Debatte
Tiefere Wahrheit
Dem Fernsehmacher Heinrich Breloer zum 70. Geburtstag
Frankfurt a.M. (epd). 35 rote Ordner hat Heinrich Breloer in seinem Arbeitszimmer stehen. Rot wie Bertolt Brecht. Die Ordner mit den Rechercheunterlagen für Thomas Mann sind grün, damit es da nichts zu verwechseln gibt. Mit Thomas Mann ist Heinrich Breloer fertig, vorerst. An Bertolt Brecht ist er seit einiger Zeit dran. Heinrich Breloer gehört zu den Leuten, die man auch zu ihrem 70. Geburtstag am besten nicht nach dem Ruhestand fragt, sondern: Woran sie grade arbeiten.

Mit dem Brecht-Projekt kehrt Heinrich Breloer wahrscheinlich wieder zum Genre des Dokudramas zurück. Er war grade einige Tage in Augsburg, in Brechts Vaterstadt, hat in den Archiven gestöbert, ist durch die Straßen gelaufen, hat fotografiert, "um zu sehen, ob man da etwas drehen kann, wie in Lübeck". Auch mit einigen Schülern Brechts hat er schon gesprochen und wie üblich gleich schon mal die Interviews mitgedreht. So hat er immer gearbeitet, so arbeitet er auch jetzt. Und an Brecht interessiert ihn, wie könnte es anders sein, der ganze Brecht, auch der private: "Ich möchte wissen, wer dieser rätselhafte Mann war, der nach der Jugendzeit und nach den Tagebüchern, nicht mehr so viel aus sich herausgelassen hat. Er hat ja sehr verdeckt gelebt, was sein persönliches Leben angeht."

Eigene Erzählweise

Auf die Frage, ob es im Rückgriff mal wieder ein klassisches Dokudrama nach Breloer-Art wird, reagiert der Regisseur zurückhaltend. Das Dokudrama sei ja immer eine sehr elastische Form gewesen, man habe es für jeden Stoff neu erfinden müssen und keins gleiche dem anderen: "Ich muss mir eben diese Form entwickeln aus dem Material, wie das entwickelt werden will, wie diese Geschichte erzählt werden kann." Vorläufig steckt er noch in der Recherche: "Alles habe ich mir herbeigeholt. Aber das muss ich dann noch gedanklich durchdringen. Was ist das Wichtigste? Wie kann ich es erzählen? Das wird noch viele Monate brauchen und ich bin froh, dass ich mir dazu Zeit lassen kann."

Mit der Erfindung des Dokudramas jedenfalls hat sich Heinrich Breloer, gemeinsam mit seinem Freund und Ko-Autor Horst Königstein, in die Fernsehgeschichte eingeschrieben. Offene Form nannten sie es zunächst, der Begriff Dokudrama kam später. Breloer und Königstein haben damit dem Medium Fernsehen eine eigene Erzählweise, eine eigene Ästhetik abgerungen, die es woanders nicht gab, vielleicht auch nicht geben kann. Die Verbindung von Erfundenem und Gefundenem, von Fiktion und Dokument, so die Absicht, soll so funktionieren, dass das eine sich am anderen reibt und spiegelt und etwas Neues zum Vorschein kommt, eine tiefere Wahrheit.

Das Filmen ist Breloer nicht in die Wiege gelegt worden, aber frühe Bekanntschaften haben wohl ihre Wirkung gehabt. Seine Eltern führten in Marl das Hotel Loemühle, in dem bis heute Fernsehleute logieren, wenn sie zur Verleihung der Grimme-Preise anreisen. Breloer hat dort als junger Mann Autoren, Regisseure und Schauspieler kennengelernt und sie mit sieben Grimme-Preisen auch fast alle übertroffen. Wenn er nach Marl kommt, übernachtet er immer noch in der Loemühle und nimmt Quartier im Zimmer neben dem Mühlenrad, das ihm seine Kindheit zugeklappert hat.

