Debatte
Tönendes Lebenswerk
Das Hörspielschaffen der Friederike Mayröcker
Frankfurt a.M. (epd). Wenn Friederike Mayröcker etwas energisch von sich weist, dann die oft erhobene Behauptung, sie verfahre nach der Methode des automatischen Schreibens - der "écriture automatique". Bloß niederschreiben, was ihr durch den Kopf geht, flatterhaft, assoziativ, ein Schreiben wie von selbst? Keineswegs, widerspricht die 1924 in Wien geborene Autorin, die ihre Heimatstadt bis heute nur für kurze Unterbrechungen verlassen hat. Bei ihr bleibt kein Stein auf dem anderen, jeder Entwurf wird mehrfach überarbeitet, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.

Günter-Eich-Preisträgerin
epd Die Schriftstellerin und Hörspielautorin Friederike Mayröcker (92) ist am 7. September mit dem Günter-Eich-Preis der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig ausgezeichnet worden (epd 3/17). Der mit 10.000 Euro dotierte Preis ist eine Auszeichnung für das Lebenswerk. Frühere Preisträger waren unter anderem Jürgen Becker, Ror Wolf und Eberhard Petschinka. Frank Olbert, Mitglied der Jury des Günter-Eich-Preises, würdigt das Werk der österreichischen Autorin, die seit 50 Jahren Hörspiele schreibt.

Auch der Titel ihres allerersten Buchs von 1956 ist dementsprechend hintergründig und ironisch zu verstehen: "Larifari. Ein konfuses Buch". Dass es sich dieser Selbsteinschätzung zum Trotz bei Friederike Mayröcker um eine äußerst disziplinierte Künstlerin handelt, ist auch ihren Hörspielen anzumerken. Die akustische Kunst ist nicht bloß ein Nebenprodukt ihres umfangreichen Oeuvres: Mehr als 40 Hörspiele weist ihr Werkverzeichnis auf, und ihr gemeinsam mit Ernst Jandl verfasster Hör-Comic "Fünf Mann Menschen" verhalf dem sogenannten Neuen Hörspiel zum Durchbruch. Ein tönendes Lebenswerk neben dem der Bücher also, für das der Schriftstellerin nun der Günter-Eich-Preis der Stadt Leipzig zuerkannt wird.

Das Hörspiel und Friederike Mayröcker, das war von Anbeginn ein Liebesverhältnis. Ob sie direkt aufs Radio zuschrieb, also Originalhörspiele verfasste, oder ob Regisseure verschiedener Couleur ihre literarischen Texte als Hörspiele bearbeiteten - ihre Sprachmusik, ihr ausgesprochener Sinn für Rhythmus, ihr Empfinden für den Klang schon beim Schreiben machten sie zu einer Art Verbündetnr der Radiokunst, und die Radiokunst zu einem Feld, auf dem sich ihre Literatur eben besonders gut in der akustischen Dimension entfalten konnte.

Vier Stücke hat sie in Zusammenarbeit mit Ernst Jandl geschrieben, ihrem Lebenspartner und "Ohrenbeichtvater", und die Konkrete Poesie, für die er stand, beherrschte diese Zusammenarbeit noch sehr: Hörspiel als Sprachspiel, das wie in "Fünf Mann Menschen" fünf Lebensläufe von der Wiege bis zur Bahre in Schlagworte verknappt. 1968 gewann das Duo den Hörspielpreis der Kriegsblinden dafür, und in ihrer Dankesrede formulierte Friederike Mayröcker gleichzeitig ihr akustisches Credo: "Was ich vom Hörspiel fordere, ist: Es muss akustisch befriedigen, faszinieren, reizen." Ja, sie wünscht sich etwas, "das in der Nähe des musikalischen Genusses liegt".

Im Laufe der 70er Jahre beginnt Friederike Mayröcker zunehmend auf eigene Faust mit den Buchstaben zu komponieren. Sie emanzipiert sich von den strengen Vorgaben der Konkreten Poesie, doch so, wie die Hörspiele "Fünf Mann Menschen", "Gemeinsame Kindheit", "Spaltungen" und "Giganten" einen unverwechselbaren Ton besaßen, sprechen auch ihre im Alleingang geschriebenen Hörspiele eine vollkommen eigene Sprache.

Friederike Mayröcker begibt sich ins "Traumgestöber", wie ein Schlüsselwort für ihre Radiokunst lautet: Die zugleich verrätselnde und enthüllende Energie des Traums treibt diese Hörspiele an. "Die Umarmung, nach Picasso" etwa, ein Stück, das die Bilder zum Anlass nimmt, weiter zu halluzinieren, Wunschbilder zu erschaffen und erotische Fantasien an die Oberfläche zu holen. Und auch das Hörspiel "Obsession" erhebt sich aus dem Schattenreich zwischen Schlaf und Erwachen: Noch ganz im Traum befangen, stürmen auf die Sprecherin im morgendlich-verdämmerten Zimmer "Vogelgesinde" und "Pergamentgesichter" ein. Schon des Morgens beginne sie mit der literarischen Arbeit, hat Friederike Mayröcker einmal gesagt - dann schreibe sie bei ihren Träumen ab.

