Interview
"Wir erforschen die Wirklichkeit"
Ein epd-Interview mit den Hörspielmachern Katharina Bihler und Stefan Scheib
Frankfurt a.M. (epd). Die Saarbrücker Künstler Katharina Bihler und Stefan Scheib, die als Liquid Penguin Ensemble firmieren, gehören seit Jahren zu den kreativsten Hörspielmachern in Deutschland. Ihr Stück "Gras wachsen hören" über ein fiktives Forschungsinstitut, das die "pflanzlich-menschlichen Beziehungsgeflechte" erforscht, erhielt 2008 den Hörspielpreis der ARD. "Bout du Monde", ein Hörspiel über den französischen Weltumsegler Louis Antoine de Bougainville, wurde von der Akademie der Darstellenden Künste als Hörspiel des Jahres 2009 ausgezeichnet. In diesem Jahr erhielt "Ickelsamers Alphabet" über den deutschen Grammatiker Valentin Ickelsamer den Hörspielpreis der Kriegsblinden und wurde ebenfalls als Hörspiel des Jahres ausgezeichnet. Katharina Bihler ist Autorin, Regisseurin und Stimmkünstlerin. Stefan Scheib ist Komponist und Musiker. Diemut Roether sprach mit ihnen über ihre Forscher- und Erfindertätigkeit als Hörspielmacher.

epd: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Hörspiel über einen deutschen Grammatiker aus dem 16. Jahrhundert, über Valentin Ickelsamer, zu machen?

Katharina Bihler: Wir sind ihm durch ein früheres Hörspiel begegnet. Als wir vor fünf oder sechs Jahren für "Auris Interna" recherchiert haben, waren wir auf der Suche nach der Bedeutung des Wortes "rastern", das einmal eine andere Bedeutung hatte als heute. Wir haben in alten Wörterbüchern nachgesehen, auch bei Grimm. Und bei Grimm haben wir unter "R" die Beschreibung des Buchstaben R gefunden von einem gewissen Herrn Ickelsamer: "Das R ist der Hundsbuochstab..." Das war interessant, und dann haben wir entdeckt, dass es bei anderen Buchstaben auch Zitate gab von diesem Herrn Ickelsamer - der Name ist schon so schön: Valentinus Ickelsamer. Antiquarisch war noch ein Reprint seiner ersten Grammatik zu bekommen, und darin sind wir auf das Kapitel "von Subtiligkait der Buchstaben" gestoßen, wo erklärt wird, wie man jeden Buchstaben ausspricht. Das fanden wir unheimlich schön und kurios und dachten, dass wir uns diesem Grammatiker noch einmal ausführlich widmen sollten.

Das hat ein paar Jahre gedauert, in denen wir Material gesammelt haben, ohne noch zu wissen, was genau draus werden soll. Wir haben uns zum Beispiel mit Dirk Rothbrust getroffen, um Buchstaben mit Perkussionsinstrumenten nachzuahmen und das aufzunehmen. Dann haben wir ein Livestück gemacht, für das auch die Musiker sich von Ickelsamers Lautanweisungen haben inspirieren lassen - wir Sprecherinnen ja sowieso. Bei dieser Arbeit mit unserer französischen Performer-Kollegin Elodie Brochier haben wir entdeckt, dass es zu der Zeit auch in Frankreich einen ersten Grammatiker gab, der seine ganz eigene, französische Problematik mit den Buchstaben hatte, er hätte gerne die französische Orthografie reformiert, da haben sich über die Jahrhunderte ja so einige Buchstaben angesammelt, die gar nicht ausgesprochen werden.

Sie haben also erst einmal versucht, Buchstaben in Musik zu verwandeln?

Stefan Scheib: Wird sind bei den Proben erst mal ganz wörtlich vorgegangen und haben ausprobiert, wie lässt sich ein B erzeugen? Indem man zum Beispiel beim Streichinstrument noch nicht einmal zupft, sondern die Saite nur runterdrückt und loslässt. Ähnlich funktioniert das auf einer Trommel, dass man einfach das Fell runterdrückt. So sind wir die verschiedenen Laute durchgegangen: ein R mit übertriebenem Bogendruck für die Streicher, für Perkussionsinstrumente gibt es geriffelte Stäbe, mit denen man über die Trommelkanten reiben kann und so einen rrr-Sound erzeugt. Für das Live-Stück habe ich dann Themen und Stücke geschrieben auf Basis dieses Materials. Der Rahmen für die Live-Performance war eine fingierte Feierstunde zum soundsovielten Jubiläum der Grammatik,und wir Musiker waren das Ensemble, das die Feier umrahmt hat. Das Ensemble hat im Laufe des Abends immer mehr Raum eingenommen, so dass sich die bekannte Struktur einer Feierstunde mehr und mehr auflöste. Das gab den Musikern und der Musik mehr Raum.

