Debatte
Vier Stunden Elfmeterschießen
Die Verschiebungen im Sportrechte-Markt
Frankfurt a.M. (epd). Was für ein Glück, dass die UEFA die "Nations League" erfunden hat. Nicht für die Spieler, deren Verletzungsanfälligkeit durch einen weiteren Wettbewerb noch größer werden wird. Auch nicht für die an seriösem Sport interessierten Zuschauer, denen die Idee einer Liga der Nationalmannschaften eher als suspektes Konstrukt erscheint, mit dem die UEFA im ungebremsten Kommerzwettbewerb noch mehr Geld aus der Sportart herauspressen will.

Ein Glück ist die Nations League aber für ARD und ZDF, die sich die deutschen TV-Rechte an dem Wettbewerb gesichert haben. Der Abschluss liegt derzeit zur Genehmigung bei den Rundfunkräten (vgl. Meldung in dieser Ausgabe). Nach dem Verlust der Rechte an den Qualifikationsrunden für Europa- und Weltmeisterschaft - die überträgt seit 2014 RTL (epd 28/13) - hatten die Sender das Problem, dass die Fußball-Nationalmannschaft zwischen den großen Turnieren kaum noch im Programm vorkommt. Das wird sich im September 2018 wieder ändern, wenn die erste Austragung der Nations League startet. Mit dem abschließenden "Final Four"-Turnier im Juni 2019 gibt es dann - zwischen WM und EM - ein weiteres Großereignis, das sich prima hochjazzen lässt. Vorausgesetzt, die DFB-Elf spielt mit.

Neue Player

ARD-Verantwortliche geben unumwunden zu, dass der sportliche Wert der Nations League begrenzt ist und in Wirklichkeit andere Motive hinter dem Rechteerwerb stehen. So fragte HR-Intendant Manfred Krupp kürzlich im epd-Interview rhetorisch: "Wenn wir den Anspruch haben, auch künftig Europa- und Weltmeisterschaften im Fußball zu übertragen - können wir es uns dann leisten, dass in den ganzen Phasen dazwischen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei uns im Programm gar nicht vorkommt?" Krupp sieht einen hohen "symbolischen und emotionalen Wert" der Nations League und eine "elementare" Funktion von Fußball-Großereignissen für die Bindewirkung des ganzen öffentlich-rechtlichen Systems (epd 34/17).

Klar ist: ARD und ZDF haben Angst, dass große TV-Sportrechte über kurz oder lang an neue Player gehen, seien es Streamingdienste wie DAZN oder expandierende internationale Konzerne wie Discovery. Deswegen wollen sie möglichst noch bei allem zugreifen, was auf den Markt kommt. Nach langwierigen Verhandlungen haben die beiden Sender auch die Olympia-Rechte von 2018 bis 2024 von Discovery zurückgekauft - zu welchem Preis, ist bisher nicht bekannt (epd 33/17). Es wird aber keine zu vernachlässigende Summe sein. Das ZDF hat natürlich ein bisschen Geld übrig, seit bekannt ist, dass die Champions-League-Rechte ab der Saison 2018 komplett zu Sky und DAZN wandern (epd 25/17).

Die Summen, die ARD und ZDF für das Thema Sport aufwenden, sind enorm. Beide Sender haben in den vergangenen Wochen Zahlen ins Internet gestellt, wenn auch gut versteckt, nicht durch eine Pressemitteilung begleitet und teils in so verschlüsselter Form, dass man ohne größere mathematische Operationen nicht an die entscheidenden Werte kam. Die ARD gab bekannt, wieviel Geld sie aus dem Rundfunkbeitrag für Sport einsetzt. Das waren zuletzt etwa 250 Millionen Euro pro Jahr nur für Sportrechte, für die Sportberichterstattung insgesamt - im Ersten, in den Dritten Programmen und in den Digitalkanälen - fielen 366 Millionen Euro an (epd 37/17). Das ZDF gab 190 Millionen für Sportrechte und insgesamt 243 Millionen Euro für Sport aus (epd 36/17).

