Tagebuch
Wer ist noch "Charlie"? Drei Jahre nach dem Attentat
Frankfurt a.M. (epd). Vor drei Jahren war ganz Frankreich "Charlie", ja ein Großteil der westlichen Welt erklärte sich mit dem Hashtag "Ich bin Charlie" solidarisch mit der Satirezeitschrift, die ihre bekanntesten Zeichner am 7. Januar 2015 durch ein Attentat verloren hatte. Zwölf Menschen wurden durch Islamisten getötet, am Wochenende danach demonstrierten Millionen für die Verteidigung der Meinungsfreiheit, allen voran der damalige Präsident François Hollande und Kanzlerin Angela Merkel sowie zahlreiche ausländische Staatschefs.

Seither haben islamistische Anschläge in Frankreich insgesamt 241 Menschenleben gefordert, die "Ich bin Charlie"-Solidarität ist im Schwinden: Nur noch 61 Prozent der Franzosen bezeichnen sich laut einer Meinungsumfrage heute noch als "Charlie", zehn Prozent weniger als vor einem Jahr. Meinungsfreiheit sei ein "Luxusprodukt" geworden, schreibt Redaktionsleiter Laurent Sourisseau, genannt Riss, in seinem Leitartikel in der Ausgabe vom 3. Januar. "Charlie Hebdo" gebe bis zu 1,5 Millionen Euro pro Jahr für Sicherheitsmaßnahmen aus.

Durch den Anschlag gelangte die Zeitschrift weltweit zu trauriger Berühmtheit, die "Überlebensnummer" von "Charlie Hebdo", die am 14. Januar 2015 erschien, wurde acht Millionen Mal verkauft. Die Zahl der Abonnenten stieg damals von 30.000 auf 260.000. In den beiden Jahren nach dem Anschlag machte die Zeitschrift insgesamt 83 Millionen Euro Umsatz und hat daher vorerst sicherlich keine Geldsorgen. "Aber was wird aus ,Charlie Hebdo', wenn diese Reserven aufgebraucht sind?", fragt Riss.

Die Leser erfahren vom Leben in der Heimlichkeit und vom Arbeiten in einem Hochsicherheitstrakt. Von der Angst auf der Straße vor dem streng geheim gehaltenen Ort des Pressehauses. Manche Journalisten werden 24 Stunden am Tag von der Polizei auf Staatskosten überwacht. Aber innerhalb des zum "Bunker" umgebauten Gebäudes wacht eine private Sicherheitsgesellschaft, die von der Zeitschrift bezahlt wird.

Journalist Fabrice Nicolino fragt in einem Artikel in der jüngsten Ausgabe Präsident Macron: "Ist es richtig, dass die französische Republik ,Charlie' nicht wirklich das Recht garantiert, die wöchentliche Arbeit unter dem wirksamen Schutz der staatlichen Polizei zu machen?" Drohungen gehören weiterhin zum Alltag des Satireblatts, vor allem die Auseinandersetzung mit dem Islam sorgt immer wieder für Anfeindungen. Als der umstrittene Islamwissenschaftler Tariq Ramadan von zwei Frauen der Vergewaltigung bezichtigt wurde, zeigte "Charlie Hebdo" Ramadan im Titel mit erigiertem Penis als "sechste Säule des Islam". Gegen die darauffolgenden Morddrohungen in den sozialen Netzwerken erstattete Riss Anzeige.

Seit dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift bestimmen aber auch Macht- und Verteilungskämpfe den Redaktionsalltag. Der Geldsegen nach dem Attentat sorgte für Streit. Redaktionsleiter Riss besitzt zwei Drittel der Anteile, den Rest hält Generaldirektor Eric Portheault. Die Forderung von elf Redakteuren im März 2015, die Zeitschrift in eine Genossenschaft der dort Arbeitenden umzuwandeln, wurde nie umgesetzt. Die meisten der "Dissidenten" hatten daraufhin das Blatt verlassen, darunter Luz, Patrick Pelloux und Zineb El Rhazoui.

Drei Jahre nach dem Attentat sind die Verkaufszahlen stark rückläufig. Die angekündigten Investitionen für eine Stiftung zum Thema Meinungsfreiheit wurden laut "Charlie" von den Ministerien für Kultur und Bildung "sabotiert". Wie vor drei Jahren warnte der ehemalige Direktor Philippe Val vor ein paar Tagen im Infosender BFM TV vor einem möglichen Ende von "Charlie Hebdo": "Dann wäre der IS vielleicht in Irak und Syrien besiegt worden, aber in Frankreich hätte der IS gewonnen."
Aus epd Medien Nr. 2/18 vom 12. Januar 2018

Martina Zimmermann