Debatte
Vollkorn gegen Zuckerwatte
Ein Kika-Film und die Folgen fürs Kinderfernsehen
Frankfurt a.M. (epd). Die Geschichte ist so besonders und gleichzeitig so alltäglich wie jede andere Romanze: Zwei junge Menschen lernen sich kennen, verlieben sich ineinander und stellen fest, dass es Unterschiede gibt, mit denen sie irgendwie klarkommen müssen. In diesem speziellen Fall haben die Differenzen nicht zuletzt kulturelle und religiöse Hintergründe: Malvina ist ein christliches deutsches Mädchen, Diaa ein geflüchteter Moslem aus Syrien. Er hat bestimmte Erwartungen an eine Beziehung, einige davon gehen ihr zu weit. Wenn sie zusammen kochen, kann sie leichten Herzens auf Schweinefleisch verzichten, und wenn er nicht möchte, dass sie in Hotpants rumläuft, ist das auch kein Problem für sie. Ein Kopftuch aber würde sie nie tragen, und ihren besten Freund will sie auch weiterhin umarmen dürfen.

"Schau in meine Welt"
epd Eine Dokumentation des Kinderkanals von ARD und ZDF hat eine öffentliche Kontroverse ausgelöst: In "Malvina, Diaa und die Liebe" sprechen die beiden jungen Protagonisten, die Deutsche Malvina und der syrische Flüchtling Diaa, von ihrer Liebe und den Problemen in ihrer Beziehung. Die am 26. November 2017 gesendete Dokumentation von Marco Giacopuzzi lief in der Reihe "Schau in meine Welt", in der Kinder und Jugendliche von sich und ihrem Leben erzählen (epd 2, 3/18 und Meldung in dieser Ausgabe). Der AfD-Abgeordnete Dirk Spaniel kritisierte den vom HR produzierten Beitrag als "Kika-Propaganda für Beziehungen mit muslimischen Flüchtlingen". Tilmann Gangloff, Mitglied der Jury Kinderprogramme des Robert Geisendörfer Preises, schreibt über die heftige Diskussion und die möglichen Folgen für das Kinderfernsehen.

"Malvina, Diaa und die Liebe" heißt dieser Film von Marco Giacopuzzi, eine Produktion des Hessischen Rundfunks für die Kika-Reihe "Schau in meine Welt". Der Autor ist im vergangenen Jahr für seinen Film "Jons Welt" mit dem Robert Geisendörfer Preis ausgezeichnet worden, in dem er einen zwölfjährigen Autisten vorstellt. Er war der Jury schon öfter positiv aufgefallen, zum Beispiel mit "Gedeon und sein Kobold" (ebenfalls HR für Kika), dem sensiblen Porträt eines Jungen mit Tourette-Syndrom.

Morddrohungen gegen die Protagonisten

Giacopuzzis Arbeiten unterscheiden sich von vielen anderen vergleichbaren Filmen durch die Nähe, die er zu seinen Protagonisten herstellt, und den sensiblen Umgang mit ihren Problemen. Das gilt auch für Malvina und Diaa. Die beiden sprechen sehr offen über ihre Wünsche, Erwartungen und Grenzen. Gerade Malvina, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 16 Jahre alt, setzt sich auf beeindruckend reflektierte Weise mit der Beziehung auseinander.

Trotzdem ist dieser Film, den der Kinderkanal im November im Rahmen des Themenschwerpunkts "Gemeinsam Leben" ausgestrahlt hat, ein Skandal - das finden jedenfalls viele Mitglieder und Sympathisanten der AfD, allen voran der baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Dirk Spaniel. Er ist der Meinung, Giacopuzzi mache "Propaganda für eine Beziehung mit muslimischen Flüchtlingen" und verniedliche die Probleme. Weil unter anderem "Bild" das Thema begierig aufgriff, hat die Diskussion eine Dynamik bekommen, die tatsächlich ein skandalöses Ausmaß angenommen hat. Es gab sogar Morddrohungen gegen Malvina und Diaa (epd 2, 3/18).