Nimmt man jetzt noch die nicht unbeträchtlichen Werbeeinnahmen der ARD aus dem Umfeld der "Sportschau" am Samstag hinzu, die in die Finanzierung der Sendung fließen, dann kommt man auf eine Summe zwischen 600 Millionen und 700 Millionen Euro, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk für das Thema Sport aufgewendet wird. Wir reden also von bis zu acht Prozent des Haushalts von ARD und ZDF - wohlgemerkt nicht des Programmbudgets, sondern des kompletten Budgets. Ist das wirklich zu rechtfertigen?

Enge Interdependenzen

ARD und ZDF sind in einer Zwickmühle. Einerseits sind sie von politischer Seite erheblichem Spardruck ausgesetzt, andererseits müssen sie sich um Beitragsakzeptanz bemühen. Immer dann, wenn ein Verlust von Sportrechten für ARD und ZDF gemeldet wird, trollen gern selbsternannte "GEZ-Gegner" in den Kommentarforen der Internetportale und argumentieren: Wenn ich da nicht mal mehr Champions League (wahlweise Olympia, Bundesliga) sehen kann, dann will ich auch keine Zwangsgebühr mehr bezahlen. So denkt das Volk: Billig soll der öffentliche Rundfunk sein, aber trotzdem gefälligst alle Sport-Großereignisse live ausstrahlen.

Ein Blick in die Historie fördert enge Interdependenzen zwischen dem Sport und dem Medium Fernsehen zutage. So hat der Hamburger Medienwissenschaftler Andreas Hebbel-Seeger kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass das Fernsehen durch den Sport zum Massenmedium wurde. Sport ist ein "idealtypischer Gegenstand" für das bewegte Bild, wie Hebbel-Seeger am 13. September beim Hessischen Gesprächsforum Medien in Frankfurt sagte. Die Veranstaltung des Grimme-Instituts und der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) drehte sich um das Thema "Alles in Bewegung! Sport, Business und Medien".

Es verwundert daher kaum, dass der Umfang der Sportberichterstattung seit dem Beginn des deutschen Fernsehens immer weiter angestiegen ist. Und nicht nur das: Auch die Verlängerung der Berichterstattung über das eigentliche Ereignis hinaus nimmt immer mehr Programmfläche in Anspruch, wie Hebbel-Seeger ausführte. Ein Effekt, den jeder kennt, der sich einmal einem schier endlosen Champions-League-Abend im ZDF hingegeben hat. Sport liefert Kommunikationsinhalte - und zwar nicht nur der jeweilige Wettbewerb, sondern auch die Aufbereitung durch Moderatoren und Experten.

Bei der EM in Frankreich 2016 wurde medial fast so viel über die Analysen des damaligen ARD-Experten Mehmet Scholl diskutiert wie über die Spiele selbst - ein Phänomen, das bereits Ende der 90er Jahre mit dem Duo Gerhard Delling und Günter Netzer eingeläutet wurde. Das ist interessanterweise auch der Zeitpunkt, an dem die Sportrechtekosten in astronomische Höhen zu steigen begannen.

Meilensteine der Medientechnologie

Hebbel-Seeger nannte in seinem Vortrag mehrere Meilensteine der Medientechnologie, die mit Sportevents verknüpft waren. So stand die erste deutsche Live-Übertragungskamera 1936 im Berliner Olympiastadion. Die Zeitlupe wurde 1946 im Schweizer Lehrfilm "Skilanglauf" eingesetzt, die erste TV-Satellitenübertragung gab es 1964 von den Olympischen Spielen in Tokio. Das Mobile-TV setzte sich in Deutschland mit der Fußball-WM 2006 durch. Das neueste heiße Ding sind Video-Drohnen, die für Live-Sportberichte, Dokumentationen oder Marketing eingesetzt werden, aber auch rechtliche Probleme aufwerfen können: Was tun, wenn so ein Ding einem Fußballer in einem Endspiel auf die Füße fällt?

