Kritik
Wahre Gratwanderung
VOR-SICHT: "Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe", Dokudrama, Regie: Raymond Ley Buch: Hannah und Raymond Ley Kamera: Philipp Kirsamer, Johannes Päch, Produktion: AVE/UFA Fiction (ZDF, 26.1.16, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). "Haben Sie die Haare anders?" Da ist sie endlich, die Frage, die Beate Zschäpe zum Reden bringt. Es sprudelt geradezu aus ihr heraus. Frisch getönt sind sie, ja, das lässt sie aber nur von der Friseurmeisterin machen, das kostet bloß zehn Euro und bringt unheimlich viel. Sieht toll aus, oder? Ihr Gegenüber staunt: "Das ist ja günstig." Und beide lächeln verschwörerisch. Frau Zschäpe ist unheimlich stolz auf ihr schönes Haar. So viel ist klar. Oder ist sie intuitiv ebenso gewieft wie die beiden ausgebildeten Verhörspezialisten des BKA, die ihr im Sommer 2012 insgesamt acht lange Stunden auf der Autofahrt von Köln nach Jena gegenübersitzen?

Sechs Monate nachdem sie sich gestellt hat, darf Beate Zschäpe ihre Großmutter in Jena besuchen. Begleitet wird ihr hoch gesicherter Autotross von zwei Polizistinnen und ebenjenen psychologisch äußerst gewieften Vernehmungsbeamten, die sich erhoffen, Antworten auf Fragen zu finden, die nicht nur für die Wahrheitsfindung vor Gericht, sondern auch für die Strafzumessung entscheidend sein werden. Vor allem aber geht es darum, den hinterbliebenen Angehörigen der zehn NSU-Mordopfer Antworten auf ihr "Warum?" zu geben. Denn die Beschuldigte, der seit Mai 2013 der Prozess gemacht wird, schweigt. Auf Anraten ihrer Anwälte, wie es heißt.

Das Dokudrama von Hannah und Raymond Ley, dessen Drehbuch auf dem Gesprächsprotokoll basiert, das die Vernehmungsbeamten nach der Fahrt geschrieben haben, zeigt, wie Zschäpe anscheinend spontan agiert. Wie sie die Situation aber auch als eine Art Spiel zu genießen scheint. Am Ende der Fahrt beschwert sie sich darüber, in den Medien als "bauernschlau" dargestellt worden zu sein. Wenig schmeichelhaft, irgendwie beleidigend sei das. Rätsel Zschäpe.

Doch warum überhaupt sich so intensiv mit ihr beschäftigen? Sich damit auseinandersetzen, wie sie nicht nur ihr Haar, sondern auch ihre Geschichte frisiert, sich selbst als Opfer stilisiert? Warum muss man ihr Weltbild, ihre Motive überhaupt kennenlernen? Reichen Indizien, reicht die Faktenlage für ein Urteil nicht aus? Beleidigt es die Opfer und ihre Familien nicht ein weiteres Mal, die mutmaßliche Täterin so in den Mittelpunkt gestellt zu sehen?

Lisa Wagner, die in den Spielszenen die Dritte im von den Medien "NSU-Trio" genannten Dreierbund unfassbar anverwandelnd verkörpert, hat selbst dazu Stellung bezogen. Die Rolle sei "eine wahre Gratwanderung". Es widerstrebt einem, der Person zu viel Aufmerksamkeit zu geben, zumal sie es, wie in einschlägig verbreiteten Nachrichtenbildern zu sehen, auch zu genießen scheint. Was bringt es also, sie zu verstehen? Der Versuch aber ist schon allein durch unser Rechtssystem geboten. Das Gericht muss sich ein Bild machen können. Für Verurteilung und Strafmaß ist das entscheidend. Vor allem aber suchen die Hinterbliebenen Antworten.

Doch selbst die am 9. Dezember 2015 schriftlich niedergelegte und von ihrem Anwalt verlesene Aussage Zschäpes hat keine Frage wirklich beantwortet. War sie das "Sexanhängsel" der beiden Uwes, mit denen sie in einer seltsamen Lebens- und Weltanschauungsgemeinschaft lebte? War sie diejenige, die das Mordsystem stabil hielt, die die beiden Männer dirigierte? War sie aktive Neonazi oder "die Freundin von…"?

