichte über eine Anwältin erzählen. Die Antwort: Sie geht ganz nach unten. Die Serie steht in der Tradition von "Liebling Kreuzberg" - ohne sich mit dem großartigen Jurek Becker vergleichen zu wollen. Es geht auch darum, sich nicht hinter Regeln zu verstecken, sondern selbst eine Haltung einzunehmen. Das war ein sehr wichtiger Aspekt. Diese Frau hat ihre Bürden. Sie ist nicht nur eine einfache Heldin, sie hat mit ihrem Vater wirklich eine Last zu tragen und geht mit dieser Last um. Aber Danni ist auch eine Frau, die nach oben will. In der ersten Folge sagt sie einem Tierschützer: Ich gebe dir keinen Euro, denn wenn ich die Kohle hätte, würde ich Pelze tragen, denn ich finde Pelze geil und ich finde auch reich sein geil. Über solche Szenen diskutieren wir lange. Danni will nach oben, aber sie will sich nicht verkaufen - und dafür lieben die Menschen sie. Die Geschichten um Danni funktionieren deswegen, weil wir sie so erzählen, dass man am Anfang lacht, und am Ende geht es einem besser. Für mich ist das eine Serie, die Trost spendet, die einem das Gefühl gibt: Ja, ich kann mich auch wehren.
Das ist natürlich auch geprägt von dem Riesenerfolg, den Sat.1 mit einer Figur wie Lisa Plenske in "Verliebt in Berlin" hatte. Es wurde immer von einer Aschenputtelgeschichte geschrieben, aber für mich ist es viel eher das Märchen vom Froschkönig. Die Heldin ist nicht die Prinzessin, sondern der kleine Frosch, der sagt: Da will ich hin und ich habe ein Recht dazu! Das ist das Ikonenhafte dieser Figur. Sie steht zu sich, sie will sich nicht an Äußerlichkeiten messen lassen, sondern an ihren Fähigkeiten, sie will Anerkennung, für das, was sie kann. Das war auch ein wichtiger Aspekt an Danni Lowinski: Die eigene Haltung zu bewahren, das ist für mich das Thema schlechthin. Wir hatten damals auch eine sehr lange und tiefgehende Debatte über die Besetzung. Alicia Remirez und ich hatten sofort die Idee, Annette Frier zu nehmen. Sie kommt aus einem sehr bürgerlichen, sehr werteorientierten Elternhaus, und man glaubt ihr, dass sie sich für Menschen einsetzt. Gleichzeitig war sie dem Sat.1-Zuschauer durch Formate wie "Schillerstraße" bekannt als eine Frau, über die man lachen kann. Annette Frier und Marc Terjung, der Autor der ersten Staffel, waren die beiden Big Points in der Entwicklung dieser Serie.
Ist Annette Frier für Sat.1 das, was Christine Neubauer für die ARD ist?
Kosack: Diese Art von Vergleichen finde ich nicht zulässig. Es stimmt natürlich, dass Annette Frier im besten Sinne des Wortes eine Volksschauspielerin ist. Das ist Christine Neubauer natürlich auch. Da geht es um Authentizität, da ist jemand, dem man glaubt, was er macht, und der nicht abgehoben ist und der den Zuschauer mitnehmen kann, den viele Menschen begreifen in dem, was er tut.
Und sie ist eine sehr begabte Komikerin. Sie ist ein großes Talent. Deswegen fand ich es sehr schade, dass "Wir müssen reden", die Improvisationsserie mit Annette Frier und Cordula Stratmann, im vergangenen Jahr gescheitert ist. Wie erklären Sie sich, dass die Serie mit diesen beiden etablierten und bekannten Komödiantinnen keinen Erfolg hatte?
