Interview
Andres Veiel ist Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen wie "Black Box BRD" und "Die Spielwütigen". In diesem Frühjahr kam sein erster Spielfilm, "Wer wenn nicht wir", in die Kinos.
"Wir brauchen Qualitätsbewusstsein"
Ein epd-Interview mit Andres Veiel
Frankfurt a.M. (epd). In einer Interviewreihe beschäftigen wir uns in epd medien mit der Frage, welche Zukunft der Journalismus hat und welche Rolle er für die Gesellschaft spielt. Wir setzen unsere Reihe fort mit Andres Veiel. Er ist Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen wie "Black Box BRD" und "Die Spielwütigen". In diesem Frühjahr kam sein erster Spielfilm, "Wer wenn nicht wir", in die Kinos. Diemut Roether sprach mit ihm über die Wirkung von Filmkritik und die Folgen der Beschleunigung durch den Journalismus.

In einer Interviewreihe beschäftigen wir uns in epd medien mit der Frage, welche Zukunft der Journalismus hat und welche Rolle er für die Gesellschaft spielt. Wir setzen unsere Reihe fort mit Andres Veiel. Er ist Autor und Regisseur von Dokumentarfilmen wie "Black Box BRD" und "Die Spielwütigen". In diesem Frühjahr kam sein erster Spielfilm, "Wer wenn nicht wir", in die Kinos. Diemut Roether sprach mit ihm über die Wirkung von Filmkritik und die Folgen der Beschleunigung durch den Journalismus. Frühere Beiträge der Interviewreihe erschienen in epd 74/10, 95/10, 3/11 und 19/11.

 

epd: Ihr erster Spielfilm "Wer wenn nicht wir" über Bernward Vesper und Gudrun Ensslin ist in diesem März in die Kinos gekommen. Wie wurde er aufgenommen in den Medien?

 

Andres Veiel: Der Film fand bereits bei der Berlinale ein sehr kontroverses Echo. Es war der meistdiskutierte Film bei der Berlinale, das hat damit zu tun, dass der Film - vor allem bei Journalisten - in ein bekanntes Terrain eingreift. Jeder, der ein bestimmtes Alter erreicht hat, kennt Bilder - hat sozusagen einen großen Projektscontainer - die sich festsetzen im Sinne eines "So ist es gewesen"-Abbildes. Interessanterweise unterscheiden sich da Journalisten und Publikum nur bedingt. Das geht bis in die Detailargumentation: Andreas Baader war doch nicht schwul. Und wenn ich dann nachhake, woher die Bilder kommen, ist das Bild eines Andreas Baader stark durch seine Darstellung durch Moritz Bleibtreu im "Baader-Meinhof-Komplex" besetzt. "Wer wenn nicht wir" hinterfragt also auch eine Ikonenbildung und eine Sehnsucht nach ungebrochenen Helden. Mir wurden die Szenen vorgeworfen, in denen Gudrun Ensslin sich selbst beschädigt oder Andreas Baader unterwirft. Ein politischer Held soll gradlinig für eine Sache kämpfen und nicht mit sich selbst beschäftigt sein. Das wird als Entpolitisierung wahrgenommen.

 

Ich greife ja gern ein, rede gern mit Journalisten und streite mich auch mit ihnen, wenn es so offensichtlich ist, dass die Kritik mit eigenen Enttäuschungen zu tun hat. Enttäuschung in dem Sinn, dass der Film nicht Bilder reinszeniert, die für die eigene Biografie wichtig waren. Ein Journalist hat mir gesagt, der Film liefert etwas Wesentliches nicht, das sei der Eros des Steinewerfens. Das Verlangen nach diesem Eros mag für den Kollegen eine Bedeutung haben, hat aber mit dem Film nichts zu tun. "Wer wenn nicht wir" hat Protagonisten, die entweder zu dem Zeitpunkt - 1968, bei der Schlacht am "Tegeler Weg", bei der die Steine gefechtentscheidend waren und sich die Polizisten erstmals zurückziehen mussten – im Gefängnis waren oder so viel Angst vor der Situation hatten wie Bernward Vesper, der alles getan hat, um solchen Situationen nicht beizuwohnen. Das beschreibt er ja auch in der "Reise", er spricht von der Feigheit. Dem Film vorzuwerfen, dass genau das fehlt, zeigt, wie stark die Rezeption von RAF-Filmen aufgeladen ist mit Wünschen, Sehnsüchten, die sehr archaisch sind. Dieser Film hat mich gezwungen, immer wieder die Meinungen der anderen zu hinterfragen und bestimmte Geschichtsbilder zu revidieren oder ihnen andere Bilder entgegenzusetzen. Letztlich sprachen wir irgendwann über Sehnsüchte, also warum gibt es in einer Zeit, die keine politischen Helden hat – selbst Obama ist längst gebrochen – eine große Sehnsucht, nach jemandem, der charismatisch ist und nicht nur an die Veränderbarkeit der Welt glaubt, sondern das programmatisch auch umsetzt. Es gibt ein großes politisches Unbehagen, aber es ist nur punktuell, regional oder zeitlich begrenzt formulierbar wie bei Stuttgart 21.

