Tagebuch
Wahrheit und Wirklichkeit. Wer schützt Bücher vor ihrem Titel?
Frankfurt a.M. (epd). Ein Buch wie "Rettet die Wahrheit" von Claus Kleber sollte man nicht nur lesen, man muss es zugleich vor seinem Titel in Schutz nehmen. An diesem Titel stört weniger, dass ein Ausrufezeichen fehlt. Ärgerlich ist, dass der Autor - oder war es der Verlag? - suggeriert, ein angemessener, seriöser Journalismus sei so etwas wie die von tausend Feinden umstellte tägliche Suche nach der Wahrheit.

Gegen diese Annahme ist festzuhalten, dass Informationen keineswegs wahr sein müssen und Journalisten als Wahrheitssucher ihren Beruf verfehlen. Ihr Geschäft ist es, etwas für die Öffentlichkeit Relevantes zu finden, es richtig zu beschreiben und plausibel zu bewerten. Das dürfen sie dann auch mit angemessenem Pathos kommunizieren. Aber nicht als einen Wegweiser zur Wahrheit.

Gewiss müssen Informationen in einem umgangssprachlichen Sinn "wahr" sein. Doch auf dem Cover eines Buches, das vom Journalismus handelt, hat die "Rettung" der "Wahrheit" nichts verloren. Für ein solches unendlich schwieriges Vorhaben wie die Suche nach Wahrheit sind Theologen und Philosophen zuständig. Man erkennt das schnell, wenn man den Gegensatz zu dieser Wahrheit sucht. Das ist bei einer alltäglichen "Wahrheit" einer Information nicht die Lüge, die Immanuel Kant für "den eigentlich faulen Fleck in der menschlichen Natur" hält, sondern, eine Nummer kleiner, das absichtslos verbreitete Falsche. Eine Lüge dagegen ist das bewusst verbreitete Falsche. Zwischen "gelogen" und "falsch" liegen nicht Nuancen, sondern Welten.

Die Suche nach der Wahrheit führt in den Kern einer Weltanschauung oder gar einer Gottesvorstellung. Erst recht eine für wahr erklärte oder gehaltene Meinung. Sie meint etwas, das Thomas von Aquin im ersten Buch seiner "Summa theologica" so beschreibt: "Es ergibt sich also, dass die Substanz Gottes die Wahrheit selbst ist." Diese Wahrheit zu haben, für sie zu stehen, ist auch heute noch eine Frage des Glaubens. Längst stößt man auf sie nicht nur in einem religiösen Kontext. Doch auch in durch und durch agnostischen Parolen verrät das Wort Wahrheit seine religiösen Wurzeln. Selbst ein religiös gesehen Ungläubiger glaubt zwar nicht an einen Gott, kann aber an die eine Wahrheit glauben.

Eine Zeitung oder eine Rundfunksendung hat auf einen solchen Glauben keinen Anspruch. Mehr noch: Eine freie Presse und ein freier Rundfunk sind weder der noch der einen Wahrheit verpflichtet. Nach der Verfassung dient Publizistik nicht der Wahrheit, sondern der Freiheit. Journalisten, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen, verwandeln sich in Missionare oder Priester und bewachen als Journalisten daher die falsche Tür. Journalisten stehen, wenn sie schreiben oder senden, gerade nicht unter Eid. Ihr Feld ist nicht die Wahrheit, sondern der Streit der Meinungen. Das Ende dieses Streits ist offen.

Ist das nun Wortklauberei? Keineswegs, denn Journalisten, die sich als Wahrheitssucher verstehen, machen sich an der falschen Stelle angreifbar. Sie betreten ein Feld, auf dem es nur noch weiß oder schwarz, "gefällt" oder "gefällt nicht", Wahrheit oder Lüge gibt. Sie machen es damit ihren Kritikern, die "Lügenpresse" schreien, leicht. Sie machen sich ohne Not schwach, weil sie dem Anspruch auf Wahrheit gar nicht gerecht werden können.

Ein so kluger und kompetenter Journalist wie Claus Kleber weiß das natürlich alles. Aber wissen auch seine Leser, was er weiß? Man muss gewiss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber man sollte auch nicht den Platz unter den Waagschalen unnötig zustellen. Vielleicht sollte der Titel dieses Buches ja nur provozieren. Doch auch dann darf man sich einen Augenblick vorstellen, was wäre, wenn es nicht so wäre.
Aus epd medien Nr. 39 vom 29. September 2017

Norbert Schneider