Interview
"Wir müssen uns auch inhaltlich verändern"
Ein epd-Interview mit HR-Intendant Manfred Krupp
Frankfurt a.M. (epd). Manfred Krupp (61) ist seit März 2016 Intendant des HR. Der langjährige Fernsehdirektor des Senders hatte angekündigt, nur bis zum Erreichen der Ruhestandsgrenze für das Spitzenamt zur Verfügung zu stehen (epd 7/16). In dieser Zeit muss er angesichts der Finanzlage den Sparkurs seines Vorgängers Helmut Reitze fortsetzen und zugleich darauf achten, dass der HR als mittelgroße Anstalt nicht an Gewicht innerhalb der ARD verliert. Diemut Roether und Michael Ridder sprachen mit Krupp über Strukturoptimierungen bei der ARD, neue Formen der Sportberichterstattung, hohe Wiederholungsquoten im HR-Fernsehen und den schwierigen Dialog mit den Zeitungsverlegern.

epd: Es stehen große medienpolitische Weichenstellungen an, der Rundfunkstaatsvertrag soll neu formuliert werden. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sind aufgefordert, an ihrer Strukturoptimierung zu arbeiten. Die ARD hat im vergangenen Dezember ein Papier vorgelegt, wonach sie zu einem "Content-Network" werden will. Was bedeutet das genau?

Manfred Krupp: Die Grundidee, über die wir hier diskutieren, ist eine sinnvolle. Wir haben neun unabhängige Landesrundfunkanstalten, und wir haben in vielen Häusern Aufgaben im administrativen und technischen Bereich, bei denen man sich fragen muss: Kann man das nicht gemeinsam machen, um dann Mittel für das Programm, unseren Kernauftrag, frei zu haben? Wir haben in vielen Feldern schon Kooperationen, die größte Gemeinschaftseinrichtung, die Degeto, sitzt hier beim HR um die Ecke. Aber wir haben in jedem Haus administrative Aufgaben, sehr unterschiedliche Computer- und IT-Systeme oder Abrechnungssysteme, bei denen Synergien geschaffen werden können. Verwaltungsaufgaben gehören sicherlich zum Geschäft dazu, sind aber nicht Kern unseres Auftrags. Da können wir viel gemeinsam machen und bündeln. Wir wollen uns als ARD zu einem integrierten föderalen Medienverbund entwickeln. Dahinter steckt der Gedanke: Wir sind kein Konzern, und wir wollen auch keiner werden.

Sind Sie nicht schon längst ein integrierter föderaler Medienverbund?

Krupp: Wir sind ein Medienverbund, wir sind sehr föderal, aber nur partiell integriert. Wir müssen in den Bereichen die Integration vorantreiben, wo es unseren Programmauftrag stärkt, und nicht, wo es ihn schwächt. Ich bin ein absoluter Fan des Föderalismus. Er hat seinen Preis, aber er garantiert Vielfalt. Gerade jetzt, in einer unübersichtlichen Welt, garantiert er ein Gefühl von Heimat und Orientierung. Und wenn einige Bundesländer überlegen, ob wir nicht auch die föderalen Elemente schwächen sollten, etwa durch Zusammenlegung von Dritten Programmen, dann glaube ich, dass das die Länderidentität schwächt, die eine enorme Stärke der Bundesrepublik ist. Aber wir können zum Beispiel überlegen, wo wir beim Einkauf zusammenarbeiten. Können wir nicht bestimmte administrative Aufgaben bündeln? Da würde weniger Föderalismus guttun.

Es wird ARD-intern immer wieder diskutiert, ob einzelne Anstalten bestimmte Aufgaben für alle übernehmen sollten. Beispiel Hörspielproduktion: Das ist teuer, kleine Anstalten können sich das nicht unbedingt leisten. Sollen die Kleinen überhaupt noch Hörspiele herstellen?

Krupp: Es geht nicht darum, alles zusammenzulegen. Föderale Vielfalt hat eine ganz besondere Qualität. Der HR produziert nicht viele Hörspiele. Aber wenn ich mir die Preise ansehe, die wir zuletzt für unsere Hörspiele bekommen haben, zeigt das: Kreativität braucht einen eigenen Raum. Im Fernsehen haben wir eine kleine Fernsehspielabteilung. Natürlich kann man sagen: Das könnte auch ein großer Sender für alle machen. Aber wir haben einen sehr eigenen Anspruch, das habe ich auch als Fernsehdirektor immer unterstützt. Wir haben manchmal eigenwillige, aber auch herausragende Produktionen, weil wir hier ein spezifisches kreatives Arbeitsklima haben. Es gehört zur Vielfalt eines Mediensystems dazu, dass es unterschiedliche Zugänge gibt. Davon möchte ich möglichst wenig reduzieren. Wir hatten kürzlich in der ARD eine große HR-Dokumentation über die Deutsche Bank. Das war ein großer Vorteil unserer langjährigen Präsenz vor Ort. Wir hatten Möglichkeiten, die seit Jahren dort kein Fernsehteam mehr hatte.

Es lag aber auch an einer neuen Öffentlichkeitsstrategie der Deutschen Bank.

