Tagebuch
Vier gegen Angie und Martin. Sehnsucht nach Stefan Raab
Frankfurt a.M. (epd). Man darf wohl sagen, dass die Talk-Woche für die AfD ganz gut gelaufen ist. Am Sonntagabend beherrschten Themen wie die Flüchtlingspolitik, der Islam, die Grenzsicherung, die Fragen von Abschiebungen und Terrorabwehr das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Besonders in Erinnerung geblieben ist die leidenschaftliche Nachfrage des Moderators Claus Strunz: "226.000 - wann sind diese Leute weg?" Gemeint waren die zurzeit ausreisepflichtigen Menschen in Deutschland, wobei Strunz vergaß zu erwähnen, dass 160.000 geduldet sind, also vorläufig bleiben dürfen. Und am Mittwochabend sicherte sich die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel mit ihrem Abgang aus der ZDF-Sendung "Wie geht's Deutschland?" die mediale Aufmerksamkeit.

Da sich die Rechtspopulisten gerne zu Opfern der Mainstream-Medien stilisieren, ist dieser kalkulierte Schritt, der nur zu gut zur Medienstrategie der AfD passt, kaum der Moderatorin Marietta Slomka anzukreiden. Die hatte zwar zeitweise Mühe, das Durcheinander der Siebener-Runde zu sortieren, aber kritische Fragen musste sich nicht nur Weidel anhören.

In der Nachbereitung des TV-Duells war die thematische Verengung auch dem Moderatoren-Quartett angekreidet worden. Zu Recht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. SPD-Kandidat Schulz selbst ließ manche Vorlage ungenutzt. Das beste Beispiel: Sandra Maischberger leitete nach einer knappen Stunde Flüchtlings- und Außenpolitik zum "großen Komplex" soziale Gerechtigkeit über. SPD-Kandidat Schulz nutzte jedoch die Chance, beim Thema Rente mit 70 auf Merkels Aussage aus dem letzten Kanzlerduell hinzuweisen, wonach es mit ihr keine Maut geben werde. In den Streit mischte sich nach einer Weile wieder Maischberger ein: "Sie glauben, die Maut ist das Wichtigste heute abend?" Schulz beharrte auf dem Thema ("ein Lehrstück deutscher Innenpolitik"), und RTL-Mann Peter Kloeppel wechselte schließlich zur naheliegenden Diesel-Affäre.

Der "große Komplex" soziale Gerechtigkeit war endgültig zur Reste-Rampe geworden. Drängende Fragen etwa nach der wachsenden Einkommens-Schere zwischen Arm und Reich, den steigenden Mieten und ungleichen Bildungschancen blieben komplett außen vor.

Angela Merkel hatte somit aus ihrer Sicht alles richtig gemacht. Die Kanzlerin hatte auf einer einzigen Sendung und auf dem aus früheren TV-Duellen gewohnten Ablauf bestanden. Aktuelle Krisen-Fragen dominierten, was ihr in die Karten spielte. Und dass sich Martin Schulz lieber auf staatsmännische Weise fürs Kanzleramt empfehlen wollte, ließ das Fernseh-Duell zu einem über weite Strecken einvernehmlichen Gedankenaustausch verkommen.

Mit dem TV-Duell 2017 hat sich dieses Format gewissermaßen selbst abgeschafft. Weil es absurd ist, wenn die Spitzen der Regierungsparteien unter sich bleiben. Und weil sich die Sender von der Kanzlerin die Regeln diktieren ließen. Maybrit Illner überraschte am Sonntag im "Heute-Journal" mit der Einschätzung, es sei "ein munteres und sehr waches Gespräch" gewesen. Maischberger dagegen räumte bei Anne Will ein, in einer "Elefantenrunde" mit den Spitzenkandidaten aller Parteien hätte es mehr Kontroversen gegeben.

Dabei gab es die "Elefantenrunde", nur auf der anderen Seite des Tisches. Die Besetzung - vier Journalisten fragen, zwei Politiker antworten - ist kurios und für eine lebendige Sendung hinderlich. Die Zusammenarbeit in der großen Fernseh-Koalition verlief zwar weitgehend reibungslos, doch angesichts der Fragen des amtierenden Sat.1-Populisten Claus Strunz sehnte man sich nach einer Zeitreise vier Jahre in die Vergangenheit. Damals hatte Stefan Raab das ebenfalls müde großkoalitionäre Duell zwischen Merkel und Peer Steinbrück zum Glück für die Zuschauer mit zupackenden Fragen aufgemischt.
Aus epd medien Nr. 36 vom 8. September 2017

Thomas Gehringer