In intensiver Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Heinz von Cramer, Klaus Schöning, Ulrich Gerhardt, Götz Fritsch oder mit Komponisten wie Gerhard Rühm, Mauricio Kagel und dem Pionier der französischen Musique Concrète, Pierre Henry, begibt sie sich in einen fließenden Grenzbereich zwischen akustischer und literarischer Kunst. Ihr Schreiben spiegelt die Aufsplitterung der erzählerischen Kontinuität, die auch unsere Wahrnehmung sprengt. Es gibt kein Zentrum mehr, keine letztgültige Autorität: "Arie auf tönernen Füszen" ist solch ein Hörspiel, das es mit der Aufspaltung der Stimme dem Hörer unmöglich macht, den Fragmenten in ihrer Gleichzeitigkeit zu folgen. Er muss hin und her springen - oder dem klingenden Ganzen als Stimmenmusik lauschen.

Eine eindeutige Lehre, einen letztgültigen Sinn - beides wird man in Friederike Mayröckers prinzipiell offenem, antihierarchischem Werk vergeblich suchen. Stattdessen lernt bei ihr das Hörspiel sehen, auch von Max Ernst, einem prägenden Maler für Mayröcker. Das Singen beherrscht es ohnehin in diesem einzigartigen Werk, das sich immer wieder den anderen Künsten, so auch der Musik widmet: "Schubertnotizen oder Unbestechliche Muster der Ekstase", "Oder 1 Schumannwahnsinn", das sind Stücke, in denen sie zwischen "Delirien, Gesängen und lichten Zwischenräumen" Leben und Werk der Romantiker durchschreitet.

Oft spricht Mayröcker die Texte selbst. Sie besitzt eine dunkle, nachdenkliche, etwas schleppende Stimme, der man die österreichische Herkunft der Sprecherin anhört. Diese Stimme ist der Körper der Worte, ein Instrument, auf dem sie erprobt, wie klingt, was sie niedergeschrieben hat. "Hör-Spiel ist ein doppelter Imperativ", hat Ernst Jandl gesagt, und wer außer ihm hätte diesen Satz lieber beherzigt als seine Lebensgefährtin, die sich nach seinem Tod noch entschlossener in die Welt der Wörter zurückgezogen hat.

Ihre Poesie, so würde sie es vielleicht selbst und in Anspielung auf die "Arie" formulieren, steht ihrer so dezidiert literarischen Existenz zum Trotz immer "auf tönernen Füszen", muss immer vorsichtig und skrupulös erobert werden, damit sie nicht zerbricht. Sie führt direkt hinein ins Zentrum von Friederike Mayröckers Leben. Und sie katapultiert sofort wieder hinaus.

Die Mayröcker scheint uns alles erzählt zu haben: von ihrem Ohrenbeichtvater und dessen Tod. Oder von ihrem Alter, in dessen fortschreitendem Prozess sie sich selbst als alten Pferdekopf, als Windmühle, Friseurhaubengespenst oder gar als weiblichen Kalauer und Tinnef empfand. Oder von ihren Träumen, in denen sie sich in Bilder von Max Ernst, Picasso oder in Musikstücke von Schubert hineinimaginierte und aus der diesseitigen Welt mit Haut und Haar verschwand. Friederike Mayröckers Leben scheint vor uns zu liegen wie ein offenes Buch, und vor unseren Augen wird es wieder zugeklappt.

Denn von allem, was sie bewegt, erzählt sie in einer Sprache, die alles Persönliche, Bekenntnishafte, im herkömmlichen Sinne Autobiografische meilenweit entrückt, ja, gar aus den Texten tilgt. Friederike Mayröckers Prosa und Lyrik ist wild und sprachschöpferisch und zugleich ein eigenständiges, von allem Zufälligen und Subjektiven unabhängiges Universum, in dem strenge Regeln herrschen: Es wimmelt von Neologismen wie "Rosenskalpell" und "Wassertrompeten", in Mayröckers Welt wird die Luft geplündert und ein Adagio aufgewärmt - und doch ergeben all diese ekstatischen Schreibakte und semantischen Schöpfungstaten einen spezifischen Stil, einen Ton, der das Autobiografische und Authentische in eine "Verbalwelt" eingliedert, die nach Auskunft der Autorin durchaus künstlich und modellhaft sein kann und dazwischen immer wieder Griffe in die Weite erlaubt, "wie ein Regenbogen von einer Unbegrenztheit zur anderen".