Krupp: Natürlich, da gibt es eine neue Öffentlichkeitsstrategie, die nur teilweise freiwillig entstand. Andererseits haben wir hier Leute, die sich seit Jahren mit diesem Unternehmen beschäftigen und daher auch eine besondere Kompetenz mitbringen. In anderen Feldern kooperieren wir schon seit Jahren ganz stark, zum Beispiel in der Sportberichterstattung. Ich höre den HR-Sportchef bei einer Leichtathletik-Übertragung im Ersten, da ist er Teil eines ARD-Teams. Da brauche ich nicht meine individuelle Farbe.

Gerade beim Sport war der HR früher viel profilierter. Könnten Sie sich für manche Sportarten nicht wieder eine Protagonistenrolle vorstellen?

Krupp: Für uns ist nicht entscheidend, dass das Etikett "HR" dranklebt. Wir haben bei einigen Sportarten, etwa Triathlon und Ironman, Zukunftsfelder besetzt. Das sind Sportarten, die wahrscheinlich an Akzeptanz gewinnen werden. Wir hatten eine Zeit lang die Federführung für American Football, das hat sich beim Publikum nicht durchgesetzt. Der HR ist kein Sender, der den Anspruch erheben kann, in der ARD in allen Feldern in der ersten Liga mitzuspielen. Wir sind aber in vielen ARD-Teams sehr gut vertreten, und natürlich wünscht sich mein Sportchef, dass er mal wieder eine Federführung bekommt. Ich werde ihn dabei unterstützen, aber nicht um jeden Preis.

Sportrechte sind mit das Teuerste im Moment. Die Preise steigen immer weiter und werden damit zum Problem, weil die ARD eines Tages nicht mehr mitbieten kann. Was passiert dann?

Krupp: Wir können schon jetzt in bestimmten Bereichen nicht mehr mitbieten, und in anderen sollten wir uns auch eher zurückhalten. Nicht jede Sportart passt zur ARD. Ich glaube, dass wir andere Dimensionen der Sportberichterstattung einbringen sollten. Warum sind wir hier noch immer regional sehr erfolgreich mit dem Radrennen, trotz des unsäglichen Titels "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt"? Weil wir dabei auch viel Regionalgeschichte und regionale Identität transportieren. Wer die Tour de France in der ARD guckt, schaut sie nicht nur, weil er stramme Waden sehen will, sondern weil er auch viel über Land und Leute erfahren kann. Das heißt, wir müssen versuchen, sportliche Ereignisse, die nicht den emotionalen Wert haben wie Fußball, durch andere Elemente emotional aufzuladen. Etwa indem wir den Eventcharakter verstärken. Wir diskutieren gerade darüber, ob wir die Deutschen Meisterschaften im Schwimmen und in der Leichtathletik an einem Tag machen können. Ein "Tag der Meisterschaften" also, weil man dann das Gefühl hat: Ich möchte gern dabei sein.

Sport hat eine hohe emotionale Bindewirkung, aber wir beleuchten gleichzeitig auch die Schattenseiten. Wir zeigen nicht nur die Sieger, sondern auch das, was es an Fehlentwicklungen gibt. Unsere große Chance ist, dass wir in der Berichterstattung eine Glaubwürdigkeit gewinnen können, die unsere kommerziellen Konkurrenten nicht haben. In Zukunft müssen wir noch stärker überlegen: Gibt es Trendsportarten, die man aufgreifen kann? Gibt es andere Arten von Turnieren? Gibt es andere Sportarten, bei denen wir an die Erfolgsgeschichte des Biathlons anknüpfen können? Biathlon ist die populärste Wintersportart, weil die Biathleten sehr früh bereit waren, darüber nachzudenken, wie man die Sportart so aufbereiten kann, dass sie medial interessanter wird. Da gibt es eine Reihe von Anläufen, aber nicht jede Übertragung wird gleich ein Erfolg sein. Wir haben kürzlich im Dritten einige Sportereignisse aus der zweiten oder dritten Reihe wie Tischtennis und Basketball übertragen, und es war erst einmal nicht erfolgreich. Aber wir müssen es immer wieder versuchen.

Wenn Sie jetzt von einer Eventisierung des Sports sprechen, besteht doch die Gefahr, dass man die Schattenseiten übersieht. Denn Sie möchten ja, dass die Sendungen erfolgreich sind, dass die Leute gerne zuschauen. Dann schaut man vielleicht nicht so genau hin, was alles hinter diesen Rekorden steckt.

Krupp: Der Weg kann auch ein anderer sein. Es ist immer eine Frage des individuellen Erfolgs und des absoluten Erfolgs. Wir berichten über Sportarten, in denen wir nicht mehr die absoluten Spitzensportler stellen. Trotzdem können wir spannende Geschichten über den Sportler erzählen. Wir haben die Silbermedaillengewinnerin im Siebenkampf, die einen schweren Schicksalsschlag verdauen musste. Und der Sport hat ihr geholfen, das zu bewältigen. Ich glaube, wir müssen eine andere emotionale Ebene reinbringen. Ich glaube aber auch, dass Menschen besondere Ereignisse wahrnehmen wollen. Und wenn wir so wie bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft dazu auch kritische Berichterstattung platzieren - wir hatten in der ARD eine Dokumentation über die Ausbeutung afrikanischer Sportler -, dann kann man Menschen für solche Themen gewinnen. Es ist nicht so einfach, Menschen für die Schattenseiten dessen zu interessieren, was sie bewundern wollen. Wenn wir die Leute durch die Wahrnehmung des Ereignisses öffnen, dann können wir auch mit den Botschaften zum Thema Doping durchdringen. Wenn Sie das Thema singulär platzieren, werden Sie nicht so viele Leute damit erreichen.