Kosack: Das Konzept war nicht klar genug. Schon als nach dem Piloten klar war, dass wir diese Serie produzieren wollen, gab es damals auch eine Diskussion darüber, wie der Zuschauer begreifen soll, dass das improvisiert ist. Denn einerseits wird improvisiert, dann aber an den Schneidetisch gegangen, und dann wirkt es nicht mehr improvisiert. Dieses Problem haben wir nie gelöst. Nehmen Sie zum Beispiel den Jazz: Wenn Musiker eine Jam-Session spielen, wird vorher gesagt: Wir spielen jetzt "Autumn Leaves" in b-Moll oder a-Moll, und dann wird aufeinander gehört. So entsteht Improvisation. Das haben wir bei "Wir müssen reden" zwar auch gemacht, aber in dem Moment, wo ich 60 Minuten Material drehe und das dann schneide wie bei einem Film von Lars von Trier, kann der Zuschauer nicht mehr spüren, dass das improvisiert ist. Damit ist die Verabredung unklar, das war dann einfach zu fremd, zu merkwürdig. Wir sind da alle sehr selbstkritisch. Annette Frier hat - es war glaube ich beim Comedypreis - gesagt, sie habe den größten Erfolg und den größten Flop in einer Saison gehabt. Das ist traurig, aber man muss da auch streng miteinander umgehen können.
Kommen wir noch mal zu den Erfolgen. Sie sind ja mit den Serien "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle" auf Sendung gegangen, als die deutsche Serie in einem tiefen Tal der Tränen war. Es gab schöne Serien, aber sie kamen beim Zuschauer nicht an. Sie haben die beiden Serien dann an einem Montag platziert. Sie haben lange nach einem Sendeplatz gesucht. Woher haben Sie gewusst, dass es am Montag klappen könnte?
Kosack: Das hat keiner gewusst, auch ich nicht. Als ich 2007 anfing, haben wir mit dem damaligen Geschäftsführer von Sat.1, Matthias Alberti, eine Serienoffensive gestartet und sehr viel entwickelt. Aus diesen Entwicklungen wurden dann fünf Serien produziert: "Molly und Karl", "Plötzlich Papa", "Klinik am Alex" und eben diese beiden Serien, die ursprünglich direkt im Anschluss an "Molly und Karl" und "Plötzlich Papa" kommen sollten. Dann funktionierte der Donnerstag als Sendeplatz nicht, daraufhin wurden sämtliche Entwicklungen wieder abgebrochen. Und wenn man eine Strategie abbricht, muss man sich erst mal neu orientieren. Natürlich waren wir verunsichert. Ich habe damals jedem Produzenten gesagt, solange diese beiden Serien, "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle", nicht gelaufen sind, entwickeln wir erst mal nicht weiter. Dann haben wir lange über den Montag diskutiert, und die Zeit ging ins Land. Andreas Bartl übernahm, wir haben uns die Serien noch mal mit neuem Blick angeguckt und dann entschieden, sie beide hintereinander zu bringen. Ich habe zwar daran geglaubt, dass das funktionieren kann - aber als die Serien dann wirklich 15 Prozent hatten, war das unglaublich – damit hatte keiner gerechnet, nachdem wir sechs Jahre lang Serien im einstelligen Quotenbereich gestartet hatten... Im Nachhinein ist man immer schlauer, und ich habe geahnt und natürlich gehofft, dass es klappen kann, aber gewusst habe ich es nicht.
"Man darf sich nie über das Publikum erheben."
Ist das Publikum wieder berechenbarer geworden? Eine Zeit lang haben die Programmmacher gestöhnt und gesagt, wir wissen gar nicht mehr, was das Publikum will. Hat sich das geändert?
Kosack: Man versucht natürlich immer, den Nerv des Publikums zu treffen und aus den Erfolgen für Neuentwicklungen zu lernen. Aber wir hatten jetzt im Frühjahr zwei oder drei nicht ganz einfache Filme am Dienstagabend, die wesentlich besser liefen, als wir gedacht hatten. Dafür liefen die sogenannten Quotengaranten, die gefühlt immer funktionieren, schlechter als gedacht und schlechter als die gewagteren Filme. Es gibt zwar natürlich immer Erfahrungswerte, auf die Sie zurückgreifen können, aber man kann sein Publikum nicht ausrechnen. Ein wichtiges Fazit daraus: Wenn man nur auf Sicherheit spielt, kriegt man vielleicht einen Halberfolg hin, aber der ist nie nachhaltig. Man muss immer auch etwas riskieren.
