Tagebuch
Wir Komplizinnen. Von Mut und Feigheit in der Sexismus-Debatte
Frankfurt a.M. (epd). In der "#Metoo"-Debatte geht derzeit vieles durcheinander. Obszöne Sprüche, frauenfeindliche Bemerkungen, plumpe Anzüglichkeiten und dreiste Anmache werden gleichgesetzt mit körperlicher Zudringlichkeit, Grabschereien und sexueller Nötigung bis hin zur Vergewaltigung. Nur einige wenige Frauen wagen es, auf die Komplizenschaft der Frauen hinzuweisen, darauf, dass wir viel zu häufig mitlachen, wenn einer einen sexistischen Spruch macht, weil das bequemer ist, als sich den Vorwurf der Spaßbremse oder - schlimmer noch - der frustrierten Zicke einzuhandeln.

Die Opferrolle ist einfacher als die Rolle derjenigen, die selbst hinterfragt, wo sie mitgemacht, mitgelacht oder auch zu spät Nein gesagt hat. "Wir sind alle Heuchler, Mitläuferinnen, Feiglinge", schrieb kürzlich die Autorin Carolin Würfel in einem offenen Brief an die "liebe Berliner Kulturelite" bei "Zeit Online". Das ließ aufhorchen. Wer jedoch erwartete, dass sich hier eine Frau mit ihrer eigenen Rolle in der sexistischen Kulturelite auseinandersetzen würde, sah sich getäuscht. Die Autorin beklagt zunächst, dass die Vorwürfe in der deutschen "#Metoo"-Debatte "namenlos" blieben, dass es nur "vage Anschuldigungen an Männer ohne Gesicht" gebe, um dann genau dies zu tun: Männer, die ungenannt bleiben, beschuldigt sie, "Kokain gegen Oralverkehr" zu tauschen, "Frauen ungefragt zur Begrüßung in den Schritt" zu greifen, Frauen "mit Alkohol und Drogen abzufüllen, um sie dann, wenn sie schon fast bewusstlos sind, gemeinsam durchzuvögeln".

Ein Brief voller anonymer Anschuldigungen, der Gerüchte kolportiert, Geschichten, die sich Frauen in Berlin angeblich "flüsternd untereinander weitergeben", dessen Autorin sich immer wieder in einem kollektiven "wir" versteckt - 37 Mal kommt allein das Wort "wir" in diesem Artikel vor, da sind die Deklinationen "uns" und "unsere" noch gar nicht mitgezählt.

Die stellvertretende Chefredakteurin der "Zeit", Sabine Rückert, setzte dem Artikel mit dem "denunziatorischen Sound" ein geharnischtes "Soll das Journalismus sein?" entgegen und forderte die Autorin auf, als Zeugin auszusagen. Der Text liefere Anhaltspunkte für die Aufnahme von Ermittlungen gegen Unbekannt wegen zahlreicher Straftaten. Journalismus, dozierte Rückert, "recherchiert, prüft den Sachverhalt, die Aussagen und die Validität der Quellen, konfrontiert und hört die Gegenseite".

Es spricht für den Pluralismus der "Zeit", dass beide Texte nach wie vor online stehen. Beide wurden heftig diskutiert und verzeichneten nach wenigen Tagen mehr als 1.000 Kommentare. Vielleicht zeigt sich hier auch ein Generationenkonflikt: der schnelle, emotionsgetriebene Ego-Journalismus, der von der eigenen Befindlichkeit erzählt, gegen den Journalismus alter Schule, der versucht aufzuklären und zu hinterfragen, der Distanz wahrt - auch zu sich selbst und den eigenen Gefühlen.

Carolin Würfel kann sich kaum darauf zurückziehen, dass sie keinen Artikel geschrieben habe, sondern einen "offenen Brief", in dem sie auch sehr offen über ihre eigenen Emotionen schreibt: "Dabei liefen mir die Tränen übers Gesicht..." Die Anschuldigungen, die sie in ihrem Brief erhebt, sind nun in der Welt. Aber der Debatte um sexuelle Gewalt hat sie damit keinen Dienst erwiesen. Es gehört Mut dazu, wenn wie in den vergangenen Monaten in den USA Frauen in die Öffentlichkeit gehen und wegen sexueller Belästigung Klagen gegen mächtige Männer wie Präsident Donald Trump und den Produzenten Harvey Weinstein einreichen. Einen gefühlsduseligen Brief an nicht näher benannte Berliner "Frauenhelden" oder "Schleimbeutel" zu schreiben, ist nicht mutig. Und es ist auch kein Beweis dafür, dass - wie Carolin Würfel schreibt - "Sexismus in allen Formen auch dort Alltag ist, wo vermeintliche und gedankliche und künstlerische Freiheit regieren".
Aus epd medien Nr. 47 vom 24. November 2017

Diemut Roether