Das klingt sehr plausibel, was Sie gerade über neue Ansätze für die Sportberichterstattung gesagt haben. Aber hat sich der skizzierte Perspektivwechsel auch schon ARD-weit durchgesetzt? Wenn man daran denkt, dass die ARD für die Rechte an der neuen Nations League mitbietet, hat man da Zweifel. Das ist ein Wettbewerb, mit dem die UEFA weiteres Geld kassieren will und der sogar von Sportlern kritisch gesehen wird. Muss man so etwas wirklich ins Programm holen?

Krupp: Bei der Nations League ist die Frage: Wenn wir den Anspruch haben, auch künftig Europa- und Weltmeisterschaften im Fußball zu übertragen - können wir es uns dann leisten, dass in den ganzen Phasen dazwischen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei uns im Programm gar nicht vorkommt? Die Quali-Spiele sind bei RTL gelandet, weil RTL bereit war, einen höheren Preis zu zahlen Eine unserer Qualitäten ist, dass wir Sportarten sehr kontinuierlich begleiten und dadurch andere Zugänge und andere Hintergründe haben. Der rein sportliche Wert der Nations League ist begrenzt, der symbolische und emotionale Wert ist immer noch hoch. Deswegen werden wir versuchen, dort zumindest noch einen Fuß in der Tür zu haben. Sonst werden wir über kurz oder lang auch die Fußball-Großereignisse verlieren, die für die Bindewirkung des öffentlich-rechtlichen Systems elementar sind. Wir erreichen damit Publika, die wir mit unserem sonstigen Angebot nur noch partiell erreichen.

Mittelfristig droht Ihnen durch die neuen Player auf dem Markt doch ein Verlust auch dieser Rechte.

Krupp: Sie haben absolut recht. Es wäre aber ein Fehler, Selbstmord aus Angst vor dem Tod zu begehen, also zu sagen, wir verlieren das sowieso irgendwann alles und spielen deswegen gar nicht mehr mit. Wir haben gerade gegen alle Erwartungen die Olympischen Spiele 2018 bis 2024 erworben, weil wir lange hart geblieben sind. Wir werden in dem Feld noch dramatische Veränderungen erleben. Wir haben Streamingdienste, die Rechte erwerben, wir haben den erbitterten Kampf zwischen Sky und Discovery und vieles mehr. Mit Sicherheit werden wir manche Sportarten anders aufbereiten müssen, aber wir werden auf das Thema Sport nicht verzichten können und wollen. Solange wir die Chance haben, eine Bindewirkung zu erzeugen zu einem Preis, der für die Beitragszahler akzeptabel ist, so lange sollten wir versuchen, diese Farbe bei uns im Programm zu halten. Es gibt natürlich bestimmte Sportarten, bei denen ich nicht mitbieten würde, aber das ist eine sehr schwierige Entscheidung. Im Augenblick gibt es eine Diskussion um die Formel 1, die in Zukunft möglicherweise nur noch acht Rennen im Free-TV haben wird. Interessant ist, dass einige Funktionäre von Sommersportverbänden sich wünschen, dass Formel 1 im Öffentlich-Rechtlichen läuft. Denn dann könnte man Sommersportarten dazuplatzieren und quasi im Huckepackverfahren Zuschauer dafür gewinnen. So wie beim Wintersport Biathlon und Abfahrt die Zugpferde für andere Wintersportarten sind. Man muss sich aber fragen: Passt das Produkt Formel 1 wirklich zu uns? Und da habe ich ein Fragezeichen.

Wir haben jetzt viel über wünschenswerte Dinge gesprochen, die aber Kosten verursachen. Das Problem ist, dass die Politik Ihnen aufgibt zu sparen. Als Ziel ist Beitragsstabilität ausgegeben, was ja langfristig de facto einen Abbau bedeuten würde. Wo wollen Sie sparen?

Krupp: Mir ist es wichtig, immer wieder zu hinterfragen, wie genau wir unseren Auftrag für die Gesellschaft ausgestalten. Meine These ist, dass wir noch wichtiger geworden sind. Wir müssen uns auch inhaltlich verändern, weil wir merken, dass bestimmte Dinge in sozialen Netzwerken besser funktionieren als bei uns und umgekehrt bei uns andere Dinge stärker benötigt werden. Es war früher ein Merkmal, dass politische Magazine besonders pointiert waren und Konflikte besonders zugespitzt haben. Das ist heute ein Kernelement in vielen sozialen Netzwerken, aber oft in problematischer Weise. Wir können Hintergründe, Zusatzinformationen liefern. Wir müssen stärker betonen, dass wir versuchen, in Zeiten der segmentierten Teilöffentlichkeiten eine Gesamtöffentlichkeit herzustellen. Deswegen negiert ein Ansatz, der besagt, dass es nie wieder eine Steigerung des Rundfunkbeitrags geben darf, unsere Rolle in der Gesellschaft. Diese Rolle besteht darin, demokratische und kulturelle Vielfalt darzustellen. Wir haben deshalb vom Bundesverfassungsgericht nicht nur eine Bestands-, sondern auch eine Entwicklungsgarantie zugesprochen bekommen. Absolute Beitragsstabilität wäre nicht einmal eine Bestandsgarantie.

