Debatte
"Vielfalt der Lesarten"
Was kann Hörfunk- und Fernsehkritik leisten?
Karlsruhe (epd). Ein Gastronomiekritiker der spanischen Tageszeitung "El País" machte kürzlich ein heroisches Selbstexperiment: Er besuchte das Restaurant, das laut dem Online-Angebot "Tripadvisor" das schlechteste Restaurant Spaniens sein soll. Der Kritiker hatte seine Zweifel, "Tripadvisor" sei für ihn keine zuverlässige Quelle, schrieb er. Doch seinen Besuch in dem besagten Restaurant beschrieb er in einem sehr amüsant zu lesenden Text als einen Abstieg in die untersten Kreise der Gastronomiehölle: Kalter Bohneneintopf, Zutaten fragwürdiger Konsistenz, das Essen konnte er nur mit viel Bier herunterspülen. Die 896 "Tripadvisor"-Nutzer, die dieses Restaurant so schlecht bewertet hatten, hatten recht. Ist der "Weisheit der Vielen", die sich im Internet versammelt, also doch zu trauen?

Wenn es so einfach wäre mit der Kritik, könnten wir uns die Fernseh- und die Hörspielkritik sparen: Ein Fernsehfilm, für den die Arbeitsgemeinschaft Videoforschung - wie sich die AGF neuerdings nennt - am nächsten Morgen eine gute Quote ausweist, wäre ein guter Film - und einer, der eine schlechte Quote erzielt, ein schlechter. Beim Hörspiel ist die Messung nicht ganz so einfach, doch man könnte sich vorstellen, dass in Zukunft die Zahl der Abrufe in der Audiothek entscheidet.

"Diskurs über das Radio"

Wozu brauchen wir also noch Kritik? Es gibt Produzenten und leider manchmal auch Senderverantwortliche, die sich das fragen. Die nicht bedenken, dass die Weisheit der Vielen häufig abgelenkt wird von anderen Faktoren wie dem Konkurrenzprogramm oder der persönlichen Befindlichkeit, und dass die Entscheidung, einen Film bis zum Ende anzuschauen, letztlich weniger über die Qualität des Films aussagt als darüber, dass der Zuschauer oder die Zuschauerin den Film in diesem Moment als nicht so störend empfunden hat, dass sie ihn ausgeschaltet hätten.

Jetzt denken Sie vielleicht: Ist ja klar, dass die verantwortliche Redakteurin von epd medien die Kritik verteidigt, irgendwie muss sie ja begründen, dass sie in ihrem Heft Woche für Woche acht Fernseh- und Hörspielkritiken veröffentlicht. Stimmt, wir glauben natürlich an unsere Existenzberechtigung und wir hoffen, dass wir mit unseren Kritiken beitragen zu einem Diskurs über das Fernsehen und das Radio, der nicht nur von Erfolgskriterien getrieben ist und der die Produktionen dieser Medien nicht nur als industrielle Produkte begreift, sondern als das, was sie auch sind: Kunst. Kultur. Und damit tragen wir bei zum Gespräch der Gesellschaft über sich selbst.

In diesem Sinn weist eine gute Kritik immer auch über sich hinaus: Sie ordnet das Werk ein in einen zeitlichen Kontext, sie verweist auf weitere Werke des Autors, sie hört und schaut genau hin, und im besten Fall ist sie so geschrieben, dass sie den Lesern auch Jahre später noch etwas zu sagen hat: über das Stück, die Inszenierung und die Zeit, in der es entstanden ist. Das gilt für eine gute Theaterkritik genauso wie für eine Fernseh- oder eine Hörspielkritik. Eine gute Kritik ist nicht nur eine Empfehlung, sie beschränkt sich nicht darauf, den Daumen zu heben oder zu senken. Sie argumentiert. Sie begründet, warum ein Hörspiel gelungen oder misslungen ist, sie zieht Parallelen zu anderen Werken und verortet das Werk damit in einem kulturellen Beziehungsgeflecht.

