Kritik
Spiel mit Vorurteilen
VOR-SICHT: "Eine Braut kommt selten allein", Fernsehfilm, Regie: Buket Alakus, Buch: Laila Stieler, Kamera: Andreas Höfer, Produktion: Bavaria Fernsehproduktion/Conrad Film (ARD/RBB, 6.12.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Diesem Film von Autorin Laila Stieler und Regisseurin Buket Alakus muss man für politisch besonders korrekte Gemüter möglicherweise eine Warnung voranstellen. Schließlich ist er voller Klischees, die Vertreter gesellschaftlicher Minder- oder Mehrheiten auf stereotype Weise darstellen. Roma sind hier laut, übergriffig und treten stets in Kompaniestärke auf. Es wird angedeutet, dass in ihrer Gemeinschaft Zwangsheiraten üblich sind. Nicht angedeutet, sondern behauptet wird, dass sie lügen, bei Asylanträgen betrügen und Kleinkinder zum Betteln mit auf die Straße nehmen. Seelenvoller Gesang und besondere gitarristische Begabung à la Django Reinhard scheint allen in die Wege gelegt. Die Frauen sind glutäugig und besitzergreifend, klimpern mit ihrem Goldschmuck und werden als Liebesfallen für deutsche Männer ausgeschickt.

Und als ob das der üblen Nachrede nicht genug wäre, kommt es in der ersten Fernsehfilm-Einzelproduktion des RBB für den Mittwoch-Sendeplatz der ARD noch dicker. Deutsche Männer sind antriebslose barttragende Hipster mit Verlierergen, deren liebevolle Zuwendung einzig der Cannabisplantage in ihrer Plattenbauwohnung gilt. Ihre forschen Frauen machen lieber Karriere und trennen sich von den schwer erziehbaren Schluffis. Die Nachbarin im Plattenbau hat das erotische Verfallsdatum mutmaßlich überschritten und trägt deswegen hautenge Kleidung und zu viel Schminke. Gutmenschelnde Sozialarbeiter laufen zur Hilfsbereitschaftshöchstform auf und bieten - im Übrigen hochbegabten - Romnitöchtern Nachhilfe an, erblassen aber sichtlich, wenn die ihnen Vorträge über Ionen halten wollen.

Kurzum: "Eine Braut kommt selten allein" ist ein komplett unrealistischer Film. Und eine ziemlich gelungene Ensemble-Komödie. Allerdings merkt man das erst allmählich. Das mag daran liegen, dass der Film weder brüllkomisch noch überzeichnet satirisch ist, sondern mit seinen Figuren, besonders der von Schauspielern mit Sinti- und Romawurzeln verkörperten Großfamilie, vor allem liebevoll umzugehen sucht. Ätzende Schärfe und Entlarvung von Vorurteilen haben Buch und Inszenierung kaum zu bieten. Wenn, dann lässt sich der humoristische Blick am ehesten in der Bildgestaltung der Kamera von Andreas Höfer verorten.

Eine unkonventionelle Liebesgeschichte soll der Film zuallererst erzählen, dabei einen faulen Deutschen und eine fleißige Romni zueinander führen. Die Pointe der Besetzung besteht darin, dass der Deutsche Johnny vom als Rapper Sido bekannten Paul Würdig gespielt wird, der nach eigenen Angaben Sinti-Verwandte hat, und die exotische Sophia, die eines Tages im feuerroten Rüschenhochzeitskleid von ihrem Bruder Avram (Rauand Taleb) im Treppenhaus "zwischengeparkt" wird, von der Deutschen Michelle Barthel, die den gesamten Film hindurch gebrochenes Herzensdeutsch spricht.

Sophia, die Romni aus Belgrad - oder eher aus Jüterbog, wie sich später herausstellt -, landet auf Johnnys Schwelle als angeblich entlaufene Braut. Johnny, Ex-Clubbesitzer, Ex-Familienvater, Ex-Musiker, dessen Sachbearbeiterin auf dem Amt (knorke: Ramona Kunze-Libnow) sämtliche Hartz-IV-Tricks anwendet, weil sie an seine Zukunft glaubt, hat auch ohne Sophia, die sich bei ihm häuslich einrichtet, Probleme genug. Keine Arbeit, eine muntere achtjährige Tochter, Lena (Mitzi Kunz), und eine Ex, Katja (Petra Schmidt-Schaller), die es vom Plattenbau in Hellersdorf immerhin schon in ein Haus in Sichtweite gebracht hat.

In der Nacht rettet Johnny, dessen Problem nicht zuletzt in seiner Hilfsbereitschaft besteht (Würdig spielt ihn stoisch dackeläugig), Avram vor einer türkischen Gang. Zum Dank schickt der seine Schwester. Und die Großfamilie kommt gleich hinterher. Wenn Ramadan (Nedjo Osman), das Familienoberhaupt und Sophias Vater, zusammen mit 13 oder 15 weiteren Verwandten aus einem Spargelhof-Kleintransporter steigt, Babys und Gitarrenkoffer nicht mitgezählt, gehört das zur typischen Multikulti-Komödienfolklore. Auch die lange Tafel aus Tapeziertischen, die sich irgendwann im leergeräumten Wohnzimmer unter den Speisen biegt und an der alle Platz finden, selbst der softe Sozialarbeiter mit Helfersyndrom (passend besetzt mit Stephan Grossmann), ist ein Klischee in Komödien, die mit Migrationsvorurteilen spielen.

Die Liebesgeschichte, die sich zwischen Träumer Johnny und Geschichtenerzählerin Sophia entspinnt, gehört ins Reich der Märchen - und wird auch als solche präsentiert. Stieler und Alakus verlassen hier die Ebene des reinen Klischeeamüsementfilms. Das Unwahrscheinliche liegt ihnen am Herzen: In der U-Bahn übt Johnny mit Sophia auf dem Weg zum Ausländeramt Sätze ihres Asylantrags. Nach und nach mischen sich alle Umsitzenden ein. Nicht Serbien, Syrien soll sie nennen. Belgrad ist aussichtslos, Aleppo vielversprechender. Auch Sophia sei kaum glaubwürdig, wie wäre es mit dem Namen Samira? Schließlich üben alle mit Sophia im Chor ihre Sätze. Jemand reicht ein Kopftuch zum Umbinden. Ein Märchen aus Tausendundeiner Willkommenskulturnacht. Und: Absurder könnte man die in der Öffentlichkeit vermittelte Praxis der deutschen Asylantragstellung kaum zeichnen.

"Eine Braut kommt selten allein" hat einige solcher Momente, die zeigen, dass hier Filmemacherinnen mit genauem Blick am Werk sind und keine Sozialromantikerinnen, die zufällig im Metier Film unterwegs sind. Dazu passt auch, dass die Großfamilie bei einem Überraschungsauftritt in einem Berliner Club eher als musikalische Gurkentruppe herüberkommt. Für Martina Zöllner, die seit dem 1. Juni den neu geschaffenen Programmbereich "Doku und Fiktion" beim RBB leitet, ist die Produktion in dieser Funktion eine Premiere. Wer empfindlich auf Stereotype reagiert, selbst wenn sie komödiantisch gelungen verkehrt werden, könnte sich an "Eine Braut kommt selten allein" stoßen. Schlimmer aber wäre, wenn man sich an Filmen wie diesem gar nicht mehr stoßen könnte.

Aus epd medien Nr. 48 vom 1. Dezember 2017

Heike Hupertz