Debatte
Sensibles Thema
Ein Film über Antisemitismus, der nicht gesendet wird
Frankfurt a.M. (epd). Wie muss eine Dokumentation über Antisemitismus aussehen, damit sie auf Arte gezeigt wird? Anscheinend nicht so, wie Produzent und Autor Joachim Schroeder und Koautorin Sophie Hafner ihren Film "Auserwählt und Ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" konzipiert haben. Ihre Dokumentation ist gedreht, produziert und abgenommen - im Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird sie wohl trotzdem nicht zu sehen sein. Aber der Reihe nach.

Vorwurf der Zensur
epd Der Film "Auserwählt und Ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" ist zwar von der zuständigen WDR-Redakteurin Sabine Rollberg abgenommen worden, aber die Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner wird voraussichtlich weder wie geplant bei Arte noch beim WDR gesendet werden. Der Historiker Götz Aly warf Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder in der "Berliner Zeitung" Zensur vor. Der Sender gibt formale Gründe für die Ablehnung an.

Vor bald drei Jahren reichte Schroeder bei Sabine Rollberg, der verantwortlichen Leiterin der Arte-Redaktion beim WDR, ein Exposé ein. Mit seiner Münchner Produktionsfirma Preview Production plante er einen Film über Antisemitismus in Europa, der niederländische Publizist Leon de Winter sollte als sogenannter Host durch den Film führen. Laut Schroeder wurde der Vorschlag Ende Januar 2015, kurz nach den islamistischen Anschlägen auf "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt in Paris, in der großen Vorentscheidungsrunde bei Arte in Straßburg abgelehnt.

Knappe Mehrheit

Vor allem von französischer Seite habe es von Anfang an viel Widerstand gegeben, berichtet der Produzent. Leon de Winter sei als "islamophob" abgelehnt worden. Als Quelle sei das propalästinensische Online-Medium "Electronic Intifada" angeführt worden.

Produzent und Redakteurin gingen auf die Kritikpunkte ein und änderten den Entwurf. Sie schlugen Ahmad Mansour als Koautor vor, der als arabischer Israeli für die Ausgewogenheit der Produktion stehen sollte. Mansour lebt seit mehr als zehn Jahren in Deutschland und engagiert sich unter anderem gegen Antisemitismus in der muslimischen Community.

Bei einem Treffen mit Marco Nassivera, Arte-Direktor der Hauptabteilung Information, soll dieser für Verständnis geworben haben: Der Film müsse das Thema "ergebnisoffen" angehen. Dies sei ein sensibles Thema, denn Arte Frankreich sei eingezwängt zwischen islamischer und jüdischer Lobby. Im April 2015 bekam das Projekt dann mit knapper Mehrheit den Zuschlag. Im Anschluss wurde über ein Jahr lang gedreht.

In dieser Zeit sprang Mansour als Koautor ab und wechselte in die Funktion eines Beraters, weil er überlastet war. Hafner wurde Koautorin, nach Angaben des Produzenten war sie von Anfang an am Projekt beteiligt. Die verantwortliche Redakteurin Rollberg habe dem Wechsel zugestimmt, sagt Schroeder. "Ich war für Joachim und Sophie immer ansprechbar und die Inhalte haben wir gemeinsam abgestimmt", sagt Mansour. Er habe unter anderem Kontakte für die Filmemacher hergestellt.

Für die Drehs war das Team Hafner, Schroeder und Matthias Benzing (Kamera) unter anderem in Deutschland, Frankreich, Ungarn, in Israel, im Gazastreifen und im Westjordanland unterwegs. Im Schnitt habe sich das Team vor allem auf eine moderne Form des Antisemitismus, den Antizionismus, fokussiert, erklärt Schroeder. Der Ungarn-Dreh sei, neben vielen anderen Aspekten, deshalb rausgefallen.