"Das Spiel des Autors"

Die Hörspielmacherin Katharina Bihler antwortete mir auf die Frage, was sie von einer guten Hörspielkritik erwarte, sie schätze es, wenn das eigene Werk "durch den Wissensschatz" des Kritikers oder der Kritikerin "umrahmt oder gar erweitert wird", wenn der oder die Schreibende Dinge wisse, "die über das Dargebotene hinausgehen und mich am Ende sogar noch überraschen". Eine gute Hörspielkritik sei wie "eine Antwort auf das, was wir als Hörspielmacher und -macherinnen in die Welt geschickt haben".

Die Kritik als Gespräch also, als Diskurs. Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagte 1965 in der Literatursendung "Das Literarische Kaffeehaus", es sei wichtig, dass zwischen Kritiker und Schriftsteller "so etwas wie ein Gespräch" aufkomme. Er wünsche sich eine Kritik, "die das Spiel des Autors mitspielt" und schaut, ob er richtig gespielt hat. Das kann manchmal ein intellektuell herausforderndes Spiel sein, manchmal auch zu einem fruchtbaren Gespräch werden. Es birgt aber auch die Gefahr, dass der Kritiker oder die Kritikerin sich instrumentalisieren lassen, dass sie zum verlängerten Marketingarm des Autors oder des Verlags werden. Kritiker sollten also genau prüfen, wie weit sie sich auf ein solches Spiel einlassen und ab welchem Punkt sie es nicht mehr mitspielen.

Dürrenmatt sprach in jener Sendung von 1965 auch über die Selbstmarketingstrategien der Dichterfürsten Goethe und Schiller im ausgehenden 18. Jahrhundert: Sie hätten bewusst Leute angesprochen, von denen sie wussten, dass sie Gutes über ihre Werke schreiben würden. Die beiden Großschriftsteller hatten ihre Netzwerke in der realen Welt geschickt geknüpft. Was hätten sie heute, in Zeiten von Facebook und Twitter, für Möglichkeiten!

Fernsehkritik und Hörspielkritik haben heute einen schweren Stand. Die Fernsehkritik existiert kaum noch, in den meisten Zeitungen ist sie zum Service mutiert und beschränkt sich auf kurze Fernsehtipps. Dass dieses Medium, mit dem die Deutschen im Schnitt immer noch 223 Minuten am Tag, also über dreieinhalb Stunden ihrer Zeit verbringen, von der Kulturkritik so systematisch übersehen wird, ist - freundlich gesagt - erstaunlich.

Noch schlechter aber ergeht es der Hörspielkritik, obwohl die Deutschen das Medium Radio ebenfalls fast drei Stunden am Tag nutzen. Es gibt kaum noch Zeitungen oder Publikationen, die die Hörspielkritik pflegen oder auf einzelne Features hinweisen würden. Es gibt zwei Fachpublikationen - epd medien und die "Medienkorrespondenz" -, die sich mit ihren begrenzten Mitteln um das Hörspiel bemühen. In den überregionalen Zeitungen aber sind Hörspiele in der Regel kein Thema mehr, es sei denn, es gibt eine einzelne Kritikerfigur wie Stefan Fischer, der dafür sorgt, dass die "Süddeutsche Zeitung" dem Medium Radio doch hin und wieder etwas Beachtung schenkt.

"Gemeinsame Initiative"

Zwischen den vereinzelten, sporadisch tätigen Hörfunkkritikern kann so etwas wie ein Gespräch über die aktuelle Hörspielproduktion gar nicht erst entstehen. Es gibt zu wenig Kritiken, es gibt zu wenig Kritiker und es gibt die Foren nicht, in denen sie sich austauschen könnten. Dass Hörspielkritik so wie hier und heute zum Thema einer Veranstaltung wird, ist die absolute Ausnahme.

