Tagebuch
Tussige Prinzessinnen. Die Botschaften der Zeichentrickfantasie
Frankfurt a.M. (epd). Irgendwann im Vorschulalter lernen Kinder, dass Zeichentrickwelten in Wirklichkeit nicht existieren. Die meisten haben schon schmerzhaft erfahren müssen, wie weh es tun kann, wenn man bloß von der Schaukel fällt - deshalb wissen sie, dass es pure Fantasie ist, wenn eine Cartoon-Figur auf der Flucht in die Tiefe stürzt, beim Aufprall einen Krater produziert und anschließend putzmunter weiterrennt. Trotzdem kommt Zeichentrick immer wieder ins Gerede. 1972 zum Beispiel hat es die gänzlich harmlose Serie "Schweinchen Dick" getroffen: Die scheinbar unmotivierte Aggressivität könne von Kindern als Gewaltverherrlichung empfunden werden, hieß es damals. Zum großen Bedauern des jungen Publikums setzte das ZDF die Serie schließlich ab.

Nun hat das Genre erneut Schlagzeilen gemacht. Diesmal geht es nicht um eine spezielle Produktion, sondern im Grunde um alle Serien. Weibliche Figuren, so haben Forscherinnen der Uni Rostock rausgefunden, werden in Animationsproduktionen durchweg "hypersexualisiert" dargestellt. Belegt wird das mit Zahlen: Die deutliche Mehrzahl der Protagonistinnen besitze Körpermaße, die "nicht länger im anatomisch möglichen Bereich liegen." Zwei Begriffe bringen das anschaulich auf den Punkt: "Wespentaille" und "Sanduhrfigur".

Die Frage ist nur: Wo ist das Problem? Wenn in solchen Serien ganze Welten erfunden werden, in denen sogar Schwämme sprechen können, warum sollen weibliche Figuren dann keine Wespentaille habe? Schließlich gibt es auch männliche Figuren mit einem Kreuz, neben dem jeder Bodybuilder erblassen würde (im Forscherjargon "V-Kontur" genannt).

Das stimmt zwar, würden die Wissenschaftlerinnen wohl einwenden, aber im gleichen Atemzug darauf hinweisen, dass Jungs und Männer nicht nur viel seltener übertrieben sexy dargestellt werden, sondern des öfteren sogar korpulent sind. Das sei bei den untersuchten weiblichen Figuren kein einziges Mal festgestellt worden. Und noch ein Aspekt ist betrüblich, aber der ist schon lange bekannt: Laut einer zweiten Untersuchung der Rostocker Forscherinnen sind 77 Prozent der animierten Hauptfiguren männlichen Geschlechts, inklusive Tiere, Pflanzen oder Gegenstände. Hat eine Gruppe einen Anführer, ist der praktisch immer ein Kerl.

Spätestens jetzt ahnen auch Zeitgenossen, die solche Forschungen für Gedöns halten, dass das nicht in Ordnung ist. Diese Ergebnisse lassen sich auch mit dem Hinweis auf die Zeichentrickfantasie nicht entkräften. Der springende Punkt ist die Identifikation: Wenn sich Kinder in eine Figur hineinversetzen, spielt es keine Rolle, ob sie gezeichnet oder real ist. Auch Trickserien können daher großen Einfluss auf die kindliche Identitätsentwicklung haben. Deshalb kritisiert die Münchner Medienwissenschaftlerin Maya Götz die hypersexualisierte Gestaltung der weiblichen Figuren schon seit Jahren. In einer eigenen Befragung von Kindern fand sie heraus, dass die Zielgruppe das Rollenbild offenbar nicht mag - selbst die Jungs hätten bemängelt, dass die Mädchen viel zu oft "tussige Prinzessinnen" seien, die immer gerettet werden müssten.

Bei allem Respekt für das Engagement der Wissenschaftlerinnen: Allzu viel werden ihre Veröffentlichungen wohl nicht bewirken. Nach Ansicht von Götz handelt es sich bei den weiblichen Zeichentrickfiguren um die "erotischen Fantasien und Wünsche von erwachsenen Männern". Tatsächlich ist die internationale Zeichentrickbranche eine Männerdomäne: Der Anteil der Autorinnen liegt bei unter 20 Prozent, die Zahl der Regisseurinnen sogar nur bei zehn Prozent. So lange sich daran nichts ändert, werden die weiblichen Figuren auch weiterhin Wespentaillen haben.
Aus epd Medien Nr. 49 vom 8. Dezember 2017

Tilmann Gangloff