Wachsendes Archiv

Bis zu den vielen Preisen war es ein weiter Weg. Breloer durchlitt ein katholisches Internat, wofür er sich später mit dem Film "Geschlossene Gesellschaft" rächte. Er studierte Literatur und fiel dann in den Journalismus. Schrieb Fernsehkritiken in der "Hamburger Morgenpost", betrieb Medienkunde im Radio und traf dort auf den NDR-Redakteur Horst Königstein. Der brauchte etwas Medienkundliches für das Fernsehen, daraus wurde ein Film über die "Tagesschau". 1982 dann das erste Dokudrama, "Das Beil von Wandsbek" nach dem Roman von Arnold Zweig: die "Geschichte eines Schlachters", der zum Henker wird und sich in die Verbrechen der Nazis hineinziehen lässt.

Bewahrt hat Breloer vom Journalismus die Fähigkeit, hartnäckig zu recherchieren. Die 35 roten Ordner werden wohl nicht das letzte Wort sein. Und weil er als Rechercheur alles aufbewahrt, hat er schon vier Keller zusätzlich angemietet, in denen 160 Kisten mit Produktionsmaterial stehen. Die zu leeren, hilft ihm jetzt die Deutsche Kinemathek. An seinem 70. Geburtstag darf Heinrich Breloer auf den Knopf drücken und eine Website mit Archivalien freigeben: www.breloer.deutsche-kinemathek.de. Er nennt das Projekt ein "wachsendes Archiv", das allmählich mit weiteren Produktionsmaterialien angereichert wird. Damit ist der Platz in der Fernsehgeschichte auch auf diesem Weg sichtbar gesichert.

Breloer ist als Geschichtenerzähler nicht nur Rechercheur und Sammler. Er muss ein guter Kommunikator sein und hat schon vielen Leuten Herz und Zunge gelockert. Wer ihn interviewt, merkt schnell, wie gewieft er ist. Er kommt einem beim Reden freundlich entgegen, spricht zugewandt und aufmerksam, und geht manchmal Umwege, ohne sein Thema aus dem Blick zu verlieren. Vermutlich ist er ein großer Antizipierer: er weiß früh, was der andere fragen oder sagen will und kann sich gut darauf einstellen. Und er ist ein plastisch formulierender Geschichtenerzähler, der Zuhörer schnell in seinen Bann ziehen kann. Er kann freilich auch in einem Tempo reden, dass man kaum mit Fragen dazwischen kommt und ist wohl auch ein Überredungskünstler.

Heinrich Breloer ist des Fernsehens treuer Heinrich. Als er mit dem "Beil von Wandsbek" beim NDR auf Ablehnung stieß, ging er zum WDR nach Köln und dort ist er dann auch geblieben, dem Sender eng verbunden. Seine Filme versteht er als "Reisen in die deutsche Geschichte, die ich machen durfte, Ausflüge unter dem Schutz des öffentlich-rechtlichen Fernsehens." Was freilich mit der Zeit auch einfacher wurde, denn mit den Erfolgen erweiterten sich für Breloer auch die Möglichkeiten und die Etats. 300.000 Mark kostete seinerzeit "Das Beil von Wandsbek", 20 Millionen 20 Jahre später "Die Manns". Dennoch, sagt Breloer im Rückblick, "Es ist ja nicht so, dass die Türen weit offen gewesen wären. Wir mussten jedes Stück einzeln durchsetzen."

Auf Wiedervorlage

Treu ist Breloer auch denjenigen, die er zu seiner "Filmfamilie" zählt und mit denen er häufig arbeitet: den Schauspielern Sebastian Koch oder Susanne Schäfer, dem Kameramann Gernot Roll, dem Szenenbildner Götz Weidner, der Kostümbildnerin Barbara Baum, der Cutterin Monika Bednarz. Eine eingespielte Truppe, einig auch in der Breloer’schen Vision von historischer Präzision und Abbildgenauigkeit. Bei einer Pressevorführung zu "Speer und Er" konnte man, bewundernd oder verwundert, bestaunen, mit welch einfühlsamer Manie etwa Hitlers Arbeitszimmer in der Reichskanzlei nachgebaut und ausgefilmt wurde, bis unter die Decke.