Wie hat sich diese Inszenierung dann bei der Umformung in ein Hörspiel verändert?

Scheib: Im Hörspiel haben wir Teile der Stücke verwendet, die ich für die Live-Performance geschrieben habe. Fragmente. Im Hörspiel ist ja nicht der Platz, um Musikstücke komplett auszuspielen. Es ging vor allem darum, wie können sich Sprache und Musik im Untergrund verweben. Dafür habe ich auch viel von dem experimentellen Rohmaterial verwendet. Auf klanglicher Ebene haben beide, Musik und Sprache auch hier wieder gleiche Anteile, auch die Tierlaute gehören zur Musik.

Bihler: Die ganzen Tierlaute, die in "Ickelsamers Alphabet" inspiriert von Ickelsamer ihre Blüten treiben, diese Mischung mit Instrumental- und reinen Buchstabenklängen ist ein Widerhall dessen, was einem im Kopf rumgeht. Alles ist eine Äußerung.

Das Hörspiel hat sehr viele verschiedene Ebenen oder Stränge. Da ist zunächst einmal das Ausgangsmaterial, die Beschreibung der Buchstaben und ihrer Klänge durch Ickelsamer, das andere sind die durch Musikinstrumente erzeugten Klänge. Dazu kommt Ihre Familie, Frau Bihler, die ungewöhnliche Wörter aus dem Alemannischen sammelt, dann auch noch eine französische Großcousine, von der wir nicht wirklich wissen, ob sie existiert, mit der Sie Vokabeln austauschen und sich über den Klang der Wörter unterhalten, dann gibt es den französischen Grammatiker Meigret und schließlich noch die Zoologie, die dadurch inspiriert ist, dass Ickelsamer so viel mit Tiervergleichen arbeitet. Wie kam da eines zum anderen?

Scheib: Vielleicht müssen wir erst erzählen, wie das Livestück aufgebaut war.

Bihler: Wir haben den Buchstaben Widmungsgedichte geschrieben. Ich habe angefangen, Wörter zu sammeln, die ich besonders mochte, und die auf Kärtchen zu schreiben. Auch die anderen Mitspieler, die Musiker und die Performerin, habe ich gebeten, mir ihre Lieblingswörter aus dem Deutschen und dem Französischen zu sagen. Nach und nach hatte ich einen ganzen Stapel schöner Worte. Ich hab sie sortiert, zum Beispiel danach, wo ein N vorkommt. Das N musste nicht am Anfang stehen, es musste nur betont sein. Diese Wörter habe ich genommen und daraus einen Text geschrieben. Durch so ein Spiel fing das an mit dem Leguan: "Niemals nahm mir nächtlichen Schlummer der Leguan." Das Gedicht schrieb sich wie von allein, und Elodie Brochier hat das Ganze sehr schattenhaft ins Französische übersetzt, mit französischen N-Worten und sogar sehr nah am Satzbau der Ausgangssprache, wir konnten das fast parallel sprechen, der Live-Abend war ja eine komplett zweisprachige Performance. Wir haben so getan, als würden wir aus den schönsten Reden und Widmungsgedichten der letzten 487 Jubiläumsfeiern rezitieren. So gab es zu verschiedenen Buchstaben kleine Geschichten, mal dies und mal das. Dieses Material war also schon da und hat jetzt in dem Hörspiel aber teilweise eine andere Bedeutung bekommen.

Sie arbeiten also mit Originaldokumenten und mit erfundenen Dokumenten.