Zwischen Oktober und Dezember 2016 seien Rohschnitt und Vertonung erfolgt, schließlich habe die zuständige Redakteurin Rollberg den Film abgenommen. Die technische Abnahme kurz vor Weihnachten musste laut Schroeder verschoben werden, weil Arte die französische Übersetzung nicht lieferte. Zwischenzeitlich, so Schroeder, sei inoffizielle Kritik an der Produktion laut geworden: Der Film sei weder ergebnisoffen noch multiperspektivisch, er sei antimuslimisch, antiprotestantisch und proisraelisch.

Mitte Januar habe Rollberg ein Treffen mit den Arte-Kollegen in Straßburg angestoßen, dem die deutschen Arte-Kollegen zugestimmt hätten. Drei Tage vor dem Treffen habe es der Programmdirektor von Arte, Alain Le Diberder, abgesagt, sagt Schroeder.

Nach Auskunft von Arte entspricht der produzierte Film nicht dem vereinbarten Projekt. "Vereinbart war ein von zwei Koautoren erstelltes Panorama des Antisemitismus heute in Europa. Zum Großteil spielt aber der von einem einzigen Autor erstellte Film zwischen Berlin und dem Nahen Osten. Zu dem Inhalt des Films möchten wir uns nicht weiter äußern."

Die Dokumentation führt wie ein Roadmovie durch Städte wie Brüssel, Berlin, Stuttgart, Frankfurt am Main, Jerusalem, Ramallah, Gaza, Ariel im Westjordanland, Paris und Sarcelles. Es geht um antijudaistische Vorurteile und antisemitische Ressentiments, die in abgewandelter Form auch heute noch verbreitet sind - meist ohne das Wort Jude in den Mund zu nehmen.

Aggressive Ressentiments

Nach einer kurzen Einführung in Antijudaismus und Antisemitismus konzentriert sich der Film auf das Phänomen des Antizionismus. Er gilt unter Antisemitismus-Experten als eine Form des Antisemitismus, bei dem der Staat Israel ähnlich aggressiven und delegitimierenden Ressentiments ausgesetzt ist wie Juden. Auf die Dämonisierung des Judenstaats können sich Linke, Rechte wie auch arabisch-muslimische Kreise verständigen.

Es kommen unter anderem (gläubige) Juden in Europa und dem Nahen Osten zu Wort, die von antisemitischen Übergriffen erzählen. Auch palästinensische Studenten in Gaza, die sich kritisch gegenüber der Hamas äußern, wurden von den Filmemachern interviewt sowie offizielle Vertreter der Hamas. Verschiedene Protagonisten werden befragt zu ihrer Fixierung auf Israel. Als roter Faden zieht sich die "Boycott, Divestment and Sanctions" (BDS)-Bewegung durch den Film, die dazu aufruft, den Judenstaat auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Linie zu boykottieren. Dabei wird auch erwähnt, dass neben vielen anderen internationalen Organisationen auch kirchliche Kreise Boykottkampagnen gegen Israel unterstützen. Experten ordnen die Zitate und Einspieler ein.

Der Plot spielt also in Europa und spannt einen Bogen in den Nahen Osten. Die Aufnahmen außerhalb Europas sind gerechtfertigt, weil es unter anderem um europäische Finanzierungshilfen für Palästinenser geht. Dass Israel Dreh- und Angelpunkt ist, erscheint der Sache angemessen, weil sich der Hass auf Juden immer mehr auf den Judenstaat verlagert. Der Film nimmt eine Haltung ein, er ist damit zwar nicht "ergebnisoffen" - doch kann das bei diesem Thema wirklich gewollt sein?

Welche Stimmen Arte in der Dokumentation fehlen, wurde vom Sender nicht mitgeteilt. An einer Stelle kommt Rafael "Rafi" Eitan, Kommandant im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1947, zu Wort. Er sagt, dass Araber in Jaffa und Haifa freiwillig gegangen wären, weil die arabischen Führer ihnen versprochen hätten, dass sie nach dem Sieg über die Juden zurückkehren könnten. Er bestreitet einen Genozid an den Arabern. Er gibt aber auch zu, dass die Armee in manchen Gebieten Araber vertrieben habe. Abgesehen davon, dass auch ein Mitglied der Haganah und des Palmach, zionistische paramilitärische Untergrundarmeen, die Wahrheit sagen kann und sogar Vertreibungen zugibt, könnte man ihn dennoch als "parteiisch" bezeichnen. Weil um dieses Thema ein politischer Deutungskampf tobt - die palästinensische Seite bezeichnet die Flucht und Vertreibung als "Nakba", deutsch Katastrophe - hätte man hier noch eine weitere Erläuterung durch den Sprecher im Off hinzufügen können.

