Tagebuch
Siegen lernen von Jogi Löw. Der BDZV-Zeitungskongress 2017
Frankfurt a.M. (epd). Klares Feindbild und sachte Selbstkritik: Auf seiner Jahrestagung sagt der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (wieder mal) den Kampf an. Gleichzeitig mahnt Verbandspräsident Mathias Döpfner seine Branche aber auch zu eigenen Investitionen - in guten Journalismus. "Kämpfen Sie für die Zukunft freier Gesellschaften durch freien, also kritischen Journalismus", rief er der Verlegerschaft zu und dachte dabei nicht nur an medienpolitisches Lobbying, sondern auch an die Personalausstattung in den Redaktionen.

Es darf als bemerkenswert gelten, dass der Verlegerpräsident die Verbandsmitglieder dazu aufruft, Geld in das eigene Produkt zu stecken. Schließlich ist es in der Branche seit Langem en vogue, journalistische Ressourcen auf Sparflamme runterzuköcheln. Die Tatsache, dass die Softwareentwicklungsfirma Gogol Publishing aus Augsburg Flyer mit dem Titel "Pauschalisten: neue Wege zur Umsetzung der rechtlichen Rahmenbedingungen" (Stichworte: "Kein Arbeitsplatz - Begrenzte Rechte - Definierte Aufträge") beim Zeitungskongress unter die Verleger brachte, um ihr Tool zu vermarkten, ist als Sinnbild zu interpretieren und am Ende ehrlicher als Döpfners flammender Appell für Investitionen in Journalismus.

Eventuell handelt es sich aber auch um ein großes Missverständnis, weil die Verleger inzwischen schlichtweg mit einem völlig neuen Journalismusbegriff hantieren. Ob das Interview, das Jens Grittner, Pressesprecher der Fußball-Nationalmannschaft, mit Bundestrainer Joachim Löw beim BDZV-Kongress führen durfte, unter Verlegern als Zukunft des Journalismus gilt, blieb offen. "Von Jogi Löw wollen wir lernen, wie man das Siegen trainieren kann", sagte jedenfalls Döpfner.

Mit einer unscharfen Definition ging auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann ans Werk, indem er die Interpretation zuließ, seriöser Journalismus sei mit dem Begriff Zeitung gleichzusetzen. Der Grünen-Politiker sagte, es sei richtig, "die Idee der Zeitung ins Netz zu übertragen", weil dies ein "lebensnotwendiger Dienst an unserer Demokratie" sei, die "auf den seriösen Journalismus" angewiesen sei, "anstelle der undurchsichtigen Infosuppe, die uns aus dem Netz bisweilen entgegenschwappt".

Selbige suppte den Kongressteilnehmern dann später in Form einer McKinsey-Analyse entgegen, die den Anspruch erhebt, ein "Beitrag zur sachlichen, faktenbasierten Diskussion" über das duale Rundfunksystem zu sein. Die Unternehmensberatung betont, der Bericht sei nicht durch Dritte finanziert oder gefördert worden und stelle "keine Wertung oder Empfehlung dar". Tatsächlich ist diese Analyse ein Paradebeispiel dafür, wie auch (vermeintliche) Fakten Wertung transportieren können. Denn die relativ wahllos aus "öffentlich zugänglicher Information" zusammengetragenen Zahlen lassen nur einen Schluss zu: ARD und ZDF sind zu teuer und bieten zu wenig Informationsprogramme.

SWR-Justiziar Hermann Eicher kritisierte die Studie in der anschließenden Diskussion als methodisch angreifbar. "Die Schweiz und Österreich, also Länder, deren Gebühren höher als in Deutschland sind, wurden im Vergleich nicht berücksichtigt, andere europäische Länder aber schon", wetterte er. Im Deutschlandfunk kündigte Eicher später an: "Wir werden da dezidiert zu Stellung nehmen. Es ist halt immer so: Wenn sich Medienökonomen über den Rundfunk beugen, dann ist absolute Vorsicht angesagt."

Döpfner indes schloss seine Eröffnungsrede unter anderem mit einem Hinweis, der das Selbstbewusstsein der Verlegerschaft über jeden Zweifel und jede Selbstkritik erhaben erscheinen ließ: "Sie, liebe Verlegerinnen und Verleger, haben schon immmer einen besonderen Beruf ausgeübt, der in der Gesellschaft eine besondere Rolle spielt. Sie waren immer wichtig, jetzt sind Sie überlebenswichtig."
Aus epd medien Nr. 38 vom 22. September 2017

Ellen Nebel