Kritik
Saulustig und wahr
VOR-SICHT: "Falsche Siebziger", Fernsehfilm, Regie: Matthias Kiefersauer, Buch: Alexander Liegl, Matthias Kiefersauer nach einer Idee von Heike Fink, Kamera: Thomas Etzold, Produktion: H & V Entertainment (ARD/BR, 13.9.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Von 1989 bis 2001 existierte in Ebersberg, Oberbayern, eine Kabarettgruppe, die über die Grenzen des Lokalhumors bekannt wurde und unter anderem 1995 den "Deutschen Kleinkunstpreis" erhielt. Ihre Mitglieder führten Programme auf, die den Namen "Schnörz mich um, Du Schlippenglunz" oder "Dichtheit und Wartung" trugen. Oft ging es dabei um möglichst sinnfrei assoziierte Verwirrungen, die sich aus ebensolchen Ausgangssituationen ergaben. Der dadaistischen Bewegung verpflichtet, kreierte die "Gruppo di Valtorta" (später nur "Valtorta") nebenbei eine Lautsprache analog dem niederbayerischen Dialekt. Von "anrührender Absurdität", schrieb eine große Zeitung. Kein Schelm, wer dabei nicht an Karl Valentin erinnert wird.

Ein Hauptmitglied der "Gruppo di Valtorta" war Alexander Liegl. Von seinem Kabarett zur schwarzen Komödie "Falsche Siebziger" von Matthias Kiefersauer ist es nur ein Katzensprung. Vielleicht mit Umweg über "Wer früher stirbt ist länger tot". In diesem speziellen oberbayerischen Heimatfilm von Marcus H. Rosenmüller gibt nicht nur Alexander Liegl eine Rolle, ihr Hauptdarsteller ist der junge Markus Krojer, der dort den elfjährigen Halbwaisen Sebastian spielt. Für die Rentenbetrugsgroteske "Falsche Siebziger" hat nun Alexander Liegl zusammen mit Matthias Kiefersauer das Drehbuch geschrieben. Markus Krojer wiederum ist einer der sieben Hauptdarsteller.

Noch mehr Bezüge, um nicht zu sagen Verwirrungen, gibt es beim weiteren Personal dieser Komödie. Erstens ist Alexander Liegl in der Nebenrolle eines verdächtig überbemühten Zugezogenen zu sehen. Zweitens, berichtet Matthias Kiefersauer, sei einer seiner Hauptdarsteller Riesenfan der "Gruppo di Valtorta". Sebastian Bezzel, heißt es, beherrsche das Programm von "Dichtheit und Wartung" Wort für Wort - ein Plus an bayerischer Glaubwürdigkeit auch für seine "Eberhoferkrimis".

Krojer und Bezzel sind in "Falsche Siebziger" ein Sohn-Vater-Gespann. Mit vertauschten Rollen, denn Daniel Hochstetter (Markus Krojer nimmt man den Sechzehnjährigen gerade noch so ab) vertritt an seinem Papa Hubertus (Bezzel mit Goldkettchen und Möchtegern-Zuhälterlook) Vaterstelle, wo immer es geht. Selten geht es. Mit Vernunft aber kommt man im Leben nicht weiter, zumal in dem kleinen Weiler, in dem die Hochstetters auf ihrem Hof neben den anderen Verschuldeten Schranner und Kainz leben.

Akute Geldknappheit herrscht, seit die ortsansässige Chemiefabrik unter nie ganz aufgeklärten Umständen dicht machen musste. Seitdem arbeitet Karl Kainz (Gerhard Wittmann) unter ständigen Gewissensbissen am Küchentisch an der Herstellung synthetischer Drogen, deren Abnehmer von der Wirkung begeistert sind. Iris Schranner (Kathrin von Steinburg) hat panische Angst, ihren Hof zu verlieren. Hubertus, Karl und Iris, drei Halbwaisen, werden geplagt und gepiesackt vom je überlebenden Elternteil. Vater Cajetan Hochstetter (Fred Stillkrauth) ist ein übler Grantler. Iris' Mutter Anna (Gundi Ellert) hat aus Bosheit ihr Testament zugunsten einer Stiftung gemacht. Die bigotte Kath (Ilse Neubauer), Mutter von Karl, drückt dem Bubi noch die Zahnpasta auf die Bürste.

