Tagebuch
Umfragenmist. Supermann Trump und die Mondlandung
Washington (epd). Könnte man bei der Berichterstattung über den US-Wahlkampf bitte aufhören, ständig neue Umfragewerte in die Überschriften zu katapultieren? In epischer Breite darüber zu berichten, welcher Kandidat führt, wer aufgeholt hat, wieder vorne liegt, abgerutscht ist oder abgeschlagen ganz unten herumdriftet? Umfragen vom Dezember 2015, wagen wir die These, sagen nichts über die Hauptwahlen im November 2016, und wenig über den Ausgang der Vorwahlen, vor allem bei den Republikanern. Dort stehen noch immer ein gutes Dutzend Anwärter und eine Anwärterin auf der Matte.

Gewählt wird in den USA alle vier Jahre. Im Dezember vor vier Jahren lag bei den republikanischen Vorwahlen laut Umfragen der frühere Kongressabgeordnete Newt Gingrich vorne. Newt wer? Vor acht Jahren hatte Hillary Clinton angeblich einen Riesenvorsprung vor Barack Obama. Für Medienschaffende in der Presse ist das Zitieren von Umfragenwerten freilich verlockend, wenn die Uhr Richtung Textabgabe tickt (der Autor nimmt sich nicht aus). Noch attraktiver sind Umfragen für die US-Fernsehsender, die Spannung erzeugen wollen wegen der Einschaltquote, die dann wiederum bestimmt, wieviel man für Wahlwerbespots verlangen kann. Und im Netz klicken Nutzer offenbar gern auf Rankings.

Offenbar kommt es bei Umfragen stark auf die Qualität der Meinungsforscher an. Doch generell stellt sich die Frage, wie verlässlich die Ergebnisse überhaupt sein können. Im Bundesstaat Kentucky wurde jüngst der Gouverneur gewählt. Ende Oktober ermittelten Umfragen, der Demokrat liege vorne. Gewonnen hat am 3. November der Republikaner, 53 zu 44 Prozent. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney erwartete 2012 aufgrund seiner Meinungsforscher angeblich noch am Wahltag, er werde ins Weiße Haus einziehen.

Wahlforscher haben es schwer und immer schwerer in den USA. Bei telefonischen Umfragen sind sie auf Menschen angewiesen, die erstens den Hörer abnehmen und zweitens die Fragen beantworten. Das Pew Research Center hat 2012 bei einer Untersuchung zum Umfrageverhalten ermittelt, dass man nur in neun Prozent der Haushalte einen Redewilligen finden konnte. 1997 seien es noch 36 Prozent gewesen. Heutzutage haben mehr als 40 Prozent der US-Amerikaner keinen Festnetzanschluss. Da werden Umfragen teuer: Laut Verbraucherschutzgesetz dürfen in den USA Mobiltelefone nicht automatisiert angerufen werden. Es muss also eine echte Person anrufen und ermitteln, ob der Mensch am anderen Ende der Leitung reden will. Das kostet, auch bei den prekären Stundenlöhnen in den USA.

2012 war der Statistiker Nate Silver mit seinem Blog "fivethirtyeight" in der "New York Times" (jetzt bei ESPN beheimatet) der Leitstern am Umfragenfirmament, obwohl er manchen Wahlforschern und Politikern auf den Geist ging mit seinen Warnungen vor zu viel Vertrauen in einzelne Erhebungen. Durch die Kombination von kritischen Auswertungen aller Umfragen lag Silver bei "Barack Obama gegen Mitt Romney" letztlich in jedem der 50 Bundesstaaten richtig.

Kürzlich hat Silver über die weltweit bestaunten Umfragewerte von Supermann Donald Trump geschrieben. Man dürfe sich nicht verrückt machen lassen, riet der Statistiker. Die These, dass Trump eine Chance habe, fuße größtenteils auf seinen Umfragewerten von 25 bis 30 Prozent, höher als die seiner Rivalen. Das müsse man im Kontext sehen: Die meisten Umfragen zu den republikanischen Vorwahlen erkundigten sich bei Menschen, die sich als Republikaner sehen. Laut Pew sind 23 Prozent Republikaner, laut Meinungsforschungsinstitut Gallup 28 Prozent. Unterm Strich, rechnete Silver, unterstützen den Donald also entsprechend der Umfragen rund sechs bis acht Prozent der Gesamtwählerschaft. So viele seien auch der Ansicht, die Mondlandung habe gar nicht stattgefunden.
Aus epd medien Nr. 49 vom 04. Dezember 2015
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Konrad Ege