Bihler: Das war eine Schicht. Mein persönliches Interesse an dem ganzen Thema kommt wohl daher, dass ich "mehrdialektisch" aufgewachsen bin, nicht gerade mehrsprachig, aber für mich hat Sprache immer eine große Bedeutung gehabt, und ich verbinde sehr viel damit, mit Worten, mit Sprachklangschattierungen, auch mit dem mechanischen Vorgang des Sprechens selbst und so weiter. Deswegen hat mich so begeistert, was Ickelsamer schreibt. Ihm ging es darum, Leuten, die nicht wissen, was ein Buchstabe ist, das an ihrem eigenen Mund zu erklären. Wenn es sich so anfühlt, dann ist es ein E, wenn man Mund und Zunge so einstellt, dann nennt man das, was rauskommt, ein R... Von heute gesehen klingt das wie ein Sprechtraining. Ich trage mich seit vielen Jahren mit dem Gedanken, ein Feature oder ein Hörspiel zu machen über Mundart oder über das Allgäuische, und meine Eltern sammeln, seit sie das wissen, Wörter für mich und geben mir von Zeit zu Zeit eine Liste durch, ich habe mir dann alphabetisch geordnet ein kleines Lexikon angelegt und im Lauf der Erfindung dieses Hörspiels dachte ich, vielleicht ist das jetzt der Punkt, wo dieses Thema reinpasst.

Wenn ich Ihre Arbeitsweise beschreiben wollte, würde ich sagen, Sie sind Forscher, Welterkunder, Erfinder und Spieler. Wie kombinieren Sie das alles, dass es am Ende stimmig wird?

Bihler: Ich gehe immer von etwas Echtem aus, von der Erforschung einer Wirklichkeit - wie hier: Ickelsamer, der erste deutsche Grammatiker. Es beginnt also immer mit etwas, das tatsächlich so ist in der Welt. Dann gilt es herauszufinden, warum es mich fasziniert. Ich muss mir selber auf die Schliche kommen, warum ich mich so gern damit beschäftige. Irgendwann erkennt man, welches allgemeinere Thema der ersten Faszination zugrunde liegt, und das man eigentlich bearbeiten möchte. Natürlich reichen beim Schreiben die echten Dokumente irgendwann nicht mehr aus, sie haben ihren Zweck erfüllt, wenn sie mich zu dem Gedanken geführt haben, der mir wichtig ist, den ich als Hörspiel-Geschichte ausführen möchte. Dann erfinde ich das, was mir fehlt oder schmücke etwas aus, um bestimmte verborgenere Aspekte hervorzuheben, verändere eine Biografie in meinem Sinne, im Sinne der Geschichte, oder erzähle sie anders zu Ende, so dass ich das, was ich sagen möchte, auch sagen kann.

Scheib: Es geht eigentlich um ein Weiterspinnen der Gedanken. Ein Bild dafür zu finden, wie es wäre, wenn es so wäre, wie wir uns das vorstellen. Es geht nicht darum, einen Schabernack zu treiben.

Bihler: Es muss ein Bild oder eine Metapher sein, die eine Wirklichkeit abbildet. Es muss eine Erfindung sein, die in der Wirklichkeit vielleicht nicht in allen Details so vorkäme, der aber als Bild genommen eine Wirklichkeit entspricht.

Entwickeln Sie solche Erfindungen im Zwiegespräch?

Scheib: Ja und Nein. Wir sprechen oft, aber es gibt auch zwischendurch Phasen, wo jeder von uns in seinem Bereich Material entwickelt und wir noch nicht darüber reden können, weil sich jeder für sich noch klar werden muss. Das sind Phasen, in denen wir uns vertrauensvoll in Ruhe lassen, und jeder arbeitet an seinem.

Bihler: Und diese Phasen können auch durchaus lang sein.

Der Faktor Zeit scheint bei der Entstehung Ihrer Produktionen eine wichtige Rolle zu spielen.

Bihler: Wir brauchen viel Zeit. Könnte auch schneller gehen, aber es geht halt nicht schneller.

Sie führen Ihre Themen in verschiedene Aggregatzustände über: mal als Performance, mal als Hörspiel. Könnte man Ihre Arbeitsweise so beschreiben, dass Sie sagen: Erst einmal experimentieren wir ein bisschen rum, und dann versuchen wir daraus ein in sich geschlossenes Werk zu machen, also zum Beispiel ein Hörspiel?

Scheib: Ja, ich würde da aber keine Wertigkeit sehen. Es sind verschiedene Zustände. Die Hörspiele, die wir machen, sind Hörspiele, die mit Mitteln der Klangkunst und mit musikalischen Strukturen arbeiten. Aber es sind Hörspiele, also steht das Wort insofern schon im Vordergrund. In unseren Klanginstallationen oder Performances liegen die Schwerpunkte dann oft auch auf der Musik oder dem Raum. Meistens beginnen wir mit solchen Formen, wenn wir an ein neues Thema rangehen. Und in der Tat steht in der Regel am Ende das Hörspiel. Das ist praktisch für das Hörspiel, weil man dann aus mehr schöpfen kann.