Wie so oft in solchen Fällen kann man davon ausgehen, dass viele Menschen, die sich nun über die Beziehung des Paars ereifern, den Film überhaupt nicht gesehen haben, selbst wenn Spaniels Reaktion belegt, dass man die Dokumentation auch mutwillig fehlinterpretieren kann. Für Joachim von Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und darüber hinaus Theologe, Pädagoge und Honorarprofessor für Medienethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, belegt die Diskussion "wieder einmal den uralten Irrglauben, Medien wirkten linear. In diesem Fall hieße das: Wenn ein Film von der Beziehung zwischen einem christlichen Mädchen und einem Moslem handelt, wollen die deutschen Mädchen diesem Beispiel nacheifern. Das ist natürlich Unfug." Man könne dem Film vielleicht vorwerfen, dass er die Beziehung romantisiere, aber "selbst das wäre aus meiner Sicht erst dann problematisch, wenn sich Malvina ihrem Freund willenlos unterwerfen würde. Davon kann jedoch überhaupt keine Rede sein, sie zieht ja im Gegenteil ganz klare Grenzen."

Eltern von Kindern in der Pubertät wüssten ohnehin, dass sie machtlos seien, wenn sich die Söhne oder Töchter etwas in den Kopf gesetzt hätten, "erst recht, wenn auch noch Liebe im Spiel ist." Die Erfahrung, merkt von Gottberg noch an, lehre allerdings, dass jeder Mensch einen Film anders sieht. Das gilt in diesem Fall vor allem für die Zielgruppe, in diesem Fall sind das in erster Linie 12- bis 13-jährige Mädchen und Jungen.

Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI, München), die seit vielen Jahren den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit dem Fernsehen erforscht, ist bei einer Studie mit 100 Kindern zwischen acht und dreizehn Jahren zu einem völlig anderen Ergebnis gekommen als Spaniel (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Die Kinder teilten zwar Spaniels kritische Haltung und gingen davon aus, "dass Diaa Malvina seine Kultur aufzwingen will und möchte, dass diese sich ihm unterordnet", aber die Wirkung des Films ist offenbar eine ganz andere, als die rechtspopulistischen Kritiker vermuten: Die Mehrheit der befragten Mädchen lehnte eine Beziehung zu einem Jungen wie Diaa ab. Dies werde, heißt es in der Studie, "neben einem allgemeinen Nichtgefallen vor allem mit seinen Ansprüchen bezüglich der Anpassungsleistung durch Malvina begründet und mit ausländerkritischen bzw. auch -feindlichen Aussagen begründet".

Angriff auf das System

Die Wissenschaftlerin sagte dem epd, dass es bei der Diskussion "letztlich überhaupt nicht um die konkrete Sendung geht, sondern um das Thema Flucht und Integration. Die Kampagne wirkt sehr organisiert. Der Film dient offenkundig nur als Vorwand, um das öffentlich-rechtliche System anzugreifen."

Für Joachim von Gottberg hat die Diskussion aber auch ihr Gutes, selbst wenn es für viele Menschen schockierend sei, wie sich eine ausländerängstliche Klientel im Internet äußere: "Mir ist die Kenntlichmachung solcher Positionen lieber, als wenn sie unter dem Teppich vor sich hin schwelen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass so eine Haltung in der Gesellschaft viel stärker verbreitet ist, als die meisten glauben. Diese Leute haben nicht automatisch eine rechtsradikale Gesinnung, sie sehen in Fremden schlicht und einfach eine Bedrohung. Solche Ängste lassen sich rational nicht bekämpfen. Aber eins muss auch klar sein: Wenn jemand im Internet zur Bedrohung von Leib und Leben aufruft, muss das strafrechtlich verfolgt werden."

Das Phänomen einer von interessierten Kreisen ausgelösten Medienkampagne ist nicht neu. Die derzeitigen Ereignisse erinnern von Gottberg an seine Zeit bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK): 1988 hat die FSK Martins Scorseses Film "Die letzte Versuchung Christi" ab 16 Jahren freigegeben und daraufhin Hunderte von Protestbriefen erhalten, noch vor dem Kinostart, weil das Drama in kirchlichen Blättern als Blasphemie betrachtet wurde. Die Kontroverse hat damals auch zu gewaltsamen Protesten geführt. Solche Kampagnen, sagt von Gottberg, "haben früher bloß nicht derartige Wellen geschlagen wie heute, weil sie per Post oder Telefon stattgefunden haben und nicht öffentlich im Internet, aber Morddrohungen gab es auch damals schon".