Trotzdem werden Sie sparen müssen. Sie haben kürzlich vor dem Rundfunkrat gesagt, dass der anhaltende Sparkurs im HR vielen im Haus wehtun wird. Denn bis die nächste Beitragserhöhung kommt, haben Sie absehbar nicht genug Geld.

Krupp: Absolut richtig. Wir konzentrieren uns aber beim Sparen erst mal auf die Frage, wo wir als ARD Dinge gemeinschaftlich machen können, etwa bei Technik, Verwaltung und Produktion.

Wir staunen darüber, dass da bisher offenbar so viel Sparpotenzial ungenutzt geblieben ist.

Krupp: Es ist nicht so, dass seit Jahrzehnten Potenzial brachliegt. Das zeigen schon unsere vielen Konsolidierungsrunden im HR in den letzten Jahren oder die Produktionsweisen, die sich durch Digitalisierung dramatisch verändert haben. Als Beispiel: Wir haben vor einiger Zeit eine Kommunalwahl mit zwölf Außenstellen wahrgenommen. Früher hatten wir da Ü-Wagen, diesmal haben wir einen Teil der Schalten via iPhone gemacht. Das ist deutlich günstiger. Auch in der Finanzverwaltung ändern sich gerade die Rahmenbedingungen: SAP wechselt gerade in eine völlig neue SAP-Welt, und da liegt es doch nahe, dass alle ARD-Häuser gemeinsam in diese Welt gehen und dabei die vielen Sonderanwendungen für die einzelnen Häuser negieren. Das ist ein Potenzial, das sich uns vor zehn Jahren noch gar nicht gestellt hat. Wir arbeiten in vielen Bereichen bereits medienübergreifend zusammen. Früher hat jeder gesagt, das ist mein Material. Bloß keinen O-Ton dem Hörfunk vorher abgeben, und an Online hat man oft nicht gedacht. Hier lassen sich viele Potenziale schöpfen. Es ist allerdings eine Illusion, dass so auf einen Schlag Milliarden Euro Einsparungen zusammenkommen. Diese Erwartung, die einige in der Politik haben, werden wir in der Kürze der Zeit nicht erfüllen können. Wir haben als HR zusätzlich das Problem, dass wir - wenn man die bisherigen Zahlen fortschreibt - nur noch ausreichende Liquidität bis 2020 haben. Wir werden also noch weitere Einschränkungen vornehmen müssen. Auch vor dem Hintergrund, dass wir Aufwand betreiben müssen, um jüngere Zielgruppen etwa in sozialen Netzwerken zu erreichen. Da muss man dann an anderer Stelle kürzen.

Und wo genau kürzen Sie?

Krupp: Wir sind gerade dabei, den nächsten Haushalt aufzustellen. Ich werde jetzt keine zentralen Programmelemente zur Disposition stellen. Wir müssen erst einmal abwarten, was der Strukturprozess mit den Ländern bringt. Wenn die Länder uns am Ende bestimmte Vorgaben machen, die auch programmrelevant sind, wäre es unsinnig, jetzt im Programm Dinge gravierend zu verändern, die möglicherweise nicht zu den Rahmenbedingungen passen, die die Politik 2018 setzen wird. Wir überprüfen deshalb Einzeletats, kürzen aber nicht mit dem Rasenmäher.

Sie haben vor dem Rundfunkrat auch von einem großen Deckungsstockproblem des HR gesprochen. Worin besteht dieses Problem genau, und gibt es Lösungsansätze?

Krupp: Wir haben eine paradoxe Situation. Wir haben im Deckungsstock für die Altersversorgung eine enorme Summe, nämlich 640 Millionen Euro. Das wäre ein sehr großer Betrag, wenn die alten Regelungen der KEF - die mal von einer Verzinsung von 5,25 Prozent ausgegangen ist und die damals das Bilanzierungsmodernisierungsgesetz nicht im Blick gehabt hat - fortgeschrieben worden wären. Dann hätten wir den Deckungsstock jetzt zu 100 Prozent gefüllt.

Die KEF ist die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, die alle zwei Jahre ausrechnet, wie viel Geld ARD und ZDF benötigen und wie hoch der Rundfunkbeitrag sein soll…

Krupp: Wir liegen jetzt mit der Deckungsquote immer noch deutlich über 70 Prozent, viele Unternehmen wären darüber froh. Aber wir haben in den nächsten Jahren einen erheblichen Rückstellungsbedarf für die Altersversorgung. Der HR ist da in einer besonders schwierigen Situation, denn wir haben 11 Prozent der gesamten Altersversorgungslast in der ARD, aber nur 7,4 Prozent der Einnahmen. Das hat dazu geführt, dass wir jetzt schon der einzige ARD-Sender sind, der negatives Eigenkapital hat, obwohl wir 2016 einen positiven Jahresabschluss hatten. Da müssen wir für Entlastung sorgen. Auf Bundesebene haben wir jetzt einen Tarifabschluss zur Altersversorgung paraphiert, aber wir haben im HR eigenständige Tarifverträge und werden da ebenfalls in Gespräche eintreten. Es ist in Teilen ein Bilanzthema, das uns in der realen Wirkung nicht in der Existenz gefährdet. Aber das nach außen zu vermitteln, ist extrem schwer.

Reden wir über das Programm. Das HR-Fernsehen macht seit Jahren durch schöne Sendungen von sich reden, die häufig unter der Rubrik "Herrliches Hessen" laufen - eine aparte Alliteration. Wir vermissen aber richtige Dokumentationen, auch streitbaren Journalismus...