Sie haben mal gesagt, man darf keine Angst vor dem Publikum haben.
Kosack: Das stimmt. Man darf überhaupt keine Angst haben. Der große General Kurt von Hammerstein, über den Hans Magnus Enzensberger so einen tollen Essay geschrieben hat, hat zu seinen Kindern gesagt: "Angst ist keine Weltanschauung." Das ist für mich extrem prägend. Man darf keine Angst vor dem Publikum haben. Ich lebe vielleicht anders als viele, die Sat.1 gucken, aber ich bin trotzdem auch immer Publikum. Wenn ich privat einen Film sehe oder ins Kino gehe, möchte ich wissen: Wozu werde ich eingeladen? Und wenn ich etwas völlig anderes kriege, reagiere ich genauso wie mein Publikum, wenn ich ihm etwas verspreche und das nicht einlöse. Was aber auch ganz essenziell ist: Man darf sich nie über das Publikum erheben. Da war für mich folgende Begebenheit sehr lehrreich: Ich habe 1991 in Schwedt an der Oder inszeniert. In dem Jahr war der Karneval wegen des Golfkriegs ausgefallen, und er wurde dort im März nachgefeiert. Ein Freund und ich standen im Foyer des Schauspielhauses, und wir haben uns so richtig doof über die feiernden Gäste lustig gemacht. Da kam plötzlich eine Frau auf uns zu und sagte: "Wissen Sie, mein Mann ist arbeitslos und ich gehe putzen, und ich wollte mich heute Nachmittag hier einfach nur amüsieren. Wenn Sie das doof finden, gehen Sie doch!" Und ich habe mich so geschämt und mies gefühlt, dass ich ihnen mit meiner Hochnäsigkeit ihre triste Veranstaltung madig mache. Das ist mir nie wieder passiert. Fazit: Wenn man nicht dazu stehen kann, was man den Zuschauern gibt, sollte man es nicht machen. Und man muss zu allem, was man macht, stehen - aber man sollte sich nicht über andere erheben.
"Frauen träumen sich stärker in andere Welten."
Sie wollen ja jetzt den Montag bei Sat.1 als Serienmontag etablieren. Was kommt da an Serien auf uns zu? Können Sie das verraten?
Kosack: Leider nein. Wir sind mittendrin. Alle fragen und sind ungeduldig. Wir hatten noch ein paar alte Entwicklungen in der Pipeline, die aber zu den Erkenntnissen des Erfolgs von "Danni Lowinski" und "Der letzte Bulle" nicht passten. Darum haben wir völlig neu angefangen. Wir haben 18 Entwicklungen initiiert, einiges ist schon wieder ad acta gelegt, anderes wird weiterverfolgt. Im Moment haben wir sechs sogenannte Testimonials produziert, um ein Gefühl dafür zu haben, mit welchen wir nächstes Jahr in Staffel gehen. Wir stehen jetzt kurz vor der Entscheidung, deswegen kann ich im Moment tatsächlich noch nichts verraten. Nur so viel: Wir wollen nicht den Fehler von "me too" machen, sondern eher die Atmosphäre und die Temperatur unserer Erfolge in die neuen Entwicklungen einfließen lassen. Wir sagen nicht, wir machen wieder eine Serie um einen Kommissar, und die Serie spielt diesmal nicht in Essen, sondern in Kassel...
Also Sie werden nicht, weil "Crime and Smile" gut funktioniert, fünf neue Krimikomödien präsentieren.
Kosack: Nein, das sicher nicht.
