Kritik
Sie macht was draus
VOR-SICHT: "Unter Verdacht: Verschlusssache", Fernsehfilm, Regie: Ulrich Zrenner, Buch: Mike Bäuml, Kamera: Johannes Kirchlechner, Produktion: Eikon (Arte/ZDF, 12.1.18, 20.15 -21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die Zeit der Bilanz ist noch nicht gekommen, aber etwas wehmütig darf man vielleicht schon mal werden. "Verschlusssache" ist der vorletzte Film der Reihe "Unter Verdacht". Nach 30 Folgen wird es aus sein. Man kann vermuten, dass es eine ähnliche Reihe, mit ähnlich guten, in der Regel sehr sorgfältig umgesetzten Büchern so nicht mehr geben wird. Nicht alle Filme waren herausragend, aber ihre Haltung war stets unmissverständlich aufseiten der Opfer. Täterfokussierung stand nicht auf dem Programm.

Vor allem Senta Bergers Figur Eva Prohacek wird schwer zu ersetzen sein. Niemand im Fernsehen hierzulande versteht es wie diese für Schmeicheleien unempfängliche Figur, Schweinereien aufzudecken, sich vom Gegner in voller Absicht unterschätzen zu lassen und, einmal am Fall festgebissen, nicht mehr loszulassen. Eine ihrer Stärken ist das Beiseitetreten und Umwegefinden im entscheidenden Moment. Übermenschlich ist an Eva Prohaceks Aufrichtigkeit freilich nichts. Sie hat genug aushalten müssen als interne Ermittlerin und auch privat. Zum Melodram taugt sie nicht.

Triumphe gab es wenige. Unbestechlichkeit ist sachliches Arbeitsprinzip und Senta Berger versteht es, diese Haltung so selbstverständlich zu verkörpern, dass man denkt: Ist doch ganz einfach. "In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige", formuliert ein Aphorismus eines großen Wiener Denkers. Das könnte ihr Wahlspruch sein. Wir werden Eva Prohacek vermissen, aber noch haben wir Gelegenheit, uns an den Gedanken des Abschieds zu gewöhnen.

Zunächst mit diesem soliden und gut - von Ulrich Noethen sogar exzellent - gespielten Fall um Verstrickungen von Waffenindustrie und Bundeswehr. Max Wemmer (Noethen) verbrennt vor einer Bundeswehrkaserne eine Deutschlandfahne. In die Höhe hält er dabei ein Foto seines Sohnes mit der Aufschrift "Mein Sohn ist Opfer von Lügen der Bundeswehr". Auf Prohaceks Tisch landet der Fall, weil Wemmer, einem nach Altachtundsechziger aussehenden pazifistischen "Salonlinken" und holzköpfigen Kriegsdienstverweigerer, als Beamter im Bildungsreferat bei einer Verurteilung der Verlust der Pension droht. Sie soll prüfen und ein paar mildernde Umstände ausgraben, wenn es geht. Es geht aber nicht.

Sieben Tage zuvor ist Thorsten Wemmer (Bruno Sauter) beim Gefechtstest angeblich punktgenauer, sogenannter intelligenter Munition schwer verletzt worden. Er liegt im Koma. Der Kontakt zum Vater war abgebrochen, man hatte sich entzweit, weil der Sohn an der Bundeswehruni Ingenieurwissenschaften studierte. Während Prohaceks Vorgesetzter Dr. Claus Reiter (Gerd Anthoff), eigentlich in Urlaub, auf Freiersfüßen wandelt, ermittelt Prohacek mit ihrem Assistenten André Langner (Rudolf Krause), dass Wemmer nachträglich verweigern wollte. Er nahm Antidepressiva, heißt es. Wemmer habe sich das Leben nehmen wollen, behauptet die Bundeswehrführung.

Warum aber sind die Splitter der Munition, die in seinem Körper steckten, von den Vorgesetzten konfisziert worden? Warum soll er plötzlich Geheimnisträger gewesen sein, Auskunft daher nicht möglich? Licht ins Dunkel bringen könnte vielleicht Wemmers Hauptmann Anian Reibel (Johannes Zirner), aber dieser gerät zunehmend in Panik. Der Militärische Abschirmdienst stattet Reiter einen Besuch ab. Der tummelt sich lieber auf Champagnerempfängen seiner neuen wohlhabenden Freundin Susanne (Katja Weizenböck). Die König-Ludwig-Suite im Hotel rechnet er über Spesen ab, ein grober Fehler. Ebenso wie die Annahme, Susanne habe ihn beim glamourösen Justizempfang des bayerischen Ministerpräsidenten wegen seines Luxuskörpers oder seiner Eloquenz erwählt.

Prohacek stößt inzwischen auf Material, das Wemmer einer Redakteurin der "Münchner Zeitung" übergeben wollte. Etwas ist faul mit der Punkt-Ziel-Munition "Simplex", die der Chef des Rüstungsunternehmens "Emrich Systems" (Peter Kremer) mit Hilfe des Lobbyisten und alten Duzfreundes von Reiter, Horst (Felix Vörtler), dem Bundestag als "saubere Alternative" zur verbotenen Streumunition untergejubelt hat. Zwei Ausführanträge liegen vor, ein großes Geschäft.

Im Krankenhaus singt der gebrochene Vater Wemmer dem Komapatienten ein Lied von der grünen Au. Zeugen verschwinden oder werden eingeschüchtert. Es geht angeblich um die Sicherheit des Landes. Dass hier nicht Tapferkeit vor dem Feind, sondern vor dem Freund gefragt ist, versucht Prohacek dem nervösen Hauptmann Reibel vergeblich nahezubringen. Schließlich rastet Wemmer aus. Die Ermittlung aber verläuft ohne offizielles Ergebnis im Sand.

Vorerst. Denn Primärantrieb von "Unter Verdacht" war und ist das "Nicht-Abfinden-Können". Oder, wie es die Redakteurin der "Münchner Zeitung" formuliert: "Die Frauen setzt man an auf das, was sonst keiner machen will. Und dann macht man eben was draus, als Frau." Was Eva Prohacek in ihrem Finale daraus macht, darauf darf man gespannt sein.
Aus epd medien 2/18 vom 12. Januar 2018

Heike Hupertz