Tagebuch
Wenn Journalismus auf der Strecke bleibt. "El País" und NYT im Clinch
Madrid (epd). Die spanische Tageszeitung "El País" ist in der Hand der Gläubiger, unabhängiger Journalismus ist kaum noch möglich, in der Redaktion herrscht ein eisiger Wind von Zensur. Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer Mitte des Monats die "New York Times" (NYT) las. Die enormen Schulden machten "El País" erpressbar, sagte der freie Journalist Miguel Angel Aguilar der US-Zeitung. Der 72-Jährige ist eine Institution, schreibt seit 20 Jahren eine Meinungskolumne für "El País". Nach dem Artikel wurde die Zusammenarbeit mit ihm beendet.

Zwei Tage später schlug "El País" zurück und titelte: "Die wirtschaftlichen Probleme der ,New York Times' beinträchtigen ihre Expansion auf neue Märkte." Die NYT möchte in Mexiko - wie "El País" - eine spanischsprachige Ausgabe herausbringen. Ein Schuldenberg von 430 Millionen US-Dollar und jährliche Verluste von rund 1,5 Millionen US-Dollar führten dazu, dass NYT-Investoren wie der in seiner Heimat so einflussreiche Mexikaner Carlos Slim die Unabhängigkeit der US-Zeitung gefährdeten, hieß es in "El País".

Kein Wort davon, dass es um den Prisa-Konzern, der "El País" herausgibt, noch viel schlimmer bestellt ist. Prisa plagen Schulden in Höhe von fast 1,9 Milliarden Euro. Um den Zusammenbruch zu verhindern, mussten "El País" und der Radiosender Cadena Ser zahlreiche Redakteure entlassen. Prisa verkaufte das Fernsehgeschäft an Berlusconis Mediaset und den Telefonica-Konzern, der nun auch zu den Aktionären gehört. Hinzugekommen sind außerdem mehrere Banken, ein Unternehmer aus Katar sowie ein der mexikanischen Regierung nahestehender Investor. Zurückgezogen hat sich bei Prisa dagegen jener Carlos Slim, dem "El País" nun vorwirft, über seine Beteiligung bei der "New York Times" Einfluss auf deren Redaktion auszuüben. Die Polanco-Familie, die Prisa einst unter ihrer Kontrolle hatte, hält mittlerweile nur noch 20 Prozent.

So mag der Konflikt der beiden Zeitungen um journalistische Ethik ein Deckmantel sein für einen Kampf um den lateinamerikanischen Markt. Der Streit zeigt aber auch, welche Interessenkonflikte entstehen, wenn Medienkonzerne in die Hände ihrer Geldgeber kommen. Denn die Frage des zunehmenden Einflusses von Unternehmen und Regierungen wird auch bei "El País" nicht zum ersten Mal gestellt, zuletzt im Juli. Da hatte Chefredakteur Antonio Caño eine Überschrift bei einem Artikel über Vizeregierungschefin Soraya de Santamaría geändert. Deren Gatte arbeitet für den Telefonica-Konzern. Doch Caño machte aus "Das Justizministerium erlaubt Santamaría, Themen zu behandeln, die Telefónica betreffen": "Santamaría enthält sich bei Angelegenheiten zu Telefónica der Stimme, obwohl sie nicht dazu verpflichtet wäre."

Dem Redaktionsstatut zufolge ist ein solcher Eingriff nur in Absprache mit den Redakteuren möglich. Doch die Absprache blieb aus. Die Autoren hatten den Eindruck, aus dem kritischen Artikel sei ein wohlwollender gemacht worden - und kündigten. Die Chefredaktion habe zudem eine Redakteursversammlung zum Thema unterbunden, wird berichtet. Das Klima ist rauh, das eigentlich unabhängige Redaktionskomitee spricht nicht mehr mit anderen Medien.

Für Chefredakteur Caño handelt es sich um einen Sandkastenstreit. Andere sehen in seiner Maßnahme zumindest vorauseilenden Gehorsam, schließlich sitzt Telefónica im Verwaltungsrat von Prisa. Der geschasste Kommentator Miguel Angel Aguilar empfiehlt den Verantwortlichen, weniger empfindlich auf die Zensur-Vorwürfe zu reagieren. Vielmehr sollten sie sich fragen, warum sich solche Anschuldigungen häufen. Unterdessen ist die verkaufte Auflage von "El País" in der ersten Jahreshälfte erstmals unter 240.000 Stück gefallen. Dass es um die Konkurrenz in allen Aspekten noch viel schlimmer steht, ist für die Leser ein schwacher Trost.
Aus epd medien Nr. 48 vom 27. November 2015
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Hans-Günter Kellner