Es hieß mal, Sie wollten die "Klinik am Alex" wieder beleben?
Kosack: Ich behandle die Serie, als wäre sie noch nicht ausgestrahlt. Wir haben zwar vier Folgen gezeigt, aber auf einem sehr schwierigen Sendeplatz, donnerstags um 22.15 Uhr. Und das auch noch nach amerikanischen Spielfilmen, was generell schwierig ist, weil der Anfangszeitpunkt dann stark variiert. Wir diskutieren zurzeit darüber, wo wir diese Serie platzieren könnten...
Auch die Krimireihe "Wolffs Revier", die einmal bei Sat.1 sehr erfolgreich war, soll wiederbelebt werden?
Kosack: Wir haben uns überlegt, wieder 90-minütige Ermittlerkrimis zu entwickeln, wie seinerzeit "Der Bulle von Tölz" oder "Eva Blond". Daraus sind drei Projekte entstanden, davon ist eines "Wolff: Zurück im Revier", das andere "Die Mangold & Lucie Palm" mit Anja Kling, und das dritte ist "Im Alleingang – Die Stunde der Krähen" mit Stefanie Stappenbeck. Alles sehr starke Projekte, im letzten geht es um eine Anwältin, die in einer Kanzlei arbeitet, die vor allem Ärzten hilft, die gepfuscht haben. Diese Anwältin landet im Rollstuhl, und das Besondere ist, dass sie sich gar nicht so sehr verändert, nur weil sie plötzlich im Rollstuhl sitzt. Sie kriegt natürlich eine andere Sicht auf die Welt, aber - um mal einen Vergleich aus der Bibel zu nehmen - wahrscheinlich war auch Saulus, nachdem er zu Paulus geworden war, immer noch ein sehr tougher Typ. Er war vorher ein Macher und hinterher ein Macher. Er war nicht plötzlich ein Gutmensch und ein defensiver Mittelfeldspieler, sondern er war immer noch ein Pusher, und das ist ja auch gut. Man muss ja nicht durch bestimmte Erlebnisse seinen Charakter sofort ändern, im Gegenteil, vielleicht ist es sogar gut, dass man ihn beibehält, aber einfach mal anders auf die Welt guckt. Aber zurück zu den drei Projekten: Mit diesen 90-Minütern fangen wir jetzt mal an, und wenn der Zuschauer genauso begeistert ist wie wir, könnten daraus Reihen werden.
Das sind aber keine Projekte für den Dienstagabend?
Kosack: Das könnte auch für den Dienstag passen, aber vielleicht auch für den Montag, das verraten wir noch nicht. Starke Frauen, starke Ermittlerinnen, auf die wir uns konzentrieren, passen auf beide Abende.
Warum ist Fernsehen für Frauen so erfolgreich?
Kosack: Das ist eine interessante Frage, aber ich würde mir nicht anmaßen, das psychologisch oder soziologisch beantworten zu können.
Aber es funktioniert.
Kosack: Es funktioniert. Es hat bestimmt was mit Träumen zu tun. Schauen Sie die Lieblingslektüre der Frauen an, das hat was Eskapistisches, was Märchenhaftes. Frauen träumen sich stärker in andere Welten.
Sie setzen ja bewusst auf Frauenfilme, der Sat.1-Film am Dienstag ist etabliert mit starken Frauengeschichten.
Kosack: Absolut. Wichtig ist: Es müssen Filme sein, die nicht nur Frauen gucken, sondern die auch deren Männer oder Söhne gerne mitgucken. Mit der reinen "Sex and the City"-Dramaturgie würden wir uns schwertun. Beim "Großen Sat.1 Film" am Dienstagabend haben die Frauen die Fernbedienung in der Hand, deswegen müssen wir die als Erstes ansprechen.
Wie unterscheidet sich der Sat.1-Film am Dienstag vom Degeto-Film am Freitag?
