Tagebuch
Seifenoper de luxe. Fassbinders "Acht Stunden", restauriert
Frankfurt a.M. (epd). Fassbinders "Acht Stunden sind kein Tag" habe ich mit zwölf gesehen, meine Mutter guckte mit, und ich war ein bisschen in Gottfried John verliebt. Der war nicht hübsch, sondern ein Typ: sehr dünn, mit Beinen bis zum Himmel, cool sogar in dem Blaumann, den er zur Arbeit trug - er spielte Jochen, einen Werkzeugmacher in einer Kölner Maschinenfabrik. Im deutschen Fernsehen war zwar "Der Kommissar" ins Milieu der "kleinen Leute" vorgestoßen, aber da erschienen die eher als Problemfälle, cool waren sie jedenfalls nicht. Ich hatte schon damals, angefüttert mit "Bonanza" und dem "Kurier der Kaiserin", das Gefühl, dass "Acht Stunden" etwas Besonderes war. Die TV-Serie wurde tatsächlich eine Legende - hochgelobt, nie mehr gesehen.

Jetzt lief sie auf der Berlinale in einer von der Fassbinder Foundation und dem MoMa restaurierten Fassung (auch als DVD erhältlich). Und: Es knistert immer noch! Fassbinder war 1972 bereits mit seiner berühmten "Family" am Werk und arbeitete wie besessen fürs Kino. Aber in "Acht Stunden", einem Experiment des WDR, unterwarf er sich den Gesetzen des "unedleren" Mediums Fernsehen und fabrizierte hemmungslos Kolportage: eine Seifenoper de luxe. In den fünf rund anderthalbstündigen Folgen der Serie, die vier Generationen umarmt und den Angestellten mit dem Proletarier versöhnt, akkumulieren sich nahezu alle zeittypischen Konflikte auf melodramatische Weise, jeder wichtige Satz wird so oft gesagt, dass auch der Zerstreuteste ihn mitkriegt, und der Zuckergehalt - Luise Ullrich als Oma! - ist so hoch, dass man eine Karieswarnung ausgeben müsste.

Das war eben nicht für die Kritiker gemacht, sondern für ein vom Job erschöpftes Feierabendpublikum. Das aber trotzdem etwas lernen sollte: Wie man aus dem deutschen Mief herauskommt. Wie man sich als Arbeiter organisiert. Wie man sich als Frau befreit und als alter Mensch oder Kind seinen Platz findet.

Dass das funktioniert, ist ein kleines Wunder - erzeugt durch viele Details, die sich an den TV-Konventionen reiben. Die Manierismen von Fassbinders Stars und der brechtische Duktus der Arbeiterkampf-Szenen geben der Show etwas Künstliches, das sich wohltuend vom uniform-realistischen Erzählmodus auch neuzeitlicher Produktionen abhebt. Zugleich erzeugt der Regisseur und Autor verblüffende Momente lebendiger, sinnlicher Echtheit: Er führt durch Stripshows und verschwitzte Kneipen, er lässt die exotischen Zimmerpflanzen der 70er ins Bild wuchern oder beim Familienessen im Hintergrund die Tür zum Klo offenstehen, er kriecht in einer späten Folge, als sich die wunderbar bewegliche, kreative Kamera (Dietrich Lohmann) vollends lockergemacht hat, lustvoll in die geölten Eingeweide der Maschinen.

Zwei- oder dreimal sieht man Jochen und seine Kollegen unter der Werksdusche, ergo auch ein paar Penisse. Zum Vergleich muss man sich nur mal anschauen, was "Game of Thrones" in der berühmten, durch die Beine gefilmten Dauerpinkel-Szene veranstaltet: Da ist die Schwanzspitze, gleich mehrmals! So etwas wird im Internet diskutiert, mit Videobeweis.

Das Schönste an "Acht Stunden" aber ist: die Liebe. Fassbinder hofft und wünscht, dass es den Menschen, die er durch Krisen und Kräche steuert, irgendwie doch gut geht. Das hat nichts zu tun mit dem Gesetz, dass es in solchen Serien ein Happy End geben muss - es ist eine Haltung, zur Welt, zur Gesellschaft. Am deutlichsten zeigt sie sich in den verträumten, oft extremen Close-ups, die der Regisseur seinen Schauspielern schenkt, allen voran der jungen, überirdisch nonchalanten Hanna Schygulla. Aber irgendwann kriegt jeder so eine zärtliche Aufnahme ab, Jochen, Oma und Opa, die Kids, die Kerle, selbst Irm Hermann als Über-Zicke oder Kurt Raab als autoritäres Familienekel. In einer Zeit, in der sich Premiumserien aller Couleur um den Titel "ätzendstes Figurenensemble aller Zeiten" bewerben, könnte diese Zugewandtheit schon wieder eine Provokation sein.
Aus epd medien Nr. 7 vom 17. Februar 2017

Sabine Horst