Krupp: Ja, wir haben acht Produktionen "Herrliches Hessen" im Jahr und auch andere Sendungen, die schöne Landschaften zeigen. Es ist ein Teil der Programmstrategie gewesen, das Programm sehr viel deutlicher auf Hessen auszurichten und neben der kritischen Berichterstattung auch Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Wir merken, dass wir da an Grenzen stoßen, weil wir auch eine sehr hohe Wiederholungsquote haben. Wir haben das teilweise auch überreizt. Wir werden jetzt eine Änderung im Programmschema vornehmen und werden insbesondere in der Zeitschiene ab 20.15 Uhr deutlicher auf Eigenproduktionen setzen. Beispielsweise werden wir die Sendung "Defacto" auf 45 Minuten verlängern. Und dass das eine Wohlfühl- und Harmoniesendung ist, diesen Eindruck kann ich angesichts der Rückmeldungen zur Sendung nicht gewinnen. Das ist eine Sendung, die für Aufregung sorgt und ein eigenes Profil hat. Sie hat sich sehr früh mit dem Thema Integration - auch mit den Grenzen der Integration - auseinandergesetzt. Wir haben gerade ein neues Format ausprobiert, das stark polarisiert hat, aber vom Ansatz her faszinierend ist, "Puls 180". Die erste Folge behandelte das Thema "AfDler trifft Flüchtling". Von der Machart fand ich es toll, beim Publikum ging man da ein hohes Risiko ein. Die einen gucken es nicht, weil sie keine AfDler sehen wollen. Die anderen wollen sich mit dem Thema Flüchtlinge nicht befassen. Trotzdem müssen wir den Versuch machen, auch solche Themen aufzugreifen. Wir werden einige Veränderungen vornehmen, die die Handschrift von Gabriele Holzner tragen, meiner Nachfolgerin als Fernsehdirektorin.

Vielleicht ist unser Bild vom früheren HR ja ein bisschen verklärt, aber es gibt immer noch Zuschauer, die von der Sendung "Dienstag - Das starke Stück der Woche" schwärmen, die es in den 90ern mal gab. Wird so etwas auch mal wiederkommen?

Krupp: Jedes Ding hat seine Zeit. Ich glaube, dass "Dienstag - Das starke Stück..." in einer bestimmten Phase eine sehr starke Programmfarbe war, und diese Farbe gab es auch noch, als ich Chefredakteur wurde. Aber bestimmte Formate setzen sich auf Dauer doch nicht durch. "Dienstag" hatte eine sehr feste Fangemeinde, jedoch mit zuletzt überschaubarer Zahl von Zuschauern. Die Sendung war zu ihrer Zeit ein starkes Format. Wir haben später mit "Defacto" ein anderes Format geschaffen, das mit dem Ombudsmann Menschen für politische Berichterstattung interessiert hat, die normalerweise politische Magazine nicht sehen. Wir haben also die Idee nicht aufgegeben, aber wir haben sie weiterentwickelt. Es gab einmal "Late Lounge", es gab immer wieder Formate, die für besondere Aufmerksamkeit gesorgt haben. Aber wir haben zum Beispiel mit dem "Hessenreporter" eine Bandbreite an Themen, die kein Reportageformat eines anderen Senders hat. Wir haben dort Land und Leute beobachtet, schwule und lesbische Paare, Polizeiarbeit, wir haben uns in die Rolle von Obdachlosen und Flüchtlingen begeben. Das Medium Fernsehen hat sich verändert und die Kriterien für den Erfolg auch. Wir liefern sehr viele Beiträge für Arte zu, die dort ihr Publikum finden, in einem Dritten Programm würden Sie das Publikum nicht finden. Und wir erreichen mit der "Hessenschau" so viele Zuschauer wie noch nie, seitdem wir kommerzielle Konkurrenz haben. Wir sind also erfolgreicher als vor 20 Jahren mit einem Regionalmagazin, das einen hohen Politikanteil hat.

Sie haben vorhin gesagt, politische Magazine, die polarisieren, sind heute nicht mehr so erfolgreich. Das klingt nach einem Plädoyer, das Programm weichzuspülen.

Krupp: Nein. Ich glaube, man muss andere Farben finden. Ich glaube, "Frontal 21" war zu seiner Zeit eine tolle Idee, aber die Einteilung der Welt in Rechts-Links-Schemata, die damals ein konstitutives Element dieser Sendung war, hat sich überholt. Wenn ich mir anschaue, welche unterschiedlichen politischen Konstellationen wir heute in der Bundesrepublik Deutschland haben, sieht man, wie sich das politische Koordinatensystem verschoben hat. Ein Format wie "Friedman" würde heute in dieser Form auch nicht mehr so gut laufen.

Er ist ja heute bei einem Privatsender.

Krupp: Ja, aber das Format ist dort anders als damals, weil auch der Moderator sich entwickelt hat, und es läuft nicht in einem Hauptprogramm. Ich sehe einen sehr starken Bedarf nach einer Berichterstattung, die ein polarisierendes politisches Thema aufgreift und Zusatzinformationen liefert. Deswegen war ich sehr glücklich, dass wir zuletzt mit unserem vom HR produzierten Film über die Deutsche Bank eine Million Zuschauer im Ersten erreicht haben. Ich setze auf solche Formate, die relevante gesellschaftliche Themen aufgreifen, sie aber in der Darstellung mit sehr viel Hintergrund ausleuchten.