Kosack: In dem Versuch, einerseits ein klares Programmangebot zu machen, und dann aber zu überraschen. Wir sagen: Heute kriegt ihr eine Familienkomödie, aber so habt ihr sie noch nie gesehen. Es geht um das Besondere, das nicht "Formelhafte". "Der Große Sat.1 Film" steht etwas klarer im wirklichen Leben. Ich habe mich am Theater sehr gern mit Operette beschäftigt, also mit eher künstlichen Welten. Beim Film müssen die Welten einladend sein, aber stark in der Wirklichkeit stehen. Nehmen wir einen Film wie "Liebe in anderen Umständen" mit Ulrike Folkerts: Es geht um eine Frau, die mit Mitte 40 noch mal ein Kind bekommt, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Und zusätzlich ist der Mann, von dem sie das Kind kriegt, erst Mitte 20. Das ist für mich auch angelsächsisches Erzählen: sehr reich zu erzählen. Im Grunde sind es zwei Filme in einem. Mutter mit 45 ist ein eigener Film, und eine Frau mit einem 20 Jahre jüngeren Mann ist auch ein Film. Und obendrauf kommt eine außergewöhnliche Besetzungsidee: Ulrike Folkerts als Mutter? Gerade! Und dazu Daniel Rösner, der noch nicht so bekannt ist, als jugendlichen Lover. Wir versuchen, immer etwas Besonderes zu finden. Ein Kollege aus dem Marketing hat einmal gesagt: Sat.1 ist ein Mainstreamsender, aber moderner Mainstream. Was ist moderner Mainstream? Das bedeutet, nicht vor dem Fluss zu laufen, weil die Menschen nicht das Gefühl haben wollen, sie werden überrollt. Aber sie wollen auch nicht das Gefühl haben, sie stehen am Ufer und alles zieht an ihnen vorbei. Sie wollen das Gefühl haben, dass sie gerade mittendrin sind in dem, was abgeht, um es neudeutsch zu sagen. Darum bemühen wir uns sehr. Mit besonderen Themen, mit Themen, wo wir uns einmischen.
"In Deutschland meinen TV-Redakteure noch zu sehr, dass sie selbst produzieren."
Mich wundert, dass Sie nicht sagen, unsere Filme sind viel jünger als die der ARD.
Kosack: Stimmt, aber eben nicht nur. Da geht es natürlich auch um Besetzung. Wir hatten vor drei Jahren einen großen Erfolg mit dem Film "Wenn Liebe doch so einfach wär" mit Yvonne Catterfeld. Das ist eine "Sabrina"-Geschichte, die hätte man auch mit einer sieben Jahre älteren Protagonistin erzählen können. Ja, unsere Protagonisten und Themen sind oft jünger. Aber auch die Degeto macht am Freitagabend Filme mit Julia Koschitz und Oliver Mommsen über die Liebe einer Messiefrau. Diesen Film hätten wir mit der gleichen Besetzung auch machen können. Wahrscheinlich mit einem anderen Regisseur, und wahrscheinlich wären wir auch noch härter ins Thema reingegangen. Aber bei Öffentlich-Rechtlichen und Privatsendern nur das Alter als Unterschied anzuführen, ist schwierig. Einer unserer größten Erfolge 2010 war "Barfuß bis zum Hals" mit Martin Brambach und Christoph M. Ohrt. Zwei Männer Ende 40. Normalerweise hätte jeder gesagt: Ihr könnt doch nicht zwei 50-Jährige als Identifikationsfiguren nehmen! Aber letztlich war es eben genau die Geschichte von zwei 50-jährigen Männern.
Der Produzent Nico Hofmann sagte über sie im Zusammenhang mit "Die Grenze", dem Zweiteiler, den er für Sat.1 produziert hat, Sie hätten eine "gewisse anarchische Urgewalt". Wie viel Anarchie kann man in einem Mainstreamsender wie Sat.1 wagen?
