Tagebuch
Wenn Zuschauer mitreden. Wie das Feedback ins Fernsehen kam
Frankfurt a.M. (epd). Am Anfang war eine Fernsehdokumentation. Als der WDR am 5. und 6. Oktober 1966 den Zweiteiler "Heia Safari - die Legende von der deutschen Kolonialidylle" sendete, war die rund 30 Jahre währende deutsche Kolonialzeit in Afrika weitgehend vergessen. Historiker hatten die Episode noch nicht für sich entdeckt, Filmaufnahmen aus der Zeit gab es kaum - und so ermöglichte der WDR dem Autor Ralph Giordano zweieinhalb Monate Spurensuche in Afrika. Man hatte noch reichlich Geld in Köln.

Giordano wollte nicht nur recherchieren, sondern das stille Einverständnis der bundesdeutschen Gesellschaft über die Kolonialjahre aufbrechen - und die Programmverantwortlichen, Chefredakteur Franz Wördemann und Redaktionsleiter Dieter Gütt, unterstützten ihn dabei. Die Generation der zwischen 1920 und 1932 Geborenen hatte gerade die Funkhäuser erobert und probierte neue, streitbare Sendeformate. "Panorama" oder "Report" standen für ein anderes, aufklärendes, streitbares Fernsehen - und auch "Heia Safari" stellte sich in diese Tradition. Nach den TV-Dokumentationen "Das Dritte Reich" (1960/61) und "Die Weimarer Republik" (1964) schien die Kolonialzeit das "letzte große Tabu unser jüngeren Geschichte" (Giordano). "Eine Wahnsinnssendung" fand Helmut Drück, damals Referent für Entwicklungshilfe im WDR, Jahrzehnte später.

Noch während der Ausstrahlung der ersten Folge zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr riefen überraschend viele - zum Teil wütende - Hörer beim WDR an. Später trafen auch noch 400 Briefe in Köln ein. Es waren für die damaligen Rundfunkverhältnisse ungewöhnlich viele Zuschauerbriefe. Wüste Beschimpfungen erreichten auch den Hessischen Rundfunk, Giordano erhielt Morddrohungen.

Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier und CSU-Chef Franz Josef Strauß riefen WDR-Intendant Klaus von Bismarck an und verlangten eine Absetzung der zweiten Folge - so berichtet Eckard Michels 2008 in seinem Aufsatz "Geschichtspolitik im Fernsehen". "Heia Safari" rief wohl die stärksten Zuschauerproteste in den 1960er Jahren hervor.

Die Aufregung im WDR war groß. Das Presseecho war geteilt. Die Einschaltquote (51 Prozent) war ordentlich, aber für die 60er Jahre nicht sensationell; die meisten Zuschauer waren - auch wegen der schönen exotischen Bilder - zufrieden. Doch mit solchen Protesten hatte man im WDR nicht gerechnet. Intendant von Bismarck sah sich den Film an und war nicht amused: "Heia Safari" sei durch eine nachgestellte (nicht kenntlich gemachte) Auspeitschungsszene zu suggestiv geworden und überhaupt weder zeithistorisch-sachlich noch fernsehjournalistisch befriedigend. Eine Ergänzungssendung müsse her.

Intern war die Zusatzsendung hoch umstritten: "Das kommt ja nun überhaupt nicht in Betracht, Vox populi eine Sendung zu gönnen", beschrieb Drück die Stimmung in der Chefredaktion zum Jahreswechsel 1966/ 67. "Wir machen Programm und die schauen zu. Wenn das erst anfängt, bricht die ganze Programmautonomie zusammen." Dennoch wurde die Diskussionssendung am 19. Dezember in Köln aufgezeichnet: "Heia Safari - Für und wider". Eine Stunde diskutierte eine Expertenrunde, der auch Gütt und Giordano angehörten, über Kolonialpolitik; eine Stunde gehörte den kritischen Briefschreibern. Der WDR hatte 60 eingeladen, 30 waren gekommen, darunter vier Frauen; 70 Prozent waren über 50.

Am 9. Februar 1967, von 22.40 Uhr bis 0.50 Uhr strahlte das Erste Programm die Diskussion aus. Empörte Briefe blieben aus. Die Medien reagierten diesmal überwiegend positiv. Nun ging es nicht mehr um Kolonialpolitik. Die Kritik lobte das Experiment, das Innovative, die Partizipation der Zuschauer. "epd Kirche und Fernsehen" schrieb: "Ein fernsehgeschichtliches Datum. Am 9.2.1967 wurde mit Zuschauern diskutiert."
Aus epd medien Nr. 6 vom 10. Februar 2017

Hans-Jürgen Krug