Kritik
Verstörend
VOR-SICHT: "Dengler: Die schützende Hand", Krimi, Buch und Regie: Lars Kraume nach einem Roman von Wolfgang Schorlau, Kamera: Jens Harant, Produktion: Bavaria Film/Cuckoo Clock Entertainment (ZDF, 6.11.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Wolfgang Schorlaus achter Dengler-Krimi, "Die schützende Hand", ist ein ebenso faszinierendes wie verstörendes Buch über die Hintergründe der sogenannten NSU-Morde und den Suizid von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die Reaktionen auf den Bestseller waren zwiespältig: Der Autor, hieß es, habe Fakten und Fiktion vermischt und grassierenden Verschwörungstheorien Vorschub geleistet. Schorlau versicherte jedoch, das Buch sei das Ergebnis sorgfältiger Recherchen gewesen; außerdem könne er seine Behauptungen samt und sonders belegen, weshalb er den Roman wie ein wissenschaftliches Werk mit Fußnoten und Anhang versehen hat.

Lars Kraume, der für das ZDF schon die Dengler-Fälle "Die letzte Flucht" und "Am zwölften Tag" adaptiert und inszeniert hat, stand angesichts der Komplexität der Vorlage vor einer Herausforderung, die womöglich noch größer war als bei anderen Literaturverfilmungen: Er musste die enorme Informationsfülle reduzieren, ohne dem Stoff seine Brisanz zu nehmen oder in die Verschwörungsfalle zu tappen; gleichzeitig sollte der Film natürlich auch ein packender Thriller werden. All das ist ihm gelungen, auch wenn zwangsläufig viele von Schorlaus Nebensträngen auf der Strecke bleiben, komplett gestrichen ist zum Beispiel die Verstrickung amerikanischer Geheimdienste. Auf der anderen Seite hat der vielfach ausgezeichnete Regisseur die Vorlage gerade angesichts des großen Empörungspotenzials vergleichsweise sachlich adaptiert.

Basis der Geschichte ist die "Honeypot"-These, nach der der Verfassungsschutz in Thüringen, um die Rechtsextremisten in Thüringen besser überwachen zu können, nach der Wende mit viel Geld organisierte Strukturen für Neonazis geschaffen haben soll. Bei Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe ist das Vorhaben gründlich gescheitert: Das Trio verschwand im Untergrund und somit vom Radar. Offen ist bis heute allerdings, inwieweit die Staatsschützer auch weiterhin über die Aktivitäten des NSU (inklusiver möglicher Helfershelfer) informiert waren und welche Rolle der Verfassungsschutz beim tödlichen Finale am 4. November 2011 gespielt hat.

Der Film konzentriert sich auf die Ereignisse dieses Tages, als Mundlos und Böhnhardt angeblich eine Sparkassenfiliale in Eisenach überfallen und kurz drauf nach der Entdeckung durch die Polizei in einem Wohnmobil Selbstmord begangen haben. Nachdem seine Hacker-Freundin Olga (Birgit Minichmayr) die Ermittlungsakten vom BKA-Server geklaut hat, rekonstruiert Privatdetektiv Dengler (Ronald Zehrfeld) im Auftrag eines geheimnisvollen Auftraggebers in einer leeren Fabrikhalle gemeinsam mit Olga und dem Thüringer LKA-Beamten Marius Brauer (Tom Wlaschiha) den Ablauf den rätselhaften Suizids. Dabei stoßen die drei auf derart viele Pannen und Schlampereien, dass allein die schiere Menge einen Vorsatz geradezu aufdrängt.

Im Grunde sind die ausführlichen Rekonstruktionsszenen auf Basis der Akten fast bühnenhaft, aber dennoch spannend, und das nicht allein wegen des offenkundigen Skandals. Wie schon Schorlau lässt auch Kraume keine Zweifel daran aufkommen, dass ausgerechnet jene Organe, die den Staat schützen sollen, eine Menge Dreck am Stecken haben. Der Film legt nahe, dass Mundlos und Böhnhardt längst tot waren, als sie sich angeblich erschossen haben. Brauer merkt als Advocatus Diaboli zwar immer wieder mal an, es könne auch andere Erklärungen für die diversen Widersprüche geben, aber da Kraume die Geschichte konsequent aus Denglers Sicht erzählt, hat der private Ermittler die Deutungshoheit.

Dass Ronald Zehrfeld den Detektiv auf eine Weise verkörpert, die ihn wegen der fragwürdigen Wahl seiner Mittel nicht rundum sympathisch erscheinen lässt, verleiht der Figur zusätzlichen Reiz. Dengler scheint wie besessen von der Suche nach der Wahrheit. Auch dafür gibt es eine Erklärung: Nach dem Nagelbombenattentat des NSU 2004 in Köln verkündeten die Behörden, es handele sich nicht um einen rechtsterroristischen Anschlag. Dengler, damals noch Zielfahnder beim BKA, hielt das für voreilig. Als er weiter ermitteln wollte, wurde er kaltgestellt und beendete schließlich sein Dienstverhältnis.

Im Gegensatz zum obsessiven Ex-Kollegen ist Brauer mit seinen alternativen Interpretationsansätzen so etwas wie die Stimme der Vernunft, aber Dengler erstickt seine Einwände im Keim. Dass die beiden Männer mehrfach lautstark streiten, hätte trotzdem nicht sein müssen.

Tom Wlaschiha ist mit seiner ähnlich maskulinen Ausstrahlung eine gute Ergänzung zu Ronald Zehrfeld. Eigentlicher Gegenspieler des Detektivs ist jedoch sein früherer Chef beim BKA: Rainer Bock ist jedes Mal aufs Neue unangenehm gut in seiner Paraderolle als finsterer Bürokrat. Interessant ist auch die prominente Besetzung der titelgebenden "Schützenden Hand", eine kleine, aber wichtige Rolle. Im dritten Teil der ARD-Trilogie über den NSU, "Mitten in Deutschland" ("Die Ermittler", Kritik in epd 15/16), hatte Ulrich Noethen den Leiter des Thüringer Landesamts für Verfassungsschutz mit großer Selbstgefälligkeit versehen, hier verkörpert ZDF-Sympathieträger Leonard Lansink ("Wilsberg") den Mann mit eisiger Kälte.

Wer das Buch oder die Details der NSU-Geschichte nicht kennt, wird von der überwiegend verbal vermittelten Faktenfülle möglicherweise überfordert sein. Es war klug von Kraume, sich auf den Todestag der Terroristen zu konzentrieren. Die entsprechenden Rückblenden sind in dokumentarisch anmutendem Schwarz-Weiß gehalten, ein schlichter Kniff, um Authentizität zu signalisieren. Auf aufwendige Action-Einlagen wie in den ersten beiden Filmen hat der Regisseur diesmal verzichtet, und angesichts des brisanten Stoffs wirken die von Birgit Minichmayr ausgesprochen trocken vorgetragenen Kommentare zu den vielen Ungereimtheiten wie heitere Kontrapunkte. Wenn das Ausmaß der Schockiertheit nicht ganz so groß ist wie nach "Mitten in Deutschland", dann allein deshalb, weil die Trilogie bereits viel Vorarbeit geleistet hat.

Aus epd medien Nr. 44 vom 3. November 2017

Tilmann Gangloff