Hartnäckig ist Heinrich Breloer auch bei seinen Themen. Mit der Familie Mann hat er sich an die 20 Jahre beschäftigt. Zunächst interessierte er sich in "Treffpunkt im Unendlichen" (1983) für Klaus Mann, für den Außenseiter, den bekennenden Homosexuellen und politischen Linken. Später kam das Interesse am pater familiae und als Resultat Breloers reifstes Werk: Der Dreiteiler "Die Manns - Ein Jahrhundertroman", den Breloer auch noch mit drei Dokumentationen flankierte. Danach folgten Kino- und Fernsehversion des Romans "Buddenbrooks", Breloers erster Ausflug ins Kino. Für eine Fortsetzung haben sich Produzenten bisher nicht erwärmen können, das Thema ist also derzeit nicht aktuell. Dass es "auf Wiedervorlage" gesetzt ist, hat Breloer andernorts aber auch schon mal erwähnt.

Auch der Brecht-Stoff ist für Breloer nicht neu. Befasst hat er sich mit dem Dichter schon auf der Studentenbühne in Hamburg. Später drehte er den Dokumentarfilm "Bi und Bidi" über den Augsburger Brecht und seine erste große Liebe, Paula Banholzer.

Ohne die Bedeutung des Hauptwerks "Die Manns" zu schmälern, lohnt ein Blick auf die zeitgeschichtlichen Tiefbohrungen, die Heinrich Breloer in den 90er Jahren ansetzte. "Die Staatskanzlei" (1989) befasste sich mit der Affäre Barschel. Im Wirtschaftskrimi "Kollege Otto - Die Coop-Affäre" (1991) ging es um die Verführbarkeit durch Macht. "Wehner – die unerzählte Geschichte" (1993) zeichnete den Weg von Herbert Wehner vom Kommunisten zum führenden Sozialdemokraten nach, eine Politik-Geschichte von erheblicher Relevanz. "Einmal Macht und zurück - Engholms Fall" (1995), noch ein Skandal und eine sozialdemokratische Karriere. Unvergessen in einigen dieser Filme: der Schauspieler Hermann Lause als Kommentator und Spielführer im Politik-Monopoly.

Verdichtung des Realen

Weil diese Filme zeitgebunden aktuell waren, sind sie lange nicht mehr gezeigt worden. Gleichwohl ließe sich an ihnen studieren, wie das gehen kann: Politik zu erzählen. Viele Nachfolger, die diese Art Erzählfaden weiterspinnen, haben sich bisher nicht gefunden. Raymond Ley vielleicht mit seinem Film über "Nanking 1937 - Tagebuch eines Massakers" oder "Die Kinder von Blankenese". Oder Thomas Schadt mit "Doppelleben" über die Publizistin Carola Stern und mit "Der Mann aus der Pfalz", also Helmut Kohl, ein Film der nicht zum Dokudrama werden konnte, weil dem Autor die Rechte an den bereits gedrehten Interviews verweigert wurden.

Dokudrama ist schließlich nicht einfach Dokudrama. Das Genre wurde von Guido Knopp und seinen Adepten heruntergewirtschaftet auf ein simples Wechselspiel, in dem das Dokumentarische lediglich die Spielszenen beglaubigen sollte. Gegenwärtig behilft sich die Branche damit, den der Wirklichkeit abgeschauten Stoffen TV-Events abzugewinnen und eine Huckepack-Doku draufzusatteln, dem Fiktionalen auf diesem Weg noch die Daseinsberechtigung nachzuschicken ("wie es wirklich war"). So simpel waren die Projekte von Breloer/Königstein nie gestrickt. Hier war das Fiktionale zur Vertiefung und Verdichtung des Realen gedacht. Und auch wenn diese Filme heute in die Fernsehgeschichte abgesunken sind - aus der Entfernung kann man nun sehen, dass so etwas heute fehlt.

Heinrich Breloer freilich machte sich nach diesen Produktionen bald auf dem Weg in die Fiktion. Das konnte man schon beim "Todesspiel" (1997) erkennen. Wieder ein großer Stoff in einem Zweiteiler: Der Deutsche Herbst 1977, die Entführung und Ermordung von Hans-Martin Schleyer, die Entführung der "Landshut" und die Befreiung der Geiseln, der Selbstmord der RAF-Anführer in Stammheim. Breloer verschiebt in diesem Film die cineastischen Gewichte hin auf die Inszenierung, auf die dramatischen Szenen im Flugzeug, auf die Emotionalität des Stoffs, die sich mit inszenatorischen Mitteln leichter bewältigen lässt.