Während seriöse Medien auch die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs thematisieren - Malvina und Diaa haben zwischenzeitlich Polizeischutz bekommen -, ist eine ganz andere Frage bislang noch nicht gestellt worden: Welche Konsequenzen haben die Ereignisse für das öffentlich-rechtliche Kinderfernsehen? Werden die Sender von potenziell kritischen Themen in Zukunft aus Angst vor einem erneuten "Shitstorm" lieber die Finger lassen?

US-amerikanische Verhältnisse

Maya Götz hätte dafür sogar ein gewisses Verständnis, schließlich seien die Redaktionen "einer hohen emotionalen Belastung ausgesetzt, bis hin zur Gefährdungswahrnehmung". Aber die Kampagne dürfe auf keinen Fall zur Folge haben, dass im Kinderfernsehen keine realen Menschen mehr gezeigt würden. Die Gefahr, "möglichst keine Realitätsbezüge herstellen, um keine Angriffsfläche zu bieten", sieht sie durchaus: "Dann drohen uns US-amerikanische Verhältnisse. Dort wird jedes Drehbuch durchleuchtet, ob sich irgendwo etwas findet, worüber sich jemand ereifern könnte. Die Folge davon wäre Zuckerwattefernsehen, das niemanden stört, das aber, um im Bild zu bleiben, auf Dauer schlechte Zähne verursacht. Kinderfernsehen ist einer der Grundaufträge des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Diskussion um ‚Malvina, Diaa, und die Liebe' darf auf keinen Fall dazu führen, dass jetzt nur noch Sendungen entstehen, an denen sich niemand stört."

Auch Autor Marco Giacopuzzi fände es fatal, "wenn die Sender nun jeden Vorschlag erst mal darauf hin abklopfen, ob irgendeine politische Seite einen Aufhänger für eine Kampagne finden könnte. Ich kann nur an die Redaktionen appellieren, sich auch in Zukunft ohne AfD-Schere im Kopf mit heiklen Stoffen auseinanderzusetzen." Er hält es "für ganz wichtig, dass das Kinderfernsehen weiterhin alle Themen aufgreift, mit denen sich Jugendliche beschäftigen, und zwar mit sämtlichen Widersprüchen, die solche Stoffe oft mit sich bringen." Giacopuzzi ist bislang von Drohungen verschont geblieben, allerdings sei ihm unter anderem vorgeworfen worden, er habe Malvina und Diaa miteinander verkuppelt: "Mich lassen solche Anfeindungen nicht kalt, aber ich lasse mich auch nicht verrückt machen, sonst müsste ich den Job wechseln."

Astrid Plenk, die neue Programmgeschäftsführerin des Kinderkanals, hat ebenfalls Hassnachrichten bekommen, obwohl sie ihr Amt erst seit Anfang Januar ausübt. Die Debatte, sagt sie, habe alle Beteiligten "noch einmal dafür sensibilisiert, Themen breiter einzufassen". Sie betont aber auch, dass die unterschiedlichen Perspektiven von Kindern und Erwachsenen keinesfalls miteinander vermischt werden dürften: "Kinder müssen mündige, kritische, selbstbewusste und eigenständige Haltungen entwickeln können."

Was haben Kinder davon?

Mit anderen Worten: Man muss nicht davon ausgehen, dass Filme wie "Malvina, Diaa und die Liebe" in Zukunft nur noch mit Gebrauchsanweisung ausgestrahlt werden, also nur mit Off-Kommentar gesendet werden oder wie im Erwachsenenfernsehen mit anschließender Diskussion. Plenk versichert, dass sich am "Formenreichtum sowie an der Themen- und Genrevielfalt" im Kika nichts ändern werde, zumal dies "Auftrag und Anspruch den Kindern gegenüber" sei. Daraus leite sich das programmliche Paradigma ab, das von zwei zentralen Fragestellungen geleitet werde: "Warum ist ein Thema im Kika wichtig? und: Was haben Kinder davon?"

