Kritik
Verstörende Dystopie
VOR-SICHT: "Aufbruch ins Ungewisse", Fernsehfilm, Regie: Kai Wessel, Buch: Eva Zahn, Volker A. Zahn, Gabriela Zerhau, Buchbearbeitung: Astrid Ströher (ARD/WDR/Degeto, 14.2.18, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Für die filmästhetische Gestaltung seiner dystopischen Prämisse hat dieser Film keine Zeit. Er präsentiert sie einleitend als Schriftzeilen: "Europa versinkt im Chaos. Rechtsextreme haben in vielen Ländern die Macht übernommen. Es herrschen Willkür, Unterdrückung und Gewalt. Täglich werden Menschen verhaftet, viele verschwinden für immer." Dann geht es in medias res.

Fernsehnachrichten berichten von "Säuberungsaktionen" für ein "faires und gerechtes Deutschland". Die Bilder zeigen fliehende, schreiende Menschen. Es sind die Redakteure der "Süddeutschen Post", die sich in den Kellerräumen des Verlagsgebäudes versteckt haben. Nun werden sie zusammengetrieben wie Vieh. Nach wenigen Szenen ahnt man schon, worauf der lange Zeit verstörende Spielfilm "Aufbruch ins Ungewisse" insgesamt und auch selbstreferenziell hinauswill: Aufklärung durch freie Berichterstattung ist ein Pfeiler der Demokratie. Dieser Film will Aufklärung durch Darstellung sein. Er will Unfreiheit und den Krieg aller gegen alle durchspielen, außerdem darüber informieren, dass gewisse Errungenschaften der langen Friedenszeit von mehr als 70 Jahren nicht selbstverständlich sind.

Wer die ersten Bilder sieht, fühlt sich unwillkürlich an die Unterdrückung der freien Presse und anderer Medien in der Türkei erinnert. Wenig später hetzt ein gewisser Kanzler Meyer gegen Andersdenkende. Normalität definieren die Herrschenden. Als letztes europäisches Land hat Schweden seine Grenzen geschlossen. Ganz Europa ist ein Internierungslager.

Für Flüchtlinge gibt es nur ein Ziel: über das Meer, nach Südafrika, die freie "Rainbow Nation", in der dank prosperierender Wirtschaft Menschen aller Couleur willkommen sind. Die Hürden, in Südafrika als Flüchtling anerkannt zu werden, sind jedoch hoch. Wer über ein als sicher eingestuftes Drittland wie Namibia gekommen ist, wird unmittelbar abgeschoben. Schlepper liefern Geflüchtete aus. Manchmal überlassen sie ihre menschliche Ware auch dem Verdursten. Wer es in ein Lager geschafft hat, muss untätig auf den Ausgang des langwierigen Verfahrens warten, ausgeliefert einer Bürokratie, die den Einzelnen nur als Fall behandelt. Ausnahmen wie Michelle Keyser (Naima Sebe), die einfühlsame Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, sind selten.

Es sind Menschen wie Jan Schneider (Fabian Busch), die noch fliehen können. Von ihm erfährt man, er sei ein Anwalt Verfolgter und habe selbst schon im Gefängnis gesessen. Verheiratet ist er mit Sarah (Maria Simon), einer Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Zusammen haben sie zwei Kinder, den siebenjährigen Nick (Ben Gertz) und die Jugendliche Nora (Athena Strates). Hals über Kopf packen sie eines Nachts das Nötigste, die Katze bleibt zurück in der verlassenen Wohnung und auch Noras Smartphone, über das sie zu orten wären. Man sieht sie wieder in einem überladenen Schlauchboot auf See, ausgesetzt mit vielen anderen Weißen. Als sich ein Schiff zur Rettung nähert, springen viele auf und bringen das Boot zum Kentern. Gerettete, Verletzte und mit Rettungsdecken verhüllte Tote liegen wenig später am Strand im Nebel, zwischen Taschen, Schuhen und Habe, die niemand mehr beanspruchen wird.

Unordentliche Haufen, Algenansammlungen, Felsen, zerwühlter Sand. Man kennt die Bilder. Sie sind in den letzten Jahren ikonographisch geworden. Die Hautfarbe hat gewechselt. Ein berüchtigtes Bild spart der Film, zu dem Eva und Volker A. Zahn sowie Gabriela Zerhau das Buch geschrieben haben, auffallend aus: Das Bild des am Strand liegenden toten Jungen im roten Shirt, das um die Welt ging. Zusammen mit der moralischen Frage: Darf man das? Oder ist es obszön, auf solche Weise das Leid darzustellen?

Auch um "Aufbruch ins Ungewisse" gab es schon eine - wenn auch reichlich künstlich befeuerte - Kontroverse. Ob uns Flüchtlingsschicksale etwa nur berührten, wenn die Opfer weiß wären, fragte eine Boulevardzeitung und fand den ganzen Film von vornherein verdächtig. Damit tut man ihm Unrecht. Man kann kaum darüber streiten, dass wir uns mit dem am leichtesten identifizieren, was uns am nächsten ist. So begründet es die Produzentin Kirsten Hager: Ziel sei gewesen, der Abstumpfung des Publikums durch ähnliche Schreckensbilder den Perspektivenwechsel entgegenzusetzen. Statt Flucht nach Europa die Flucht aus Europa.

Über weite Strecken gelingt das dem von Kai Wessel emotional sehr nachvollziehbar inszenierten Film auch. Wenn die in Namibia Gestrandeten nachts von Schleppern in einem LKW dem Durst ausgesetzt sind, die Klappe plötzlich geöffnet wird und die Hoffnungsvollen - darunter Jan, Sarah und Nora - im Nirgendwo erkennen müssen, dass sie nur an andere Schlepper übergeben worden sind, die erneut kassieren wollen, zeigt die Kamera Entsetzen und Panik in stetem Blickwinkelwechsel (Bildgestaltung: Nicolay Gutscher). Auch die Öde des Tagesablaufs im südafrikanischen Lager, die Abwesenheit von Privatsphäre, das Dumpferwerden der Wartenden werden anschaulich dargestellt. Die Nebenfiguren sind eher Rollenträger: ein Homosexueller, eine kritische Bloggerin, die mehrfach vergewaltigt wurde, ein Mann, dessen alte Mutter auf der Flucht umkam - hier wirken die Schicksale zu eindeutig verteilt.

Dass die Familie nach der Flucht ihre inneren Bindungskräfte verliert, ist überzeugend. Die Suche nach dem vermissten Sohn Nick, dessen Schicksal ungewiss ist, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Sie mündet allerdings in einer Auflösung, die dem Anliegen des Films nicht angemessen ist. Sie ist zu hoffnungsvoll, geradezu süßlich. Der Schluss wirkt, als könne man dem öffentlich-rechtlichen Zuschauer zwar eine Menge zumuten, aber nicht die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, die sich aus dem zuvor Gezeigten ergeben würde. Das ist schade.

"Aufbruch ins Ungewisse", Fernsehfilm, Regie: Kai Wessel, Buch: Eva Zahn, Volker A. Zahn, Gabriela Zerhau, Buchbearbeitung: Astrid Ströher, Kamera: Nicolay Gutscher, Produktion: Hager Moss Film, Two Oceans Production (ARD/WDR/Degeto, 14.2.18, 20.15-21.45 Uhr)

Aus epd medien Nr. 6 vom 9. Februar 2018

Heike Hupertz