 

Das heißt, die Journalisten haben sich in der publizistischen Auseinandersetzung mit dem Film vor allem mit den Bildern im eigenen Kopf auseinandergesetzt. Gab es auch eine filmästhetische Auseinandersetzung?

 

Veiel: Eben nicht und das habe ich sehr vermisst. Wir hatten ein sehr detailliert ausgearbeitetes Konzept von Ausstattung, Auflösung und Lichtführung. Es gibt sehr viele lange Einstellungen, die stehen bleiben, in denen wir nicht ranspringen, die dem Zuschauer die Möglichkeit lassen, den Raum, in dem sich die Protagonisten bewegen, seinerseits zu entdecken. Eigentlich ein dokumentarisches Prinzip, das dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, sich selbst zu entscheiden, Relevanzen zu bilden. Wenn man sich eine Sequenz vom "Baader-Meinhof-Komplex" anschaut, hat das eine große Beliebigkeit: Man merkt, dass eine Szene in sieben Einstellungsgrößen aufgelöst wurde, mal eine Totale, dann springt man ran, dann springt man woanders hin, Schuss, Gegenschuss, noch einmal eine Totale. Das wird dann im Schnitt zusammengeschraubt - rhythmisch gekonnt, erzählerisch beliebig. Für mich war die Frage, wie die Geschichte erzählt wird, mit welcher inneren Haltung, wichtig. Ich erzähle Personen und Räume mit, was ich bei "Black Box BRD" auch schon getan habe, die Ausstattung ist immer in einem Zustand des Understatement, also weder lobt sich die Kamera selbst, noch die Ausstattung. Das Ganze wird in einer Beiläufigkeit gehalten und ist trotzdem absolut präzise. Und wenn die Journalisten von ihren inhaltlichen Erwartungen gelenkt und gesteuert sind, wird diese Feinstofflichkeit nicht wahrgenommen.

 

Würden Sie das generalisieren? Werfen Sie der Filmpublizistik allgemein vor, dass eine filmästhetische Auseinandersetzung zu wenig stattfindet?

 

Veiel: Unbedingt. Es gibt einzelne Kollegen, die das tun, aber die kann man an einer Hand abzählen. Ich habe auch in vielen Interviews gemerkt, dass es bestimmte Standardschablonen gibt, also: warum Spielfilm? Warum das als Spielfilm? Solche Fragen liegen nahe, das kann man niemandem vorwerfen, natürlich gibt es immer den Vergleich der eigenen Urbilder und historischen Fakten mit der Fiktionalisierung. Aber jenseits der inhaltlichen Ausrichtung dringt man nicht zu Fragen der Umsetzung vor. Das ist auch bitter für eine so herausragende Kamerafrau wie Judith Kaufmann, ihre Arbeit wird nicht wahrgenommen.

 

Wo findet diese filmästhetische Auseinandersetzung denn noch statt? In Spezialzeitschriften?

 

Veiel: In "Cinearte" findet sie statt. Aber man merkt auch, dass die Wirkung von Filmkritik in dem Sinn, dass Menschen dann tatsächlich eine Kinokarte kaufen, immer marginaler wird. Wir hatten ein großes Medienecho, drei Wochen nach der Berlinale waren in allen wichtigen Zeitungen Kritiken, auch Interviews und wir werden am Ende wahrscheinlich bei 80.000 oder 100.000 Zuschauern landen.

 

Dabei gab es beim Deutschen Filmpreis sogar noch die Lola in Bronze und vier weitere Nominierungen, unter anderem für das beste Szenenbild und für den besten Schnitt.