Sie haben viele Elemente, viel Material.

Bihler: Genau, das mögen wir gern: an ein Feld, das wir schon einmal beackert haben, noch einmal dranzugehen und einzelnen Dingen noch einmal nachzugehen. Man recherchiert immer mehr, als man nachher unterbringen kann. Da bleibt immer was übrig für Weiterentwicklungen. Das Hörspiel ist eine sehr auf einen Sinn konzentrierte Angelegenheit. Wenn man es öfter hören kann, hat man die Möglichkeit, andere Schichten zu hören, das heißt, wir können auch mehrere Schichten übereinanderlegen. Live habe ich dagegen das Gefühl, es geht sehr um diesen Moment, um unsere persönliche Anwesenheit, die Situation des Raumes, da würde ich niemals so viel reden wie in einem Hörspiel.

Als wir "Bout du Monde" live aufgeführt haben, ging es im ersten Teil nur um die Musik. Ich habe etwas erzählt, wie eine Museumsführerin, um die Leute hinzuführen zum Hören, auf dem Umweg des durch Rahmen Schauens. Die Musiker haben in einer Kantine gespielt, hinter verschiedenen Schiebfenstern, Falttüren und Durchreichen, da ging mal hier was auf, mal dort, es war eine Verleitung zum Hören über den Weg des Sehens. Es ging sehr darum, was man in einem Raum erleben kann und wie man Räumliches erlebt. Und dann noch: Ein Hörspiel ist irgendwann fertig, da wollen wir dann auch, dass es perfekt ist. Aber bei Live-Situationen mag ich es gern, wenn bestimmte Dinge noch ein bisschen offen sind. Das darf gar nicht so fest sein.

Nicht so fertig.

Bihler: Durch direkte Reaktionen erfährt man viel von den Leuten. Ich finde das persönlich sehr schön, wenn das nicht so festgezimmert ist. Obwohl unsere Stücke nie reine Improvisation sind.

Scheib: Das Hörspiel ist am Schluss eben fix, da ändert man nichts mehr, und deswegen ist es gut, wenn es am Ende steht. Bei einer Live-Produktion ist die Anwesenheit einer Person auf der Bühne ein so spezieller Moment, das ist in einer Hörspiel-Produktion so nicht machbar.

Wie gehen Sie vor als Erfinder, wenn Sie sagen, wir brauchen jetzt noch was, um die Geschichte in unserem Sinne weiterzuspinnen?

Bihler: Bei "Ickelsamers Alphabet" ist viel von Ickelsamer in dem Hörspiel, aber im Endeffekt sind nur sechs Minuten Text original von ihm. Einiges, das mir wichtig war, hätte gut auch in seiner Grammatik stehen können, also habe ich sie ergänzt. Ich habe ihm beispielsweise unterstellt, dass dieses N-Gedicht von ihm ist, ein Übungsgedicht im Kapitel zu diesem Buchstaben, um ihm den Spaß an den Wörtern noch deutlicher anzuhängen, und ich habe es noch einmal dahingehend überarbeitet, dass die Worte wirklich aus seiner Zeit stammen, und auch Elodie hat diesen Text so übersetzt, dass er aus dem Französischen dieser Zeit sein könnte. Auch "Lass den Kapaun nit aus dem Aug" ist von mir. Ich finde, Ickelsamer war total abgefahren, aber er hat sich selbst wohl nicht so gesehen.

Das ist wohl oft so...

Bihler: Es ging bei ihm ja auch viel um Religion und darum, dass die Leute die Bibel lesen können und am Ende gehörte er zu einer schwärmerischen religiösen Richtung. Er könnte also durchaus als Buchstabenkette im Lech verschwunden sein... Man weiß nicht mehr viel über ihn am Ende. Das lässt mir Platz. Bei "Bout du Monde" zum Beispiel ist das ganze Tagebuch von Bougainville komplett erfunden. Die Idee war, ein Stück über den Horizont zu machen, und ich habe mich gefragt, wer erlebt das, und aus irgendeinem Grund kamen mir die Weltumsegler in den Kopf. Bougainville war ein Weltumsegler, und es hieß, er habe sich an seinem Lebensende in die Normandie zurückgezogen. Da blieb er zwar nicht, aber ich habe geschaut, ob es in der Normandie einen Ort gibt, von dem ich mir vorstellen kann, dass er da sitzt. Ich schlage ihm da eine andere zweite Lebenshälfte vor und sage, er ist dort geblieben und bleibt sitzen und guckt auf den Horizont. Damit kann ich das Thema sozusagen an dem Erlebnis einer Person festmachen.

