Kritik
Tragischer Held
VOR-SICHT: "Die Akte General", Fernsehfilm, Regie: Stephan Wagner, Buch: Alex Buresch, Kamera: Thomas Benesch, Produktion: UFA Fiction (ARD/SWR/SR/BR/Degeto, 24.2.16, 20.15-21.45)
Frankfurt a.M. (epd). Mit dem Zug des Fernsehens zu zeitgeschichtlichen Stoffen kommen diese uns gelegentlich doppelt. So auch im Fall Fritz Bauer. Erst war Lars Kraumes Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" im Kino, jetzt Stephan Wagner mit "Die Akte General" im Fernsehen. Beide Filme sind von Regisseuren der ersten Garde, der Protagonist ist beide Male prominent besetzt.

Machen wir es kurz mit den Vergleichen: Ulrich Noethen interpretiert in "Die Akte General" seinen Fritz Bauer agiler, kämpferischer, auch auf schwer beschreibbare Weise jünger. Burkhard Klaußners Bauer war knorriger, düsterer, auch einsamer. Beide haben wohl auf ihre Weise recht, beiden schaut man fasziniert zu. In beiden Filmen fällt der berühmte Satz des hessischen Generalstaatsanwalts, außerhalb seines Büros fühle er sich in Feindesland. Beide Filme halten sich an die Verläufe der Historie. Bauers Kampf gegen die von alten Nazis durchsetzte Justiz, die Behinderungen, Drohungen, Isolierung. Sein Entschluss, den Mossad mit Informationen über Adolf Eichmann zu versorgen, weil er der deutschen Justiz nicht traute. Der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn als einer der wenigen Vertrauten, der Bauer auch die Weiterarbeit ermöglichte. Das gleiche auffällige Interieur im Büro, die Adenauerzeit in den akkuraten Ausstattungen.

Gemeinsam auch die Intention. Lange Jahre war das Wirken Fritz Bauers einer größeren Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Dass er jetzt entdeckt wird, mag zu tun haben mit der stärkeren Aufmerksamkeit für deutsche Nachkriegsgeschichte, die auf dem Weg zur Gegenwart noch über weite Strecken unbearbeitet da liegt. Diese Nachkriegsgeschichte ist auch eine der Verdrängung, Verweigerung, Geschichtsblindheit.

Welche Geschichte wird erzählt? Stephan Wagner sagt, er wollte "die Geschichte eines deutschen Helden erzählen". Für Drehbuchautor Alex Buresch ist Bauer ein Gegenbeispiel: "Gerade heute, in einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, dass die Politik sich verselb ständigt hat, dass man ja ‚eh nichts ändern kann'". Es geht also um Haltung: Etwas für die Demokratie riskieren, sich nicht einschüchtern lassen, Mut und Zivilcourage zeigen.

Zugleich ist "Die Akte General" auch ein veritabler Politthriller, mit bekanntem Ausgang. Der Film zieht einen größeren Erzählbogen, stellt nicht nur die Causa Eichmann ins Zentrum, sondern auch Bauers erfolgreiche Politik, mit den Auschwitz-Prozessen die deutsche Öffentlichkeit mit ihrer Geschichte zu konfrontieren. Und er konzentriert sich vor allem auf Bauers Versuch, Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der an den Rassegesetzen der Nazis mitgeschrieben hat, zu stellen. Globke, engster Vertrauter des Kanzlers, ist weitgehend im bundesdeutschen Zeitgeschichtsnebel verschwunden. Gut, dass der Film ihn hervorholt. Mit ihm gerät auch Adenauer und seine Politik der Entlastung und Verharmlosung ins Blickfeld: Adenauerzeit, das war eben nicht nur Nierentisch und Fernsehdeckchen, sondern auch politische Restauration. Fritz Bauer hat übrigens Globke nichts anhaben können. Dass Adenauer bis zum Schluss an seinem belasteten Staatssekretär festhielt, ist einer der großen Skandale bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte.

Wichtiger Akteur in den politisch-juristischen Schachzügen ist der junge Staatsanwalt Joachim Hell (David Kross). Bauer holte den jungen, unbelasteten und selbstbewussten Staatsanwalt an seine Seite, um ihn erst als Rechercheur, dann als Leitenden Staatsanwalt in Sachen Globke einzusetzen. Hell ist eine erfundene Figur, auch eine dramaturgische Figur: seine anfänglich etwas unglaubwürdige Naivität erlaubt es dem Drehbuch, indirekt das Publikum über Sachverhalte zu informieren. Hell ist Partner von Bauer, aber auch sein Konterpart. Er hat durchaus andere Ansichten als sein sozialdemokratisch gesinnter Chef, fürchtet sich vor dem Kommunismus und ist zugleich fasziniert von Bauers Ambitionen.