 

Veiel: Und den Bauer-Preis bei der Berlinale... Man muss das ganz nüchtern sehen: Wenn Publizistik, sprich Filmkritik nicht zusammengeht mit einer extensiven Werbekampagne von Fernsehen, Radio, Plakaten, Kino plus Internet, wird die Wirkung überschätzt. Die Publizistik ist nicht entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg eines Filmes. Wir haben auch neue Sachen ausprobiert und einen Blog gemacht, aber dass nicht so viele Zuschauer kamen, lag bestimmt auch an einer gewissen RAF-Müdigkeit, obwohl der Film ja in diesem Sinn kein Film über die RAF ist.

 

Wie wäre dieser Film vor 30 Jahren von den Journalisten diskutiert worden? Wäre es als Zumutung aufgenommen worden, dass die Protagonisten so dargestellt wurden?

 

Veiel: Sicher. Schon "Black Box BRD" war damals für manche eine Zumutung. Die Frage war: kann ich mich über Biografien Strukturen annähern? Stehen einzelne Menschen, die ich herausgreife, stellvertretend für etwas anderes? Wenn ich eine Frau sehe, die um ihren Mann trauert, bin ich bei einer individuellen Empathie, sehe aber nicht, für welche Strukturen dieser Mann bei der Deutschen Bank steht, das wurde mir damals vorgeworfen. Eine Biografie überhaupt in einen historischen sozialen Kontext einzubetten und sich einem Generationsbegriff anzunähern, das widerspricht einem historisch-materialistischen Geschichtsbegriff, in dem das Individuum immer nur Produkt von bestimmten Verhältnissen ist. Was Stammheim angeht, gab es damals in den 80ern fast ein Bilderverbot. Jeder Film wäre als Verbürgerlichung, als Vereinnahmung, als politische Anmaßung gedeutet worden. Dass wir auch mit "Wer wenn nicht wir" provozieren, war mir klar, nicht aber, dass die Kritik am Film überwiegend ein deutsches Phänomen sein würde. Für mich war interessant, dass ich bei der Berlinale mit vielen ausländischen Journalisten gesprochen habe, die den Film als Film wahrgenommen haben. Ein Jurymitglied sagte mir, ihm sei zunächst überhaupt nicht klar gewesen, dass es wirklich eine Gudrun Ensslin gegeben hat. Für ihn war es einfach ein Film und als solchen fand er ihn fantastisch. Sehr interessant waren die Gespräche mit Journalisten von Al Dschasira, die den Film im Kontext der Demokratiebewegung und des Aufbegehrens in der arabischen Welt sahen. Dass Al Dschasira jetzt eine größere Sendung über den Film gemacht hat, ist genau das, was ich mir gewünscht habe. Ich habe das Gefühl, dass der Film in dem Sinn ein Klassiker wird, als er sich in die RAF-Diskurse als wichtiger Meilenstein einordnet, aber er ist vielleicht im Moment sogar im Ausland wichtiger.

 

Sie haben in den 70er Jahren den Stammheim-Prozess verfolgt. Erinnern Sie sich an die Berichterstattung in den Zeitungen? Wie war die damals?

 

Veiel: Es gab damals noch keine taz, die kam erst 1979. Es gab eine starke Polarisierung, gerade in Stuttgart wurde mit Empörungswut auf Stimmen reagiert, die versuchten, Verständnis für die RAF zu zeigen. Um das Jahr 1977 gab es eine große Wut, solche Leute auszumerzen - solche Begriffe fielen damals: Ungeziefer, kaputt machen. Das traf auch diejenigen, die den Ansatz machten, die Ursache des Terrors zu begreifen, sich aber weigerten, die RAF-Mitglieder ausschließlich als durchgeknallte Mörder zu beschreiben. Das war eine Zeit, in der es auch in der öffentlichen Wahrnehmung keine Brücken gab.

 

Wie hat sich die Gegenöffentlichkeit damals formiert?

 

Veiel: Damals, Ende der 70er, begann die Videobewegung, die Leute sagten, wir müssen die Kamera selbst in die Hand nehmen, in den öffentlich-rechtlichen Medien wird unsere Meinung zensiert, wir kommen nicht mehr vor. Die Freiburger Medienwerkstatt ging aus dieser Bewegung hervor. Ich habe Anfang der 80er Jahre auch angefangen, mit Video-Spulengeräten zu arbeiten. Meine Eltern hatten damals die FAZ, die Zeitung von heute ist nicht mit der von damals zu vergleichen, es war ein absolut reaktionäres Blatt, das sich keinen Millimeter im Sinne des Dialoges bewegte. Linke Politik stand generell unter einem großen Stigma: Sowjetunion, Diktatur, Entmündigung, Inhumanität, Lager - man war ganz schnell bei Sibirien oder es hieß, geh nach drüben, wenn dir was nicht passt - das war nicht der Jargon der FAZ, aber inhaltlich war sie davon nicht weit entfernt.

