Tagebuch
Senden war ihr Hobby. Piratenradios in den 60er Jahren in Marburg
Marburg (epd). Anfang September 1967 wurde in Teilen von Marburg das Fernsehprogramm immer wieder gestört. Es gab schwarze Streifen auf den Bildschirmen und deshalb wandten sich verärgerte Zuschauer an den Störungsdienst der Post. Derweil freuten sich Schüler in der Universitätsstadt über Radio City, einen unregelmäßig sendenden Piratensender mit viel Beatmusik. Dann war plötzlich Schluss. Der "Pirat" war weggezogen. Aber andere sendeten weiter. 

Britische Piratensender wie Radio Caroline hatten das Schwarzsenden auch bei jungen Deutschen populär gemacht. Um 1966 baute sich Heinz-Willi Bach, damals Schüler an der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) seine eigene Sendeanlage und sendete als "Two Seven O" schwarz auf UKW. Ein Tonbandgerät, ein Mikrofon, einen Transistorsender und technische Kenntnisse, mehr brauchte er nicht. Es wurde live gesendet; die Reichweite betrug maximal 500 bis 1.000 Meter. Der Sender war in den Internatszimmern der Blista gut zu empfangen - und die Reaktionen kamen prompt. "Es hatte schon was, wenn man sonntags zum Mittagessen kam und hörte: 'Ihr habt ein schönes Programm gemacht'". 

"Wir haben gezielt Popmusik für Teenies gemacht", sagt Bach: Beatles, Rolling Stones, Kinks - und wie sie alle hießen. Doch man beschränkte sich nicht auf Musik. Jingles der Piratensender wurden mitgeschnitten und in Marburg erneut gesendet, manchmal war auch ein Hörspiel im Programm. 

In Marburg sendeten 1967 bis zu vier Piratensender: Radio City, Voice of Germany, Two Seven O sowie AHF Canyon. Einige kamen aus der Blindenstudienanstalt, die "Piratensenderei", so Bach, war zu einem "richtiggehenden Hobby" geworden. Doch dann standen am 21. Oktober plötzlich der Heimleiter "und eine ganze Reihe von Herren" in Bachs Internatszimmer. Die nächtlichen Gäste suchten eine Sendeanlage, versprachen, drohten, schüchterten ein - und bekamen dann einen Minisender in einer Seifenkiste ausgehändigt: Klein, aber mit einer gewissen Sendestärke. Sie suchten wohl einen anderen, stärkeren "Sender", ist Bach heute überzeugt. "Wir waren eigentlich nur ein Kollateralschaden." Dann ging alles seinen institutionellen Gang, die Staatsanwaltschaft übernahm und ermittelte gegen Bach und zwei weitere Schüler. Die Relegation von der Schule lag in der Luft. "Uns ging ganz schön die Muffe." 

Anfang Dezember wurde die enttarnte Sendeanlage auf einer Pressekonferenz vorgeführt, fotografiert, gedruckt - und dann veränderte sich das Klima ziemlich rasch. "Willi (16), Werner (17) und Hans-Helmut (18)" schlug eine "Welle der Sympathie" entgegen. "Ich war nie so beliebt wie zu dieser Zeit", sagt Bach heute. Der Sender in der Seifenschale: Das war zwar illegal, aber es war auch bewundernswert. Das war Radiobegeisterung, das war Raffinesse. Selbst die Post lobte öffentlich die "technische Perfektion". 

Die Lokalpresse berichtete über die drei Marburger Bastler, Radiofans und Senderchefs. Auch die überregionale Presse wurde aufmerksam: "Bild" (Auflage damals vier Millionen) titelte: "Blinde Jungen sind traurig: Hobby verboten". Es gab einen regelrechten Medienhype. Nach einem Besuch beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt kam auch eine Einladung zu Radio Luxemburg. Kurz vor Weihnachten fuhr ein "Bild"-Redakteur die drei Jungen nach Luxemburg. Am 23. Dezember waren sie Gäste in "Die großen Acht", einer Hitparade der meistverkauften Schallplatten und einer der damals populärsten RTL-Sendungen. Sie lernten den damaligen Star-Moderator Camillo Felgen und Frank Elstner persönlich kennen und wurden auch der Sendeleitung vorgestellt. 

Im Februar 1968 fand die Hauptverhandlung in Marburg statt. Die drei Piraten wurden nach Jugendstrafrecht verurteilt: Jeder musste 80 Mark, gestückelt in Raten à 8 Mark, an den Verein "Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind" zahlen.

Aus epd medien Nr. 1 vom 6. Januar 2017

Hans-Jürgen Krug