Kritik
Sie haben sich bemüht
VOR-SICHT: "Die Luther Matrix", Doku-Thriller, Regie und Buch: Tom Ockers, Kamera: Jonny Müller-Goldenstedt (ARD/SWR, 11.4.17, 23.00-00.30 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Goethes "Faust" ist eine Fundgrube für Interpretationsanstrengungen aller Couleur. Nicht jede ist hermeneutisch, liest also aus dem Drama etwas heraus anstatt hinein, aber das muss auch nicht sein. Auch in der Kunst der Interpretation gibt es so etwas wie ein produktiv taugliches Missverständnis. Thomas von Aquin hat Aristoteles missverstanden, Goethe hat sich in Kant geirrt, beide haben daraus Eigenes und Wirkmächtiges gemacht. Wenn also Literatursoziologen bei Goethes "Freies Volk auf freiem Grund" (Faust II) in frühkommunistische Verzückung geraten, widersprechen ihnen flugs andere, die auf den "Fürstenknecht" am Weimarer Hof verweisen. Das nennt man wissenschaftlichen Diskurs.

Als Diskussionsgrundlage sind solche Vereinnahmungen für gewöhnlich anregend. Man muss ihnen nur dort widersprechen, wo es angebracht ist. Im Oktober letzten Jahres gab es auf Arte eine mehrteilige Dokumentation mit dem Titel "Der Luther-Code". Wilfried Hauke und Alexandra Hardorf unternahmen dort den Versuch, das Zukunftspotenzial von Luthers Freiheitsvorstellung zu beschreiben und weiterzudenken (Kritik in epd 44/16). Luther war dabei Anlass, Meilenstein, Paradigmenwechsel und Gesprächsangebot zugleich.

Am stärksten waren die Passagen, in denen vorwiegend junge Wissenschaftler und Aktivisten aus den verschiedensten Gebieten Parallelen zogen und Stellung bezogen, Nähe und Abgrenzung entdeckten und Positionsbestimmungen vornahmen. Am schwächsten waren die nachgestellten Spielszenen, in denen ein Lutherdarsteller mit wirrem Haar und augenscheinlich durcheinandergewirbeltem Geist durch ein Kamera-Nachtsichtgerät betrachtet wurde. Vermutlich ging es den Filmemachern da um die emotionale Anschlussfähigkeit des sonst eher intellektuell geprägten Mehrteilers. Insgesamt aber vermittelte "Der Luther-Code" eine Fülle von Anregungen und Gedanken.

Das genaue Gegenteil ist bei dem von der ARD "Doku-Thriller" genannten Film "Die Luther Matrix" der Fall. Im Vergleich beider Sendungen kann man gut den Unterschied zwischen kritischem Abklopfen auf mögliche Gehalte (der "Code") und simpel gedachtem In-Dienst-Nehmen (die "Matrix") studieren.

Seit einigen Monaten konnte man sich ja daran gewöhnen, dass die Marke "Luther" sich zum Jubiläum gelegentlich vollkommen von der Ernsthaftigkeit der nachdenklichen Exegese und Auseinandersetzung abkoppelt. Insbesondere der diffizile Luthersche Freiheitsbegriff - gestaltet als Freiheit des Einzelnen, als Christenmensch zum Glauben zu finden und Gott selbst zu erkennen - wird immer wieder in ein angenehmes Wischiwaschi-Freiheitspathos aufgelöst. Die Beliebigkeit des Freiheitsbegriffs erlaubt die Darstellung Luthers als tollen Kraftkerl, der es furchtlos mit den Mächtigsten aufnahm. Dass Luther hierbei alles andere als furchtlos war, kümmert kaum.

Statt von Luther könnte "Die Luther Matrix" auch von David und Goliath erzählen. Oder von Götz von Berlichingen. Oder, was die Aktualisierung des Kampfs gegen den Ablasshandel betrifft, auch von Michael Kohlhaas. In Autor und Regisseur Tom Ockers Kopf- und Thesengeburt "Luther Matrix" heißt der aktuelle Luther-David-Götz-Kohlhaas nun Carsten von Lupfen (gespielt von Marek Harloff). Der für die IT-Sicherheitsarchitektur im Bundeskanzleramt verantwortliche Programmierspezialist hat Polizei und Geheimdienste (die in diesem Film, anders als es die Verfassung vorsieht, als eine Art Geheimpolizei nett im Team zusammenarbeiten) schon eine Weile als öffentlichkeitssuchender Hacker genarrt, als man ihn eines Tages festsetzt und zum Verhör entführt.