 

Ich habe einen Kommentar gelesen, der in den 70er Jahren in der FAZ erschien, in dem für Verständnis für die argentinische Militärdiktatur geworben wurde. Wo gehobelt wird, fallen eben Späne, war eine Quintessenz des Kommentars.

 

Veiel: Auch die Ermordung von Allende, 1973, wurde in der FAZ begrüßt.

 

Das heißt, die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen 30 Jahren sehr verändert. Wie würden Sie diese Entwicklung beschreiben?

 

Veiel: Die Medien sind einerseits unberechenbarer geworden und andererseits berechenbarer. Unberechenbarer in dem Sinn, dass auch Medien wie der "Spiegel" daran mitgewirkt haben, dass die Regierung Schröder abgewählt wurde. Sie widersprechen sich selbst häufiger. Erst setzen sie eine These in die Welt, aber wenn sie dabei bleiben, entsteht zu wenig Neues, um sich aufregend zu positionieren. Es wird also eher an den Verkaufswert einer Nachricht gedacht, daran, wie sie verpackt werden muss, um Aufmerksamkeit zu erregen, um zu polarisieren - auch wenn sich das möglicherweise von der Blattlinie diametral abhebt. Bestimmte Grundhaltungen oder Grundüberzeugungen sind verloren gegangen und es geht bei jedem Titel und jeder Schlagzeile nur noch darum, ob man der Erste ist. Das Moment der Beschleunigung spielt eine extrem große Rolle. Es geht nicht mehr darum, Nachrichten auszudifferenzieren oder auseinanderzunehmen, dadurch würden sie an Schlagkraft verlieren. Das betrifft nicht nur die Journalisten, sondern auch die Politiker: es geht um die Frage, wie man wahrgenommen wird. Ich komme vor, wenn ich in einem medialen Chor eine Solistenrolle einnehme und mich bewusst vom Mainstream absetze. Auch wenn es objektiv sachlich falsch ist. Dadurch komme ich in den Ticker und dann zitieren mich auch andere wieder. Im Medienkonzert von "Bild", "Spiegel", FAZ, ist es zum einen wichtig, der Erste zu sein, und dadurch als Solist zu erscheinen und zum anderen ist es wichtig, anders zu sein, sich also von den anderen abzuheben. Dadurch gehen bestimmte Blattlinien verloren. Man hat das Gefühl, es ist austauschbarer geworden...

 

Beliebiger?

 

Veiel: Beliebiger. Und es gehen Kontextualisierungen verloren. Es gibt natürlich Ausnahmen wie "Die Zeit", aber man bleibt viel stärker am Phänomen und ordnet bestimmte Geschehnisse nicht mehr in einen historischen Kontext ein. Die Wahrnehmung bleibt stark bei dem, was uns unmittelbar betrifft, es findet eine gewisse Regionalisierung statt. Die Zeitungen ziehen die Kiezteile nach vorne und berichten über den Auffahrunfall, der drei Straßen weiter passiert ist, während das, was 5.000 Kilometer entfernt passiert, immer mehr marginalisiert wird. Wenn Kontextualisierung nicht mehr gefragt ist, heißt das, dass ich schneller und kürzer werde. Umgekehrt sind die Rationalisierungen bei Redaktionen wie bei der "Frankfurter Rundschau" oder "Welt Kompakt" auch darauf zurückzuführen, dass das Interesse der Leser, sich einen Kontext zu erarbeiten, verloren gegangen ist. Das ist ein Teufelskreis, der entsteht, wenn jüngere Menschen gar nicht mehr an Kontexte herangeführt werden, sondern daran gewöhnt sind, sich ein Phänomen in fünf Zeilen erklären zu lassen. Früher war die Zeitung ein Vorratsspeicher, man hat einen Artikel ausgeschnitten, weil man dachte, das könnte einmal interessant werden. Wenn ich heute für einen Vortrag etwas brauche, suche auch ich mir das punktuell bei Google heraus. Natürlich ist mir klar, dass auch da schon hundert Leute voneinander abgeschrieben haben. Die Nachricht wird also nicht mehr überprüft, sondern sie ist gesetzt, weil sie bei "Wikipedia" zu lesen ist. Ich gehe auch nicht mehr raus und spreche mit Menschen, weil ich alles irgendwo nachlesen und daraus zitieren kann.