Das Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera" balanciert die "wahre Gratwanderung" formal und auch inhaltlich geschickt. Es legt den Fokus auf Zschäpe, den Versuch, ihr mit darstellerischen Mitteln auf der fiktional rekonstruierten Autofahrt nahe zu kommen. Auf dieser Spielebene interagieren Lisa Wagner, Joachim Król und Christina Große vorzüglich. Vor allem Król in der Rolle als joviale, etwas schlicht gestrickte Vaterfigur, der scheinbar alles versteht und alles verzeiht, überzeugt neben Wagner. Große dagegen übernimmt in raffiniert verfeinerter "Bad-Cop-Good-Cop-Manier" den Part der Skeptikerin.

In einer zweiten Spielhandlung wird die Geschichte des NSU-Trios mehr oder weniger chronologisch nach Aktenlage erzählend umgesetzt. Eine dritte Spielhandlung verfolgt das Prozessgeschehen. Axel Milberg spielt den Vorsitzenden Richter, Schauspieler stellen die Zeugen dar und reproduzieren deren Aussagen. Hier hat auch die Trauer und Verzweiflung ihren Platz, nehmen die Fragen und Anklagen der Familien der Opfer und Nebenkläger viel Raum ein und sorgen dafür, dass der Fokus sich von Zschäpe entfernt. Sie ist ein Mittelpunkt, aber nicht der einzige, um den es in "Letzte Ausfahrt Gera" geht. Immer wieder werden Fotos der aus rassistischen Gründen Ermordeten eingeblendet, Zeitungsberichte gezeigt.

Auf der dokumentarischen Ebene, in einem weiteren Strang des Films, sind Interviews mit Brüdern und Schwestern der Opfer des neonazistischen Hasses zu sehen und zu hören. In zusätzlichen Interviewszenen sieht man Psychologen, aber beispielsweise auch den NPD-Fraktionsvorsitzenden in Eisenach, Patrick Wieschke, der sie als optisch auffällig beschreibt. Sie habe sich aber "nicht in den Mittelpunkt politisch gesetzt", sondern "mitgemacht, und eben ihren Dienst wie viele andere getan." Obgleich er sich, wie eingeübt, vorsichtig äußert, merkt man ihm an, wie stolz er ist auf sie. Oder ist das Projektion?

Genau darum geht es auch in Leys Dokudrama. Wo "Intuition" und Zuschreibungen wie "Schwarze Witwe" nicht weiterhelfen, gilt es, das notwendig rudimentäre Bild vielfältiger, vielperspektivischer zu machen.

Erhellend in ihrer irritierenden Nicht-Erhellung bleibt gleichwohl die Autofahrt zur Großmutter mit den beiden psychologisch erfahrenen Verhörspezialisten. Man kennt das von langen Bahnfahrten, als es noch Abteile gab. Mit Wildfremden kommt man ins Gespräch, das nicht selten tiefschürfend wird. Die räumliche Enge führt zur Intimität des Dialogs. Die Strategie des BKA heißt Plauderstunde. Wohlfühlatmosphäre. Wohldosiertes Schmeicheln, Verständnis noch für die absurdeste Jammerei der Beschuldigten. Augenzwinkern, Unschuldsvermutung, Verharmlosung. Strategisch geschicktes, vorsichtiges Mit-dem-Strom-Schwimmen. Król macht das so gut, man möchte brechen.

An Lisa Wagners Zschäpe aber ist alle Liebesmühe verloren. Anscheinend bereitwillig plaudert sie etwas über die Oma, etwas über die angeblich unzumutbaren Haftbedingungen, prahlt mit ihrer Charakterstärke ("ich bin niemand, der nicht zu seinem Wort steht"), zeigt sich selbstverliebt, angeblich auskunftsfreudig ("bin gut im Verdrängen") - und offenbart nichts Entscheidendes. Am Ende scheint sie gar mit den Leuten vom BKA zu spielen, versucht zu diskutieren, ob "bauernschlau" nicht etwa eine Beleidigung sei.

Alle wesentlichen Fragen bleiben offen. Ist sie nun eine hochintelligente Psychopathin oder das naive, selbstverliebte Frauchen, das sich im möglichst positiven Urteil anderer gespiegelt sehen will? Leys Film gibt darauf keine Antwort, aber er stellt die Frage so schmerzlich genau und in so hohem Detaillierungs- und Differenzierungsgrad, wie es eben nur möglich zu sein scheint.

Aus epd medien Nr. 4 vom 22. Januar 2016
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Heike Hupertz