Kritik
Saarland-Krimi
VOR-SICHT: "In Wahrheit - Mord am Engelsgraben", Krimi, Regie und Kamera: Miguel Alexandre, Buch: Harald Göckeritz, Produktion: Network Movie Köln (Arte/ZDF, 9.6.17, 20.15-21.45 Uhr)
Frankfurt a.M. (epd). Die Filmografie von Regisseur Miguel Alexandre weist diverse Mehrteiler auf, die in die Kategorie "Event"-Fernsehen gehören. Für die ARD hat er unter anderem den Udo-Jürgens-Film "Der Mann mit dem Fagott" oder das Mutter-gegen-Stasi-Drama "Die Frau vom Checkpoint Charlie" gedreht, für RTL "Die Patin" oder das Flieger-Epos "Starfighter". In den letzten Jahren hat sich der gebürtige Portugiese jedoch darauf konzentriert, die ZDF-Gotlandkrimireihe "Der Kommissar und das Meer" neu zu erfinden.

"In Wahrheit", erzählt eine gewöhnliche Krimigeschichte nach dem Muster "Die Spur führt in die Vergangenheit": Nach der Ermordung einer Prostituierten stößt die ermittelnde Kommissarin Judith Mohn (Christina Hecke) auf einen alten Fall. Damals ist eine junge Ausreißerin spurlos erschwunden. Warum die Ermittlerin ahnt, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen gibt, wird nicht deutlich, aber der Film spielt im Raum Saarlouis, da gibt es vermutlich noch weniger Morde als im Rest der Republik. Da liegt es dann wohl nahe, nach Zusammenhängen zu suchen.

Aus Sicht des ZDF ist "In Wahrheit - Mord am Engelsgraben" offenbar mehr als die üblichen Crime-in-Nature-Filme, wie die Darstellerliste zeigt: Selbst für kleinste Rollen wurden namhafte Schauspieler engagiert. Die Eltern des verschwundenen Mädchens werden von Ulrike Krumbiegel und Peter Kremer verkörpert, die aber wenig zu spielen haben. Judith Mohns Ehemann Niklas ist mit Juergen Maurer besetzt, der nur wenige Dialogsätze hat, dem Gatten aber eine düstere Aura verleiht. Er ist offenbar physisch und psychisch versehrt, die Hintergründe lässt der Film offen.

Das Drehbuch stammt von Harald Göckeritz, der schon oft mit Alexandre zusammengearbeitet hat, für "Grüße aus Kaschmir" wurden die beiden 2005 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Dieser Film ist trotz der bekannten Mitwirkenden eher unspektakulär, auch wenn die elegante Bildgestaltung - Alexandre führt seit einigen Jahren stets auch die Kamera - von sichtbarer Sorgfalt geprägt ist. Viele Szenen spielen im Halb- oder Dreivierteldunkel - was nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal ist. Die Luftaufnahmen der Saarschleife bringen die spezielle Schönheit dieser Gegend gut zur Geltung. Es gibt diverse schwungvolle Kamerafahrten und -flüge, die mitunter allerdings mehr Dynamik suggerieren, als die Geschichte hergibt.

Echte Spannung oder Anteilnahme will sich nicht einstellen, dafür kommen die Nebenfiguren zu kurz. Andererseits erzählt der Film interessante Dramen am Rande, etwa vom Ehepaar Kupka (Anna Loos, Christian Berkel), dem nicht nur die Liebe abhandengekommen ist, wie ein beiläufiger Blick auf eine Narbe am Handgelenk verrät; oder vom wunderlichen Herrn Mahn (Sebastian Rudolph), der sich mit einem kaschierten Hilferuf als Verdächtiger ins Spiel bringt, um von seinem Dasein als Betreuer seines pflegebedürftigen Vaters erlöst zu werden. Warum er in einem verschlossenen Zimmer viel Material über die beiden Fälle aufbewahrt, wird nicht erklärt.

Reizvoll ist auch die Figur eines Polizisten im Ruhestand: Markus Zerner (Rudolf Kowalski) hat einst den Dienst quittiert, weil er den Eltern der verschwundenen Maria keine Gewissheit über das Schicksal ihrer Tochter verschaffen konnte; Judith Mohn reaktiviert ihn gewissermaßen. Zerners Hauptverdächtiger war damals Paul (Constantin von Jascheroff), der Freund des Mädchens, also nimmt auch Mohn den jungen Mann ins Visier. Dieser Teil der Geschichte verdeutlicht, was der Zustand der Ungewissheit für Hinterbliebene bedeutet: Es ist nie vorbei. Schließlich stellt sich heraus, dass der erste Todesfall ein völlig sinnloses, absurdes Unglück war - womöglich war diese Idee der Ausgangspunkt der ganzen Geschichte. Auf die bittere Wahrheit stößt die Kommissarin durch den Zufallsfund einer winzigen Matrjoschka-Puppe, eine gern verwendete und vielfach interpretierbare Metapher.

Von den verschiedenen Leerstellen abgesehen ist "In Wahrheit" ein Krimi, der sich gut anschauen lässt, aber eher nicht in Erinnerung bleiben wird. So gesehen ist es fast schade um das Ensemble, zumal die guten Schauspieler angesichts der Kürze ihrer Auftritte nur an der Oberfläche ihrer Figuren kratzen können. Anna Loos, stark geschminkt und dadurch noch strenger wirkend als sonst, gelingen als innerlich verhärmte Fernfahrerfrau dennoch intensive Momente. Fast zu groß für ihre Mini-Rolle ist auch die junge Emilia Bernsdorf, die seit zwei Jahren regelmäßig Glanzlichter setzt, zuletzt unter anderem als Tochter im Heike-Makatsch-"Tatort" ("Fünf Minuten Himmel"), hier spielt sie in den Rückblenden die verschwundene Maria.

Sehenswert ist der Film auch wegen Christina Hecke, selbst wenn sie Frauen wie Judith Mohn regelmäßig verkörpert: empathisch, freundlich, ruhig, attraktiv - abgesehen von den Eheproblemen also eine erfrischend positive Hauptfigur, die ohne die üblichen Ermittlermacken auskommt. Gemeinsam mit dem vermeintlichen Reihentitel und der ungeklärten Düsternis von Niklas Mohn ein weiteres Indiz dafür, dass "Mord am Engelsgraben" nicht der letzte Fall für Judith Mohn gewesen sein könnte. Das ZDF wäre einer Fortsetzung nicht abgeneigt, vorausgesetzt, der Auftakt findet genügend Zuschauer. Den Saarländern dürfte es recht sein: Abseits des "Tatorts" ist das Bundesland bislang filmisch noch wenig erschlossen.

Aus epd medien Nr. 23 vom 09. Juni 2017

Tilmann Gangloff