 

Damit beschreiben Sie, wie Journalisten heute arbeiten...

 

Veiel: Wie sie arbeiten müssen. Wenn eine Zeitung innerhalb von einigen Jahren zehn oder 20 Prozent an Leserschaft verliert, stellt sich die Frage, wie sie überlebt. Der Klassiker ist, dass weniger Menschen die gleiche Arbeit machen, das kann nicht gut gehen. Wenn ich also die Möglichkeit habe, mir schnell aus dem Netz etwas zu holen, mache ich keinen Termin mehr mit einem Menschen, auf den ich womöglich noch warten muss... Das kann man sich sparen und greift auf bestimmte Schablonen zurück. Recherche wird immer mehr zum Luxus. Wenn man aber nicht mehr recherchiert, verliert eine Zeitung das letzte Profil, das, was sie unterscheidet von anderen. Das Bewusstsein ist theoretisch vorhanden. Von Netzwerk Recherche bis hin zu den Redaktionen sagen alle, es ist ganz wichtig, dass wir recherchieren. De facto merke ich aber als Filmemacher im Umgang mit meinen Filmen, an den Zitaten aus Artikeln, daran, wie sich bei Interviews bestimmte Fragen wiederholen, dass es einen Mainstream gibt, in dem das individuelle Vorbereitetsein, die Möglichkeit, eigenständige Gedanken überhaupt zu entwickeln, immer mehr untergeht. Das liegt natürlich auch an den Zeilenhonoraren. Ich sehe das aus nüchterner ökonomischer Sicht und glaube nicht, dass Menschen überhaupt kein Bedürfnis mehr danach haben. Denn wenn einmal ein Journalist davon abweicht und anders fragt und substanzielle Interviews macht, bekomme ich auch ein Echo, das zeigt, dass das wertgeschätzt wird.

 

Vor wenigen Wochen ist der Henri-Nannen-Preis einem Journalisten aberkannt worden, der die Eisenbahn von Ministerpräsident Horst Seehofer nicht aus eigner Anschauung beschrieben hat. Im Grunde hat er das getan, was der "Spiegel" seit Jahrzehnten macht, er hat so getan, als sei er dabei gewesen, war aber nicht dabei.

 

Veiel: Reportage setzt ja voraus, dass einer dabei war. Wenn jemand einen Reportagepreis kriegt, der nicht mehr selbst beobachtet hat und nur vom Hörensagen schreibt, dann finde ich das richtig, den Preis abzuerkennen. Denn in Zeiten, in denen Recherche und Beobachtung immer mehr zum Luxusgut werden, wie ich es eben beschrieben habe, muss das ausgezeichnet werden, was der Erfahrungsarmut widerspricht. Also die Leute, die vor Ort gehen und sich etwas anhören und nicht vom Hörensagen argumentieren. Wenn man die Kriterien aufweicht, unterstützt man diese Arbeitsweise. Den Schreibtisch zu verlassen, mit Menschen zu reden, die energieaufwendigere und geldaufwendigere Form muss unterstützt werden. Ein Preis hat eine Vorbildfunktion.

 

So wie Sie den Journalismus heute gerade beschrieben haben, könnte man als Zyniker sagen, dann ist es auch nicht weiter schlimm, wenn eine Zeitung wie die "Frankfurter Rundschau" jetzt in der "Berliner Zeitung" aufgeht, denn es geht ohnehin nicht mehr um Blattlinien. Durch das Verschwinden der FR kann dann auch keine Stimme mehr verloren gehen.

 

Veiel: Die FR hat sich bemüht, sich von dem Chor abzusetzen, deswegen hat es eine besondere Tragik, wenn sie verschwindet. Die FR steht für einen kritischen nachfragenden Journalismus. Es ist nicht immer gelungen, aber es war erkennbar. Es hat eine besondere Tragik, dass besonders das auch von Jüngeren nicht mehr nachgefragt wird.

 

Liegt das daran, dass heutzutage gar nicht mehr die Qualitätszeitungen die Leitmedien sind, sondern dass es tatsächlich, wie Ex-Kanzler Schröder einmal gesagt hat, "Bild", BAMS und die Glotze sind?