Scheib: Du bist auch hingefahren an diesen Ort, das Cap de La Hague, und hast irgendwann angerufen und gesagt, ich habe das Haus entdeckt, wo er gewesen sein kann. Und plötzlich hat sich das alles so zusammengesetzt, weil es gepasst hat. Bei "Ickelsamer" war es ähnlich: Das Naturkundemuseum in La Rochelle gibt es wirklich, wir kennen es aus einem Urlaub, da steht diese Giraffe im Treppenhaus, wenig später waren wir in Frankfurt in der Dürer-Ausstellung und haben die Zeichnung vom Rhinozeros gesehen...

Bihler: ...und da wurde auch ein Blatt gezeigt, das auf beiden Seiten bemalt war, einfach nur um Platz zu sparen, im Licht schimmert die Rückseite durch. Das nimmt man alles auf, manchmal ohne es zu bemerken, und beim Schreiben kommt es wieder hoch und setzt sich zusammen.

Das ist wie ein Puzzle. Sie extrapolieren die Wirklichkeit und denken sie weiter, wie es auch gewesen sein könnte. Der Name Ihres Ensembles, Liquid Penguin Ensemble, sagt ja schon, dass es sehr beweglich ist, Sie arbeiten mit unterschiedlichen Künstlern zusammen. Gibt es einen festen Kern an Leuten, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Scheib: Den gibt es. Mit Elodie haben wir schon öfter gearbeitet, auch mit den Streichern, die bei "Ickelsamer" dabei waren. Ich finde es schön, Musik für Leute zu schreiben, die ich kenne, bei denen ich weiß: Das macht der bestimmt so, und so wird das klingen. Eigentlich gehören zu dem engeren Kreis alle Beteiligten, die jetzt auch bei "Ickelsamer" dabei waren: Elodie Brochier, Julien Blondel, Monika Bagdonaite, Wollie Kaiser, Dirk Rothbrust, Daniel Prätzlich. Das sind Musiker, mit denen ich auch in anderen Zusammenhängen zusammenarbeite.

Bihler: Aber es gibt auch Duos, wo wir nur zu zweit sind.

Scheib: Es ist schön, die Gelegenheit zu ergreifen, mit neuen Leuten zu arbeiten, aber es ist auch schön zu wissen, worauf man sich einlässt.

Hat sich Ihre Arbeitsweise in den vergangenen Jahren geändert?

Scheib: Wir haben zu Anfang ganz andere Hörspiele gemacht. Das erste war ein Krimi von Paul Auster. Wir haben angefangen als Musikensemble: Klavier, Kontrabass, Posaune, dazu Katharina und noch ein Schauspieler. Das war eine leicht inszenierte Lesung, live, die wir in Köln als CD produziert haben, und die der WDR dann gesendet hat. Der WDR hatte damals die "New York Trilogie" produziert und das mittlere Stück, "Schlagschatten", das wir produziert hatten, hat ihnen noch gefehlt.

Bihler: Das war ein Krimi mit 60er-Jahre-Flair mit Stücken für eine Jazzband. Am Ende gab es genauso viel Text wie Musik, und es gibt Stellen, wo beides aufeinanderliegt. Wir haben einfach mal ausprobiert, wie viel man aufeinanderlegen kann, so dass man dem Text noch gut folgen kann. So hat das mal angefangen.

Scheib: "Apfel-z" war ein paar Jahre später unser erstes Radiohörspiel auch mit eigenen Texten, unsere erste Produktion für den SR. Da ist sehr viel gleichzeitig passiert, das war sehr dicht und schnell. Ich glaube, unsere Stücke sind mit der Zeit aufgeräumter geworden. Das erste Stück, das wirklich großen Erfolg hatte, war "Gras wachsen hören", das ist ja eher einfach strukturiert.

Das war 2007. War das das erste Mal, dass Sie mit dieser Feature-Form gearbeitet haben?