Kosack: Wir wagen viel. Auch "Die Grenze" war natürlich ein Wagnis. Und ich teile nicht Nico Hofmanns Meinung, dass der Film ein Flop war, denn das war er nicht. Wenn man Teil eins und zwei zusammennimmt, hatten sie durchschnittlich 18,7 Prozent Marktanteil, also in etwa die Quote von "Wir sind das Volk". Natürlich will man immer gerne mehr erreichen, aber mit so einem Film, der nicht nur dem Publikum gegenüber was wagt, sondern mit dem auch wir als Macher auf ein Feld gegangen sind, auf dem man keine Erfahrungswerte hat, so abzuschneiden, ist kein Flop. Auch "Restrisiko" war ein Wagnis, "Barfuß bis zum Hals" war ein Wagnis. Solche Wagnisse gehen wir immer wieder ein, und die sind richtig und wichtig. Sie sind aber auch nur möglich, weil es ein großes Grundvertrauen zwischen unserem TV-Vorstand Andreas Bartl und mir gibt. Er ist für mich ein geborener Fernsehmacher, der Räume aufmacht. Und der auch schnell entscheidet, wenn er überzeugt ist. Das ist für Kreative ganz wichtig, dass man Räume aufmacht, das sage ich auch meinem Team: Lasst die Überkontrolle! Wir machen als Senderbeauftrage ja die Filme nicht wirklich selbst, sondern der Regisseur, der Autor, der Produzent und die Schauspieler. Das ist ein wichtiges Vorvertrauen, und diese Grundeinstellung von mir ist vielleicht das Anarchische, das Nico Hofmann meint. Ich halte sehr viel davon, sich im Sender als Redaktion eher schlank aufzustellen, nicht fünf Redakteure in eine Serie zu schicken, sondern nur einen. Überkontrolle bringt nichts. In Deutschland meinen TV-Redakteure noch zu sehr, dass sie selbst produzieren. Ich sage aber: Wer produzieren will, der muss raus aus dem Sender. Wir als Senderbeauftragte sind dafür da, kreative Prozesse zu begleiten und sie möglich zu machen, zu steuern. Wir sind wie ein Glaskolben um Gas, und dieses Gas kann man nicht strukturieren. Andreas Bartl hat das immer verstanden. Und diese Einstellung ist entscheidend dafür, dass wir in diesem Sender Filme wie "Restrisiko" ausprobieren können. Über "Restrisiko" gab es intern keine Diskussion - und das, obwohl große Energiekonzerne bei uns Werbung schalten. Ein Kollege der Öffentlich-Rechtlichen sagte damals zu mir, er hätte das im Rundfunkrat wahrscheinlich nicht durchbringen können. Und so kann ich in der Diskussion um das böse kommerzielle Privatfernsehen hier einmal ganz deutlich sagen: Die Idee für den Film "Restrisiko" entstand zwölf Monate vor der Ausstrahlung und lief dann zur besten Sendezeit - toll!
"Es veredelt einen Sender, wenn er eine Größe wie Harald Schmidt hat."
Die Öffentlich-Rechtlichen haben da im Moment wohl ein größeres Problem, wenn man sich die Diskussion um den neuen "Polizeiruf" anschaut.
Kosack: Ja, wobei man die Diskussion über den Jugendschutz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch mal führen muss. Uns erstaunt das manchmal extrem, was im "Tatort" um 20.15 Uhr gezeigt wird, wir sind da unter anderer Selbstkontrolle und Beobachtung.
Wir haben eben über das Wagnis gesprochen. Die Castingshow "Deutschlands Meisterkoch", ein in England eingeführtes Format, hat Sat.1 im vergangenen Jahr übernommen, aber bei Sat.1 war es ein Flop. Was ist da schiefgelaufen bei dem Versuch, das Format für Deutschland zu adaptieren?