Auch im Internet hat sich kein Forum der Hörspielkritik herausgebildet, in dem Hörspielkritiker sich systematisch mit dem Gegenstand beschäftigen würden. Es gibt verdienstvolle Einzelinitiativen wie "Hörspielkritik" von Jochen Meißner oder auch Seiten, die auf Hörspiele im Netz und im Handel hinweisen wie "hoerspieltipps.net", aber ein Forum wie "Nachtkritik" für das Theater, an dem zahlreiche Theaterkritiker mitwirken und das sich als Ausgangspunkt für ein Gespräch mit den Theaterliebhabern versteht, hat sich nicht herausgebildet. Vielleicht weil die Szene der Hörspielkritiker bereits seit vielen Jahren so klein und vereinzelt ist, dass sie sich nicht zu einer gemeinsamen Initiative zusammenschließen konnten.

Die Isolierung des Hörspiels macht es aber auch so einzigartig als Kulturprodukt. Es muss nicht wie der Fernsehfilm im Ersten oder Zweiten oder in den Privatsendern auf ein imaginäres Publikum schielen und vermeintliche "Verabredungen" mit diesem einhalten. Es gibt keinen Quotenverlauf, an dem sich ablesen ließe, dass die Hörer bei Minute 24 abgeschaltet haben.

Das Hörspiel kann mit wenig Aufwand viel Wirkung erzeugen. Eine Stimme, ein paar Geräusche genügen, um die Fantasie der Hörer in Gang zu setzen. Das Hörspiel ist ein Stolperstein in der durchformatierten Radiolandschaft, ein Monolith, der herausragt. Eine Kunstform, die so fast nur vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk gepflegt wird. Es gibt zwar eine kleine freie Produzentenszene, die sich im Netz bewegt, aber mangels kommerzieller Erfolge kaum von sich reden macht. Und es gibt wie gesagt hin und wieder vereinzelte Kritiken, aber keine breite Auseinandersetzung über ein Stück und seine Inszenierung.

"Erkundung der Gegenwart"

Weil Hörspiele so einzigartig sind, können sie auch mehr wagen als ein Fernsehfilm. Sie können mehr experimentieren, sie können ihre Hörer überraschen und fordern, sie dürfen sie auch irritieren, denn sie richten sich ja nicht an ein Massenpublikum. Sie dürfen all das, was man von einem Kunstwerk zu Recht erwarten darf. Sie arbeiten mit schräger Musik, wilden Assoziationen, Sprachspielen. Sie sind gelegentlich unterhaltsam, aber selten gefällig.

Weil Hörspiele kein Mainstreamangebot sind, wird auch die Hörspielkritik nie ein großes Publikum erreichen. Würde sie aber fehlen, verlören wir als Gesellschaft analytische Fähigkeiten. Wir verlören ein kritisches Besteck zur Erkundung der Gegenwart. Im besten Fall kann Hörspielkritik Gehör schenken, den Stimmen, Sounds und Szenen, die sonst verloren gingen. Hörspiel und Hörspielkritik schenken der Gesellschaft ein Sensorium für Zwischentöne und Zwischenräume, für Laute, die im Lauten, in den Talkshows, im Tagesgetöse oft nicht wahrgenommen werden. Gäbe es das Hörspiel und seine Kritik nicht, wäre diese Gesellschaft sicher dickfelliger und taubfühliger.

Gerade in Zeiten, in denen der Populismus die Narrative setzen will, die Erzählungen immer schlichter, lauter und eindeutiger werden, brauchen wir eine Fernsehkritik, eine Hörspielkritik und eine Medienkritik - das gehört für mich zusammen -, die den suggestiven und scheinheiligen Erzählungen etwas entgegensetzt. Wo sich Fernsehspiele oder Hörspiele mit der komplexen Realität auseinandersetzen, muss die Kritik in der Betrachtung Schritt halten, sie muss deutlich machen, dass weder ein Kunstwerk noch ein Land auf eine Einheitsformel oder einen Einheitsgedanken zu bringen sind. So wie ein gutes Hörspiel oder ein guter Film eine Vielfalt an Lesarten anbietet und zulässt, so zeichnet sich eine demokratische Gesellschaft durch ihre Vielfalt der Lesarten aus, durch ihre Stimm- und Meinungsvielfalt.