Der Sport braucht also das Fernsehen, und das Fernsehen braucht den Sport. Für den Pay-TV-Sender Sky sind die Live-Rechte an der Bundesliga so wichtig, dass er in der gerade begonnenen neuen Rechteperiode durchschnittlich 876 Millionen Euro pro Spielzeit an die Deutsche Fußball Liga (DFL) zahlt (epd 25/16). Das ist deutlich mehr als bisher, obwohl das Rechtepaket kleiner geworden ist - die Freitags-Liveübertragungen übernimmt nun Discovery/Eurosport. Sky-Chefredakteur Burkhard Weber betonte bei der Veranstaltung von Grimme und LPR, dass die hohen Rechtekosten nicht dazu führten, dass in der Redaktion gespart werde. Der Qualitätsanspruch bleibe gleich.

Ob diesen Investitionen entsprechend höhere Abozahlen folgen werden, bleibt abzuwarten. Die immensen Steigerungen bei den Kosten für Top-Sportrechte schaffen aber in jeden Fall Fakten - nämlich dass kleinere Sender wie Sport1, aber mittelfristig eben auch ARD und ZDF immer seltener zum Zuge kommen werden. Bei der ARD denkt man deshalb über neue Formen der Sportberichterstattung nach. So soll im kommenden Jahr ein "Tag der Meisterschaften" ausprobiert werden, der die Sportarten Schwimmen und Leichtathletik zusammenspannt. Die Idee kommt beim Deutschen Olympischen Sportbund gut an, wie dessen Sprecher Michael Schirp bei der Grimme/LPR-Tagung sagte: ARD und ZDF seien im Moment viel zu stark auf Fußball konzentriert.

Keine Vollversorgung

Auch HR-Intendant Krupp steht hinter dem Konzept. "Wir müssen versuchen, sportliche Ereignisse, die nicht den emotionalen Wert haben wie Fußball, durch andere Elemente emotional aufzuladen", sagte er im epd-Interview. Dazu müsse der "Eventcharakter" verstärkt werden. Krupp verwies auf den Biathlon. Dies sei die populärste Wintersportart, "weil die Biathleten sehr früh bereit waren, darüber nachzudenken, wie man die Sportart so aufbereiten kann, dass sie medial interessanter wird".

Die Sport-Konsumenten werden umdenken müssen. Die Zeiten der Vollversorgung durch ARD und ZDF sind vorbei. Wer die Champions League sehen will, muss zu Sky oder DAZN gehen und dafür bezahlen. Das ist nicht skandalös. Zum einen, weil die Abo-Modelle bei den Pay-TV-Anbietern sehr viel flexibler geworden sind: Wer an einem speziellen Spiel Interesse hat, kann heutzutage in der Regel auch ein Tagesticket erwerben. Zum anderen, weil die Bezahlkultur in anderen Bereichen des gesellschaftlich-kulturellen Lebens viel selbstverständlicher ist. Für Netflix und Amazon Prime wird gezahlt, anstatt zu fordern, dass ARD und ZDF jeden Top-Film und jede brandaktuelle Serie sofort im Programm haben.

Vielleicht ist es ja auch ein Vorteil für ARD und ZDF, künftiger stärker auf Randsportarten zu setzen. Dadurch lassen sich womöglich neue, ungeahnte Erlebnisse kreieren. Gordon Shumway, Autor und Darts-Experte aus dem hessischen Rodgau, sagte bei der Grimme/LPR-Tagung: "Darts ist wie vier Stunden Elfmeterschießen." Beim Fußball hingegen passiere die meiste Zeit über nichts.

Aus epd medien Nr. 38 vom 22. September 2017

Michael Ridder