Faszinierende Mobiles

Natürlich sind diese aufs Assoziative vertrauenden Werke labil, denn wer dem Gedankenflug folgt, kann leicht in Gegenden entschwinden, in die andere nur schwer zu folgen vermögen. Oftmals aber gleichen Mayröckers Textgebilde faszinierenden Mobiles, die im Luftzug der Assoziationen schwanken und sich drehen, und dabei immer sie selbst sind und doch immer anders wirken.

Und das gilt selbstverständlich auch für das Hörspielwerk der 1924 geborenen Schriftstellerin. So präzise, so unerbittlich genau kann sie sein, die sich zugleich aber auch von einem Blau derart hinreißen lässt, dass es ihr das Herz zerreißt. So ergeht es ihr in einem Hörspiel, das im Jahr 2001 unter der Regie von Klaus Schöning im Studio Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks entstand. Mit ihm erweitert sie die akustische Galerie von Stücken, die sich mit Malern und deren Werk befassen: Nach Picasso und Ernst ist es nun Henri Matisse, dem Friederike Mayröcker sich sprachlich anverwandeln will, der sie mit seinem Rosenskalpell, mit seinem Orange derart vom "Schädel zur Fuszsohle" durchdrungen hat, dass sie mit den Worten zu malen beginnt.

"Das Couvert der Vögel", wie das Hörspiel heißt, gehört zu Friederike Mayröckers expliziten Stücken: Keineswegs verrätselnd, geht die Autorin mitunter im Stile eines Essays daran, die Farb- und Formenwelt von Matisse zu erkunden und der Wirkung nachzuspüren, die seine Bilder auf sie haben. Grundlage dieser Erkundung ist der permanente Dialog, das Gespräch zwischen der Autorin als Generalstimme und dem Künstler Matisse.

Diese Rollen besetzte der Regisseur Schöning mit Friederike Mayröcker selbst sowie ihrem Weggefährten Gerhard Rühm, wie die Autorin selbst ein alter Haudegen aus den großen Tagen der Wiener experimentellen Literatur: Keine Kunstartikulation erklingt da, kein geschultes Schauspielertimbre, sondern zwei alte, oft brüchige und stockende Stimmen sind zu hören, die die Auseinandersetzung mit Matisse und seiner Kunst umso ehrlicher und wahrhaftiger erscheinen lassen, als sie auf jede Anstrengung verzichten, in Rollen zu schlüpfen. Wie Mayröcker ihren Text liest, tastend, vorsichtig die eigene Wortlandschaft erkundend, scheint es, als erfinde sie ihn im Moment des Lesens neu, diesmal nicht als schriftliches, sondern als akustisches Ereignis. Als Komposition aus Buchstaben und Lauten, auf deren Spur sie immer weiter geht.

So ist Friedericke Mayröcker eine Schriftstellerin, die nicht eigentlich intermedial agiert, denn ihr Medium bleiben stets die Worte, auch wenn sie diese spricht. Vielleicht ist sie eher eine kollaborative Künstlerin, eine, die sich mit Malern und Komponisten und Musikern zusammentut. Sie lebt und atmet im Fluidum der Kunst, wie in dem Hörspiel "Gertrude Stein hat die Luft gemalt", in dem sie sich nach den Malern mit der Schriftstellerkollegin befasste. Wieder führte Schöning Regie, wieder setzte er sie als Sprecherin ein, und wieder steuerte ein bedeutender Komponist seine Klänge bei: Mauricio Kagel diesmal, wie Rühm selbst ein Komponist, der auch Hörspielmacher war ("Die Umkehrung Amerikas"/"Der Tribun"). Für Mayröckers Stück komponierte er "Fünf Vokalisen für einen Countertenor", die der Sänger Kai Wessel realisierte. So ist dieses Stück eine Begegnung: mit dem Werk einer anderen Schriftstellerin, mit einem großen Komponisten, mit einem stilprägenden Musiker.

Friederike Mayröcker, die Eremitin aus Wien - in Wahrheit hat sie bereits ihr erstes Hörspiel zu zweit geschrieben, und sie ist dabei geblieben, dass Kunst nicht nur Mitteilungen macht, sondern geteilt werden muss. Sie selbst sagt es in ihrem Hörspiel "Die Umarmung. Nach Picasso": "Wenn Sie jetzt näher kämen, Sie könnten es besser sehen: die alte Abhängigkeit, nämlich Verkupplung zwischen Bild als Sprache, zwischen Sprache als Bild; zwischen Wort als Denken, zwischen Denken als Wort." Übrigens übte sie mit dieser Offenheit stets auch auf junge Generationen eine faszinierende Wirkung aus: Für Autoren wie Norbert Hummelt und Marcel Beyer war ihre Wohnung Pilgerziel. Das man am besten auf "tönernen Füszen" betrat.

Aus epd medien Nr. 36 vom 8. September 2017

Frank Olbert