Bihler: Genau. Vorher waren auch die Live-Stücke oft eher collagiert. "Apfel- z" war so eine Collage aus eigenen und fremden Texten, das hatte noch nicht diese Feature-Form.

Für Dokumentarfilme, die von Fakes erzählen, gibt es den Genrebegriff Mockumentary, für das gefakte Feature gibt es keine entsprechende Bezeichnung. Oder haben Sie schon mal über eine Bezeichnung nachgedacht?

Scheib: "Mockumentary" hat ja auch was von sich mokieren, aber das würde ich gar nicht so passend finden. Bei "Gras wachsen hören" gab es viele Leute, die die Dinge, die real und recherchiert waren, als Witz aufgefasst haben.

Das ist das Verblüffende: Das, was so verrückt klingt, ist die Wirklichkeit.

Bihler: Uns geht es nicht darum, irgendjemanden aufs Glatteis zu führen. Eher schon, Leute dazu zu bringen, etwas für möglich zu halten, was es vielleicht - noch - nicht gibt. Ich höre sehr gerne Features. Mich spricht das sehr an. Es entspricht auch unserer Arbeitsweise: Wir fangen immer bei einer Wirklichkeit an, die wir erforschen. Daher drängt sich diese Form auf. Ich habe nicht das Bedürfnis, einer solchen gefundenen Geschichte eine Familiensaga oder so etwas überzustülpen, abgesehen davon, dass ich so etwas gar nicht schreiben kann. Die Recherche bleibt sichtbar, und dadurch wirkt es fast zwangsläufig wie ein Feature. Ich persönlich lasse mich sehr gut mitnehmen durch diese Form. Für uns steht sie aber gar nicht immer so im Vordergrund. Sie ergibt sich. Bei "Bout du Monde" haben wir nicht damit gerechnet, dass uns irgendein Mensch das glaubt. Wir haben uns gar nicht so Mühe gegeben mit dem Glaubhaftmachen von Dingen, die nicht stimmen. "Bout du Monde" trifft aber eine Sehnsucht vieler Menschen...

Die Sehnsucht nach Weite und nach Meer...

Bihler: Und dass man eine Auszeit bekommt - und man würde gern glauben, dass es so ist. Dann hält man es auch für möglich. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn einer so eine Sitzbewegung gründet.

Bei "Ickelsamers Alphabet" haben Sie angeknüpft an ein früheres Hörspiel, "Auris Interna". Ich könnte mir vorstellen, dass das öfter passiert, dass sie an Stränge anknüpfen, die von früheren Arbeiten hängengeblieben sind.

Bihler: Auch "Bout du Monde" greift mit Horizont ein Thema auf, das übriggeblieben ist von einem Opernprojekt, "Eurydike hinter den Grenzen". Wir haben den Orpheus-Mythos ergänzt um einen modernen Mythos der Eurydike als "Pragmatikerin des Grenzübertritts", könnte man in aller Kürze sagen. Abstrakt gesehen ging es dabei auch um die Gegensätze von Linie und Fläche, und da lag das Thema Horizont eigentlich auch mit drin. Am Ende hat dieser Spezialfall der Grenze aber nicht mehr reingepasst, und wir haben das aussortiert und gesagt, wir machen als nächstes ein eigenes Stück über "Horizont".

Sie haben auch ein Stück über den Elysee-Vertrag gemacht, "Radio Elysee", war das ein Auftragsstück zum Jubiläum des Vertrags?

Bihler: Ein bisschen Auftrag vielleicht. Es war eher die Frage, ob wir Lust hätten, uns mit dem Thema zu befassen, da wir ja oft mit Franzosen zusammenarbeiten. Wir haben diese Gelegenheit sehr gern ergriffen, weil wir uns dadurch intensiv mit dem Thema deutsch-französische Freundschaft auseinandersetzen konnten. Davon profitieren wir auch weiter. Davon strahlte etwa sehr viel in ein späteres Livestück "Interaction" hinein, für das wir mit einem französischen Ensemble zusammengearbeitet haben. Da haben wir die zeitlichen Vereinbarungen aus dem Elysee-Vertrag als zeitliche Struktur für die Performance benutzt.

Das klingt ja erst einmal wenig anregend: Wollen Sie ein Stück über den Elysee-Vertrag machen?

Scheib: Das war ein Anlass, sich intensiver mit der deutsch-französischen Geschichte auseinanderzusetzen, Du hast da ja Fleißarbeit geleistet.