Die Arte-Regularien

So etwas geschieht häufig in der Endabnahme mit der zuständigen Redaktion. Rollberg ist seit 2008 verantwortliche Leiterin der Arte-Redaktion im WDR. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Journalistin mit langjähriger Erfahrung. Auch ein Themenabend mit anschließender Diskussion oder einem weiteren Fernsehbeitrag wäre vorstellbar gewesen.

Weil das "zentrale Thema" Antisemitismus in Europa "nur sehr partiell behandelt wurde, hat unser Programmdirektor als Vorsitzender der Programmkonferenz gemäß den Arte-Regularien die Ausstrahlung abgelehnt", erläutert Arte die Entscheidung. Entgegen den Regularien sei die Programmkonferenz über den Wechsel des Ko-Autors nicht informiert worden.

"Albern" nennt Schroeder diese Erklärung: "Aus dem Vorgang, dass während der Dreharbeiten in Absprache mit Redakteurin Rollberg aus Koautor Ahmad Mansour der Berater Ahmad Mansour wurde und der Film deshalb nicht multiperspektivisch sei, wird ein formales Problem gebastelt, weil Rollberg diesen Vorgang Arte Straßburg nicht mitgeteilt hat". Die Vorstellung, nur ein Araber könne muslimischen Antisemitismus problematisieren, sei zudem "rassistisch".

Er vermutet einen anderen Grund für die Ablehnung. Arte habe mit der Aussage des Films ein Problem: Dass Antizionismus eine moderne Form des Antisemitismus darstellt. "Die Sache ist ein Zensur-Skandal", sagt die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel, die in der Dokumentation auch interviewt wird. Sie zeige, dass Arte den jüdischen Staat mit zweierlei Maß bewerte: Arte habe schon viele einseitige, israelkritische bis israelfeindliche Sendungen gezeigt - ohne Bedenken. "Nun kommt ein Film, der das schiefe Bild etwas in die andere, tatsächliche Richtung rückt, und der wird als unseriös disqualifiziert."

Auf Nachfrage des epd, ob der Film Arte zu israelfreundlich und zu islamkritisch ist, antwortet Arte: "Mit einer inhaltlichen Wertung über die Qualität des Films oder den darin vertretenen Standpunkt (sic!) hat die Entscheidung nichts zu tun." Dass Arte keine Berührungsängste hat, radikale Tendenzen unter Muslimen zu zeigen, hat der Sender mit der kürzlich ausgestrahlten und viel beachteten Dokumentation "Europas Muslime" gezeigt. Durch den Film führten der deutsch-ägyptische Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und die Arte-Journalistin Nazan Gökdemir, Kind türkischstämmiger Eltern.

Hätte Rollberg also die veränderten Produktionsbedingungen mit Arte absprechen müssen? Oder beschneidet Arte in der Erwartung, jede Änderung mitzuteilen, die Freiheit der Redakteurin und der Autoren? Eine Dokumentation ist schließlich kein Spielfilm, bei dem das Skript von Anfang an feststeht.

Vertragspartner von Preview Production und Arbeitgeber von Rollberg ist der WDR. Dessen Pressestelle teilt mit: "Von der Arte-Programmkonferenz genehmigt war ein Film zum Antisemitismus in Europa, bei welchem ein Querschnitt verschiedener europäischer Länder inkludiert war." Geliefert worden sei jedoch ein Film, der das Thema Antisemitismus in Europa nur in Teilen behandelt und stattdessen auch einen Schwerpunkt auf die Situation in Gaza und Israel legt. "Damit ist der an den Produzenten ursprünglich von der Arte Programmkonferenz genehmigte Auftrag definitiv nicht erfüllt", teilt der WDR mit. Der Programmdirektor von Arte, Alain Le Diberder, habe als Vorsitzender der Programmkonferenz abschließend eine Entscheidungshoheit, die man grundsätzlich respektiere.