Kosack: Es war eine grandiose Sendung, eine tolle Jury, das Feuilleton hat sie geliebt. Aber: Casting ist bei Sat.1 nicht gelernt und deswegen eher schwierig, und dann auch noch in der Kombination mit Kochen, das war vielleicht zu speziell für den Freitagabend. Das baute auf nichts auf, was unser Zuschauer am Freitagabend erwartet.
Haben Sie das Kochen zu ernst genommen? Kochshows funktionieren im Fernsehen vor allem deswegen gut, weil nicht das Kochen im Vordergrund steht, sondern das Drumherum.
Kosack: In England, wo es ja auch eine Kochshow-Tradition gibt, hat es auch gut funktioniert. Es hat die Zuschauer einfach nicht interessiert, es gab keinerlei Einschaltimpuls. Wir haben ihnen ein Angebot gemacht, das sie nicht haben wollten.
Welchen Anteil hatten Sie als ehemaliger Kabarettist daran, dass Harald Schmidt zu Sat.1 zurückkommt?
Kosack: Gar keinen. Aber ich freue mich sehr darüber. Es veredelt einen Sender, wenn er einen solchen Grandseigneur, eine solche Größe hat. Als ich Harald Schmidt jetzt kennenlernte, war das für mich grandios, weil ich schon mit 17, 18, als ich selbst noch Kabarettist war, nach Düsseldorf ins "Komödchen" fuhr und ihn angehimmelt habe.
Welche Quote erwarten Sie sich von Harald Schmidt?
Kosack: Wir haben Harald Schmidt nicht wegen der Quote geholt und sind da auch ganz realistisch. Die Voraussetzungen sind gut, es gibt zwei feste Sendeplätze in der Woche mit festen Beginnzeiten um 23.15 Uhr, das ist extrem wichtig. Bei der ARD hatte ich es irgendwann selbst aufgegeben, "Die Harald Schmidt Show" zu gucken, weil ich gar nicht mehr wusste, wann sie kommt.
Sie haben einmal gesagt, dass Hanns Dieter Hüsch eines ihrer wichtigen Vorbilder war. Was haben Sie von Hanns Dieter Hüsch gelernt?
Kosack: Den Glauben an die Liebe. Den Glauben daran, dass man mit Aufrichtigkeit und Zuneigung, sehr wohl auch mit einem bissigen Blick, mit spitzer Zunge Dinge benennen und klar Haltung einnehmen kann, ohne den anderen zu verletzen - vorausgesetzt, man hat eine große Zuneigung zu der Sache, über die man redet. Und wenn wir noch mal auf das Thema "Angst ist keine Weltanschauung" zurückkommen: Von Hanns Dieter Hüsch gibt es die Zeile: "Ich habe Angst und muss doch mutig sein", das finde ich auch sehr wichtig. Mit Widersprüchen zu leben, das fand ich in seiner Biografie sehr wichtig. Und den eigenen Weg gegen alle Widerstände zu gehen. Die Sprache, Hüschs sprachlicher Umgang, das schnelle Sprechen, das hat mich sehr geprägt. Hanns Dieter Hüsch war meine Boygroup. Ich bin ihm als 13-Jähriger hinterhergereist und war irgendwann stolz, dass er mich erkannt hat beim fünften oder sechsten Mal.
Mit welchen Widersprüchen müssen Sie als Fiction-Chef bei Sat.1 umgehen?
Kosack: Wir sind ein werbefinanziertes Unternehmen und haben keine Gebührengelder zur Verfügung. Und deswegen muss man sich immer wieder fragen: Wie viel Geld habe ich, was kann ich für dieses Geld machen? Welche Inhalte kann ich machen? Wie viel kann ich wagen? Und wann muss man auch ganz klar sagen: Nein, das geht nicht. Und dabei bleibt das Wichtigste: Kannst du dir morgens im Spiegel noch ins Gesicht sehen bei dem, was Du inhaltlich verantwortest. Und ist Dein Umgang mit den Produzenten und den Mitarbeitern fair, klar und konsequent.
aus epd medien Nr. 35 vom 2. September 2011 > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)