Sie haben also als erstes den Vertragstext gelesen.

Bihler: Der ist ganz übersichtlich, nicht lang.

Scheib: Der Text war eine Offenbarung. Ich finde, das ist ein sehr kluger Vertrag, um Frieden zu schließen. Es steht einfach nur drin: man muss sich begegnen. Und es wird genau gesagt, wer mit wem und wie oft. Das ist die Grundvoraussetzung, um Frieden zu schaffen: Man muss sich treffen und miteinander reden. Alles weitere kann folgen. Dann kann sich Vertrauen herausbilden und alles, was es benötigt, um friedlich miteinander zu leben.

Bihler: Es hat lang gedauert, die haben sich oft getroffen, bis dann wirklich einmal ein Projekt zustandekam. Adenauer wollte das irgendwie mit den Franzosen eintüten, vor Ende seiner Amtszeit, und de Gaulle wollte das auch. Auf einmal haben sie dieses kleine Vertragswerk in ihren Ländern durchgekriegt. Das war kein schlechtes Vermächtnis. Für uns hat das auch erklärt, warum jeder neue Kanzler erst einmal bei den Franzosen vorspricht und sich die beiden vor jedem Gipfel noch einmal treffen, das steht alles in dem Vertragstext. Und andererseits war das auch eine tolle Zeit in der Kunst und der Kultur in den frühen 60ern. Fluxus, die damals beherrschende Kunstrichtung, besteht aus solchen Anweisungen wie: "Gehe drei Schritte nach links, mach die Tür zu und dann wieder auf" - und der Rest passiert. So ähnlich steht in dem Vertrag: "Geh einmal im Jahr nach Berlin und einmal im Jahr nach Paris", der Rest passiert. Das hatte so eine witzige Parallele.

Politik und Kunst.

Bihler: Und wir haben uns vorgestellt, ah, vielleicht war das eigentlich eine Fluxus-Aktion, dieser Vertrag. Die waren beide Fluxus-Künstler.

Scheib: Und im selben Jahr, als das erste Fluxus-Festival in Wiesbaden stattgefunden hat, war de Gaulle in Deutschland. So entsteht dann diese verschobene Realität: Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass de Gaulle auf einem Fluxus-Festival war, aber tatsächlich hat sein Besuch in Deutschland genau während des ersten Fluxus-Festivals in Wiesbaden stattgefunden. Die beiden hätten also hingehen können...

Und dann kommt als weiteres Element in Ihrem Hörspiel die Raumfahrt hinzu.

Bihler: Das erste Projekt der beiden Länder war tatsächlich, zwei Kommunikationssatelliten zu bauen und ins All zu schießen, Symphonie 1 und Symphonie 2. Das Thema Schwerkraft ist bei uns schon in anderen Stücken aufgetaucht. Die Schwerkraft ist ja Materie schlechthin. Das hat für uns eine neue Metapher aufgemacht, mit dem Zitat von Guattari und Deleuze: "Schwerkraft ist das Wesen des Staates." Das fanden wir sehr passend, wir sprechen auch so darüber in der Politik: "Man muss eine Balance" halten. Es hieß auch immer, ob Frankreich und Deutschland zu zweit nicht zu stark in Europa werden. Zwei Schwergewichte.

Es geht um Gleichgewichte, Gleichgewicht des Schreckens...

Bihler: Ja, es wiegt etwas. Und da war es nicht so weit weg zu denken: Was passiert, wenn wir das wörtlich nehmen? Und jetzt die Schwerkraft aufheben? Man findet jede Menge erstaunliche Dinge, was alles anders ist, wenn es keine Schwerkraft gibt. Es kommt keine Begegnung zustande ohne Schwerkraft. Wenn man keinen Pantoffel hat, den man wegschmeißen kann, um einen Rückstoß zu erzeugen, kommt man nicht zusammen, sondern hängt gegebenenfalls schön schwerelos, aber ganz allein im Raum. Man muss sich von etwas abdrücken können.

Wie war das mit der Musik in der Schwerelosigkeit?

Scheib: Wir haben einen guten Kontakt zu einem Journalisten vom "DLR Magazin", dadurch konnten wir ein paar Leute beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ausfragen, wie das Leben in der Schwerelosigkeit funktioniert. Die Astronauten nehmen immer mal Musikinstrumente mit hoch zur ISS, und es hat sich herausgestellt, dass das Trompetespielen in der Schwerelosigkeit einen Rückstoß erzeugt.