 

Veiel: Und das Internet. Es sind die mageren Schlagzeilen, die einem das Gefühl geben, dass man aktuell im Informationsfluss dabei ist. Auch das ist eine Form von Darwinismus: der Schnellste setzt sich durch. Im Vergleich zu den 70er Jahren haben nicht nur die Printmedien, die damals die Leitmedien waren, generell 30 Prozent an Auflage verloren, es gab damals noch den engagierten Künstler a la Günter Grass, der sich geäußert hat und der auch um 20.15 Uhr im Fernsehen auftrat. Diese Generation ist komplett weggebrochen, das hat nicht nur Nachteile, aber diese intellektuellen Vorbilder, die sich auch gegen die aktuelle Politik positionierten, diese intellektuelle Elite hat an Einfluss verloren. Heute bestimmen Moderatoren wie Günther Jauch oder Sandra Maischberger den Horizont der Auseinandersetzung. Da ist man natürlich schnell bei der intellektuellen Begrenztheit, bei der Vereinfachung politischer Zusammenhänge und es findet eine Ent-Kontextualisierung statt.

 

Also die politische Debatten werden heutzutage nicht mehr in Form von Leitartikeln in Qualitätszeitungen geführt...

 

Veiel: ...sondern in Talkshows. Kontexte werden über Einspieler in der Länge von drei Minuten hergestellt. Es geht in einer Talkshow nicht darum, eine bestimmte Argumentationslinie zu verfolgen, an der am Ende eine fundierte Auslotung eines Momentums von Wirklichkeit steht.. Aufgeputschte Erregung verhindert ein Gespräch, in dem ein Gedanke sich aus dem vorhergehenden entwickeln kann. Der Emotionalisierungsfaktor soll den Zuschauer "abholen" - er steht aber zugleich jeder tiefergreifenden Analyse im Weg. Es findet eine Hysterisierung des Mediums statt, im Sinne von emotionalen Wortgefechten: mehr Show und weniger Essenz. Umso wichtiger ist es, dass es Filme gibt, die dann, wenn die Karawane weitergezogen ist, den zweiten Blick wagen, also Dokumentarfilme, die genau diese Kontexte herstellen. Die Hauptaufgabe ist, wieder ein Interesse zu wecken in einer Generation, die schon weggebrochen ist, die Generation der heute 25- bis 35-Jährigen. Bei den Jüngeren muss man ansetzen, um sie zurückzuholen.

 

Und wie macht man das? Im Internet?

 

Veiel: Im Internet, man muss aber auch in die Schulen gehen. Ich bin mit "Wer wenn nicht wir" viel in die Schulen gegangen oder habe Schulklassen ins Kino geholt. Man muss die Schüler auch wieder an die Konventionen des Dokumentarfilms gewöhnen, die sie ja im Fernsehen gar nicht mehr wahrnehmen. Man muss ihnen die Belohnungserfahrung vermitteln, die man bei der Auseinandersetzung mit solchen Filmen haben kann. Das ist eine große Chance.

 

Was Sie jetzt für den Dokumentarfilm beschrieben haben, würden Sie analog auf die Zeitungen übertragen?

Veiel: Genau.

 

Das sind alte Medien. Wir haben eben über die 70er Jahre gesprochen, als sich die Gegenöffentlichkeit mühsam eigene Formen suchen und erarbeiten musste. Heute gibt es das Internet, heute kann jeder alles veröffentlichen, wenn er will, aber die Frage ist, ob man wahrgenommen wird. Sie haben vorhin erzählt, das Sie auch im Internet für den Film "Wer wenn nicht wir" geworben haben. Was haben Sie da gemacht?

 