Schnell wird klar, dass sich von Lupfen als Wiedergeburt Luthers versteht. Die Regierung mit ihren Überwachungsinstrumenten und der Datensammelwut ist für ihn der Antichrist oder der Papst in Rom. Durch Zugänglichmachen geheimer Informationen will er die Demokratie retten. Merkwürdigerweise ist im Film nicht ein einziges Mal von Julian Assange oder Edward Snowden die Rede. So konstruiert der Überbau der ganzen von den Darstellern höchst leblos heruntergespielten Geschichte auch die Idee, von Lupfen als den allerersten Whistleblower und Bürgerrechtsverteidiger anzulegen. Die Parallele zur Revolution Luthers (Reformation würde diesem Film nicht in den Kram passen) wäre nämlich schnell zu Ende erzählt.

In einer Art Countdown gegen die Uhr behauptet das Drehbuch ausermitteln zu müssen, was Luther "eigentlich" wollte. In einer Einsatzzentrale versammeln sich die vorzuführenden Pappkameraden: der klassische böse Vorgesetzte der Staatsschützer, die verständnisvolle Sympathisantin beim Verfassungsschutz, der BKA-Computerfreak, der den Hacker in Luthers Auftrag mit seinen eigenen Waffen schlagen will und die BKA-Ermittlerin Katharina Kuttner (Annett Fleischer), die als "unsere Außenreporterin" mit ausgewiesenen Luther-Kennern reden soll, um von Lupfens Motive deutlich zu machen.

So albern wie die Luther-Playmobilfigur am Heimarbeitsplatz des Staatsfeinds sind auch die meisten dieser Kurzinterviews. Es geht um möglichst niedrigschwellig eingeholtes Verständnis. Im Gespräch mit Margot Käßmann, Friedrich Schorlemmer und vielen anderen fällt die fiktive Figur Kuttner vor allem dadurch auf, dass sie ihr Gegenüber in den seltensten Fällen ausreden lässt, ohne mit irreleitenden Bemerkungen ins Wort zu fallen, um stets das Gesprächsergebnis zu bekommen, das in den Fluss der Thriller-Handlung passt.

In der Vernehmungszelle spielt man derweil Reichstag zu Worms. Ein toller Hund, dieser von Lupfen, der sich mit dem ganzen Staat anlegt, findet inzwischen die Öffentlichkeit. Man fährt zu den "Profis nach Rom", und es wird immer wieder ein iPad in die Kamera gehalten, auf dem Kernstücke der Lutherschen Schriften als Comic light präsentiert werden: Nachdem Gott auf seiner Wolke erst ein richtig fieser Dunkelmann war, zeigt er sich nach Luther als tiefenentspannter Hippie mit Peace-Symbol auf der Brust und Joint in der Hand.

Regelrecht dumm, dreist ohnehin, erscheint der Versuch, den Leiter der katholischen Glaubenskongregation Kardinal Müller lächerlich zu machen. Hartnäckig versucht die Figur Kuttner aus ihm herauszulocken, wie er sich persönlich die Hölle vorstelle. Mit der Kritik am Ablasshandel habe Luther doch "voll Recht" gehabt, "es ging doch um Kohle". Kardinal Müller hält es für einen Fehler, dass man nicht auf Luthers Anliegen eingegangen sei. "Der Chef von der Inquisition. Megainteressant", so der Kommentar. Von dort geht es zum "Chef der katholischen Geschichtswissenschaft", Kardinal Brandmüller. Aus seiner Antwort konstruiert Kuttner, dass er Luther für psychisch gestört halte. Der aber hatte sich viel vorsichtiger ausgedrückt. Egal. Zuhören würde bedeuten, dass das starre Konstrukt von "Die Luther Matrix" spätestens jetzt in sich zusammenfiele.

Frau Käßmann wird noch schnell zu Katharina von Bora befragt (ist von Lupfen vielleicht schwul?) und ein Wissenschaftler zur Islamfeindschaft Luthers (wie ist die Verbindung von Lupfens zum IS, ist er etwa nicht nur Staatsfeind, sondern auch Terrorist?). Von Luthers Judenfeindschaft dagegen nicht ein einziges Wort. Schließlich geht es noch im Schweinsgalopp durch das Kirchenliedgut und um eine Schnellmeditation zum Begriff "Kuscheldemokratie".

Bemüht hat man sich, auch das filmische Resultat ist bemüht. Und es ist mehr als das: es ist antiaufklärerisch, indem es die Vorurteile über und die Thesenbildung zu Luther zuallererst betreibt, sie anschließend in eine hanebüchene und vollkommen unpassende Spannungshandlung presst und sich dann Gewährspersonen sucht, deren Aussagen für eigene Zwecke passend gemacht werden. Es steht zu vermuten, dass wir von solchen marktschreierischen und krachend scheiternden Luther-"Aktualisierungen" im Verlauf dieses Jahres noch mehr sehen werden. Und dann ist wieder Ruhe, hoffentlich.

Aus epd medien Nr. 14 vom 7. April 2017

Heike Hupertz