Als die drei Alten kurz hintereinander bei Unfällen, die man der Polizei nur schwer erklären kann, selig versterben, hat der von Wiener Geldeintreibern (Gerhard Greiner, Josef Scholler) bedrohte Hubertus die Idee mit dem Rentenbetrug. Die Verstorbenen werden pietätvoll im Salzstollen zur letzten Ruhe gebettet, dann müssen Doppelgänger her. Iris engagiert die mit ihrer Rolle ständig überforderte Vevi Schlattner (auch Ellert), die herausfinden muss, dass der Pfarrer (Peter Lerchbaumer) ein Schweinigel ist. Der pensionierte Deutschlehrer Johannes Tiefenbacher (auch Stillkrauth) streitet über die Abwesenheit des Genitivs im Dialekt und ist auch sonst viel zu korrekt für die große Betrugssause. Die kapriziöse Berliner Schauspielerin Marlies Braun (auch Neubauer), braucht Improvisationsproben, geht aber dann richtig in ihrer Bäuerinnenrolle auf.

Es kommt, wie es Daniel, der die Übersicht behält, prophezeit: Statt aus der Bredouille heraus gerät die ganze Verschwörertruppe immer tiefer hinein. Das Leichenproblem stellt sich neu. Die falschen Eltern entpuppen sich nach und nach als genauso schwierig und dominant wie die alten, bis auf die hadernde Vevi, wegen der der Schwindel beständig aufzufliegen droht. Dass das "Laientheater" (die Mitwirkenden) dauernd auf der Kippe steht, dass eine kabarettreife Absurdität punktgenau getimt die nächste jagt, dass der Sprachwitz der Dialoge von Liegl und Kiefersauer auf "völlige Sprachverbuhltheit" (Karl Kraus, nicht Valentin) schließen lässt, dass die menschlichen Abgründe es sind, die den Zuschauer um jede der Hauptfiguren zittern lässt und am Ende ausgerechnet der Pfarrer als die unsympathischste Figur dasteht (vielmehr liegt) und die Zugezogenen hinter ihrer "Schatzeli-Putzeli-Busseli"-Fassade viel mehr verbergen als gedacht, all das sind sinnvoll kaum bestreitbare Vorzüge dieses großen "danse macabre" um das goldene Kalb Rente.

Es wäre ungerecht, eine Person aus der trefflich agierenden Riege der sieben Hauptfiguren herauszuheben, aber nötig ist es doch. Gundi Ellert, Ilse Neubauer und Fred Stillkrauth spielen ihre Doppelrollen grandios detailverliebt und mit großem handwerklichem Können. Obwohl so viel gestorben wird, ist "Falsche Siebziger" ein höchst lebenszugewandter Film. Um solch böse Geschichten zu machen, muss man ein Menschenfreund sein - oder ein von der Menschheit enttäuschter Idealist.

Wer beispielsweise beim Seniorentreff den spitzen Bemerkungen der anwesenden Greise lauscht oder die Szene verfolgt, in der die falsche Anna und der falsche Cajetan unter der Regie von Hubertus an der Bushaltestelle ihre Rollen üben, erhält tiefe Einblicke in das Wesen der Täuschung. Die hinterfotzige "Landlust"-Bildgestaltung von Thomas Etzold und die falsche Heimatmusik von Rainer Bartesch vollenden das subversive Werk. Absurdität, so kann man in Anlehnung an den großen Münchner Komiker sagen, treibt die Logik vor sich her, bis sie zum Prüfstein der Wahrheit wird. In diesem Sinne ist der Film von Matthias Kiefersauer nicht nur ein saulustiger, sondern auch ein wahrer Film.

Aus epd medien Nr. 36 vom 8. September 2017

Heike Hupertz