Veiel: Wir sind wahrgenommen worden, wir hatten sogar recht viele Aufrufe. Wir haben den Film kontextualisiert. Wir haben gefragt, ob das, was in den 60er Jahren passiert ist, mit einem politischen Unbehagen zu tun hatte, und ob das wiederum mit dem zu tun hat, was sich heute auch bei Stuttgart 21 und in Ägypten unter ganz anderen Umständen ereignet. Gibt es Zusammenhänge? Was trennt, was verbindet das eine mit dem anderen? Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass Blogger anders argumentieren als im Journalismus. Sie sind keine Spezialisten, sondern schreiben aus ihrer alltäglichen Sicht. Ich musste mich auch erst einmal daran gewöhnen, auf welchem mir inhaltlich manchmal sehr fernem Niveau argumentiert wird. Es gab die Seite zum Film, es gab ein Interview mit Wolfgang Kraushaar, der einen Vortrag gehalten hatte zu Stuttgart 21, es gab Menschen, die unmittelbar zu Stuttgart 21 Stellung bezogen haben, es gab Diskussionen zum Prozess gegen Verena Becker und zur Rolle des Verfassungsschutzes. Ich habe etwas geschrieben zu Dichtung und Wahrheit, zur "Chimäre des Authentischen", zur Sehnsucht nach Heldenbildern. Das Angebot war also sehr weit gestreut und wir hatten in kurzer Zeit mehr als 20.000 Aufrufe. Diejenigen, die vor allem etwas über den Film wissen wollten, waren irritiert darüber, dass es noch so viele andere Angebote gab. Mir ging es darum, klarzustellen, dass dieser Film nicht als historisch abgeschlossen betrachtet werden sollte, sondern ich wollte deutlich machen, dass er auch für die Gegenwart Angebote macht.

 

Und das ist im Internet gelungen?

 

Veiel: Das ist gelungen. Es ist nur bedingt gelungen, den Anti-RAF-Reflex anzugehen. Ich habe von vielen Leuten, die sich den Film angesehen haben, gehört, dass sie den Film toll fanden, aber dass sie gegen den eigenen Reflex anarbeiten mussten, ob sie noch einmal einen Film über die RAF sehen wollen.

 

Wir haben eben über die Talkshows gesprochen. Sie waren selbst in einer Talkshow, bei "Beckmann". Zweimal wurde die Sendung mit Ihnen aus aktuellen Gründen verschoben, einmal wurde eine Sendung zu Japan vorgezogen, einmal ging es um die FDP. Wie war es für Sie, mit Ihrem Thema in die Talkshow zu gehen? Ging es da überhaupt um Ihren Film oder ging es mehr um die beiden Frauen, die ebenfalls da waren, Corinna Ponto und Julia Albrecht, die gemeinsam ein Buch geschrieben haben?

 

Veiel: Natürlich ging es vor allem um das Buch, weil es in den Anfängen etwas leistet, was außergewöhnlich ist, nämlich dass Angehörige einer Täterfamilie und die Tochter eines RAF-Opfers in einen zunächst schriftlichen und später auch persönlichen Dialog treten. Ich habe mich da sehr klar positioniert als jemand, der etwas begreifen will, weil ich als jüngerer Mensch während der Zeit der Prozesse Sympathien für die Angeklagten hatte. Das ruft natürlich erst einmal Ablehnung und Empörung hervor, wenn da jemand am Tisch sitzt, der für den Mörder des eigenen Vaters nicht nur Abscheu empfunden hat. Ich hätte das verschweigen können, aber mir war klar, dass es vielleicht eine Chance sein kann, dass es dann nicht nur um Positionen geht, sondern dass alles auf den Tisch kommt. Es war erstaunlich, dass das in der Sendung in Ansätzen funktioniert hat. So wurde am Ende deutlich, dass der Dialog aus zwei Gründen so schwierig ist: einmal, weil von staatlichen Stellen der Zugang zu Information auf Jahrzehnte hinweg blockiert wird, so dass keine Transparenz über die Rolle der Dienste hergestellt wird, zum anderen weil diejenigen, die vielleicht sprechen könnten, sich für ein lebenslanges Schweigen entschieden haben. Das ist sehr bedauerlich. Trotzdem hat mir auch an diesem Tag und in dem Buch die Auseinandersetzung mit der Biografie der Täter gefehlt. Wenn ich den Tätern nur das Etikett unverständlich und monströs gebe, was aus der Sicht einer Corinna Ponto verständlich ist, die der Täterin nicht einmal einen Namen zugesteht, sie heißt im Buch nur S., wenn ich die Biografie also auslasse und nur ein System Geheimdienst als Drahtzieher hinsetze, greift das für mich zu kurz. Man hat, glaube ich, nur die Chance etwas zu begreifen, indem man sich damit auseinandersetzt. Es war für mich trotz allen Einschränkungen eine erstaunlich produktive Erfahrung.

 

Also war es in dieser Talkshow auch möglich, ein echtes Gespräch zu führen?

 

Veiel: Leider war sie zu kurz. Als es interessant wurde, haben wir aufgehört. Mir war wichtig, dass man über die Betroffenheit einen Schritt hinausgeht.

 

Haben Sie der Redaktion vorher gesagt, dass Sie sich so verhalten würden oder haben Sie es einfach gemacht?