Bauer besorgt sich Akten vom Generalstaatsanwalt der DDR, Hell kommt auch in Kontakt mit der Stasi. Er lässt sich vom BND als Spitzel einkaufen und legt die "Akte General" an, nach der der Film benannt ist. Seine Abkehr vom BND kommt zu spät, Bauer entdeckt sein Doppelspiel und entlässt ihn. Ein erneuter Schlag für den ohnehin allen Kollegen misstrauenden Generalstaatsanwalt. Er gibt dennoch nicht auf: "Gesetze sind nicht auf Pergament geschrieben, sondern auf empfindlicher Menschenhaut."

Das ist einer der schweren Sätze, die die Figur des Fritz Bauer als historisches Vorbild mit sich herumtragen muss und die man nur deshalb schluckt, weil sie Ulrich Noethen sagt. Neben Fritz Bauer kommen auch noch andere historischen Figuren vor, Adenauer etwa oder Erhard, allerdings mehr als Abziehbilder. Adenauer (Dieter Schaad) ist schlitzohrig und rheinländert, Erhard (Gustav Peter Wöhler) poltert. Von Hans Globke gibt es kein öffentliches Bild, das bedient werden müsste. Bernhard Schütz spielt ihn sehr zurückhaltend, nicht wie einen Exnazi. Er ist neben Fritz Bauer die interessanteste Figur des Films. Seine Wendigkeit als Verwaltungsjurist, seine Fähigkeit, unterschiedlichen Herren zu dienen, steht paradigmatisch für die Adenauerzeit, für den politischen Willen zur Weißwäscherei und zur politischen Restauration.

Als historische Figur hat Bauer auch Thomas Harlan (Lasse Myhr) neben sich, der ihn mit Belastungsmaterial versorgt. Thomas Harlan war Sohn des Naziregisseurs Veit Harlan und unermüdlicher Rechercheur in Sachen Naziverbrechen. Die beiden sehr unterschiedlichen Männer, auch vom Alter her, waren auch in der Realität befreundet, pflegten einen umfangreichen Briefwechsel. Im Film spielt Harlan nur eine Nebenrolle (Christoph Hübner und Gabriele Voss haben ihm in ihrem Dokumentarfilm "Wandersplitter" ein unvergessliches Denkmal gesetzt).

Thomas Harlan gehört zu einer Gruppe Männer, mit denen sich Fritz Bauer umgibt, die, so erzählt es der Film, in seiner Wohnung aus- und eingehen. Dies ist das nächste Außenseitermotiv, das Fritz Bauer umgibt: seine Homosexualität. Auch Lars Kraume erfand einen fiktiven jungen Anwalt, der Bauer zuarbeitet und der selbst ein schwules Coming-out hat (gespielt von Ronald Zehrfeld). Kraume benötigt ihn vor allem dazu, Bauers Homosexualität zu spiegeln. Stephan Wagner geht mit dem Thema vorsichtiger um, mehr in Anspielungen. Wird freilich auch in einer Szene explizit. Hell, aus Israel zurückgekehrt, trifft Bauer daheim im Schlafrock an und sieht einen jungen Mann, der nackt, mit gerafften Kleidern, durch den Flur huscht; er wird Bauer damit nicht bloßstellen (damals war Homosexualität noch strafbar).

Interessant daran ist, dass die Homosexualität Bauers in beiden Filmen als Faktum gesetzt wird - obwohl es keines ist. Natürlich wäre es auch nicht ehrenrührig und würde keinen Deut an Bauers Bedeutung ändern. Es gibt aber für Historiker keine weiteren Hinweise, nur eine Aktennotiz der dänischen Polizei aus der Exilzeit, wonach Bauer mit einem Stricher angetroffen worden sein soll. Alles andere ist Spekulation. Aus diesem Grund hat beispielsweise Ilona Ziok in ihrem Dokumentarfilm "Fritz Bauer - Tod auf Raten" dieses Thema gar nicht erwähnt.

Aber "Akte General" ist Fiktion, die verdichtete Geschichte eines Mannes, der sich als aufgeklärter Jurist, als Jude, als Sozialdemokrat und als Homosexueller in feindlicher Umgebung behaupten muss, der persönliche Haltung und Charisma hat. Eine bisher zu wenig gewürdigte Figur der Zeitgeschichte. Lars Kraumes Film gibt die Richtung schon im Titel an: "Der Staat gegen Fritz Bauer" Stephan Wagner dagegen erzählt "Fritz Bauer gegen den Staat", eine Heldengeschichte eben. Es ist letztlich auch eine tragische. Denn zu viele NS-Täter haben sich nach der Ära Bauer ihrer Verantwortung entziehen können.

Aus epd medien Nr. 8 vom 19. Februar 2016
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Fritz Wolf