Kritik
Trügerisch harmlos
VOR-SICHT: "Honigfrauen", Dreiteiler, Regie: Ben Verbong, Buch: Natalie Scharf, Christoph Silber, Kamera: Mathias Neumann, Produktion: Seven Dogs Filmproduktion (ZDF, 23., 30.4. und 7.5.17, jeweils 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Und weiter geht's mit Retro-Filmen aus der Ära des "real existierenden Sozialismus" in der DDR. Kaum ist, am 30. März, der dritte Teil der Ost-West-Spionage-Trilogie "Der gleiche Himmel" (Kritik in epd 13/17) gesendet worden, die im Berlin der 70er Jahre spielte (mit Anja Kling als kalte, ehrgeizige Ost-Mutter), da folgt bereits, wieder beim ZDF, die nächste DDR-Trilogie (mit Anja Kling als sorgenvolle Ost-Mutter). Diese Trilogie pirscht sich zeitlich noch näher als die Ost-West-Spionage-Miniserie "Deutschland 83" an die letzten Jahre vor dem Mauerfall heran und spielt im Sommer 1986 am ungarischen Balaton, dem Plattensee. Dort konnten DDR-Bewohner Urlaub machen. Es war für sie aber zugleich auch die Gelegenheit, westdeutschen Urlaubern zu begegnen. Deshalb war dieser Ferienort ein beliebtes Betätigungsfeld für Stasi-Spitzel, die, getarnt als harmlose Urlauber in der Badehose, jeden überwachten und verpfiffen, der allzu enge Kontakte zum "Klassenfeind" knüpfte, womöglich sogar plante, über die ungarische Grenze nach Österreich zu fliehen.

Im Zentrum stehen zwei bezaubernde Schauspielerinnen, die mit natürlicher Anmut und Gespür sowohl für zarte Komik als auch für tiefere Emotionen mühelos durch diesen warmherzigen Dreiteiler führen: die Schwestern aus Erfurt, Cornelia Gröschel als Catrin, die Ältere, Vernünftige, und Sonja Gerhardt als Maja, die Abenteuerlustige. Sie trampen zum Balaton, weil sie zum ersten Mal ohne ihre Eltern, Karl und Kirsten (Götz Schubert und Anja Kling), Urlaub machen. Die Mutter hat ihnen noch Bikinis aus Vorhangstoff geschneidert.

Der Vater warnt seine Töchter vor Kontakten mit dem "Klassenfeind: Am Balaton wimmelt's doch von Stasi". Er ahnt freilich nicht, dass auch seine Familie vom Kontakt mit dem "Klassenfeind" bedroht ist. Kirsten hat ihm nämlich nie gestanden, dass Catrin nicht seine Tochter ist. Deren Vater ist Eric (Dominic Raacke), ehemals Kirstens große Liebe. Eric hatte sich kurz vor dem Mauerbau in den Westen abgesetzt und die schwangere Kirsten im Stich gelassen. Verziehen hat sie ihm das zwar nie, die heimliche Telefonverbindung mit ihm aber aufrechterhalten. Und jetzt hat sie ihn auch noch darüber informiert, dass seine Tochter mit ihrer Schwester am Balaton Urlaub macht. Diese Gelegenheit will Eric nutzen und teilt Kirsten mit, er werde sich auf demselben Campingplatz einquartieren, um seiner Tochter - von der ihm Kirsten anscheinend regelmäßig Fotos schickte - die Wahrheit zu offenbaren.

Aber Kirsten will unbedingt verhindern, dass ihre Lebenslüge auffliegt. Sie verbietet Eric, sich Catrin zu nähern, und fährt später sogar, unter dem Vorwand, Maja sei krank geworden, mit Karl zum Balaton, um die Begegnung zu durchkreuzen. Allerdings ist nicht plausibel, warum Kirsten Eric genau berichtet hat, auf welchem Campingplatz er auf Catrin treffen könnte. Mit dieser Nebenhandlung - Eric schleicht wie ein Spanner auf dem Campingplatz herum, was ihn als Stasi-Spitzel verdächtig macht - ist ein familiärer Konflikt konstruiert worden, der überdramatisiert und zugleich ablenkt von den ohnehin konfliktreichen Erlebnissen der Schwestern.