Plenks Vorgänger Michael Stumpf, mittlerweile Leiter des Kinderfernsehens im ZDF, versichert gleichfalls, seine Redaktion werde sich auch in Zukunft mit Fragestellungen zum Leben in einer multikulturellen Gesellschaft befassen, "und zwar in allen Genres, damit sich Kinder ihre eigene Meinung zu gesellschaftlich relevanten Themen bilden können". Um solche Themen kindgerecht umzusetzen und für junge Zuschauer nachvollziehbar aufzubereiten, seien die Programmmacher "auf nahbare Menschen" und deren ganz persönliche Sichtweise angewiesen, denn erst sie ermöglichten authentische Einblicke in andere Leben. Nur so könne das Publikum gefordert werden, sich Gedanken zu machen und eine eigene Meinung zu bilden.

Stumpf fürchtet jedoch, dass es in Zukunft schwieriger werden könnte, die passenden Protagonisten und Geschichten zu finden: "Die Dynamik in den sozialen Netzwerken und der Hass von rechts setzen genau hier an. Diese Menschen wollen Andersdenkende und Anderslebende in Angst versetzen und zum Schweigen bringen. Das darf unsere Gesellschaft nicht akzeptieren."

Maya Götz weist auf einen weiteren Aspekt hin, der durch die Debatte um die Dokumentation offenkundig geworden sei: "Eine Diskussion über das Kinderfernsehen ist überfällig." Seit das Programm in der Nische der Kindersender verschwunden sei, gebe es kein öffentliche Auseinandersetzung mehr darüber, in den letzten zehn Jahren sei zudem kaum ein Buch zu dieser Programmsparte erschienen.

Tatsächlich befassen sich Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine nur dann mit dem Kinderfernsehen, wenn sie einen Skandal wittern. Bestes Beispiel war die Ausstrahlung der BBC-Produktion "Teletubbies" im Kika 1999, als befürchtet wurde, der schlichte Sprachgebrauch der vier Titelfiguren ("Ah-oh") könne die Sprachentwicklung von Kleinkindern beeinträchtigen. Sonst wird die Sparte weitgehend ignoriert. Eine kritische Beschäftigung mit dem Gesamtprogramm oder wenigstens einzelnen Sendungen findet selbst in den Qualitätszeitungen praktisch nicht statt.

Götz hat dafür eine einfache Erklärung: "Es ist leider so, dass Deutschland eine der kinderunfreundlichsten Gesellschaften in Europa ist. Die Gesellschaft interessiert sich schon nicht für ihre Kinder, warum sollte sie sich dann für das Fernsehen dieser Kinder interessieren? Dabei wäre eine Diskussion über die Frage, was gutes Kinderfernsehen ausmacht, so wichtig." Sie selbst gibt eine Definition vor: "Gutes Kinderfernsehen soll Kinder und junge Jugendliche dabei unterstützen, sich mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinanderzusetzen und eine positive Beziehung zur Realität zu entwickeln."

Zunehmender Druck

Das würden Plenk, Stumpf und die Leiterinnen und Leiter der anderen öffentlich-rechtlichen Kinderredaktionen sicher unterschreiben. Sie alle wissen, wie ein Programm aussehen würde, das Götz als "Zuckerwattefernsehen" bezeichnet: wie die Angebote der kommerziellen Kika-Konkurrenten Super RTL, Disney Channel und Nickelodeon. Bislang konnte sich der Kinderkanal in diesem Wettbewerb ausgezeichnet behaupten, seit 20 Jahren liefern sich Super RTL (1995 gestartet) und Kika (1997) ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Filme wie "Malvina, Diaa und die Liebe", die sich nur an einen kleinen Teil der eigentlichen Zielgruppe (Kinder zwischen 3 und 13 Jahren) richten, mögen als "Vollkornfernsehen" hinsichtlich der Marktanteile nicht förderlich sein, aber sie untermauern die Position des Kika als Qualitätsmarktführer. Die gibt es jedoch nicht umsonst.

Es besteht kein Anlass, an den Aussagen von Plenk und Stumpf zu zweifeln, aber der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist einem seit Jahren stetig zunehmenden Spardruck ausgesetzt, und die mangelnde Wertschätzung für Kinder in der Gesellschaft spiegelt sich leider in der Wertschätzung des Kinderfernsehens bei ARD und ZDF. Es gibt also bereits jetzt starken Druck von innen, und es wäre für das Kinderfernsehen alles andere als förderlich , wenn er durch die Anfeindungen von außen noch größer würde.

Aus epd medien Nr. 4 vom 26. Januar 2018

Tilmann Gangloff