Der HR hat ja eine große Tradition, was Dokumentation auch im Ersten angeht. Es gab Reihen wie "Das rote Quadrat", "Der Tag als...". Ist das etwas, wo Sie sagen, da wollen wir anknüpfen und wieder hinkommen?

Krupp: Ich glaube, dass Ihre Einschätzung auf einer richtigen Analyse, aber nur auf einer partiellen Wahrnehmung der jetzigen Realität beruht. Wir haben im Bereich Dokumentation sehr gute, sehr differenzierte Formate neu auf den Markt gebracht. Wir haben den "Flüchtlingsreport" gemacht, den "Rentenreport" und das Spektrum erweitert, indem wir deutlich mehr Wirtschaftsthemen aufgreifen. Das ist ein absolutes Markenzeichen unserer Dokumentationsabteilung. Wir haben "Master of the Universe" koproduziert, einen extrem erfolgreichen Dokumentarfilm, und dann die Erfahrungen dieses Dokumentarfilmers übertragen in einen Fernsehfilm. In welchem Haus ist das möglich?

Das war der Fernsehfilm "Dead Man Working" mit Wolfram Koch, der in diesem Jahr mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.

Krupp: Ich war als Chefredakteur mitverantwortlich für "Das rote Quadrat" und habe die Reihe unterstützt und geliebt, genauso wie ich zehn Jahre davor ein begeisterter Fan von "Unter deutschen Dächern" war. Ich glaube, die Menschen und die Medien verändern sich, und es ist gut, dass man nicht einfach das Altbewährte fortsetzt, sondern andere Ansätze wählt, sich und die Formate weiterentwickelt. Wir haben eine ganz starke Konkurrenz durch viele Angebote im Netz. Der Grundgedanke beim "Roten Quadrat" war: Wir haben ein Bild und erzählen die Geschichte hinter dem Bild. Das machen wir heute auch noch in anderen Formaten. Der zweite Blick, das war die Idee hinter dem "Roten Quadrat", das ist auch die Idee beim "Flüchtlingsreport".

Kürzlich gab es eine große Diskussion über eine Dokumentation zum Thema Antisemitismus des WDR, die bei Arte zunächst nicht ausgestrahlt werden sollte. Der HR hat sich in den vergangenen Jahren mit Dokumentationen zum Thema Israel und Antisemitismus sehr profiliert. Warum haben Sie sich in der Diskussion nicht zu Wort gemeldet?

Krupp: Ich habe die Entscheidung von Arte nachvollziehen können. Arte hat ein sehr klares Prinzip, nach welchen Kriterien ein Film in der Programmkonferenz angenommen wird oder nicht. Es kann auch passieren, dass ein Film nicht angenommen wird, weil er die vereinbarten technischen Kriterien nicht erfüllt. Das ist ein Film gewesen, bei dem Arte und der WDR eine Entscheidung getroffen haben. Ich glaube, dass aus der Diskussion sehr viele als Verlierer herausgegangen sind, und man muss den Konflikt durch öffentliche Äußerungen nicht noch verstärken.

In der Medienpolitik ist der Streit mit den Verlegern ein Dauerthema. Wir hatten kürzlich in epd medien einen Gastbeitrag des Rundfunkratsvorsitzenden von Radio Bremen, Klaus Sondergeld, der sich sehr deutlich zu den Beschränkungen bei den Telemedien geäußert hat. Er schrieb von Ansinnen "aus dem Hinterwald", darüber waren Verleger in Bremen so empört, dass sie sich bei der Europäischen Kommission beschwert haben. Wie stehen Sie zu der Diskussion?

Krupp: Ich habe ein großes Interesse daran, dass wir, wo immer möglich, mit Verlagen reden und kooperieren. Ich bin davon überzeugt, dass es ein gemeinsames Interesse an Qualitätsmedien in einer großen Bandbreite in Deutschland gibt. Ich habe eine offene, gesprächsbereite Position gegenüber Zeitungen und Verlagen. Ich weiß aber auch, dass sich die Medienwelt deutlich verändert. Der Hörfunk zum Beispiel hat immer schon stark mit Text gearbeitet, der Text wurde halt gesprochen. Daher sind manche Versuche, alles einzuengen mit dem Begriff "presseähnlich", nicht zeitgemäß. Die Nutzerinnen und Nutzer erwarten von uns im Internet zu Recht, dass wir den zweiten Blick haben und Hintergrund liefern. Also kann ich mich auf eine Begrenzung von Zeichen nicht einlassen. Unsere Stärke sind Videos und Audios. Je jünger die Nutzer sind, desto stärker ist ihr Bedürfnis, Videos zu sehen. Wir dürfen uns aber durch den Begriff der "Presseähnlichkeit" nicht zu sehr einengen lassen. Der neue Staatsvertragsentwurf begrenzt uns zwar, gibt uns aber auch Entwicklungsmöglichkeiten.

Aber der Begriff der Presseähnlichkeit soll bleiben.

Krupp: Die Frage ist: Wofür kämpft man? Man kann den Begriff presseähnlich nur ganz schwer definieren. Wenn der Ausgangspunkt für Presseähnlichkeit die gedruckte Zeitung ist - und das ist im Augenblick die Zielrichtung - sage ich: Wir machen auch keine gedruckte Zeitung im Netz und haben dies auch nicht vor.