 

Veiel: Ich habe es einfach gemacht. Inzwischen sehe ich solche Sendungen wie ein Gespräch, in dem es darum geht, nicht einfach ein Programm abzufahren oder Textmodule vorzubereiten.

 

Wie war die Reaktion des Moderators?

 

Veiel: Das weiß ich nicht. Ich habe darauf nicht geachtet. Der Moderator hat uns zusammengebracht. Überspitzt gesagt: wir haben ihn nicht gebraucht.

 

Er scheint das Gespräch zumindest nicht gestört zu haben. Wir haben eben über die ökonomischen Bedingungen des Journalismus gesprochen. Welche Finanzierungsmöglichkeiten für Journalismus können Sie sich vorstellen? Es gibt da verschiedene Modelle: Es gibt die taz, die durch eine Genossenschaft finanziert wird und es gibt jetzt ein neues Projekt in Stuttgart, "kontext: wochenzeitung", das sich durch Spender finanziert. Ist das die Zukunft des Journalismus? Kann guter gesellschaftlich wertvoller Journalismus künftig nur noch durch Spenden finanziert werden?

 

Veiel: Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die unzufrieden sind, die eine stille Wut haben, wenn ein Blatt wie die FR beerdigt wird, einsehen, dass man nicht auf der einen Seite einfordern kann, dass so eine Zeitung erhalten bleibt, wenn man nicht auf der anderen Seite bereit ist, dafür auch zu zahlen. Dass man also sagt, diese Qualität möchte ich mir leisten. In Stuttgart ist zurzeit eine besondere Situation, weil es die Aufladung durch Stuttgart 21 gibt und eine große Unzufriedenheit mit der Berichterstattung durch die "Stuttgarter Nachrichten" und der "Stuttgarter Zeitung". So ist Luft und Raum entstanden, eine Leerstelle, die durch Qualitätsjournalismus gefüllt werden kann. Ich wünsche mir sehr, dass das Modell in Stuttgart funktioniert. Die "Kontext"-Macher werden nicht weit kommen, wenn nicht schnell Spenden eintreffen, die ein Kontinuum ermöglichen und wenn es ihnen nicht gelingt, Jüngere wieder zum Lesen bringen. Das muss Hand in Hand gehen, sonst stirbt die Generation der über 50-Jährigen irgendwann weg und es bleiben zu wenig Leser. Die Verbrauchermentalität, alles möglichst günstig zu kriegen und sich alles möglichst umsonst aus dem Netz zu holen, bringt uns nicht weiter, da bleibt man objektiv hungrig. Man geht ja auch gern gut essen, und so wie man in ein gutes Essen oder ein gutes Hardcover-Buch investiert, muss man auch in den Untergrund der Nachricht investieren, in die gute Recherche. Das erfordert Qualitätsbewusstsein. Je mehr Zeitungen wegsterben und je mehr sie nachlassen, desto größer wird hoffentlich das Bedürfnis nach Qualität.

 

Sie beschreiben die Folgen einer Ökonomisierung des Journalismus. Auch der öffentlich-rechtliche Journalismus hat sich im Grunde freiwillig ökonomisiert, indem er mehr auf die Quote schaut als darauf, ob er wirklich gute Information bietet. Ich höre bei Ihnen heraus, diese Entwicklung müsse zurückgedreht werden, der Markt kann es alleine nicht richten.

 

Veiel: Wenn die Nachricht nur noch eine Ware ist, wenn es nur noch darum geht, sie möglichst schnell zu präsentieren, ist die Demokratie gefährdet. Politische Entscheidungen werden heutzutage von Menschen unter ungeheurem Zeitdruck getroffen, die die Tragweite der Entscheidung nicht im Ansatz begreifen können. Oft werden ihnen wesentliche Vertragsbestandteile gar nicht vorgelegt, viel wird am Parlament vorbei entschieden, da setzt schon eine schleichende Entdemokratisierung ein.

 

Wenn das medial begleitet wird von Menschen, die das als Fakt akzeptieren und nur noch über den Ticker geben, dass Bankenrettungsfonds X beschlossen ist, ohne zu hinterfragen, wie die Entscheidung zustande kam, dann sind wir in einer schleichenden Demokratiekrise. Diese Krise hat schon begonnen und dafür ist Stuttgart 21 ein Symptom.

aus epd medien Nr. 29 vom 22. Juli 2011 > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)