Zu dieser Vielfalt und Vielstimmigkeit muss die Kritik offensiv beitragen und Erzählungen widersprechen, die Entwicklungen totalisieren wollen, die Zwischentöne harmonisieren wollen. Kritik muss zur konstruktiven Disharmonie beitragen. Die Einfaltspinsel heißen ja deshalb so, weil sie ihre Einfalt mit starkem Pinselstrich auf die Leinwand bringen. Kritik ist Vielfaltspinselei. Ein guter Kritiker kann kein Populist sein - und ein Extremist allenfalls in der Form.

"Dialog mit dem Publikum"

Die Aufmerksamkeit für die Kunstform Hörspiel könnte neu erwachen, wenn sich das Format Podcast auch in Deutschland mehr durchsetzt und Audioformate ein neues Publikum finden. Derzeit jedoch befindet sich das Hörspiel in einer Art schalltoten Kammer - und nur gelegentliche Veranstaltungen wie die ARD Hörspieltage hier in Karlsruhe führen vor Augen, dass es durchaus ein vitales Interesse an dieser Kunstform gibt.

Dabei könnten auch die Sender selbst so viel mehr für das Hörspiel und das Gespräch darüber tun. Mir ist unbegreiflich, warum das Radio die Hörspielkritik so vernachlässigt. In Kultursendungen wird über Theater, Literatur und Film gesprochen, manchmal sogar über Hörbücher, aber fast nie über das Hörspiel. Der Deutschlandfunk leistet sich immerhin noch einmal im Monat eine halbe Stunde "Hörspielmagazin", eine Sendung, in der auf aktuelle Produktionen und Veranstaltungen hingewiesen wird. Warum machen das nicht alle Sender? Warum wird das Hörspiel im Radio nicht als selbstverständlicher Teil der Kulturproduktion wahrgenommen? Und warum hat das Radio die Sendeform des kritischen Gesprächs weitgehend dem Fernsehen überlassen?

Dieses kritische Gespräch darf sich nicht auf den Austausch zwischen Autor und Kritiker oder die Fachsimpelei unter Kollegen beschränken, das wäre zu wenig. Das Gespräch muss das Publikum einbeziehen. Hier ist das Radio, das schon immer den Dialog mit dem Publikum gesucht hat, gegenüber den anderen Medien im Vorteil. Aber dank der digitalen Entwicklung ist es eben auch für die anderen Medien viel leichter als früher, diesen Dialog zu führen. Die klassische Sender-Empfänger-Struktur ist lange aufgehoben. Das ist für manche Kritiker vielleicht gewöhnungsbedürftig, die bisher der Meinung waren, ihre Kritik sei so etwas wie ein letztgültiges Urteil.

Wir brauchen die Kritik, um uns mit Hörspielen, Filmen, Stücken und über sie mit unserer Umwelt auseinanderzusetzen. Like oder Dislike sind schnelle Reflexe, emotionale Reaktionen. Der Gastrokritiker von "El País" hat mit seiner Besprechung des schlechtesten Restaurants Spaniens den Unmut der Vielen, ihrer Wut, die sich in den Kommentaren häufig recht ungezügelt Bahn bricht, in einen amüsanten und gut zu lesenden Text mit vielen Argumenten verwandelt. Wir brauchen Argumente, die unsere Emotionen stützen oder infragestellen, die uns selbst hinterfragen. Wir brauchen das Gespräch über die Versuche, unsere Gesellschaft zu beschreiben. In allen Medien und über alle Wege, die sich anbieten.

Aus epd medien Nr. 1 vom 5. Januar 2018

Diemut Roether