Die Argumentation der Verleger ist: Alles, was wir im Netz machen, ist Presse, und wenn andere das auch machen, ist das presseähnlich.

Krupp: Diese Position wird aber durch den neuen Entwurf des Staatsvertrags nicht gedeckt. Es wird definiert, dass ein Gesamtangebot nicht presseähnlich ist, wenn es überwiegend sendungsbezogen ist. Und zu einer Sendung gehört nicht nur das, was in der Sendung ausgestrahlt wird, sondern auch die Hintergründe, die in die Sendung eingeflossen sind. Wir werden in Hessen bei der nächsten Landtagswahl alle Kandidatinnen und Kandidaten in jedem Wahlkreis in Hessen darstellen. Ein so umfassendes Angebot hat niemand. Wir machen damit niemandem Konkurrenz, weil keine Zeitung den Anspruch hat, ganz Hessen abzubilden. Natürlich werden wir nicht jeden in einer Sendung vorstellen können, aber wir werden Sendungen zur Wahl machen, und das ist ein ergänzender Hintergrund. Wir hatten kürzlich ein Treffen mit den hessischen Zeitungsverlegern und haben festgestellt, dass wir bei bestimmten Grundsatzpositionen auseinanderliegen. Aber wir haben bestimmte Angebote nach dem Urteil des Oberlandesgerichts Köln verändert.

Das Oberlandesgericht Köln hat im September 2016 entschieden, die "Tagesschau"-App vom 15. Juni 2011 sei zu "presseähnlich" gewesen...

Krupp: Bei "Hessenschau.de" haben wir den Sendungsbezug deutlich stärker ausgewiesen. Wir sind im HR gerade dabei, medienübergreifend einen neuen Programmbereich "Hesseninformation" zu bilden: Der besteht aus den Redaktionen von "Hessenschau" und "Maintower" im Fernsehen, aus dem aktuellen Desk im Hörfunk und "Hessenschau.de". Wir setzen auf die inhaltlichen Impulse aus allen drei Mediengattungen und eine bereichsübergreifende Zusammenarbeit. Ich glaube, dass die Zeitungsverleger insgeheim wissen, dass die eigentlichen Bedrohungen für uns alle von den multinationalen Plattformbetreibern, insbesondere den sozialen Netzwerken, ausgehen, die selbst zu Nachrichtengebern werden wollen. Dahinter steht eine Finanzkraft, die in Deutschland keine einzige Mediengruppe aufbringen kann. Es wäre sehr gut, wenn wir mit den Verlegern darüber reden könnten, wie wir uns gemeinsam in einer Welt aufstellen, wo internationale Verbreitungskonzerne zu interessengeleiteten Nachrichtenkonzernen werden. Die Politik versteht allmählich, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk in diesem Zusammenhang wichtig ist. Falsch wäre für mich dann der Schluss: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf ausgerechnet dort nicht vertreten sein, wo diese internationalen Unternehmen aktiv sind.

Konnten Sie die Verleger davon überzeugen, dass Sie gemeinsame Interessen haben?

Krupp: So faszinierend ist auch meine Ansprache nicht. Aber wir haben vereinbart, dass wir auf der Arbeitsebene noch stärker in den Dialog gehen werden und uns regelmäßig über Konfliktfelder austauschen. Die Gruppe dient dem Austausch, hat aber keine Entscheidungskompetenz. Wir haben die Rundfunkfreiheit, die Verleger haben die verlegerische Freiheit - und das sind zwei unterschiedliche Säulen. Es war ein konfliktträchtiges, aber vom Grundtenor konstruktives Gespräch.

Ihnen steht also demnächst keine Klage ins Haus?

Krupp: Ein Verlegervertreter sagte, er sehe die größte positive Entwicklung seit dem Urteil des OLG Köln bei einem Angebot, das der HR verantwortet, nämlich bei "Boerse.ARD.de". Er sagte aber auch, dass einige Verlage prüfen, ob sie klagen. Bei uns ist bislang keine Klage eingegangen, aber auch wir sind davor nicht geschützt.

Es ist gut nachvollziehbar, wenn Sie sagen, Sie verkämpfen sich da nicht. Bei den Verlegern gewinnt man den Eindruck, dass sie das anders sehen. Sie haben in ihrer Stellungnahme zum Staatsvertragsentwurf gefordert, presseähnliche Angebote komplett zu verbieten.

Krupp: Wenn man mit Verlegern redet, stellt man fest, dass es jenseits des Verbandsauftritts eine sehr differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit gibt. Ich habe in Hessen inzwischen alle Zeitungen besucht und mit Verlegern und Chefredakteuren gesprochen. Die meisten sagen mir, "Hessenschau.de" ist für uns keine Konkurrenz, solange ihr nicht auf die lokale Ebene geht. Das ist auch nicht unser Anspruch. Ich habe den Verlegern das Angebot gemacht, unsere Videoinhalte auch für ihre Seiten zur Verfügung zu stellen, da bekam ich das Signal: Wir haben derzeit keinen Bedarf, aber vielleicht kommen wir noch einmal darauf zurück. Also ein verhaltenes Nein, aber kein absolutes Nein. Unser Angebot im Netz, für das die Menschen ja bezahlen, ist für die Angebotsvielfalt ein wichtiges Element. Es ist bei weitem nicht so, dass wir das Netz dominieren. Ich glaube aber, es täte der Gesellschaft ganz gut, wenn unsere Qualität sich häufiger im Netz wiederfinden würde.