Diese Erlebnisse beginnen schon bei ihrer Ankunft in einem Ort am Balaton: Catrin hat sich einen Fuß wund gelaufen, weil eine ihrer Sandalen kaputt gegangen ist. Sie haben aber kein Geld, um auf dem mit Waren für zahlungskräftige Westdeutsche bestückten Markt neue Schuhe zu kaufen. Also entscheidet Maja, magisch angezogen von der "Balaton Residenz", einem Hotel, das sich nur Westdeutsche leisten können, dort Hilfe zu suchen. Währenddessen sieht der Mann, in den sich beide Schwestern verlieben werden, draußen auf einer Bank Catrin sitzen. Es ist der ungarische Hotelchef Tamás (Stipe Erceg). Er zieht Catrin charmant ins Gespräch, verarztet die Wunden an ihrem Fuß, trägt sie ins Hotel und führt sie in eine "Boutique" - ein Lager voller Schuhe und Klamotten, die von Hotelgästen vergessen und nie zurückgefordert wurden. Da darf sie sich passende Sandalen aussuchen.

Tamás ist zwar nicht der "Klassenfeind", der Kontakt mit ihm ist aber doppelt gefährlich: zum einen, weil sein vornehmes Hotel (mit Drinks auf Liegestühlen am Swimmingpool) auf die an DDR-Bescheidenheit gewöhnten Schwestern so attraktiv wirkt, dass sie auf "dumme Gedanken" kommen könnten; zum anderen, weil sich Tamás (was die beiden später erst erfahren) als Fluchthelfer betätigt. Zunächst aber richten sich die Schwestern auf dem Campingplatz ein und schließen schnell Freundschaft mit ihren Zeltnachbarn, alle (angeblich) aus der DDR: Rudi (Franz Dinda) und das Liebespaar Timo (Sebastian Urzendowsky) und Lilian (Alice Dwyer).

Gemeinsam genießen sie die ersten Ferientage mit Angeln, Grillen, Schwimmen, Fahrradfahren - bis Catrin durch Zufall eine im Zelt versteckte Wanze entdeckt. Bald erfährt sie auch, dass Lilian in Wahrheit aus Hannover kommt und Timo zu ihr in den Westen fliehen will. Catrin, die sich in den sympathischen Rudi verliebt hat, ist über den riskanten Fluchtplan so erschüttert, dass sie sich Rudi, von dessen Spitzeltätigkeit sie keine Ahnung hat, in aller Unschuld anvertraut. Das führt für Timo zur Katastrophe - und zur schockierendsten Szene der Trilogie.

Von da an haben die Sommerferien das unbeschwerte In-den-Tag-Hineinleben eingebüßt. Weil Maja immer häufiger den Campingplatz verlässt, um das mondäne Milieu des Hotels - und das Flirten mit dem verführerischen Tamás - zu genießen, wächst bei Catrin die Angst, ihre Schwester könnte womöglich, wie Timo, in den Westen fliehen wollen. Auch ist sie ein wenig eifersüchtig und selbst hin und her gerissen zwischen Vernunft und Lust auf Abenteuer. Dann tauchen auch noch die Eltern auf dem Campingplatz auf, und Catrin erfährt auf denkbar ungünstigste Art die Wahrheit über ihre Herkunft, die ihr verschwiegen werden sollte.

Trotzdem scheinen alle Konflikte am Ende irgendwie gelöst. Und das ist schade. Denn die Trilogie, die über weite Strecken die Lebendigkeit und zugleich das trügerisch Harmlose dieses Sommerurlaubs am Balaton auf unterhaltsam fesselnde Weise evoziert, scheut zugunsten eines Happy Ends davor zurück, die Konsequenzen zumindest anzudeuten, die sich für die Bespitzelten ergeben: Nachdem Catrin die Wahrheit über Rudis Spitzelei erfahren hat, will sie sich von ihm trennen, lässt sich aber von seiner tränenreichen Verzweiflung ("ich will nicht ohne dich leben") erweichen. Sie umarmt ihn, scheint ihm also zu verzeihen.

Eine so liebevolle Milde diesem Verräter gegenüber, der ihr Vertrauen derart missbraucht hat - und kurz zuvor sogar noch Karl mit einer Erpressung zum Spitzeln für die Stasi zu nötigen versuchte -, ist eine dramaturgisch mutlose Entscheidung, gravierende Probleme versöhnlich glattzubügeln. Weder charakterlich noch psychologisch motiviert.

Aus epd medien 16/17 vom 21. April 2017

Sybille Simon-Zülch