Bihler: Die Astronauten müssen sich überall festbinden, sie können ja nicht einmal tippen, ohne einen Rückstoß zu erzeugen. Alles wird irgendwo festgemacht. Man muss sehr ordentlich sein in der Schwerelosigkeit.

Sie haben damals zu "Bout du Monde" auch ein Buch gemacht, könnten Sie sich das zu "Ickelsamers Alphabet" auch vorstellen? Ein Buch für arme Studenten, die Linguistik lernen müssen?

Bihler: Ich glaube, es ist besser, wenn man "Ickelsamers Alphabet" hört. Es gibt aber tatsächlich einen Sprecherzieher aus Hamburg, der das Manuskript haben wollte, um mit seinen Studenten was daraus zu arbeiten. Prinzipiell warum nicht? Ich glaube trotzdem, das Vergnügen ist doch eher die gesprochene Sprache, der Klang.

Wie wichtig ist für Sie die Zusammenarbeit mit Dramaturginnen und Dramaturgen beim Hörfunk?

Scheib: Sehr wichtig. Wir arbeiten schon lange mit Annette Kührmeyer vom Saarländischen Rundfunk zusammen, und es ist super, jemanden wie sie von außen zu haben. Uns fehlt oft der nötige Abstand.

Bihler: Es ist in vielerlei Hinsicht sehr entlastend, so jemanden zu haben. Man kann sagen, ich schreib das mal so, und wenn es nicht funktioniert, wird sie es bemerken. Oft ist es okay, aber sie hat dann manchmal eine Idee und sagt: Vielleicht fangen Sie lieber an der Stelle an.

Welche Rolle spielt der Humor für Ihre Produktionen?

Scheib: Er ist einfach da, ohne dass wir es darauf anlegen. Es ist vielleicht einfach ein gesunder Abstand.

Ist das Ihre Art, auf die Welt zu gucken?

Bihler: Ich denke, ja, es ist eine gewisse Distanz, und die kommt daher, dass ich erst richtig schreiben kann, wenn ein Thema für mich kein Drama mehr ist. Oder wenn ich über das Stadium des ehrfürchtigen Staunens angesichts bestimmter Zusammenhänge, auf die ich gestoßen bin, hinaus bin. Als ich angefangen habe, "Gras wachsen hören" zu schreiben, war das Thema zwar klar, verschiedene Zeitebenen bei Mensch und Pflanze, unbemerkte Parallelwelt. Aber ich musste warten, bis daraus ein praktisches Bild entstand, das auf dem Boden sitzt: Madame Asch, die ihre innige Vereinigung mit einer Bohnenranke träumt. Dieses leicht absurde Bild gefunden zu haben, hat mich in die Lage versetzt weiterzuschreiben.

Sie machen seit 15 Jahren Hörspiele. Haben Sie das Gefühl, dass die Hörspielproduktionen heute mehr Beachtung finden als früher?

Scheib: Ich habe das Gefühl, dass das Hörspiel an sich mehr Beachtung findet. Es gibt mehr Veranstalter, die Hörspiele live vorführen. Ob das mit den Radiosendern zu tun hat, da bin ich nicht so sicher. Ich glaube, für viele Hörer sind die "Drei Fragezeichen" der Einstieg. Das ist so ein eigenes Untergenre, das nicht viel mit dem zu tun hat, was wir machen. Das ist eine andere Stilistik.

Bihler: Ich finde, das wichtigste ist, dass es alle möglichen Spielformen geben kann.

Scheib: Dadurch, dass das Produzieren extrem einfacher geworden ist, hat sich eine freie Szene mit interessanten Hörspielen herausgebildet. Es gibt jetzt auch Studiengänge, die sich spezialisieren. Das ist ein Gewinn. Auch wir produzieren unsere Hörspiele zum großen Teil selbst. Material erfinden und es produzieren, schneiden, mischen, montieren, das gehört für uns im kreativen Prozess zusammen.

Bihler: Wir haben selten mit Cutter und Tonmeisterin gearbeitet. Wir schneiden und mischen selbst. Von der akustischen Vorstellung im Kopf direkt auf die Schnittspur. Das macht Spaß, es gehört zum Vergnügen dieser Arbeit.

 

Aus epd medien Nr. 29 vom 17. Juli 2015
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