Das bringt uns auf das Thema Trimedialität. Derzeit stellen sich die ARD-Anstalten trimedial auf, der Bayerische Rundfunk hat dafür einen sehr langwierigen Prozess aufgelegt, sogar ein Neubau ist geplant. Wie stellt sich der HR auf?

Krupp: Bestimmte Dinge kommen für uns allein aus finanziellen Gründen nicht infrage. Wir werden kein trimediales Funkhaus bauen können. Wir haben uns entschieden, Schritt für Schritt vorzugehen und dabei auch ausprobieren und Fehler machen zu können. Wir haben schon seit längerem eine trimediale Sportredaktion, und wir werten die Erfahrungen dort aus. Mit den Hörfunkwellen sind wir sehr aktiv auf bestimmten Plattformen wie Facebook und Twitter. Wir haben bei Großprojekten wie Reformation und 70 Jahre Hessen trimediale Projekte aufgelegt, aus diesen Erfahrungen wollen wir lernen. Noch wichtiger als die Strukturfrage ist die Kulturfrage: Was erwarten unsere Nutzer im Netz, wo müssen wir uns unterscheiden, wo erreichen wir überhaupt Menschen mit unseren Botschaften? Der nächste große Schritt ist ein trimedialer Programmbereich Hesseninformation, wie schon beschrieben. Das ist für die Unternehmenskultur ein enorm großer Schritt. Die Chefredaktion Hörfunk gibt den größten Bereich, den aktuellen Desk im Hörfunk, ab. Unsere Multimediaredaktion gibt ihre stärkste Marke "Hessenschau.de" ab. In der Chefredaktion Fernsehen werden die "Hessenschau" und der "Maintower" herausgelöst und gehen in dem neuen Programmbereich auf. Das heißt, Führungskräfte geben einen Teil ihres Verantwortungsbereichs in eine neue Einheit ab. Das ist ein ganz wichtiges Signal. Unser Markenkern ist nun mal die Berichterstattung aus und über Hessen.

Und wie gehen Sie vor? Gibt es einen Plan für die trimediale Organisation?

Krupp: Ein Masterplan, der im linearen Denken verhaftet ist, ist heutzutage die falsche Herangehensweise. In der digitalen Welt müssen wir viel stärker vernetzt denken. Wir brauchen die Chance, etwas falsch machen, und die Möglichkeit, aus den Fehlern lernen zu können. Wir brauchen einen aktiven Prozess, der sich selbst immer wieder infrage stellt. Deswegen gehen wir im Augenblick nicht den Weg über die ganz große Strukturreform. Strukturen haben nur eine dienende Funktion. Wir haben im Augenblick bei der ARD und beim HR eine Präsenz auf unendlich vielen Plattformen und in sehr vielen Netzwerken. Uns fehlen Währungseinheiten, in denen wir nicht nur die Verbreitung messen, sondern die Relevanz. Das Entscheidende für die Zukunft wird sein: Mit welchem Aufwand erzeugen wir welche Wirkung für das Ziel einer Gesamtöffentlichkeit? Da fehlen uns noch die Parameter.

Heißt das, dass Reichweite allein nicht entscheidend ist?

Krupp: Bei You FM ist für mich nicht das Entscheidende, dass der Sender möglichst viele Zielgruppensegmente erreicht, sondern dass er in der Kernzielgruppe der jüngeren Hörer eine nachhaltige Wirkung hat und wir so in den Dialog mit den Leuten kommen und im Dialog bleiben. Wir reden immer von den öffentlich-rechtlichen Sendern. Wir sind aber nicht mehr nur Sender, wir sind Sender, Empfänger und Aufbereiter von Informationen. Dieser Weg vom Sender zu einer Dialogplattform ist ein gewaltiger Weg. Wir haben in der Geschäftsleitung eine Klausur zum Thema Kulturwandel durchgeführt: Wie kann man initiieren, dass jemand sagt, ich bin bereit, etwas abzugeben, ohne dass er gleich den Stempel des Verlierers hat? Kommunikation ist in einem Kommunikationsunternehmen manchmal das Schwierigste, da ist noch Luft nach oben.

Sehen Sie sich also als Intendant vor allem als Change Manager?

Krupp: Warum arbeite ich in dieser Branche? Es gibt doch kaum etwas Faszinierenderes, als so einen dynamischen Bereich mitzugestalten, der im Alltag der Menschen eine ganz große Rolle spielt. Die Veränderungsgeschwindigkeit ist immer größer geworden. Wir müssen jetzt darauf achten, dass wir uns nicht zum Sklaven der Geschwindigkeit machen lassen und wir unseren eigenen Rhythmus finden, ohne uns abzukoppeln von den Entwicklungen der Gesellschaft. Der Begriff des Change Managers trifft es nicht ganz. Meine Aufgabe als Intendant ist, einen solchen Veränderungsprozess zu initiieren. Aber nicht indem ich sage, ich habe die Rezepte und ihr macht mal. Wir müssen diesen Prozess gemeinsam gehen und unterschiedliche Erfahrungen und Lebenswelten einfließen lassen. Uns verbindet das Kernziel, auch in einer veränderten Medienwelt relevanter Faktor der politischen und gesellschaftlichen Meinungsbildung für die Bürgerinnen und Bürger zu sein.

Aus epd medien Nr. 34 vom 25. August 2017

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