Opus Magnum

Ähnlich auch in "Speer und Er", dem Dreiteiler über Albert Speer, den Architekten der Nazis. Für Breloer war auch dies ein bekannter Stoff. Er hatte viele Jahre zuvor Albert Speer interviewt und war dessen Lügen aufgesessen. Das Dokudrama, ergänzt noch durch das dokumentarische "Nachspiel - Die Täuschung", sollte nun dies von Albert Speer selbst in die Welt gesetzte Bild vom "Gentleman-Nazi" korrigieren. "Speer und Er" rückt zwar auch Speers Kinder, die sich an ihrem Vaterbild abarbeiten, nach vorn. Doch insgesamt trägt die fiktionale Erzählung mit Tobias Moretti als Hitler und Sebastian Koch als Albert Speer deutlich das größere Gewicht. Zweifel daran, ob Breloer mit seiner Methode dieser Geschichte und seinem Protagonisten gewachsen war, waren bei den Kritikern spürbar.

Drei Jahre zuvor, 2001, hatte Heinrich Breloer mit "Die Manns – ein Jahrhundertroman" sein Opus Magnum vorgelegt. Hier zeigt sich die von ihm entwickelte und verfeinerte Methode der Verschmelzung von Fiktion und Dokument auf dem Höhepunkt. Dokumentarische und künstlerische Wahrheit der Schauspieler beglaubigen sich wechselseitig, fast unmerklich wechselt man vom dokumentarischen Bild zur Inszenierung. Mit Elisabeth Mann Borgese hat Breloer eine wunderbare Reiseführerin durch die reiche und widersprüchliche Welt der Familie Mann. Dass hier der Gleichklang zwischen dokumentarischem und fiktionalem Material so perfekt funktioniert, liegt auch an der Beweglichkeit des Autors selbst. Ursprünglich hatte er den Anteil der Spielszenen höher angesetzt, sich dann aber doch stärker vom dokumentarischen Material leiten und führen lassen.

Aber die Neugier auf die Fiktion blieb. Da war es nur logisch, dass Heinrich Breloer, selbst auf dem Weg zum Klassiker, aus dem Stoff noch einen Spielfilm und einen großen Fernseh-Zweiteiler herausarbeitete. "Die Buddenbrooks" waren prominent besetzt und wieder gefertigt von seiner Filmfamilie. Der Film fand sein Publikum, die Zustimmung der Kritik blieb aus.

Gegensätzliche Autoren

Über all die Jahre hat die Zusammenarbeit zwischen Heinrich Breloer und Horst Königsstein gut funktioniert. Obwohl doch Königstein der brechtischere der beiden ist, der in seinen eigenen Filmen eher auf Brüche und Gegensätze setzte, während Breloer immer mehr dazu tendierte, seine Materialien in eine einheitliche fließende filmische Bewegung zu homogenisieren. Eigentlich zwei gegensätzliche Autoren – und vielleicht das Geheimnis für jahrzehntelange produktive Zusammenarbeit.

Nun also Bertolt Brecht, dem auch schon früh die "durchschlagenden Wirkungslosigkeit des Klassikers" attestiert wurde. Wie dieses Brecht-Doku-Drama wird? Ob es überhaupt ein Dokudrama wird? Die Fernsehwelt hat sich weiter gedreht. Werden die mit hybriden Formaten inzwischen überschwemmten Fernsehzuschauer diese Spiel- und, wenn man so will, Erkenntnisform überhaupt noch annehmen? Welche Form wird Breloer finden, dem Dialektiker Bertolt Brecht, dem Freund der Widersprüche, gerecht zu werden?

Antworten darauf frühestens in zwei Jahren. Außerdem hat Heinrich Breloer ja noch etwas in der Hinterhand. Einen Stoff beispielsweise, den Redaktionen schon einmal abgelehnt haben und bei dem er sich wundert, dass sonst noch niemand draufgekommen ist. Weshalb er auch nichts von diesem heimlichen Lieblingsprojekt verrät. Könnte ja sein, dass doch noch etwas daraus wird. Schließlich wird Heinrich Breloer grade mal 70.
Aus epd medien Nr. 7 vom 17.02.2012 > zum Archiv von epd medien (Gastzugang)

Von Fritz Wolf (epd)