Keine inhaltliche Auseinandersetzung

Schroeder bat den WDR-Intendanten Tom Buhrow, sich vermittelnd einzuschalten. Doch auch die Antworten, die er von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und Matthias Kremin, Leiter Hauptabteilung Kultur und Wissenschaft, erhalten habe, verwiesen auf die Entscheidungsautonomie von Arte. Bis heute sei eine inhaltliche Auseinandersetzung über den Film mit beiden Sendeanstalten ausgeblieben, sagt der Produzent.

Auch die Entscheidung der zuständigen Redakteurin Rollberg wird vom WDR nicht gebilligt: "Dass die verantwortliche Redakteurin den Film vor diesem Hintergrund so und ohne weitere Abstimmung abgenommen hat, wird im WDR derzeit kritisch diskutiert", heißt es. Den Film im WDR auszustrahlen, sei "nicht geplant". Da es sich bei der Dokumentation um eine reine Auftragsproduktion für Arte handele, finanziert mit Geldern, die dem WDR explizit für die Erstellung von Arte-Programm bereitgestellt werden, könne man diese nicht für eine Erstausstrahlung im WDR nutzen.

Heißt das, dass eine über Jahre redaktionell betreute, abgenommene und beitragsfinanzierte Produktion ungesehen von der Öffentlichkeit im Giftschrank von Arte und WDR verschwindet? Der Produzent spricht von Produktionskosten von rund 170.000 Euro.

Falk Neubert, Mitglied des Sächsischen Landtages für die Linke und Mitglied im MDR-Rundfunkrat und Programmbeirat von Arte Deutschland, hat sich der Sache angenommen. Er sei "entsetzt" über die Entscheidung von Arte. Die formalen Argumente der Ablehnung wirkten vorgeschoben.

Unterstützung von Antisemitismus-Forschern

Kürzlich hat Neubert bei Arte angefragt, wie oft es schon vorgekommen sei, dass eine Produktion nicht ausgestrahlt wurde, die von den jeweils zuständigen Redaktionen in den Sendeanstalten abgenommen wurde. Arte habe geantwortet, dass es in den vergangenen 25 Jahren des Arte-Programms lediglich eine einstellige Anzahl von Produktionen gegeben habe, die aus unterschiedlichen, meist juristischen Gründen, nach Abnahme und Lieferung nicht gesendet worden sei. Neubert schrieb zudem an die ARD-Vorsitzende Karola Wille und bat sie, sich für die Ausstrahlung des Films einzusetzen.

Neben Ahmad Mansour unterstützen sechs weitere Antisemitismus-Experten den Film. Schwarz-Friesel schreibt in einem Gutachten, das die Autoren eingeholt haben: "Aus Sicht der empirischen Antisemitismusforschung spiegeln die in diesem Film präsentierten Fakten zur aktuellen Judenfeindschaft sehr genau die Lage wider: Judenfeindliches Gedankengut wird seit Jahren vor allem in seiner besonders frequenten Manifestationsvariante des Anti-Israelismus verbreitet." Sie beobachte eine "Israelisierung der antisemitischen Semantik". Deshalb wolle sie die Filmemacher ausdrücklich ermuntern, Erkenntnisse, die längst wissenschaftlich publiziert werden und zuletzt auch im Bundestag auf der internationalen Parlamentarierkonferenz vorgetragen wurden, zum Gegenstand im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu machen.

Eigentlich müssten Arte und WDR bei so viel Anerkennung ein großes Interesse zeigen, die Dokumentation zu senden. Vielleicht spielt der Abwehrmechanismus eine zu große Rolle: Sie müssten anerkennen, dass nicht nur rechte Demagogen Antisemiten sein können.

Aus epd medien Nr. 20 vom 19. Mai 2017

Elisa Makowski