Inland
Schönenborn: WDR "nicht stolz" auf kommentierte Antisemitismus-Doku
Autor Schroeder kündigt wissenschaftlich fundierte Antwort auf Vorwürfe an
Bonn (epd). WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn hat die am 21. Juni im Ersten und auf Arte gesendete Version der umstrittenen Antisemitismus-Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" verteidigt. Nach der Veröffentlichung des Films auf "Bild.de" habe sich der WDR keine "Zeit der ruhigen Beratung" mehr nehmen können. Auf die nun gefundene Lösung sei der Sender "nicht stolz, aber es war das, was aus Transparenzgründen nötig war", sagte Schönenborn bei einer Diskussion des Grimme-Instituts am 22. Juni in Bonn.

Den zunächst von Arte und dem WDR zurückgehaltenen Film hatten das Erste und zeitversetzt auch Arte am 21. Juni mit korrigierenden Eingriffen in einer ungewöhnlichen Form gesendet: Schriftliche Stellungnahmen wurden eingeblendet, zudem gab es online einen WDR-Faktencheck zu der Dokumentation, der Fehler richtigstellen sollte.

Am 13. Juni hatte "Bild.de" die Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner für 24 Stunden gezeigt. Schönenborn sagte, mit Blick auf das Publikum sei es nach dieser Veröffentlichung geboten gewesen, zügig Transparenz darüber herzustellen, welche handwerklichen Mängel der WDR der Dokumentation vorwerfe. "Es gab in dieser Situation keine gute Lösung mehr." Der WDR-Programmdirektor betonte erneut, dass "Bild" eine "rechtswidrige Veröffentlichung" vorgenommen habe. Arte und der WDR hatten bereits mitgeteilt, keine rechtlichen Schritte gegen den Medienkonzern Axel Springer zu planen.

Doku-Autor Schroeder kündigte am 22. Juni in einer Sonderausgabe der Online-Talkshow "Daily" der "Bild" eine eingehende Erwiderung auf den Faktencheck an. Dieser sei "ein Konvolut von hastig zusammengesuchten Meinungen, großteils von jenen, die unseren Film hassen". Dinge würden "teilweise komplett falsch" dargestellt. "Darauf wird es eine wissenschaftlich fundierte Antwort geben. Die wird begleitet im legalen Sinne von einem Anwalt", sagte Schroeder.

Der WDR hatte eine Ausstrahlung des Films ursprünglich aus "handwerklichen Bedenken" abgelehnt. "Was diesen Film unterscheidet und ihn zum Problem macht, ist, dass er - völlig losgelöst vom Thema - gravierend Persönlichkeitsrechte verletzt und dass er an mehreren Stellen gravierendste Vorwürfe gegen Organisationen erhebt, ohne sie zu belegen oder die Organisationen zu befragen", sagte Schönenborn.

Die Arte-Redaktion des WDR verantwortet die für Arte in Auftrag gegebene Produktion. Der Film wurde von der zuständigen WDR-Redakteurin abgenommen, die Autoren erhielten ihr Honorar. Arte hatte sich geweigert, die Dokumentation zu senden, weil der produzierte Film nicht dem geplanten Projekt entspreche. An der vorläufigen Entscheidung von Arte und dem WDR, den Film nicht zu zeigen, hatte es viel Kritik gegeben, unter anderem vom Zentralrat der Juden (epd 22, 23, 25/17 sowie Leitartikel in dieser Ausgabe).

Die Direktorin des Berliner Büros des American Jewish Committee (AJC), Deidre Berger, warf dem WDR eine "Verharmlosung von Antisemitismus" vor. Der zur Ausstrahlung ergänzte "WDR-Faktencheck" sei "durchweg tendenziös", sagte sie dem Berliner "Tagesspiegel" (Ausgabe vom 26. Juni). Der Check ziehe "auffallend oft" die Aussagen von Personen und Institutionen in Zweifel, die sich für jüdische und israelische Interessen starkmachten. "Deutlich wird dagegen das Bemühen des Senders erkennbar, pro-palästinensische Darstellungen unkommentiert wiederzugeben", kritisierte Berger.

Die Dokumentation räume zum Beispiel einer Vertreterin der Nakba-Ausstellung über die palästinensische Sicht auf die israelische Staatsgründung großen Raum ein, ohne dass der "Faktencheck" dies thematisiere. Die Ausstellung sei jedoch wissenschaftlich umstritten, sagte Berger. Der Check der WDR-Redaktion biete "weniger fundierte Einsichten als einseitige Bewertungen", kritisierte die AJC-Direktorin.

Aus epd medien Nr. 26 vom 30. Juni 2017

tz